19.07.2012
Rechtsanspruch auf Kinderbetreuung
Die Krippen-Krux
Von Florian Diekmann
Babys in einer Krippe in Frankfurt/Oder: Eine Erzieherin für sechs Unter-Dreijährige?
Hamburg/Berlin/Gütersloh - Das Ziel ist groß: Krippenplätze für alle - garantiert. Doch im Grunde fehlt es an allem, um das Vorhaben auch umzusetzen. Es gibt nicht genügend Kitas, nicht ausreichend Erzieher und vor allem kein Geld. Dementsprechend düster sind Stefan Sells Vorahnungen: "Im kommenden Jahr drohen kritische Fernsehbilder von schlimmen Zuständen." Eigentlich ist der Koblenzer Sozialwissenschaftler ein vehementer Befürworter der Betreuung Unter-Dreijähriger - und eines Rechtsanspruchs darauf. Doch dass dieser bereits ab dem August 2013 gelten soll, befürchtet Sell, könnte zu Bedingungen in den Kitas führen, die das Wohl der Kinder sogar gefährden.
Die Zahlen untermauern diese Befürchtungen. Während in Ostdeutschland genügend Plätze vorhanden sind, gab es in Westdeutschland im März 2011 nur knapp 330.000 Betreuungsplätze für Krippenkinder. Laut dem jüngsten Zwischenbericht der Bundesregierung zum Kita-Ausbau müssten von 2011 bis 2013 rund 260.000 weitere Plätze geschaffen werden - mehr als in den vorhergehenden fünf Jahren zusammen.
Und es mangelt nicht nur an Plätzen: Rund 20.000 Erzieher werden fehlen, sagt Mitautor Thomas Rauschenbach vom Deutschen Jugendinstitut (DJI), das auch die Zahlen für den Bericht erhoben hat. Die Bertelsmann-Stiftung nennt in einer Studie vom Donnerstag noch alarmierendere Zahlen. 42.000 Erzieherinnen fehlen ab 2013, allein um den Rechtsanspruch für Kinder ab dem zweiten Lebensjahr zu erfüllen, braucht es 15.000 neue Mitarbeiter in den Tagesstätten.
Bis die ausgebildet sind, vergehen Jahre. Und eigentlich sollten viel mehr Fachkräfte an der Universität ausgebildet werden, da sind sich Fachleute wie Sell und Rauschenbach einig. Gerade einmal vier Prozent sind es zurzeit. Die aktuelle Initiative der Bundesagentur für Arbeit auf Vorschlag von Bundesarbeitsministerin Ursula von der Leyen (CDU) geht eher in die entgegengesetzte Richtung: Eilig sollen 5000 Hartz-IV-Empfänger zu Erziehern umgeschult werden.
Jetzt könnte sich rächen, dass Bund und Länder im Jahr 2007 zwar einen massiven Ausbau der Krippenplätze beschlossen, aber keine Qualitätsstandards dafür definiert haben. Erst im Jahr 2020, plant Bundesfamilienministerin Kristina Schröder (CDU), sollen wissenschaftlich fundierte Mindeststandards bundesweit per Gesetz festgelegt sein.
Durchweg zu wenig Personal in den Krippen
Doch bereits der gegenwärtige Standard wird den Bedürfnissen der Jüngsten kaum gerecht. Kein Wunder - im internationalen Vergleich gibt Deutschland wenig für die vorschulische Bildung aus: Die OECD fordert einen Anteil von einem Prozent der Wirtschaftsleistung, ein Wert, den nicht nur die Skandinavier, sondern auch Frankreich und Großbritannien locker erreichen. In Deutschland waren es 2007 hingegen nur 0,4 Prozent, für die Betreuung unter Dreijähriger gerade einmal 0,1 Prozent - achtmal weniger als Dänemark und sechsmal weniger als Frankreich.
Inzwischen ist der Anteil zwar leicht gestiegen, doch noch immer sind es neun Milliarden Euro, die dem System jedes Jahr fehlen. Und das, obwohl die Bundesrepublik im OECD-Vergleich eigentlich überdurchschnittlich viel für Familien ausgibt - nur fließt es vor allem in Eltern-, Kinder- und bald auch Betreuungsgeld, weniger in Kita-Plätze.
Die Folgen sind offensichtlich: So arbeiten Kitas flächendeckend mit zu wenigen Erziehern. Um die von der Fachwissenschaft empfohlenen und vom Bundesfamilienministerium in ihrem Zwischenbericht selbst veröffentlichten Betreuungsschlüssel (siehe Tabelle) zu erreichen, müsste rund ein Drittel mehr Personal eingestellt werden - schon ohne weiteren Ausbau benötigte man dazu theoretisch mehr als 150.000 zusätzliche Fachkräfte.
