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23.02.2012
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Präsidenten-Streit unter Migranten

Guter Gauck, böser Gauck

Von
REUTERS

Kandidat Joachim Gauck: "Beweisen, dass er Bundespräsident aller ist"

Zahlreiche Migranten haben Vorbehalte gegen Joachim Gauck geäußert, jetzt verteidigen andere den künftigen Präsidenten vehement gegen die Kritik aus den eigenen Reihen. Insbesondere warnen sie vor Hysterie wegen seiner Äußerungen zum Fall Sarrazin.

Berlin - Der Grünen-Politiker Omid Nouripour ist in den achtziger Jahren in Iran großgeworden. Er weiß, was es heißt, nicht frei leben zu können, er weiß, was es heißt, wenn Menschen Angst haben müssen, ihre Meinung zu sagen.

Seit 23 Jahren lebt Nouripour in Deutschland. Er wird am 18. März in der Bundesversammlung für Joachim Gauck stimmen. "Gauck ist gerade für die, die aus dem Ausland kommen und dort Unrecht und Unterdrückung erfahren haben, ein Segen", so Nouripour. Und er wolle keinen Bundespräsidenten, der seine Meinung nachplappere. "Ich stimme in mehreren Sachen nicht mit Gauck überein - aber das ist alles absolut im Rahmen."

Wie Nouripour sehen es auch andere Vertreter von Migrantenverbänden und deutsche Politiker mit ausländischen Wurzeln. Sie distanzieren sich damit von den zahlreichen Stimmen aus der Migrantenszene, die Joachim Gauck in den vergangenen Tagen scharf kritisierten und ihm ihre Unterstützung versagten - weil Gauck Thilo Sarrazin zwar inhaltlich widersprach, dem Ex-Bundesbanker aber Mut attestiert hatte.

Er werde nicht für Gauck stimmen, hatte etwa Mehmet Kilic angekündigt. "Er ist aus meiner Sicht nicht wählbar", sagte Kilic, der für die Grünen im Bundestag sitzt. Aiman Mazyek vom Zentralrat der Muslime erklärte: "Es ist ein Bundespräsident gefordert, der nicht spaltet, sondern versöhnt." Andere sprachen von heftigen Irritationen, die Gauck bei Migranten ausgelöst habe.

Gleichzeitig hatten Migrantenvertreter Christian Wulff, gegen den die Staatsanwaltschaft ermittelt, hoch gelobt. Sie werde noch ihren Enkelkindern von Wulff erzählen, so etwa die junge Deutsch-Türkin Aylin Selcuk, Studentin und Gründerin der "Deukischen Generation", nach dem Rücktritt des Staatsoberhauptes.

Verschwörungstheorien in der türkischen Presse

In der türkischen Presse und in dem Online-Magazin "Migazin" brachen sich sogar Verschwörungstheorien Bahn. In einem "Migazin"-Kommentar heißt es: "Bundespräsident Christian Wulff wurde zurückgetreten - von der vierten Gewalt. Ob seine Rede vom 3. Oktober 2010 ausschlaggebend war, in der er dem Islam bescheinigte, auch zu Deutschland zu gehören, wird niemals aufgeklärt werden."

Wulff war - vor allem muslimischen Migranten - enorm wichtig. Der Islam gehöre auch zu Deutschland , hatte das ehemalige Staatsoberhaupt erklärt und damit ein Signal gesetzt. Noch in seiner Rücktrittsrede sagte Wulff: "Es war mir ein Herzensanliegen, den Zusammenhalt unserer Gesellschaft zu stärken. Alle sollen sich zugehörig fühlen, die hier bei uns in Deutschland leben, eine Ausbildung machen, studieren und arbeiten, ganz gleich, welche Wurzeln sie haben."

Wulff deshalb zu überhöhen - und Gauck schon vor Amtsantritt das Vertrauen zu entziehen - davor warnt Ali Ertan Toprak, Vize-Chef der Alevitischen Gemeinde in Deutschland. "Es ist übertrieben, dass jetzt viele Migranten und muslimische Vertreter Gauck wegen seiner angeblichen Sarrazin-Äußerungen für untragbar halten. Er hat eine sehr interessante Vita, ich bin gespannt und überzeugt, dass Gauck zum Zusammenhalt zwischen der Mehrheitsgesellschaft und Migranten beiträgt", sagt Toprak.

