24.05.2012
S.P.O.N. - Der Schwarze Kanal
Merkel und die Maybe-Männer
Eine Kolumne von Jan FleischhauerReden wir zur Abwechslung einmal über das Menschliche in der Politik. Das kommt ja viel zu kurz, wie man den Kommentaren nach der Röttgen-Entlassung entnehmen konnte. Von "Unverständnis und Empörung" auch in den eigenen Reihen ist die Rede; auf der Sitzung der nordrhein-westfälischen Landesgruppe am Montag in Berlin soll es hoch hergegangen sein. Der Geschasste sei mit "donnerndem Applaus" empfangen worden, war anschließend zu lesen.
Dazu passt die Galerie der Opfer, jener armen Männer, die angeblich von der Kanzlerin gemeuchelt wurden, weil sie ihr im Wege standen, oder die jetzt, wo sie oben angekommen ist, als Rivalen hätten gefährlich werden können: Friedrich Merz, der kühne Recke aus dem Sauerland, der unglückliche Wulff natürlich, unser Opferlamm im Schloss Bellevue, das CSU-Bambi Guttenberg.
Auch Politik braucht ein Narrativ, um verständlich zu werden. Das von der eiskalten Männermörderin Merkel hält sich besonders erfolgreich, dabei beruht es gleich auf mehreren Missverständnissen.
Das fängt schon damit an, dass Norbert Röttgen natürlich kein Rivale der Kanzlerin war. Er war ihr Abteilungsleiter. Das ist ebenfalls ein schöner Posten, Röttgen hat an ihm sehr gehangen, wie man jetzt weiß. Aber das ist nicht die Position, von der man die mächtigste Frau in Deutschland herausfordern kann. Der Grund für die Entlassung des Ministers war auch nicht die Wahlniederlage in seiner Heimat, wie viele meinen, sondern fortgesetzte Illoyalität.
Verweiblichung der CDU
Niemand klaren Verstandes wäre auf die Idee gekommen, in dem Umweltminister den nächsten Kanzler Deutschlands zu sehen. Na gut, ein paar Leute gab es doch: Sie saßen an führender Stelle in den Politikabteilungen großer Zeitungen - also da, wo die Karrieren gemacht werden, bis die Zeitungshelden dann vors Wahlvolk treten. Es waren Leute wie Röttgen: sehr reflektiert, sehr nachdenklich, mit einer ausgeprägten Abscheu vor den Niederungen der Politik, wo es nach Bier, Blut und dem ganz normalen Leben riecht.
Man kann Merkel für die umfassende Sozialdemokratisierung der Union verantwortlich machen. Tatsächlich ist diese ja so weit fortgeschritten, dass die SPD-Führung neulich gemeinsam rätselte, was sie im kommenden Bundestagswahlkampf eigentlich gegen die CDU und die Frau an ihrer Spitze vorbringen soll. An der Verweiblichung der CDU ist sie allerdings unschuldig, die besorgen die Männer schon selber.
Norbert Röttgen ist der typische Vertreter einer Generation, die sich auch im Politischen des Vokabulars weiblicher Problemkommunikation bedient und für die Eigenschaften wie Härte und Disziplin, die eben noch zu den Führungsqualitäten von Spitzenpolitikern zählten, als Ausweis bedenklicher Gefühlsarmut und Rohheit gelten. Was in dieser feminisierten Form von Politik im Vordergrund steht, ist weniger der Kampf für Überzeugungen, als vielmehr die eigene Befindlichkeit, deshalb sind so viele Hintergrundtreffen in Wahrheit Beziehungsgespräche, mit den anwesenden Journalisten in der Rolle des therapeutischen Zuhörers. Auch Merz und Wulff konnten stundenlang darüber reden, dass ihnen von ihrer Parteivorsitzenden nicht die Aufmerksamkeit entgegen gebracht wurde, die sie sich gewünscht hätten.
Kanzler ziehen immer in die Mitte
Die wahren Kerle in der CDU sind heute Frauen. Man mag von Kristina Schröder oder Ursula von der Leyen und ihren politischen Vorstellungen halten, was man will, aber man wird keiner der beiden den Vorwurf machen können, dass sie ihre Ziele nicht mit großer Entschlossenheit verfolgten. Man hat auch noch nie gehört, dass sie sich darüber ausweinen würden, wie gemein die Kanzlerin oder die Presse wieder zu ihnen war. Das kenne ich nur von Hintergrundrunden, in denen ein Dutzend mittelalter CDU-Männer über ihrem Weinglas sitzt und sich gegenseitig das Leid klagt.
Viel war in der Vergangenheit von der Linkswende die Rede, die Angela Merkel ihrer Partei zugemutet hat. Aber diese ist gar nicht so außergewöhnlich, wie sie scheint. Kanzler ziehen immer in die Mitte, kein Regierungschef hat sich im Amt radikalisiert. Auch Helmut Kohl, das Mammut des deutschen Konservatismus, hat in seiner Amtszeit alles mögliche unternommen, um den linken Flügel an sich zu binden. Aus gutem Grund gehörten zu den ersten Leuten, die er in sein Kabinett holte, Rita Süssmuth, Norbert Blüm oder Heiner Geißler, der heute bei Attac herumspringt.
Das besondere an der Lage der Union ist das Fehlen eines rechten Flügels. Nun kann man auch dieses der Kanzlerin anlasten. Man kann sich aber auch fragen, was eigentlich von Konservativen zu halten ist, die von ihrer Parteivorsitzenden gerne ein Eckchen im Vorstand reserviert bekommen würden, wo sie dann von Muttis Gnaden ihren Kampf für die Neuausrichtung der Partei führen können. Dieser Art von Quotenkonservatismus ist etwa so ernst zu nehmen wie die Integrationsbeaufragtenpolitik, die man am liebsten mit Türken besetzt.
Achtung erwirbt man sich mit der Flagge in der Hand
Der Einfluss der Parteivorsitzenden wird gern ins Überdimensionale vergrößert, das dient auch der Selbstentschuldigung. Wer über die Liste in den Bundestag kommt, ist vielfältigen Pressionen ausgesetzt, das ist schon wahr. Aber ein direkt gewählter Abgeordneter? Es gibt immer noch Landkreise in Deutschland, wo man als Christdemokrat geradezu blind gewählt wird, da kann die Kanzlerin im fernen Berlin sagen, was sie will.
Ich bin sicher, dass Angela Merkel manchmal selber überrascht ist, wenn wieder einer der Kerle in ihrer Partei in die Knie geht, ohne dass sie ihn dazu aufgefordert hat. Das größte Missverständnis von Männern ist es, Mitgefühl mit Selbstmitleid zu verwechseln. Man erwirbt sich keinen Respekt mit Wehleidigkeit - man erwirbt sich nur Achtung, in dem man die Flagge in die Hand nimmt und für die Dinge streitet, die einem wichtig sind.