20.02.2012
Joachim Gauck im Porträt
"Ich bin kein Supermann"
Von Florian GathmannBerlin - Joachim Gauck, 72, hatte schon einmal das Amt des Bundespräsidenten vor Augen. Damals, im Frühsommer 2010, war eine wahre Gauck-Hysterie ausgebrochen, nachdem ihn SPD und Grüne als ihren Kandidaten für Schloss Bellevue präsentiert hatten. Manche nannten ihn den deutschen Obama. Je krampfhafter Union und FDP an ihrem Bewerber Christian Wulff von der CDU festhielten, umso mehr wuchsen in der Bevölkerung die Sympathien für den knorrigen Pastor aus Mecklenburg. Am Ende brauchte Schwarz-Gelb drei quälende Wahlgänge in der Bundesversammlung, um Wulff zum Staatsoberhaupt zu machen.
Zwischen Wahlgang zwei und drei hat Gauck damals wohl zum ersten Mal geglaubt, dass er es doch schaffen könnte. Die anschließende Niederlage hat ihn dann offenbar mehr geschmerzt, als er es eingestehen wollte.
Doch Gauck hat lange genug in der DDR gelebt, um die Dinge in der Relation sehen zu können. Er ist gemeinsam mit seiner Partnerin Daniela Schadt, einer Journalistin, - von seiner Frau lebt Gauck seit langem getrennt, sie haben zusammen vier Kinder - auf dem Sommerfest des neuen Bundespräsidenten erschienen und hat Christian Wulff und Gattin Bettina alles Gute gewünscht. Er ist in das Ostsee-Örtchen Wustrow in den Urlaub gefahren, wie jeden Sommer. Und er ist weiterhin durch die Republik getingelt und hat den Menschen aus seinem Leben erzählt, um ihnen Mut zu machen. Und um sie daran zu erinnern, dass sie mitmachen müssen in diesem Land. Verantwortung dafür übernehmen.
Beinahe 50 Jahre musste Gauck werden, ehe er die Demokratie kennenlernen durfte. Und plötzlich stand der langjährige Pfarrer in Rostock-Evershagen an der Spitze der Stasi-Unterlagenbehörde. Die Demokratie, glaubt Gauck, ist das größte Geschenk der Menschheit. Diese Erkenntnis verdankt er seiner Vergangenheit in der DDR-Diktatur, sie ist zu einer säkularen Botschaft des Theologen Gauck geworden. Er ist der Wanderprediger der deutschen Demokratie.
Eigentlich versteht er sich mit Merkel
Dass ihn Merkel im Sommer 2010 nicht als Bundespräsidenten wollte, hat ihn anfangs schon gewundert. Denn die ostdeutsche Pastorentochter und Gauck kennen und schätzen einander schon lange. Dabei war Merkels Ablehnung aus der Logik der Parteienpolitik leicht zu erklären, aber das ist nicht die Welt von Joachim Gauck.
Natürlich hat er einen entsprechenden Crashkurs und Einblicke in diese Welt bekommen, als Gauck nach der Wende Chef der Stasi-Unterlagenbehörde wurde und zehn Jahre lang blieb. Aber sie ist ihm eigentlich immer fremd geblieben. Das Kokettieren mit dieser Distanz ist sicher ein Grund für seine unglaubliche Popularität. Wenn Gauck über Demokratie redet, klingt das immer ein bisschen vornehmer, er macht sich damit besser als Merkel, Gabriel & Co.
Das weiß die Kanzlerin. Und es dürfte auch ein Grund dafür gewesen sein, warum sie sich so lange gegen Gauck als nächsten Bundespräsidenten gesträubt hat. Nicht nur, weil Merkel damit einen gewaltigen Fehler ihrer Kanzlerschaft einräumt, vergleichbar nur mit der Energiewende nach Fukushima. Angela Merkel ahnt, wie unbequem Gauck als Staatsoberhaupt sein wird.
Er wird die Politiker nerven
Er wird sich aus Schloss Bellevue heraus mit allen anlegen: Mit der Union, wenn sie die Bürger im Lande vergisst. Mit der FDP, wenn die Liberalen wieder mal den Markt vor die Menschen stellen. Mit der SPD, wenn sie das Banken-Bashing übertreibt. Mit den Grünen, wenn ihr Gutmenschentum überhand nimmt. Die Linkspartei hat der überzeugte Antikommunist ohnehin gefressen.
Nein, Joachim Gauck wird nicht so schnell umkippen wie Ex-Bundespräsident Horst Köhler, dafür hat er schon zu vielen Stürmen getrotzt. Und er wird keinen glamourösen Freunde nachlaufen, wie es Christian Wulff getan hat.
Aber man sollte sich nicht wundern, wenn der Bundespräsident Gauck den Parteien und ziemlich vielen Menschen in kürzester Zeit den Spiegel vorhält - und dabei womöglich über das Ziel hinausschießt. Er selbst bittet vorsorglich schon einmal um Nachsicht. Er hoffe, man werde ihm erste Fehler im künftigen Amt gütig verzeihen, so Gauck bei der Pressekonferenz am Sonntagabend. Man dürfe nicht erwarten, dass er ein "Supermann und ein fehlerloser Mensch" sei.
Anm. d. Red.: In einer ersten Version dieses Artikels haben wir die Partnerin von Joachim Gauck Daniela Schade genannt. Der korrekte Name lautet jedoch Daniela Schadt. Wir bitten um Entschuldigung.