Serkan Tören: "Gauck steht für den Gedanken der Freiheit"

Die Autorin Necla Kelek, die Gauck schon 2010 bei seiner Kandidatur unterstützte, sagt: "Es macht mich stutzig, dass offenbar viele Migranten so ticken, dass sie schon zufrieden sind, wenn nur jemand - wie Herr Wulff es getan hat - sagt: 'Der Islam gehört zu Deutschland. Ihr gehört zu uns'. Daraus ist ja nichts weiter gefolgt." Gerade aus dem Rücktritt Wulffs könnten "wir Migranten aus islamischen Ländern" lernen. "Nämlich, dass alle Bürger vor dem Gesetz gleich sind und der Rechtsstaat in Deutschland funktioniert", so Kelek.

"Gaucks zentrales Thema neben der Freiheit ist die Verantwortung des Einzelnen, und das sollten wir - auch alle mit ausländischen Wurzeln - ernst nehmen", sagt Kelek. "Denn wenn man Verantwortung übernimmt, dann erst ist man wirklich Bürger dieses Landes und nicht mehr Opfer. Vielleicht können wir Migranten durch Gauck endlich lernen, Deutschland zu lieben, denn Liebe bedeutet eine Entscheidung und eben Verantwortung."

Ähnlich sieht es der türkischstämmige FDP-Politiker Serkan Tören: "Gauck steht für den Gedanken der Freiheit, für die Integration von Ost und West und auch für die Integration von Migranten. Ich werde ihn wählen." Im übrigen habe Gauck nicht Sarrazins Thesen übernommen.

"Ich finde, Gauck muss die Chance bekommen zu zeigen, dass ihm nicht nur die deutsch-deutsche Integration wichtig ist. Er kann beweisen, dass er Bundespräsident aller Menschen ist", sagt auch die baden-württembergische Integrationsministerin Bilkay Öney (SPD). Grünen-Chef Cem Özdemir attestierte Gauck, er sei jemand, der zusammenführen könne. Gauck sei wahrlich kein Unterstützer der Thesen Sarrazins. "Sonst hätten wir ihn nicht vorgeschlagen", sagte Özdemir in der "Financial Times Deutschland".

Der türkischstämmigen Politikerin Öney gingen bei der Nominierung Gaucks nicht Sarrazin-Äußerungen durch den Kopf, sondern eine ganz andere Frage: "Schon die Tatsache, dass wir jetzt nicht nur eine ostdeutsche und protestantische Kanzlerin, sondern auch einen ostdeutschen, protestantischen Bundespräsidenten bekommen, gefällt einigen nicht. Mir ist das nicht so wichtig, anderen aber schon." Ihr sei aufgefallen: "Wann hatten wir eigentlich zuletzt Spitzenpolitiker jüdischen Glaubens?"

