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16.04.2012
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S.P.O.N. - Im Zweifel links

Die unbefreite Frau

Von Jakob Augstein

Kristina Schröder steht für den neuen Konservatismus in der CDU. Ihr Frauenbild wirkt nur scheinbar modern. Denn in Wahrheit ist die Familienministerin Symbol für den Weg der Merkel-Partei zu einer amerikanischen Ideologie: Wer scheitert, hat selbst Schuld.

"Danke, emanzipiert sind wir selber!" heißt das Buch der Familienministerin Schröder. Vorne ist die Ministerin drauf, flott und fröhlich, die Hände in die Hüften gestützt, und das ganze Bild soll so frech und selbstbewusst sein wie der Titel. Emanzipiert sind wir selber, das bedeutet, wir brauchen keine Hilfe und keine Belehrungen. Dieses "Wir" umfasst all die anderen flotten Frauen draußen im Land, denen angeblich die Emanzipationssülze ihrer Mütter aus den Ohren hängt und die auch ohne Alice Schwarzer prächtig zurechtkommen.

In Wahrheit ist Schröder die Priesterin eines neuen Konservatismus nach amerikanischem Vorbild: Sie predigt altes Denken im modernen Gewand. Am Ende landet man beim Geschlechterverständnis der fünfziger Jahre. Es gibt nur einen kleinen, wichtigen Unterschied: Eine neue konservative Frau wie Kristina Schröder legt sich ihre Ketten selber an.

"Wir gehen dabei von einem Menschenbild aus, das Freiheit in Verantwortung unterstellt - wohl wissend, dass gesellschaftliche Strukturen und Barrieren dieser Freiheit Grenzen setzen, aber überzeugt davon, dass wir oft einseitig von der Gefangenschaft in Strukturen reden, obwohl es meist auch offene Türen gibt. Um diese offenen Türen geht es uns." Das liest sich wie ein Satz voller Vernunft. In Wahrheit ist es ein Satz voller Ideologie. Dieser zentrale Satz im Denken Kristina Schröders steht eigentlich für das Ende der Politik.

Die Familienministerin ist damit eine Politikerin neuen Typs. Wir haben davon noch nicht so viele in Deutschland. Aber wir kennen sie aus Amerika: Sie wirken modern, wortgewandt offen, glatt, entschlossen. Sie stellen die ganze Technologie moderner Kommunikation in den Dienst ganz alter Lehren. Es ist ein Trick dieser Technologie, die eigene Ideologie hinter dem postulierten Ende aller Ideologien zu verbergen und für den eigenen Standpunkt den Anspruch zu erheben, vernünftiges, abgewogenes Ergebnis eines langen Streits zu sein, der nun aber beendet sei. Schröder schreibt: "Frauen werden von beiden Seiten für das jeweilige gesellschaftspolitische Anliegen in die Pflicht genommen: von Strukturkonservativen als Bollwerk zum Schutz der Familie, von Feministinnen als Bodentruppen im Kampf für die Gleichheit von Frau und Mann." Dass sie selber in Wahrheit die Strukturkonservative ist, verschweigt die Ministerin.

Wie die berüchtigte "gläserne Decke" durchstoßen werden kann, die Frauen aus Führungspositionen fernhält, wie die Gehaltsunterschiede behoben werden können, die in skandalösem Umfang zwischen Männern und Frauen liegen, wie die zermürbende Überlastung gelindert werden kann, der sich viel zu oft die berufstätigen Mütter ausgesetzt sehen, wie überhaupt ein würdiges Leben als Frau und Mutter unabhängig vom sozialen Status gewährleistet werden kann - dazu hat die Mutter und Familienministerin nichts zu sagen.

Aber ihr Schweigen ist nicht das Schlimmste. Kristina Schröder gibt der Ideologie der Ungleichheit ein modernes, junges Gesicht. Die Autorin Katrin Rönicke hat es in einer Rezension des Schröder-Buchs auf den Punkt gebracht: "Vielleicht ist Kristina Schröder und ihrer Co-Autorin Caroline Waldeck sogar vollkommen klar, dass es von Einkommen und sozialem Stand abhängt, ob eine Frau - vor allem mit Kind - emanzipiert leben kann. Wie alles, was man sich leisten können muss, gibt es auch die Emanzipation halt nur für wenige."

