22.02.2012
Aschermittwoch-Minutenprotokoll
Wadenbeißer mit Maulkorb
Hamburg/Passau/Vilshofen - In diesem Jahr fiel der Politische Aschermittwoch ungewöhnlich zurückhaltend aus - die Vertreter der Parteien stichelten nur ein wenig gegeneinander, wie zum Beispiel FDP-Chef Philipp Rösler, der die SPD-Spitze als "Lehman-Brothers der Sozialdemokratie" bezeichnete. Oder Grünen-Vorsitzende Claudia Roth, die spottete: "Dobrindt wird kein Johnny Depp - ganz sicher kein Johnny."
Ungewohnt sachlich gab sich Bayerns Ministerpräsident Horst Seehofer in Passau - als derzeitiger kommissarischer Bundespräsident zeigte er sich lieber zahm. Für die Abteilung Attacke hatte er seinen Vorgänger Edmund Stoiber und "Mister Aschermittwoch" zum Poltern in die Dreiländerhalle gebeten. Doch der sprach lieber über die Politik im Allgemeinen. Er lobte sogar Joachim Gauck als "sehr gute Wahl" für das Bundespräsidentenamt.
Selbst Seehofer-Herausforderer Christian Ude von der SPD bei den kommenden Landtagswahlen in Bayern gab statt Bierzelt-Polterer lieber den Landesvater in spe. Einzige Ausnahme SPD-Chef Sigmar Gabriel, der wie immer rumpolterte und Schwarz-Gelb scharf attackierte.
Lesen Sie im Minutenprotokoll nach, wie es auf den bisherigen Aschermittwochs-Veranstaltungen der Parteien zuging:
+++ CSU badet in Emotionen +++
[13.03] Und noch mehr Momente der Emotion: Seehofer kündigt das Schlusswort von Generalsekretär Dobrindt an, "der seit zwei Tagen glücklicher Vater ist." Das erkläre auch, "warum er so viel abgenommen hat, er bereitet sich auf seine Vaterpflichten vor."
+++ Stoibers Abgang unter Ovationen +++
[13.01 Uhr] Parteichef Seehofer tritt noch einmal ans Pult, heiser brüllend. "Er ist ein ganz Großer!" ruft er, der Ehrenvorsitzende Stoiber steht mit glänzenden Augen daneben. Für einen Moment ist mit Sprechgesängen ("Oh wie ist das schön") Fußballstadionatmosphäre in Passau.
+++ Kretschmann stichelt gegen die SPD +++
[12.59 Uhr] Bei den Grünen in Biberach ist Ministerpräsident Winfried Kretschmann ans Rednerpult getreten. Der erste Regierungschef einer grün-roten Koalition legt gleich mit einer Stichelei gegen die SPD los: "Der Mensch gewöhnt sich an alles. So wird sich die SPD auch an uns gewöhnen."
+++ Kein Poltern und wenig Bier bei Ude +++
[12.55 Uhr] Jetzt wird Ude ein frisches Weißbier gebracht, obwohl er noch gar nicht viel von seinem ersten Glas getrunken hat. Auch das ein Zeichen dafür: Ude gibt nicht den Bierzelt-Polterer, sondern den klugen Politiker mit Überblick - und schon eine Art Landesvater. "Ich werde mich als bayerischer Ministerpräsident für alle bayerischen Landesteile einsetzen", sagt er. Das soll heißen: Seht her, ich bin nicht nur Münchner.
+++ Stoiber macht auf Elder Statesman +++
[12.54 Uhr] Jetzt sonnt sich Stoiber in der Rolle des Elder Statesman mit dem Expertenblick aus Brüssel: "Ich kann nicht dauernd über meine Verhältnisse leben", wettert er gegen die Schuldenpolitik Griechenlands. Deutschland sei "Leadnation" in der Lösung des Schuldenkrimis geworden. "Wir müssen eine Führerschaft übernehmen, auch wenn wir bei dem Wort sofort zusammenzucken", ruft Stoiber am Rande der Dezibel-Schmerzgrenze. "Auf Deutschland kommt es an, um Europa zusammenhalten."
+++ "Der olle Ede" +++
[12.51 Uhr] In Passau wird Stoiber bejubelt - bei Twitter nicht unbedingt: @S_Lachmann schreibt via Twitter "Spricht Bände über den Zustand der CSU wenn Sie den ollen Ede wieder ausgraben müssen." @FensterRentner sieht es ganz praktisch: "Aschermittwoch heißt für mich, sich en Kater von Edmund Stoiber wegbölken lassen."
+++ Rösler spottet über SPD-Spitze als "drei scheinheilige Könige"+++
[12.48 Uhr] Rösler fordert fordert von Griechenland, seine Reformversprechen endlich umzusetzen. "Wir werden uns nicht länger erpressen lassen", sagt er: "Keine Leistung ohne Gegenleistung - auch das geht im Rahmen der europäischen Solidarität!" Griechenland habe seine Partner in der Euro-Krise immer wieder nur vertröstet. Manches Entwicklungsland tue mehr. "So wird man die wirtschaftliche Leistungsfähigkeit nicht steigern können", so Rösler. Dass ausgerechnet SPD und Grüne der schwarz-gelben Bundesregierung jetzt gute Ratschläge erteilen wollten, sei originell: Unter Rot-Grün sei Griechenland gegen jede wirtschaftliche Vernunft in die Euro-Zone aufgenommen worden und seien die Maastricht-Kriterien aufgeweicht worden. Die SPD-Spitze verspottet Rösler als "die drei scheinheiligen Könige" und die "Lehman-Brothers der Sozialdemokratie" - Sprüche, die FDP-Anhänger gleich über Twitter weiterverbreiten.
+++ Leutheusser-Schnarrenberger attackiert Ude +++
[12.44 Uhr] Bayerns FDP-Chefin Leutheusser-Schnarrenberger greift SPD-Spitzenkandidat Ude an. "Christian Ude als Kandidat versucht gerade, ohne Kompass in der Landespolitik zu landen", sagt sie. Der Münchener Oberbürgermeister "versucht nicht nur, endlich einmal die bayerische Landkarte außerhalb Münchens zu studieren, sondern er sucht am Münchner Flughafen verzweifelt die dafür notwendige dritte Landebahn, die ihm seine Landes-SPD nach wie vor verweigert".
+++ "Dobrindt wird kein Johnny Depp" +++
[12.41 Uhr] Die Grünen-Anhänger twittern aus Landshut. @KathaSchulze zitiert Claudia Roth: "Dobrindt wird kein Johnny Depp - ganz sicher kein Johnny" - und @Gruene_Bayern posten Roths Attacke auf den CSU-Chef: "Wir müssen dem Herrgott danken, dass das nur ein Monat ist." Gemeint ist Seehofers Zeit als kommissarischer Bundespräsident. Bei @DJanecek heißt es: "Claudia Roth: Wie jemand liebt und lebt, geht niemanden etwas an! Noch nie sind bürgerliche Werte so verkommen wie unter Schwarz-Gelb."

