Lade Daten...
13.02.2012
Schrift:
-
+

Staatsbesuch in Italien

Wulffs Welt wankt

Aus Rom berichtet Peter Müller
Wulff in Rom: Viele, nicht enden wollende Fragen
DPA

Wulff in Rom: Viele, nicht enden wollende Fragen

Jetzt tut er, was eigentlich von ihm erwartet wird: Christian Wulff reist nach Italien, um Deutschland zu repräsentieren. Doch die Fragen nach umstrittenen Krediten und Freundschaftsdiensten verfolgen ihn hartnäckig - er bekommt zu spüren, wie wenig Respekt er noch genießt.  

Ein kurzer Blick, ein angedeutetes Lächeln nur verrät die Anspannung, unter der der Präsident steht. Christian Wulff hält sich an einem kleinen Pult fest, im prunkvollen Rokokosaal des Quirinalspalast. Der Bundespräsident ist zu Gast beim italienischen Staatspräsidenten Giorgio Napolitano, Montagmittag stellen sich die beiden der Presse. Es geht um den Euro, Fragen sozialer Gerechtigkeit und um die Reformen in Italien. Dann will ein deutscher Journalist wissen, ob die Korruption nicht eines der größten Hindernisse für Wirtschaftswachstum sei.

Wulff antwortet zuerst. Er weiß: Die Frage ist eine Falle. Er flüchtet sich in einen Allgemeinplatz. "Die Gesetze in Deutschland werden sehr konsequent angewendet." Auch Napolitano antwortet, er bezieht die Frage auf Italien. Wulff blickt zu seiner Frau Bettina, die rechts schräg vor ihm unter den Zuhörern sitzt. Ein kurzer Blick nur, ein angedeutetes Lächeln. Die Hürde ist genommen, soll es wohl sagen. So leicht kriegen die mich nicht.

Dabei hat er nur eine Frage pariert.

Wieder eine, von den vielen, nicht enden wollenden Fragen in der Affäre Wulff. Seit sieben Wochen müssen die Deutschen beinahe täglich neue Meldungen aus dem Privatleben ihres Staatsoberhaupts zur Kenntnis nehmen. Hauskredit, Urlaubsaufenthalte, Handyvertrag - alles, was zum normalen Leben der meisten Menschen gehört, ist bei Deutschlands Staatsoberhaupt entweder fragwürdig finanziert oder entpuppt sich als erklärungsbedürftiger Freundesdienst. Noch ist nicht klar, ob die Staatsanwaltschaft Hannover Ermittlungen aufnimmt. Der Bundestag müsste dann die Immunität des Staatsoberhaupts aufheben. Es wäre ein einmaliger Vorgang in der deutschen Nachkriegsgeschichte.

Wulff will über Italien reden

Die Affäre holt Wulff schon ein, da ist er noch gar nicht losgeflogen. Wulff kommt mit seiner Frau Bettina nach hinten in die Maschine, wo die Journalisten sitzen. Er schüttelt ein paar Hände. Dann spricht ihn der erste Journalist auf die Affäre an. Ob es "Angst vor Mittellosigkeit" sei, die ihn an seinem Rücktritt hinderten, will er wissen. Der Flieger hat Berlin-Tegel noch nicht verlassen, da ist schon klar: Wulff genießt in seinem Amt nur noch wenig Respekt. Staatsbesuch, Regierungsmaschine, die formelle Begrüßung durch den Kapitän der Luftwaffe, "Herr Bundespräsident, gnädige Frau", alles egal. Der Präsident ist noch nicht abgehoben und schon geht es um seinen Rücktritt.

Kurz vor der Landung in Rom bittet Wulff in den Besprechungsraum. Drei gepolsterte Bänke bilden ein U, man sitzt eng beisammen. Wulff will über Italien reden, doch er kommt nicht weit. Der Präsident hat sein Jackett abgelegt, auf den Manschettenknöpfen prangt der Bundesadler. Wulff knetet seine Hände, dreht am Ehering, er blickt niemanden an. Das Gespräch zu Beginn der Reise gehört zum guten Ton, doch es ist zu spüren, wie unangenehm ihm das jetzt ist.

Es ist nicht so, dass Wulff bloß nach Italien reist, um Deutschland und die Affäre hinter sich zu lassen. Wulff weiß durchaus, was er in Rom will. Italien gehört zum Kern der EU-Gründungsstaaten, wie Deutschland und Frankreich. Doch bei der Euro-Rettung sind es Franzosen und Deutsche, die den Kurs bestimmen. Wulff will verhindern, dass die Italiener dabei abgehängt werden. "Ich will eine Brücke von Nord nach Süd bauen", sagt er. Wer will, kann darin sogar eine kleine Spitze gegen Kanzlerin Merkel sehen, die bei der Euro-Rettung die Franzosen als Teil der Lösung und Italien als Teil des Problems behandelt.

