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16.03.2012
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Lindners Wahlkampfauftakt

Mutmacher in Mettmann

Von , Mettmann
dapd

FDP-Spitzenkandidat Lindner am Freitagabend in Mettmann: "Fehdehandschuh aufnehmen"

"Rote und Grüne waren die letzten Griechen Europas": Mit einer feurigen Rede ist der FDP-Spitzenkandidat Christian Lindner in den nordrhein-westfälischen Wahlkampf eingetreten. Der Polit-Profi hat bei seinem Auftritt in der Provinz leichtes Spiel - die Basis liegt ihm schon jetzt zu Füßen.

Mettmann also. Ein Hotel von der Stange mit Marmorfoyer, vielen Spiegeln, Kunstdrucken an den Wänden. Der überheizte Raum, in dem gleich der Spitzenkandidat der nordrhein-westfälischen FDP, ihr Hoffnungsträger, die liberale Lichtgestalt, seine erste Wahlkampfrede halten wird, heißt "Düsseldorf". Augenblicklich spricht aber noch der Bezirksvorsitzende über die Auflösung des Landtags. Er sagt: "Das waren aufregende Tage in den letzten Stunden."

Christian Lindner hingegen ist das Talent, vielleicht das größte, das die Liberalen derzeit haben. Er stammt aus Wuppertal, lebt in Berlin, im Szeneviertel Prenzlauer Berg, und ist verheiratet mit einer Redakteurin der "Zeit". Als Generalsekretär der FDP saß Lindner bei Anne Will und bei Maischberger, sein Alltag, das waren die Runden mit dem Außenminister, dem Wirtschaftsminister, manchmal der Kanzlerin, große Politik.

Jetzt eben Mettmann.

Um 19.57 Uhr betritt Christian Lindner "Düsseldorf". "Hallo", sagt er etwas schüchtern, er hebt kurz die Hände, lässt sie schnell wieder fallen. Die vielleicht hundert Mitglieder klatschen frenetisch, einige johlen und pfeifen, es ist sofort spürbar, mit welch verzweifelter Euphorie die Basis ihm zu folgen bereit ist: Lindner wird es richten, Lindner macht alles wieder gut, Lindner wird uns über die Fünfprozentmarke heben und in den Landtag führen.

"Hallo", sagt Christian Lindner noch einmal.

Er tritt ans Pult, seine Stimme ist etwas brüchig, die Augen gerötet, es muss eine lange Nacht gewesen sein. Lindner habe hart verhandelt, so ist aus der Partei zu hören, und erst zugesagt, als der Bundesgesundheitsminister Daniel Bahr ihm den Landesvorsitz übertragen habe. "Das ist für mich eine Bedingung gewesen, weil ich nicht ein Verlegenheitskandidat bin", sagte Lindner hinterher. Und welche Rolle spielte der Bundesvorsitzende Philipp Rösler dabei? "Er hat an den Beratungen teilgenommen und war ein willkommener Gast", so Lindner frech.

"Wir werden den Fehdehandschuh aufnehmen, auch gegen Norbert Röttgen"

In Mettmann kommt der Spitzenkandidat nun in Fahrt, die ersten Sätze saßen, das spürt er, Lindner wird sicherer. "Es müssen alle hart anpacken", ruft er. "Ich melde mich zurück auf der Brücke." Die Menge klatscht begeistert.

Der Versammlungsleiter, ein schnauzbärtiger Glatzkopf, wird später den Witz versuchen, dass die FDP mit dem Kapitän Lindner hoffentlich nicht zur "Costa Concordia" gerate. Doch er tauft das vor Italien havarierte Schiff, ohne es zu bemerken, "Costa Cordalis", weshalb seine Parteifreunde ihn auslachen. Lindner erträgt es mit eingefrorenem Lächeln.

Der Hoffnungsträger räumt ein: "Gegenwärtig ist die Lage der FDP schwierig." Viele einstige Wähler seien von der Partei enttäuscht, "vielleicht sogar ein wenig beleidigt".

Der Hoffnungsträger teilt aus: "Rote und Grüne sind die letzten Griechen Europas." Ihre "Politik auf Pump" habe in die Krise geführt.

Der Hoffnungsträger schmeichelt: Er sei stolz, dass die FDP im Landtag dem Haushalt nicht zur Mehrheit verholfen habe. Die Liberalen seien "prinzipientreu".

Und der Hoffnungsträger kontert: "Wir werden den Fehdehandschuh in Nordrhein-Westfalen aufnehmen, übrigens gegen alle Grüne, auch Norbert Röttgen." Die CDU will sich bislang auf keinen Koalitionspartner festlegen und flirtet mit der Öko-Partei.

Erneut Applaus.

Mit dem NRW-Landesvorsitz hat sich Lindner eine Position für die Zukunft gesichert, das war ein geschickter Schachzug. Selbst wenn es am 13. Mai nicht reichen sollte für den Wiedereinzug ins Düsseldorfer Parlament, wird er die Liberalen in Nordrhein-Westfalen weiterhin anführen können.

Reaktionen im Saal: "Fulminant", "großartig", "phantastisch"

Für Rösler ist das Fluch und Segen zugleich. Gehen die kommenden Landtagswahlen - Saarland, Schleswig-Holstein und Nordrhein-Westfalen - verloren, ist der Bundesvorsitzende wohl nicht mehr zu halten. Gelingen aber Erfolge im hohen Norden und tiefen Westen, ist seine Position vorerst gesichert. Die Frage aber könnte dann sehr schnell lauten: Wann übernimmt Lindner in Berlin?

