28.03.2012
Künftige Führungsspitze
Linke locken Lafontaine nach Berlin
Von Björn Hengst
Linke-Politiker Lafontaine: Viele Genossen hoffen auf seine Rückkehr an die Parteispitze
Hamburg - In der Partei warten sie jetzt alle auf sein Wort, einige drängen schon und manche reden über ihn wie über einen überirdischen Heilsbringer: "Er kann alles werden, wenn er will", sagte etwa Ulrich Maurer, Fraktionsvize der Linken im Bundestag, über Oskar Lafontaine.
"Ich würde es begrüßen, wenn er jetzt seine Kandidatur erklärt", sagte Antje Jansen, Spitzenkandidatin der Linken in Schleswig-Holstein, über eine mögliche Rückkehr Lafontaines an die Spitze der Partei. Unmittelbar nach der Landtagswahl im Saarland hatte sich bereits Wolfgang Zimmermann, Fraktionschef der NRW-Linken, für Lafontaine stark gemacht. Dieser habe erneut gezeigt, dass "er eine Größe ist, mit der man in der Bundespolitik rechnen muss".
Es sind mal wieder Lafontaine-Tage in der Linken, aber der 68-Jährige lässt sich nicht aus der Reserve locken. Journalisten stellten dem saarländischen Linksfraktionschef zuletzt dutzendfach Fragen zu seiner politischen Zukunft. Er sieht in solchen Momenten nicht gerade unglücklich aus - die Antwort blieb dennoch unverändert: "Es gibt nichts zu besetzen derzeit. Wenn es etwas zu besetzen gibt, können Sie mich erneut fragen."
Mit solchen Sätzen verbaut er sich nichts. Kommt Lafontaine also zurück?
Noch ist vieles offen und ungeklärt, aber es werde derzeit "sehr viel in Hinterzimmern gesprochen", sagte eine führende Linke SPIEGEL ONLINE. Ziel sei dabei auch, Lafontaine den Weg für eine Rückkehr an die Parteispitze zu ebnen.
Die Gemengelage in der Linken ist kompliziert: Bisher haben lediglich Parteichefin Gesine Lötzsch und Fraktionsvize Dietmar Bartsch ihre Kandidatur für den Linke-Vorsitz erklärt; auf dem Parteitag am 2. und 3. Juni soll in Göttingen ein neuer Vorstand gewählt werden. Dabei geht es vor allem um die Frage, wer die Doppelspitze bilden wird.
Lötzsch soll weggelobt werden
Die neuerliche Kandidatur Lötzschs hatte für reichlich Verwunderung in der Partei gesorgt: Die Berlinerin wird für diverse Wahlpleiten mitverantwortlich gemacht, außerdem lastet man ihr die Debatten über Mauerbau und Kommunismus an, die im vergangenen Jahr Ärger in der Linken ausgelöst hatten. Weder Lafontaine noch Bartsch würden die Lötzsch-Kandidatur unterstützen, heißt es in Parteikreisen. Hartnäckig halten sich die Gerüchte, dass die Pädagogin auf den Chefposten der Rosa-Luxemburg-Stiftung weggelobt werden soll. Lötzsch selbst steht allerdings weiter zu ihrer Kandidatur.
Aber auch Lafontaine und Bartsch haben ein Problem miteinander. Der Stralsunder hatte sich 2010 von seinem Amt als Bundesgeschäftsführer zurückgezogen, nachdem ihm zuvor Illoyalität gegenüber dem damaligen Linken-Chef Lafontaine vorgeworfen worden war. Das Verhältnis der beiden galt lange als zerrüttet, inzwischen soll es sich wieder verbessert haben. Lafontaine und Bartsch wissen wohl, dass sie beide für die Partei wichtig sind: Der Saarländer, dem auch Interesse an einer Spitzenkandidatur für die Bundestagswahl 2013 nachgesagt wird, hat viele Unterstützer im Westen, Bartsch stößt vor allem im Osten auf großen Zuspruch.
"Niemand möchte Königinnenmörderin sein"
Ein Szenario, das unter Genossen kursiert: Lafontaine könnte als Interimschef noch einmal die Linke führen, Bartsch dabei als Bundesgeschäftsführer einbinden - der Ostdeutsche würde dann später an die Stelle des Saarländers treten. Offen wäre für einen solchen Fall allerdings noch der weibliche Teil der Doppelspitze. Namen werden bereits gehandelt:
- Parteivize Katja Kipping
- Dagmar Enkelmann, Parlamentarische Geschäftsführerin der Linken im Bundestag
- die frühere Berliner Sozialsenatorin Carola Bluhm
- Kerstin Kaiser, Fraktionschefin der Linken im brandenburgischen Landtag
"Ich bin für die Vereinbarkeit von Beruf und Familie, aber kurz nach der Geburt meines Kindes wäre ein solches Spitzenamt eine Belastung, die ich nicht anstrebe", sagte Kipping. Bluhm, Kaiser und Enkelmann halten sich auffällig zurück. "Niemand möchte Königinnenmörderin sein", sagte eine einflussreiche Linke SPIEGEL ONLINE - gemeint ist damit eine mögliche Kampfkandidatur gegen Lötzsch.
Offiziell will die Partei erst nach den Landtagwahlen in Schleswig-Holstein und NRW über Personalfragen diskutieren. Fraglich ist aber, ob sie so lange warten kann. In der Linken wird damit gerechnet, dass Lafontaine sich "relativ schnell" entscheiden wird, ob er für den Chefposten zur Verfügung steht oder nicht. Tritt er an, so die Hoffnung seiner Unterstützer, würde das auch Auftrieb für die beiden Landtagswahlkämpfe geben. In beiden Bundesländern steht der Wiedereinzug ins Parlament auf dem Spiel. Das jüngste Abschneiden im Saarland (16,1 Prozent) wird vor allem Lafontaine zugeschrieben. Ohne ihn, so geht derzeit eine gängige Rechnung unter Genossen, wäre das Ergebnis um acht bis neun Prozentpunkte niedriger ausgefallen. "Den Lafontaine-Faktor im Saarland kann man gar nicht hoch genug bewerten", sagte Schatzmeister Raju Sharma.
Das parteinahe "Neue Deutschland" orakelte nach der Saarland-Wahl bereits über Lafontaines Zukunft: "Eine Überraschung wäre seine Rückkehr als Vorsitzender nicht mehr, mit Dietmar Bartsch an seiner Seite jedoch ein einigendes Signal."