Selbst gut gemeinte Witze kommen nicht an

Im engen Besprechungsraum interessiert das aber niemanden. Ob er im Ernst glaube, dass sich jemand für seine Italienreise interessiere angesichts der Vorwürfe zu Hause, lautet gleich die erste Frage. Wulff schluckt sichtlich. "Mir ist völlig klar, dass Ihnen völlig egal ist, wohin wir fliegen", bescheidet er dem Frager. Andere wollen wissen, ob er nicht nervös sei, wegen der Ermittlungen der Staatsanwaltschaft. Wulff verweist auf die gute Tradition von Auslandsreisen. "Keine Innenpolitik im Ausland." Man könne jetzt die andere Seite der Arbeit eines Bundespräsidenten kennenlernen, sagt er. "Ich hoffe, dass auch darin für Sie ein Ertrag liegt."

Kurz herrscht Sprachlosigkeit im kleinen Sitzungsraum. Dann ein weiterer Versuch. Ob er denn froh sei, jetzt mal Deutschland für ein paar Tage hinter sich zu lassen? "Ich bin immer gern in Deutschland", sagt Wulff. Und erzählt von seinem Berlinale-Empfang in Berlin, wo er eben viel Interessantes über die Lage der Filmwirtschaft erfahren habe.

Er sagt das wirklich, und merkt gar nicht, wie seltsam das klingt - er ist es doch, der wegen der umstrittenen Bürgschaft des Landes Niedersachsen für eine Firma seines Freundes, des Produzenten David Groenewold, womöglich Ermittlungen der Staatsanwaltschaft fürchten muss.

Es ist eine Stimmung, in der selbst gut gemeinte Witze schief gehen müssen. Als der Flieger auf Rom hinabsinkt, löst Wulff die Runde mit den Journalisten auf. Sie sollten sich jetzt schleunigst auf ihre sicheren Plätze begeben, sagt er. "Ich weiß nicht, ob wir genügend Fallschirme an Bord haben."

Forum

Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 284 Beiträge
1. Gut dargestellt
leerzeichen 13.02.2012
Der Artikel stellt sehr gut dar, wie Wulff von der Presse getrieben wird. Das ist im Grunde peinlich (für die Presse), dass sie auch eine Auslandsreise mit persönlichen Fragen diskreditiert. Als ob das irgendjemand etwas nützen [...]
Der Artikel stellt sehr gut dar, wie Wulff von der Presse getrieben wird. Das ist im Grunde peinlich (für die Presse), dass sie auch eine Auslandsreise mit persönlichen Fragen diskreditiert. Als ob das irgendjemand etwas nützen würde. Die Presse schadet dem Land immer mehr. Und das absichtlich. Zur Aufklärung irgendwelcher Vorwürfe trägt sie damit nicht bei. Es gibt also gar keine Entschuldigung.
2. Wulff ist nicht Deutschland
stanislaus2 13.02.2012
"um Deutschland zu repräsentieren" Sollte man den Italienern sagen. Es gibt in diesem Lande nicht nur Gauner und kriminelle Organisationen, die sich Parteien nennen, sondern immer noch Menschen, auf denen der gute Ruf [...]
"um Deutschland zu repräsentieren" Sollte man den Italienern sagen. Es gibt in diesem Lande nicht nur Gauner und kriminelle Organisationen, die sich Parteien nennen, sondern immer noch Menschen, auf denen der gute Ruf dieses Landes in der Welt beruht.
3. Die Presse macht es super! Danke!
Michael KaiRo 13.02.2012
Es sagt sich so leicht: Und ist der Ruf mal ruiniert ... Dafür soll Wulff immer und überall seinen Preis zahlen. Die Presse macht es super! Immer schön druff auf diesen korrupten Hampelmann!
Zitat von sysopJetzt tut er, was eigentlich von ihm erwartet wird: Christian Wulff reist nach Italien, um Deutschland zu repräsentieren. Doch die Fragen nach umstrittenen Krediten und Freundschaftsdiensten verfolgen ihn hartnäckig - er bekommt zu spüren, wie wenig Respekt er noch genießt. Staatsbesuch in Italien: Wulffs Welt wankt - SPIEGEL ONLINE - Nachrichten - Politik (http://www.spiegel.de/politik/deutschland/0,1518,815064,00.html)
Es sagt sich so leicht: Und ist der Ruf mal ruiniert ... Dafür soll Wulff immer und überall seinen Preis zahlen. Die Presse macht es super! Immer schön druff auf diesen korrupten Hampelmann!
4. Steilvorlage
meisterglanz 13.02.2012
Die Bemerkung zum "Nord-Süd-Dialog" war ja auch eine Steilvorlage für die Journalisten, wurde komischerweise gar nicht aufgegriffen ;-)
Die Bemerkung zum "Nord-Süd-Dialog" war ja auch eine Steilvorlage für die Journalisten, wurde komischerweise gar nicht aufgegriffen ;-)
5. ...
Zweck-Los 13.02.2012
Darf ein indirekt gewählter Präsident etwa nicht mehr in indirekter Rede antworten? [/spassmusssein]
Darf ein indirekt gewählter Präsident etwa nicht mehr in indirekter Rede antworten? [/spassmusssein]
Diskussion geschlossen - lesen Sie die Beiträge!

Empfehlen

MEHR AUF SPIEGEL ONLINE

Verwandte Themen

Artikel

News verfolgen

Lassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten:

alles aus der Rubrik Politik
Twitter RSS
alles zum Thema Christian Wulff
RSS
Top

© SPIEGEL ONLINE 2013 Alle Rechte vorbehalten