18.05.2012
Streit in der CDU
Merkel-Kritiker drängen auf Kursdebatte
Von Annett Meiritz
Die Kanzlerin am Freitag: Reicht der Merkel-Bonus bis 2013?
Berlin - Über das Wochenende ist die Kanzlerin erst einmal weit weg: Am Freitagabend wird sie von US-Präsident Barack Obama auf dessen Landsitz in Camp David empfangen, auf dem Gipfelmarathon von G8 und Nato in den USA kümmert sich Angela Merkel um Weltpolitik. Doch wenn die CDU-Chefin am Dienstag wiederkommt, wartet zu Hause der Vollzug ihrer unrühmlichen Kabinettsumbildung. Dann wird Peter Altmaier zum Umweltminister ernannt, sein Vorgänger Norbert Röttgen bekommt die Entlassungsurkunde in die Hand gedrückt.
Operation Ministertausch ausgeführt, Problem erledigt? Wohl kaum. Merkels schwarze Woche, die mit dem Wahlfiasko in Nordrhein-Westfalen begann, sich mit dem TV-Ausraster von CSU-Chef Horst Seehofer fortsetzte und mit dem Rauswurf Röttgens ihren Höhepunkt erreichte, wirkt nach. Ihre eigenen Reihen sind nachhaltig verunsichert, Merkels Kritiker in Angriffshaltung.
Der CDU-Wirtschaftspolitiker Josef Schlarmann warnte seine Partei am Freitag davor, nach dem NRW-Debakel und den Querelen um Röttgen wieder zur Tagesordnung zurückzukehren. "Es ist eine Legende, dass Landtagswahlen nichts mit der Stimmung im Bund zu tun haben", sagte Schlarmann SPIEGEL ONLINE. "Die Niederlage in NRW sollte der gesamten Union zu denken geben."
Die Kanzlerin will die Kontrolle in der Koalition wiedergewinnen. Für die kommende Woche ist ein Spitzentreffen der Parteichefs von CDU, CSU und FDP anberaumt, um stockende Vorhaben endlich voranzubringen. Baustellen gibt es zu Genüge: Beim Betreuungsgeld und Mindestlohn, bei der Vorratsdatenspeicherung und der Energiewende kommt die Bundesregierung kaum voran.
Kraft wäre als Kanzlerin beliebter als Merkel
Doch seien einige Probleme hausgemacht, kritisiert Schlarmann: "Die beiden größten Projekte der Bundesregierung, die Energiewende und das Management der Euro-Krise, drohen zum Rohrkrepierer zu werden", sagte er weiter.
Der Abschied von der Atomkraft sei "von Anfang an unrealistisch geplant", die Euro-Krise unberechenbar. "Beides wird sich bis zur Bundestagswahl nicht von selbst erledigen." Der Unions-Mittelstandschef mahnte, die Partei dürfe ihre Probleme nicht schönreden: "Wir brauchen mehr Augenmaß und Realitätssinn."
Die aktuellen Umfragen sind für die Union alarmierend: Laut einer Erhebung von Infratest dimap liegt die CDU mit 33 Prozent nur noch drei Punkte vor der SPD. Und im direkten Vergleich hätte die Wahlgewinnerin von Düsseldorf, Ministerpräsidentin Hannelore Kraft, als SPD-Kanzlerkandidatin gute Chancen. Sollte sie am Ende doch gegen Merkel antreten, wären 43 Prozent der Befragten in einer Umfrage für "Zeit Online" für Kraft, nur 34 Prozent für Merkel.
Kraft hat mehrfach versichert, dass sie nicht Kanzlerkandidatin werden will - zum Glück für die Union, die voll auf den Glanz ihrer Chefin setzt. Auf internationaler Bühne mache Angela Merkel gute Arbeit, attestieren ihr die Deutschen in Befragungen. Die Beliebtheitswerte der Vorsitzenden übertreffen regelmäßig die Zahlen für ihre Partei. Philipp Mißfelder, Chef der Jungen Union, empfiehlt: "Wir müssen im Wahlkampf auf die Verlässlichkeit der Kanzlerin setzen."
"Menschen von Kehrtwenden überfordert"
Aber genügt der Merkel-Faktor, um die Partei erfolgreich durch die Bundestagswahl 2013 zu tragen? CDU-Innenexperte Wolfgang Bosbach forderte in der "Süddeutschen Zeitung", endlich "nüchtern und gründlich" über alle Ursachen des NRW-Wahldesasters zu sprechen. Kritik an seiner eigenen Partei übt auch Unionsfraktionsvize Michael Fuchs (CDU). "Die Union hat mit einer Reihe von Kehrtwenden die Menschen überfordert", sagte Fuchs SPIEGEL ONLINE. "Das chronische Ringen um einen Kurs kratzt an unserer Glaubwürdigkeit und macht mit Sicherheit keinen guten Eindruck", fügte er hinzu.
Fakt ist: Seit der schwarz-gelben Machtübernahme im Bund gab es elf Wahlen, nur dreimal - im Saarland, in Berlin und Rheinland-Pfalz - konnte die CDU leicht dazugewinnen. Im Bundesrat hat Schwarz-Gelb schon lange keine Mehrheit mehr. Allein in Nordrhein-Westfalen verlor die CDU 110.000 Stimmen ans Lager der Nichtwähler.
Die Union müsse sich als Volkspartei fragen, warum viele Menschen die stabile Wirtschaftslage und die niedrige Arbeitslosenquote "offensichtlich nicht mit uns in Verbindung bringen", so Fuchs weiter. Glaubwürdigkeit und Bürgernähe seien "nicht allein mit schicken Online-Wahlkämpfen zu erreichen".
Ähnlich äußert sich Marco Wanderwitz, Vorsitzender der Junge Gruppe der CDU/CSU-Fraktion: "Vielen potentiellen Unionswählern fehlt eine klare Linie", sagte er SPIEGEL ONLINE. "Wir verunsichern die Menschen mit Dauerstreit. Das Betreuungsgeld etwa wurde nach dem Kompromiss immer wieder in Frage gestellt."
Das Hickhack um die staatliche Zahlung fürs Zuhause-Erziehen kleiner Kinder zieht sich hin. Noch ist unklar, ob auch der geplante Koalitionsgipfel in der kommenden Woche für Klarheit sorgen wird. Für Wanderwitz ist die Prämie so oder so ein Flop - unabhängig davon, ob sie nun kommt oder nicht: "Das Projekt ist in Sachen Kommunikation voll gegen die Wand gefahren."
mit Material von dpa und AFP