09.02.2012
Wulffs Glitzerwelt
Sein Haus, sein Auto, seine Suite
Von Anna Reimann und Severin Weiland
Wulff mit erster Ehefrau Christiane und Kanzler Kohl (1993): Erst bieder, später Glamour
Während seiner Amtszeit als Bundespräsident gab es viele Bilder, auf denen Wulff ganz anders aussah. Neben ihm häufig seine Ehefrau Bettina, strahlend, im Designerkleid. Manchmal stand auch die Schauspielerin Veronica Ferres dabei, herzte die First Lady. Der Bundespräsident lachte ausgelassen. Ein ganz anderer Wulff als damals.
Christian Wulff hatte sich in den vergangenen Jahren einen neuen Kosmos geschaffen. Alles sollte ein bisschen schöner, luxuriöser, besonderer sein als vorher. Wulff hatte sich mit Unternehmern angefreundet, fuhr mit oder zu ihnen in den Urlaub. In Hotels schlief er in Luxussuiten. Er feierte mit den Stars und Sternchen der deutschen Film und Fernsehwelt.
Für sein Amt wurde das zur Belastung. Es entstand das Bild eines Mannes, der sich von reichen Freunden aushalten ließ, womöglich Privates und Dienstliches zu sehr miteinander vermischte. Zum Schluss gab es so viele Fälle, dass selbst Kenner der Materie mitunter den Überblick verloren.
Was wird Wulff eigentlich vorgeworfen? Wer hat ihn eingeladen? Welche Schnäppchen sicherte er sich? Eine Zwischenbilanz.
Die Urlaube: Die schönsten Wochen im Jahr - oft verbrachte sie Christian Wulff nicht abgeschieden nur im Kreise seiner Familie, mehrmals urlaubten die Wulffs mit Unternehmerfreunden oder in deren Ferienanlagen. Kaum war Wulff im Sommer 2010 ins höchste Staatsamt gewählt, da machte er mit Ehefrau Bettina und Familie auf dem Anwesen des Unternehmers Carsten Maschmeyer Ferien. Die Kosten, so hieß es später, habe der Ex-Bundespräsident beglichen. Laut "Süddeutscher Zeitung" habe Maschmeyer herumerzählt, er selbst sei es gewesen, der Wulff geraten habe, dafür etwas zu überweisen, wenn er sich nicht angreifbar machen wolle. Wulffs inzwischen entlassener Sprecher Olaf Glaeseker wies das als falsch zurück.
Wulff erholte sich nicht nur in Maschmeyers Anwesen - der AWD-Gründer spielt auch sonst eine wichtige Rolle in Wulffs Bekanntengeflecht. Als Wulff 2003 Ministerpräsident in Niedersachsen wurde, wurde der Freund von SPD-Politiker Gerhard Schröder nun auch zu einem engen Weggefährten Wulffs - und finanzierte 2007 eine Anzeigenkampagne für das Wulff-Buch "Besser die Wahrheit" aus eigenem Vermögen mit 43.000 Euro. Angeblich ohne Wissen Wulffs. Maschmeyer bringt Wulff auch in Kontakt mit dem Glamour, er steht im Zentrum der niedersächsischen Promiszene - ist mit der Schauspielerin Veronica Ferres liiert. Der Manager lebt im Luxus. Er hat eine Villa auf Mallorca und eine in Hannover, sie steht auf einem mehr als 4000 Quadratmeter großen Grundstück.
2003 und 2004 machte Wulff Urlaub in den privaten Räumlichkeiten des Anwesens von Unternehmerehepaar Geerkens in Spanien - und ebenfalls zum Jahreswechsel 2009/2010 in Coral Springs in Florida. Geerkens bezeichnete Wulff als einen väterlichen Freund seit Jugendtagen.
Befreundet ist Wulff auch mit dem Ehepaar Angela Solaro und Volker Meyer. Auch dort war Wulff auf Urlaub - 2008 und 2009 auf der Insel Norderney in deren privaten Räumen. Im Jahr 2008 war das Ehepaar Wulff auch zu Gast beim Ehepaar Ingrid und Wolf-Dieter Baumgartl - wiederum in deren privaten Räumlichkeiten in Italien. Die Verbindung zu Baumgartl, ehemaliger Talanx-Chef und heute Aufsichtsratsvorsitzender des Versicherers, schmiedete Wulff schon vor Jahren. Mehreren Berichten zufolge soll Wulff sich schon als Oppositionsführer im niedersächsischen Landtag für die Interessen von Baumgartls Versicherung eingesetzt und die damalige SPD-Landesregierung gedrängt habe, die Ansiedlung des Baumgartl-Unternehmens in Hannover zu stützen. Später urlaubt Wulff bei Baumgartl. Baumgartl wurde in seiner Zeit als Talanx-Chef in der Presse als Bonvivant beschrieben: ein Kettenraucher, der guten Rotwein schätzt und schnelle Autos und Motorräder liebt.
Wulff vor Eigenheim: Klinkerhaus in Großburgwedel
Probesitzen am Rande einer VW-Hauptversammlung: Ehepaar Wulff 2009 in Hamburg
Eine andere Auto-Geschichte war für den Ex-Bundespräsidenten heikler: Nach SPIEGEL-Informationen leaste Wulff, damals noch Ministerpräsident, im Jahr 2010 beim VW-Konzern einen koda Yeti, einen Geländewagen der VW-Tochter, zu "Aufsichtsratskonditionen". Der damalige VW-Kontrolleur Wulff musste nur ein Prozent vom Neuwagenpreis als monatliche Leasinggebühr zahlen, wohingegen gewöhnliche Kunden 1,5 Prozent abführen müssen. Damit hat Wulff womöglich gegen das niedersächsische Ministergesetz verstoßen, wonach Minister und der Ministerpräsident "keine Belohnungen und Geschenke in Bezug auf ihr Amt annehmen" dürfen. Wulffs Anwalt Gernot Lehr teilte dem SPIEGEL auf Anfrage mit, Wulff habe die "innerhalb des VW-Konzerns üblichen Vergütungen gezahlt". VW mochte zu "Kundenbeziehungen keine Angaben" machen.