In der stärksten Passage seiner ersten Wahlkampfrede in Nordrhein-Westfalen zeigt Christian Lindner, warum er als der begabteste Rhetoriker seiner Partei gilt. Von den allenfalls kosmetischen Änderungen, die Rot-Grün am Ladenschlussgesetz vornehmen wollte, schlägt er locker den Bogen zu Grundsätzlichem und Großem. Die FDP wolle "die Menschen in Ruhe lassen, aber nicht im Stich", ruft er. Sie allein mache den Unterschied zwischen selbstbewussten Bürgern und "Staatsinsassen".

Die Parteimitglieder stehen jetzt geschlossen auf und fallen in ein rhythmisches Klatschen, das Minuten zu dauern scheint. Lindner lächelt, verbeugt sich leicht. Die Premiere ist gelungen, das weiß er in diesem Augenblick. "Fulminant", "großartig", "phantastisch", die Basis wird sich später mit Lobhudeleien auf ihren mutmaßlichen Retter überschlagen. Auch der Schnauzbart ist ganz angetan und überreicht Lindner ein Geschenk: Düsseldorfer Löwensenf. "Kämpfen Sie wie ein Löwe!", fleht er, "Glück auf!"

Nächster Tagesordnungspunkt in Mettmann: Neuwahl des Bezirksvorstandes.

Forum

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insgesamt 49 Beiträge
1. Arroganter geht es nicht
Elias 17.03.2012
Ja, diese lokale Parteipolitik. Es ist leicht, sie als provinziell und kleinbürgerlich zu diffamieren. Um sie als Basis demokratischischer Gesellschaften zu erkennen, benötigt es halt ein wenig Intelligenz und Weitsicht.
Ja, diese lokale Parteipolitik. Es ist leicht, sie als provinziell und kleinbürgerlich zu diffamieren. Um sie als Basis demokratischischer Gesellschaften zu erkennen, benötigt es halt ein wenig Intelligenz und Weitsicht.
2. ?
burgundy2 17.03.2012
Das kann der doch gar nicht! Schauen Sie sich mal seinen Werdegang an, dann sehen Sie, was für ein Spruchbeutel das ist. In diesem Falle hatte Rösler übrigens recht (wenn auch nur in diesem Falle...).
Das kann der doch gar nicht! Schauen Sie sich mal seinen Werdegang an, dann sehen Sie, was für ein Spruchbeutel das ist. In diesem Falle hatte Rösler übrigens recht (wenn auch nur in diesem Falle...).
3. FDP-Bashing
Elias 17.03.2012
Vielleicht liegt das auch einfach an dem schlechten Artikel. Sie wissen ja nicht, was Herr Lindner noch alles gesagt hat. Von daher richtet sich ihr letzter Aufruf offenbar an den Verfasser des Berichts. Sich dem [...]
Vielleicht liegt das auch einfach an dem schlechten Artikel. Sie wissen ja nicht, was Herr Lindner noch alles gesagt hat. Von daher richtet sich ihr letzter Aufruf offenbar an den Verfasser des Berichts. Sich dem FDP-Bashing des Spiegels kritiklos anzuschließen ist einfach und billig.
4. Für die scheintote FDP
buntesmeinung 17.03.2012
genügt es offenbar, wenn jemand markige Sprüche ohne Substanz ablässt. Wenn der Artikel die wesentlichen Passagen aus der Rede wiedergibt, scheinen die Ansprüche der Parteibasis ja nicht besonders hoch zu sein. Jawoll, [...]
genügt es offenbar, wenn jemand markige Sprüche ohne Substanz ablässt. Wenn der Artikel die wesentlichen Passagen aus der Rede wiedergibt, scheinen die Ansprüche der Parteibasis ja nicht besonders hoch zu sein. Jawoll, Herr Lindner! Meine Stime haben Sie schon wieder denkbar knapp verfehlt. :-))
5. Fischen im Haifischbecken
Christian Wernecke 17.03.2012
Was bedeutet das für die praktische Politik der FDP über das Wahlkampfgeschrei hinaus? Gibt es ein eigenes Profil in der Euro- und Europa-Politik, ein eigenes Profil in der Sozial- und Migrationspolitik? Ich sehe bislang [...]
Zitat von sysopdapd"Rote und Grüne waren die letzten Griechen Europas": Mit einer feurigen Rede ist der FDP-Spitzenkandidat Christian Linder in den nordrhein-westfälischen Wahlkampf eingetreten. Der Politprofi hat bei seinem Auftritt in der Provinz leichtes Spiel - die Basis liegt ihm schon jetzt zu Füßen. http://www.spiegel.de/politik/deutschland/0,1518,821894,00.html
Was bedeutet das für die praktische Politik der FDP über das Wahlkampfgeschrei hinaus? Gibt es ein eigenes Profil in der Euro- und Europa-Politik, ein eigenes Profil in der Sozial- und Migrationspolitik? Ich sehe bislang nichts, wo sich die Partei von der Blockparteienlandschaft links von der Mitte über das ideologische Gebläse hinaus unterscheidet. Wo will sie die Stimmen in einem Becken voller sozialdemokratischer Haifische von Linke, Grüne, SPD und CDU gewinnen?

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