Lade Daten...
29.06.2012
Schrift:
-
+

Regierungserklärung

Merkel wirbt eindringlich für ESM und Fiskalpakt

Foto: dapd

Für ihr Verhalten beim EU-Gipfel in Brüssel musste Angela Merkel heftige Kritik einstecken. Nun hat sie vor dem Bundestag klare Worte gewählt und warb um Zustimmung zu ESM und Fiskalpakt. Nur geschlossen könne Europa wettbewerbsfähig bleiben.

Berlin - In Brüssel musste sie sich auf weitreichende Kompromisse einlassen. Nun hat Angela Merkel vor dem Bundestag ihr Vorgehen beim EU-Gipfel verteidigt. In einer Regierungserklärung bat sie die Abgeordneten in eindringlichen Worten um Zustimmung zum Rettungsschirm ESM und dem Fiskalpakt. Diese seien "ein Signal für Europa".

"Es gibt eine rechtliche Verknüpfung zwischen Solidität und Solidarität." Mit seinem Ja liefere der Bundestag ein "Signal der Geschlossenheit nach innen und außen". Dies sei ein wichtiger Schritt in Richtung europäischer Wirtschaftsunion - und ein parteiübergreifendes Signal. "Was wir heute beschließen, ist ein wichtiger Schritt, um der Welt deutlich zu machen: Wir stehen zum Euro", so Merkel.

Der Pakt für Wachstum und Beschäftigung sei entscheidend für die Zukunft der EU. Ohne eine Stärkung der europäischen Wettbewerbsfähigkeit werde der Wohlstand in Deutschland und Europa nicht erhalten bleiben, so die Kanzlerin. Nur so könne man künftige Gefahren für die Euro-Zone abzuwehren.

Der Fiskalpakt, der den 25 Teilnehmer-Staaten strenge Sparvorgaben auferlegt, sei noch vor wenigen Monaten undenkbar gewesen, sagte Merkel. Doch eine unverantwortliche Haushaltspolitik einzelner Staaten könne alle übrigen im Euro-Raum gefährden.

Die beim EU-Gipfel getroffenen Beschlüsse nannte Merkel "gut und vernünftig". Man habe die "Instrumentarien" zu Krisenbewältigung erweitert. Und sie versuchte, die schlimmsten Bedenken zu zerstreuen. Bankenhilfen würden nicht gewährt wird, bevor eine internationale Aufsichtsbehörde über die Banken installiert ist. Das wird noch mindestens bis zum Ende des Jahres dauern.

In Brüssel hatte die Kanzlerin dem Druck von Spanien und Italien in einigen Punkten nachgegeben, vor allem beim ESM. Nach dem Brüsseler Kompromiss sind unter anderem direkte Rekapitalisierungen der privaten Banken durch den ESM - bislang von Deutschland abgelehnt - möglich. Details müssen noch die Euro-Finanzminister beraten.

Eigentlich hatte Merkel weitere Zugeständnisse gegenüber den Südeuropäern unbedingt vermeiden wollen, das hatte sie im Vorfeld des Gipfels sehr deutlich gemacht. Dementsprechend musste sie sich dann auch heftige Kritik gefallen lassen. "Die Tinte ist noch nicht trocken, schon wird der ESM-Vertrag in seiner Substanz verändert", sagte etwa FDP-Mann Frank Schäffler.

Nach der Ansprach der Kanzlerin wird es am Abend im Bundestag spannend: Dann sollen der permanente Rettungsschirm ESM und der Fiskalpakt, ihr Vorzeigeprojekt zur Schuldeneindämmung, in Bundestag und Bundesrat auf den Weg gebracht werden.

Einige Kritiker hatten nach den Ergebnissen des Vortages eine Verschiebung des Votums gefordert - konnten sich damit jedoch nicht durchsetzen. Die Linke scheiterte kurz vor der Erklärung Merkels mit einem letzten Versuch, die Abstimmung doch noch zu verhindern. Ein entsprechender Antrag fand im Parlament keine Zustimmung.

Lob und Kritik von SPD-Mann Gabriel

Im Bundestag folgt nach Merkels Erklärung eine mehrstündige Aussprache, bei der es erneut deutliche Worte der Kritiker geben dürfte. Als erster Redner warf SPD-Chef Sigmar Gabriel der Kanzlerin vor, die Krise verschärft zu haben und sich weiteren Schritten zur Regulierung der Finanzmärkte zu verweigern. Dies sei dilettantisches Regierungshandeln.

Zugleich nannte er die Brüsseler Beschlüsse "überfällig". Auch Merkels Einlenken begrüßte der SPD-Mann: "Wir jedenfalls werfen Ihnen das nicht vor, im Gegenteil, wir finden es richtig."

Auch Grünen-Fraktionschef Jürgen Trittin ging Merkel hart an. Sie sei verantwortlich, dass jedes Land alleine zum Spielball der Märkte werden könne. Man stehe jetzt vor der Herausforderung, Europa neu zu begründen. "Dieses gemeinsame Europa ist gefährdet" - obwohl es wirtschaftlich gut dastehe. Mit Ihrer Strategie des Zögerlichen habe die Kanzlerin dazu beigetragen. "Das hat diese Vertrauenskrise mit verstärkt." Trotz aller Kritik wollen große Teile der Opposition für die Rettungsmaßnahmen stimmen.