Hotel Stadt Hamburg auf Sylt: Übernachtung bezahlt von Groenewold
Nach einem Bericht der "Bild"-Zeitung gibt es über die Bezahlung eines Hotel-Aufenthalts Wulffs auf Sylt im Jahr 2007 weitere Fragen. Der damalige Ministerpräsident Wulff übernachtete nach Informationen der Zeitung mit seiner späteren Ehefrau Bettina vom 31. Oktober bis zum 3. November 2007 im "Hotel Stadt Hamburg" auf Sylt. Der Preis der Suite betrug laut "Bild" pro Nacht 258 Euro inklusive Frühstück. Gebucht und zunächst bezahlt habe den Wulff-Aufenthalt der Film-Mann Groenewold, der dort ebenfalls nächtigen wollte. Wulffs Anwalt Gernot Lehr sagte auf Anfrage der "Bild"-Zeitung: "Die Organisation des Aufenthalts erfolgte durch Herrn Groenewold. Herr Groenewold hatte die Hotelkosten verauslagt. Herr Wulff erstattete Herrn Groenewold die verauslagten Kosten des Aufenthalts in den Räumlichkeiten des Hotels Stadt Hamburg." Die Zahlung sei in bar erfolgt.
Groenewold öffnete Wulff auch die Tür zur Glitzerwelt der deutschen Film- und Fernsehsterne und brachte ihn in Kontakt mit bekannten deutschen Schauspielern, den Berbens, den Ochsenknechts, den Bleibtreus. Groenewold und Wulff lernten sich 2003 bei einem Dreh in Niedersachsen kennen. Der SPIEGEL schreibt: "Daraus wurde eine Freundschaft, die stets auch die Möglichkeiten des anderen im Auge behielt. Die von Groenewold in der Berliner Szene, die von Wulff im politischen Hannover." 2005 organisierte Greonewold ein Dinner im Berliner Hotel Adlon - mehr als 100 Filmleute waren da - und Christian Wulff. 2008 lud Groenewold Wulff auch ins Käfer-Festzelt auf dem Oktoberfest München ein; im Jahr zuvor hatte das Land Niedersachsen eine Bürgschaft für eine Filmfirma übernommen, die Groenewold beherrschte.
2010 haben sich Wulff, seine Frau und seine Bodyguards einen Ausflug zum Deutschen Filmball in München samt Übernachtung im Bayerischen Hof vom Marmeladen-Hersteller Zentis finanzieren lassen. Wulffs Anwalt Lehr bestätigte das - der Vorgang sei im Einklang mit den neuen Regeln des niedersächsischen Ministergesetzes gestanden. Wenige Wochen vorher war Wulff bei einer Jahresabschlussveranstaltung von Zentis als Redner aufgetreten.
Air-Berlin-Maschine: Kostenloses Upgrade - das Wulff später aus eigener Tasche beglich
Ehepaar Wulff mit Unternehmer Carsten Maschmeyer und Schauspielerin Veronica Ferres auf dem Nord-Süd-Dialog 2009: Eine private Veranstaltung, bei der viel Geld floss
2009 ließen Wulff und seine Frau auch privaten Freunden Eintrittskarten zu der Veranstaltung im Flughafen Hannover zukommen. Das geht laut SPIEGEL aus Dokumenten hervor, die sich auf dem Dienstcomputer von Wulffs ehemaligem Pressesprecher Olaf Glaeseker befanden.
Der Partyveranstalter Schmidt, der die Veranstaltungen organisierte, soll mehrere hunderttausend Euro am Nord-Süd-Dialog verdient haben. Im Gegenzug soll er Glaeseker, den Wulff einst als seinen "siamesischen Zwilling" bezeichnete, zu Urlauben in Frankreich und Spanien eingeladen haben.
Schmidts Partys kosteten oft mehrere hunderttausend Euro. Über seine Kontakte hat er sich ein Rabattsystem aufgebaut: Mit Air Berlin fliegt er gratis, VW überlässt ihm umsonst eine Limousine des Typs Phaeton. Laut SPIEGEL gilt dabei für Schmidt lediglich die Auflage: Er muss das Fahrzeug ab und zu gut sichtbar am Pariser Platz parken. Schmidt hat sich ein illustres Promi-Netzwerk geschaffen. Mit Wulffs Ex-Sprecher Olaf Glaeseker, mit dem Schmidt gut befreundet ist, soll Schmidt über Jahre ein undurchsichtiges Geflecht des Gebens und Nehmens geschaffen haben. Wulff lobte Schmidt einst als den "Gastgeber in Deutschland". Schmidt organisierte in Hamburg Medientreffs, in Berlin Wahlpartys. 2008 lud Schmidt während der Fußball-Europameisterschaft zum Spiel der deutschen Elf gegen Österreich in die Wiener Hofburg - Gäste waren damals auch Bundeskanzlerin Angela Merkel und ihr damaliger österreichischer Kollege Alfred Gusenbauer.
Party-Organisator Manfred Schmidt (links), Christian Wulff (rechts) mit dem damaligen Air-Berlin-Chef Joachim Hunold und Tennis-Profi Michael Stich (2005): Illustres Promi-Netzwerk