Das ist die Kälte dieser Generation, für die Schröder steht. Es sind Leute, die im Sozialkundeunterricht alles über die Mechanismen der Unterdrückung gelernt haben und jetzt die Bücher wegpacken und mit der Unterdrückung einfach fortfahren. Diese Generation weiß um die Benachteiligung der sozial Schwachen - aber sie ignoriert sie. Sie leugnet nicht die Hürden, denen sich Migranten gegenüber sehen, aber sie kümmert sich einfach nicht um sie. Sie weiß um die Ungerechtigkeiten, die Frauen in der Gesellschaft erleiden - beim Gehalt, bei der Karriere, bei der doppelten Belastung durch Arbeit und Familie - aber sie nennt sie nicht mehr Ungerechtigkeiten, sondern Normalität.

Bei Kristina Schröder ruht das alles auf einem festen Fundament aus konservativem Ressentiment: Sie stammt aus der Hessen-CDU. Sie war bei der Kampagne für den Einbürgerungstest für Migranten dabei und auch beim Kampf gegen die doppelte Staatsbürgerschaft. Schröder ist eine wackere Parteisoldatin aus der konservativen Kompanie Koch.

Dieser neue, kühler gewordene Konservatismus, für den die Familienministerin steht, zeichnet sich nicht nur dadurch aus, dass die Menschen unterdrückt werden. Sie spüren die Unterdrückung nicht mehr. Und wenn doch, dann suchen sie die Verantwortung nur noch bei sich selbst. Das ist das perfide an der Lehre von der Glückssouveränität: Scheitern ist Schuld. So etwas wie Gesellschaft gibt es nicht mehr. Wofür braucht man da noch Politik?

Forum

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insgesamt 453 Beiträge
1.
Cotti 16.04.2012
Das stimmt so nicht. Die ist von vielem befreit, wie Ahnung, Skrupeln und Selbstzweifeln.
Zitat von sysopFamilienministerin Schröder: Die unbefreite Frau
Das stimmt so nicht. Die ist von vielem befreit, wie Ahnung, Skrupeln und Selbstzweifeln.
2. ...
deus-Lo-vult 16.04.2012
Es sind nicht nur die Emanzen, sondern auch Männer wie Sie, Herr Augstein, die Frau Schröder nicht braucht!
Zitat von sysopKristina Schröder steht für den neuen Konservatismus in der CDU. Ihr Frauenbild wirkt nur scheinbar modern. Denn in Wahrheit ist die Familienministerin Symbol für den Weg der Merkel-Partei zu einer amerikanischen Ideologie: Wer scheitert, hat selbst Schuld. Familienministerin Schröder: Die unbefreite Frau - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/politik/deutschland/0,1518,827804,00.html)
Es sind nicht nur die Emanzen, sondern auch Männer wie Sie, Herr Augstein, die Frau Schröder nicht braucht!
3. ...
deus-Lo-vult 16.04.2012
Selbstzweifel wären als Politikerin nicht sonderlich gut. Meinten Sie vielleicht Selbstreflexion?
Zitat von CottiDas stimmt so nicht. Die ist von vielem befreit, wie Ahnung, Skrupeln und Selbstzweifeln.
Selbstzweifel wären als Politikerin nicht sonderlich gut. Meinten Sie vielleicht Selbstreflexion?
4. Die europäische Ideologie
Apologet 16.04.2012
---Zitat--- Wer scheitert, hat selbst Schuld. ---Zitatende--- Da ist die europäische Ideologie doch besser: Mutti ist schuld.
---Zitat--- Wer scheitert, hat selbst Schuld. ---Zitatende--- Da ist die europäische Ideologie doch besser: Mutti ist schuld.
5.
delta058 16.04.2012
Die Erfahrung der letzten Jahre mit deutschen Medien sagt: Auf wen so rumgedroschen wird, ohne Argumente dafür mit viel behauptungen und Beleidigungen, liegt min zu 51% richtig.
Zitat von sysopKristina Schröder steht für den neuen Konservatismus in der CDU. Ihr Frauenbild wirkt nur scheinbar modern. Denn in Wahrheit ist die Familienministerin Symbol für den Weg der Merkel-Partei zu einer amerikanischen Ideologie: Wer scheitert, hat selbst Schuld. Familienministerin Schröder: Die unbefreite Frau - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/politik/deutschland/0,1518,827804,00.html)
Die Erfahrung der letzten Jahre mit deutschen Medien sagt: Auf wen so rumgedroschen wird, ohne Argumente dafür mit viel behauptungen und Beleidigungen, liegt min zu 51% richtig.

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