Forum

Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 31 Beiträge
1. Gauck ist eine Blender, Wulff war eine Fehlfarbe
slider 23.02.2012
Gauck ist einer der sich nur selbst "spielt". Einer der sich mit Gauck auskennt, kommt hier im "DER TAGESSPIEGEL" zu Wort: Bürgerrechtler Hans-Jochen Tschiche: "Gauck ist die falsche Person" - [...]
Gauck ist einer der sich nur selbst "spielt". Einer der sich mit Gauck auskennt, kommt hier im "DER TAGESSPIEGEL" zu Wort: Bürgerrechtler Hans-Jochen Tschiche: "Gauck ist die falsche Person" - Politik - Tagesspiegel (http://www.tagesspiegel.de/politik/buergerrechtler-hans-jochen-tschiche-gauck-ist-die-falsche-person/6242562.html)
2. .
bekkawei 23.02.2012
Sie sollten endlich hier aufhoeren, in diesem Zusammenhang das Wort "Migranten" zu benutzen. Nennen Sie doch die Leute beim Namen. Sie meinen doch keine Spanier, Griechen, Italiener, Vietnamesen oder Inder, [...]
Zitat von sysopREUTERSZahlreiche Migranten haben Vorbehalte gegen Joachim Gauck geäußert, jetzt verteidigen andere den künftigen Präsidenten vehement gegen die Kritik aus den eigenen Reihen. Insbesondere warnen sie vor Hysterie wegen seiner Äußerungen zum Fall Sarrazin. Präsidenten-Streit unter Migranten: Guter Gauck, böser Gauck - SPIEGEL ONLINE - Nachrichten - Politik (http://www.spiegel.de/politik/deutschland/0,1518,816814,00.html)
Sie sollten endlich hier aufhoeren, in diesem Zusammenhang das Wort "Migranten" zu benutzen. Nennen Sie doch die Leute beim Namen. Sie meinen doch keine Spanier, Griechen, Italiener, Vietnamesen oder Inder, deren Meinung spielt doch ueberhaupt keine Rolle bei diesen Themen, keiner will wissen, was sie zum neuen Bundespraesidentne denken. Kein einziger Politiker schleimt sich an sie heran. Da sie keine Sprecher oder Vertreter haben, bei allem oder jedem lautstark fordernd dazwischen krakeelen, interessieren sie hier nicht.
3. ------
Ernst666 23.02.2012
[QUOTE=sysop;9694331]Zahlreiche Migranten haben Vorbehalte gegen Joachim Gauck geäußert, jetzt verteidigen andere den künftigen Präsidenten vehement gegen die Kritik aus den eigenen Reihen. Insbesondere warnen sie vor Hysterie [...]
Zitat von sysopREUTERSZahlreiche Migranten haben Vorbehalte gegen Joachim Gauck geäußert, jetzt verteidigen andere den künftigen Präsidenten vehement gegen die Kritik aus den eigenen Reihen. Insbesondere warnen sie vor Hysterie wegen seiner Äußerungen zum Fall Sarrazin. Präsidenten-Streit unter Migranten: Guter Gauck, böser Gauck - SPIEGEL ONLINE - Nachrichten - Politik (http://www.spiegel.de/politik/deutschland/0,1518,816814,00.html)
[QUOTE=sysop;9694331]Zahlreiche Migranten haben Vorbehalte gegen Joachim Gauck geäußert, jetzt verteidigen andere den künftigen Präsidenten vehement gegen die Kritik aus den eigenen Reihen. Insbesondere warnen sie vor Hysterie wegen seiner Äußerungen zum Fall Sarrazin. Ein Bundespräsident wurde vom Thron gestürzt, ein Nachfolger ist gefunden. Herr Gauck ist noch nicht einmal im Amt und schon hagelt es Kritik aus allen Reihen. Was lernen wir daraus? Wenn man im heutigen Deutschland ein öffnetliches Amt gekleiden will, muss man eine blütenreihne Weste haben. Aber das ist nicht das Einzige, denn auch eine eigene Meinung darf man nicht haben. Die Meinung eines Bundespräsidenten sollte so ausfallen wie die eines weichgepnselten, Ja und Amen Sagers, der allen nach den Mund redet. Lieber Herr Gauck, auch wenn ich vielleicht nicht immer Ihrer Meinung sein werde, so füllen Sie doch bitte dieses Amt nicht als Politiker sondern als Mensch dieses Landes. Ich wünsche Ihnen alles Gute
4. Wann hatten wir ...
Alimentator 23.02.2012
---Zitat--- Wann hatten wir eigentlich zuletzt Spitzenpolitiker jüdischen Glaubens? ---Zitatende--- Moooment, die Frage muss lauten: "Wann hatten wir eigentlich zuletzt Spitzenpolitiker buddhistischen Glaubens?" Es [...]
---Zitat--- Wann hatten wir eigentlich zuletzt Spitzenpolitiker jüdischen Glaubens? ---Zitatende--- Moooment, die Frage muss lauten: "Wann hatten wir eigentlich zuletzt Spitzenpolitiker buddhistischen Glaubens?" Es gibt in Deutschland nämlich mehr Buddhisten als Juden. Religionen in Deutschland (http://de.wikipedia.org/wiki/Religionen_in_Deutschland#Verteilung_aller_Konfessionen_in_Deutschland) Aber mal ehrlich - die Religionszugehörigkeit, das Geschlecht, die Herkunft etc. sollten wirklich keine Rolle spielen.
5. Die türkischstämmige Politikerin
...und gut ist`s 23.02.2012
---Zitat--- "Schon die Tatsache, dass wir jetzt nicht nur eine ostdeutsche und protestantische Kanzlerin, sondern auch einen ostdeutschen, protestantischen Bundespräsidenten bekommen, gefällt einigen nicht. Mir ist das [...]
---Zitat--- "Schon die Tatsache, dass wir jetzt nicht nur eine ostdeutsche und protestantische Kanzlerin, sondern auch einen ostdeutschen, protestantischen Bundespräsidenten bekommen, gefällt einigen nicht. Mir ist das nicht so wichtig, anderen aber schon." Ihr sei aufgefallen: "Wann hatten wir eigentlich zuletzt Spitzenpolitiker jüdischen Glaubens?" ---Zitatende--- hat wohl ein besonderes Verhältnis zum Grundgesetz, dass sie GG-feindliche Denkstrukturen bei anderen billigend in Kauf nimmt? Die ersten 20 Artikel, hier Artikel 3 sollte ein Politiker schon im Schlaf beherrschen. Der Präsident wird in Deutschland von der Bundesversammlung gewählt und zwar unabhängig seines Glaubens oder seiner Weltanschauung. Wer das nicht akzeptiert und die Meinung Anderer für seine Ablehnung vorschiebt, sollte mal sein Verhältnis zu demoktratischen Staatsformen überprüfen und gegebenenfalls, wenn es ihm/ihr nicht nur umGeld und Pension geht, sich daraus zurückziehen.
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