25.02.2012
Erster Auftritt als Bundespräsident in spe
Abschied vom einfachen Bürger Gauck
Von Florian Gathmann, Fürth
Gauck in der "Comödie Fürth": "Reisender Demokratielehrer"
Er hat diesen Auftritt noch mal so richtig genossen. Ohne Krawatte, ein paar launige Sprüche, manche Emotion. Schon in den vergangenen Tagen wird Joachim Gauck, 72, geahnt haben, wie sehr sich sein Leben künftig verändern wird. Zwar will er ein echter Bürgerpräsident sein, aber ihm schwant wohl selbst, dass auch ein Joachim Gauck mehr Präsident als Bürger sein wird.
Wer Gauck am Freitagabend in der Fürther "Comödie" erlebt, wie er aus seinen Memoiren "Winter im Sommer - Frühling im Herbst" liest, der hört und sieht einen Wehmütigen. Angela Merkel soll ihn vergangenen Sonntag im Kanzleramt bereits darauf hingewiesen haben, wenn auch halb im Spaß, dass er als Staatsoberhaupt nicht mehr persönlich ans Handy gehen dürfe. Zuvor hatte sie Gauck im Taxi fernmündlich davon in Kenntnis gesetzt, dass er Bundespräsident wird.
Und das bedeutet nicht nur neue Würde, sondern auch neue Zwänge.
Natürlich, die Sicherheitsbeamten vom Bundeskriminalamt, die Kamerateams und Fotografen, die Menschenschlange vor dem Fürther Kleinkunsttheater, all das schmeichelt ihm. Joachim Gauck ist ein eitler Mensch, daraus macht er keinen Hehl. "Es ist tatsächlich so, dass wir nun Herrn Joachim Gauck, den Bundespräsidenten in spe, auf unseren bescheidenen 'Comödie'-Brettern begrüßen dürfen", sagt die Theaterdirektorin auf der Bühne, als ihr Gast dort um kurz nach halb acht vor einem Holztischchen Platz genommen hat. "Das ist ein historischer Moment." Selbst Gauck ist das ein bisschen viel, so scheint es.
Aber er ist nun eben bald ein echter Präsident. Und zwar einer, der mit so viel Vorschusslorbeeren ins Amt kommt, wie kaum einer zuvor. Vielleicht ist es auch das, was ihm dieser Tage zu schaffen macht. Beim letzten Mal war es ja noch eher ein Spiel mit der Kandidatur, als ihn Grüne und SPD ins Rennen um Schloss Bellevue schickten. Zu groß war die Mehrheit von Schwarz-Gelb. Aber nun wird es ernst.
Und kann man sich Joachim Gauck vorstellen, wie er als Bundespräsident einen mehr oder weniger langweiligen Termin an den anderen reiht? Denn darin besteht ein Teil des Präsidenten-Alltags. Und alles strikt nach Protokoll, das werden ihm die Beamten aus dem Bundespräsidialamt schon klarmachen. Jedes Wort von ihm wird zudem künftig fein ziseliert werden. So einfach mal daher reden, das darf sich ein Staatsoberhaupt nicht erlauben.
"Heute Abend meldet sich Osteuropa im Westen zu Wort"
In Fürth kann er noch mal der alte Joachim Gauck sein. So, wie man ihn schon als Chef der Stasi-Unterlagenbehörde kannte und seitdem als "reisenden Demokratielehrer" (O-Ton Gauck). Ein Mann, der von einer großen Idee - der Freiheit - getrieben ist und diese unter die Menschen bringen will. Das bereitet ihm Spaß, so wie es ihm früher mit dem Predigen gegangen ist. Der Protestant Gauck ist ein lustvoller Redner, Erzähler, Fabulierer.
Er kann seine Zuhörer fesseln, er kann sie aufrütteln, er kann sie anrühren. Mitunter ist es mucksmäuschenstill im Saal. Gauck hat nicht nur seine Lebenserinnerungen verfasst, sondern auch eine Art subjektives Geschichtsbuch des kommunistischen Deutschlands. "Heute Abend meldet sich Osteuropa im Westen zu Wort", sagt er. Einmal zitiert Gauck Johannes Bechers unsägliches Gedicht, das der DDR-Staatslyriker zum Tode von Josef Stalin verfasste. "Tut mir leid, ich kann den Mist auswendig", sagt er entschuldigend.
Anderthalb Jahre ist er mit seinen Memoiren durch die Republik gereist, in mancher Woche an mehreren Abenden aufgetreten. Hier in Fürth geht diese Reise nun zu Ende. Es ist seine letzte Lesung. Sogar Tochter Gesine - eines von vier Kindern Gaucks - ist diesmal gekommen, "extra aus Bremen, sie wollte ihren Vater mal lesen hören", sagt er. Seine Partnerin Daniela Schadt ist natürlich auch dabei, sie arbeitete bisher im nahen Nürnberg als Zeitungsredakteurin. Auch ihr Leben wird sich radikal ändern.
"Wie eigentümlich, ganz und gar erstaunlich und manchmal auch geheimnisvoll, dass er angekommen ist, obwohl er nie einen Fahrschein hatte", liest Gauck vor, ein Satz von Seite 344, der vorletzten in seinem Buch. Pfarrer, Bürgerrechtler, oberster Stasi-Enthüller, Demokratie-Reisender - und nun also demnächst angekommen in Schloss Bellevue.
Noch fremdelt er mit dem Gedanken. "Ich hätte noch gerne weitere Lesungen gemacht", sagt Joachim Gauck, nachdem ihn die Fürther mit Standing Ovations gefeiert haben. Aber er werde ja wiederkommen, "wenn auch ganz anders".