Schäuble bittet Gegner um Mäßigung

Bundesfinanzminister Wolfgang Schäuble (CDU) ging während seiner Redezeit zum Gegenangriff über. Er bezichtigte die Opposition der Scheinheiligkeit. SPD-Chef Gabriel operiere mit "Horrorzahlen", so Schäuble. Das trage letztlich zu einer "unbegründeten Verunsicherung in der Bevölkerung" bei. Gabriel hatte zuvor gesagt, die Europäische Zentralbank habe bereits mehr als eine Billion Euro an direkter und indirekter Staatsfinanzierung geleistet.

Auch Schäuble sprach sich gegen eine Vergemeinschaftung von Haftungsrisiken in Europa, die umstrittenen Euro-Bonds, aus - zumindest solange diese nicht von einer gemeinsamen Finanzpolitik untermauert sind. "Wir können nicht die Haftung für Schulden vergemeinschaften, solange wir nicht (...) eine Finanzunion in Europa haben", erklärte der Minister. Das wolle auch er "zu Lebzeiten nicht haben", so Schäuble

Nach der Aussprache geht es an die Abstimmung über ESM und Fiskalpakt. Hier ist eine Zweidrittelmehrheit nötig, die Zustimmung auch der Opposition gilt als sicher. Die Linke hat bereits angekündigt, gegen den Beschluss klagen zu wollen.

jok/syd/dpa/Reuters/dapd

Forum

Diskutieren Sie über diesen Artikel
insgesamt 162 Beiträge
1.
lövgren 29.06.2012
Warum "musste" Merkel in Brüssel Kompromisse eingehen? Und wie sieht dann nach ihren "solange ich lebe"-Aussagen ihr Kompromiss bei den Eurobonds aus?
Zitat von sysopFür ihr Verhalten beim EU-Gipfel in Brüssel musste Angela Merkel heftige Kritik einstecken. Nun hat sie vor dem Bundestag klare Worte gewählt und warb um Zustimmung zu ESM und Fiskalpakt. Nur geschlossen könne Europa wettbewerbsfähig bleiben. Merkel wirbt eindringlich für ESM und Fiskalpakt im Bundestag - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/politik/deutschland/0,1518,841788,00.html)
Warum "musste" Merkel in Brüssel Kompromisse eingehen? Und wie sieht dann nach ihren "solange ich lebe"-Aussagen ihr Kompromiss bei den Eurobonds aus?
2. optional
quadraturdeskreises 29.06.2012
Die Kanzlerin hat recht: Ohne das Geld deutscher Steuerzahler können die Aktionäre der Banken der Südländer möglicherweise weniger einkaufen. Da helfe ich doch gerne für Europa und aus Solidarität mit meinem Steuergeld aus! Darfs [...]
Die Kanzlerin hat recht: Ohne das Geld deutscher Steuerzahler können die Aktionäre der Banken der Südländer möglicherweise weniger einkaufen. Da helfe ich doch gerne für Europa und aus Solidarität mit meinem Steuergeld aus! Darfs nicht vielleicht doch etwas mehr sein - der europäischen Idee zu liebe? Danke Frau Merkel für Ihre soziale Ader und Ihren Idealismus!
3. Jetzt wird der Mist als gut verkauft
hostie64 29.06.2012
Das war nicht anders zu erwarten. Jetzt wird der Mist als gut verkauft. Wenn ich Merkel wäre würde ich mein Werk auf loben. Leider ist ziemlich sicher zu erwarten das der Bundestag zwar gackert, aber die Sache durchwinkt. Aus [...]
Das war nicht anders zu erwarten. Jetzt wird der Mist als gut verkauft. Wenn ich Merkel wäre würde ich mein Werk auf loben. Leider ist ziemlich sicher zu erwarten das der Bundestag zwar gackert, aber die Sache durchwinkt. Aus Karlsruhe erwarte ich auch keine Hilfe. Wir müssen uns auf jahrzentelanges Zahlen einstellen. Wen soll man nur wählen damit das aufhört?
4. Esm
budenspecht 29.06.2012
Ja, gerade kann man ja an den Börsensehen, wie das deutsche Steuergeld von morgen verfeuert wird. Die Banken haben gewonnen. Da ist doch jede Rentenerhöhung auf 67 Jahre völlig überflüssig. Wir sollten jetzt auch unseren Teil [...]
Ja, gerade kann man ja an den Börsensehen, wie das deutsche Steuergeld von morgen verfeuert wird. Die Banken haben gewonnen. Da ist doch jede Rentenerhöhung auf 67 Jahre völlig überflüssig. Wir sollten jetzt auch unseren Teil fordern. Rente mit 55 Jahren und jedem ein Posten als Beamter oder zumindest als Blinder - denn wie man so blind wie unsere Politik sich selbst verkaufen kann, das erstaunt mich. Ist das Geld erst alles weg, wird man uns auslachen - und das zurecht!!!
5.
CompressorBoy 29.06.2012
mit Betonung auf "bleiben"... Merkel hält die Deutschen sicherlich für bekloppt. Und mit Blick auf die BT-Wahl 2013 muss ich konzedieren: Wahrscheinlich hat sie mit dieser Einschätzung sogar recht.
Zitat von MerkelNur geschlossen könne Europa wettbewerbsfähig bleiben.
mit Betonung auf "bleiben"... Merkel hält die Deutschen sicherlich für bekloppt. Und mit Blick auf die BT-Wahl 2013 muss ich konzedieren: Wahrscheinlich hat sie mit dieser Einschätzung sogar recht.

Empfehlen

MEHR AUF SPIEGEL ONLINE

Verwandte Themen

Artikel

News verfolgen

Lassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten:

alles aus der Rubrik Politik
Twitter RSS
alles zum Thema Angela Merkel
RSS
Top

© SPIEGEL ONLINE 2013 Alle Rechte vorbehalten