Gerade für Ein- und Zweijährige ist das kein Luxus, sondern unabdingbar, wenn wissenschaftliche Erkenntnisse über ihre Bedürfnisse ernst genommen werden. Die ganz Kleinen können noch nicht warten, um getröstet oder gewickelt zu werden. "Kinder brauchen eine enge und kontinuierliche Bezugsperson in der Betreuung, um Vertrauen aufzubauen", heißt es im Zwischenbericht des Familienministeriums.
Vollzeit statt Teilzeit als schnelle Abhilfe
Praktiker können darüber nur lächeln. "Was in den Broschüren der Bundesregierung steht, kann mit dem gegenwärtigen Betreuungsschlüssel fast unmöglich umgesetzt werden", sagt etwa Werner Eckart, Leiter einer Kita in Berlin-Schöneberg. 17 Kinder zählt die Krippengruppe dort, drei Fachkräfte sind für sie angestellt - eigentlich müssten es sechs sein. Denn im Alltag sind ohnehin meist weniger Erzieherinnen anwesend. Schließlich haben auch sie Urlaub, werden krank oder benötigen Zeit für die Vor- und Nachbereitung ihrer Arbeit.
Die Bertelsmann-Stiftung kritisiert, dass im Erziehungsbereich überdurchschnittlich viele Menschen in Teilzeit arbeiten - und erkennt hier eine Möglichkeit, den Notstand schnell zu mildern. Denn während im gesamtdeutschen Durchschnitt rund jeder dritte Beschäftigte in Teilzeit arbeitet, entscheiden sich von den Kita-Erzieherinnen 60 Prozent für diese Variante. In den neuen Bundesländern sind es sogar 75 Prozent. Mehr Anreize, in Vollzeit zu arbeiten, könnten da für Abhilfe schaffen. Die Studienautoren loben das Bundesland Thüringen, wo man es geschafft habe, den Vollzeitanteil beim Kita-Personal von 28 auf 39 Prozent anzuheben - binnen eines Jahres.
Ansonsten bleibt den Kommunen nichts weiter übrig, als in aller Eile den ohnehin niedrigen Standard weiter zu senken. Der Prozess ist in vollem Gange, etwa indem sie
- Krippenkinder verstärkt in altersgemischte Gruppen bis zu sechs Jahren stecken - bei schlechteren Personalschlüsseln.
- Ganztagesplätze in je zwei Halbtagesplätze splitten - was dem Rechtsanspruch genügen würde.
- die Großtagespflege ausweiten: Mehrere Tagesmütter schließen sich zusammen und betreuen entsprechend mehr Kinder. Das Ergebnis ist eine Art Privat-Krippe - für die allerdings viele Vorschriften nicht gelten. Auch die Anforderungen an die Qualifikation von Tagesmüttern sind weitaus niedriger.
- bestehende Gruppen bis über die Schmerzgrenze hinaus vergrößern.
- bei Neubauten die vorgegebene Raumgröße verkleinern - wie in Frankfurt am Main. Dort monierten Rechnungsprüfer, 75 Quadratmeter seien für eine Gruppe von bis zu 25 Kindern zu üppig bemessen. Andere Regionen kämen mit lediglich 52 Quadratmetern aus. Nun will Frankfurt kleinflächiger planen.
"Wir müssen über ein Moratorium reden"
Auch ein umfassendes Vollzeit-Programm dürfte die Misere nicht beenden. Der gut gemeinte Rechsanspruch führt damit zu einer drastischen Verschlechterung der Kita-Qualität. Für Kommunalpolitiker wie Boris Palmer gibt es daher nur eine Lösung: "Man wird den Rechtsanspruch vermutlich verschieben müssen", sagte der grüne Tübinger Oberbürgermeister Ende Mai im Deutschlandfunk. Die Politik wäre gut beraten, "uns dann nicht in Tausende von Rechtsprozessen zu stürzen, sondern sich eine Übergangsregelung auszudenken".
Auch Sozialwissenschaftler Sell sagt: "Wir müssen über ein Moratorium reden." Bund, Länder und Gemeinden sollten sich dann bei einem Krippengipfel auf einen Staatsvertrag mit verbindlichen Ausbauschritten und Qualitätsstandards einigen. Als Gegenleistung für die Verschiebung des Stichtags sollten dann aber bessere Personalschlüssel festgeschrieben werden.
Von einem Aussetzen des Rechtsanspruchs will Familienministerin Schröder allerdings nichts wissen - ebenso wie ihre Vorgängerin Ursula von der Leyen (CDU), die ihn 2007 durchsetzte. Nur durch diesen Druck würden schnell neue Plätze geschaffen. "Dasselbe Phänomen haben wir übrigens 1996 gehabt, als der Rechtsanspruch auf Kindergartenplätze für die größeren Kinder eingeführt wurde. Wie man sieht, hat es geklappt", sagte von der Leyen kürzlich der "Welt".
Was die Ministerin verschwieg: Fünf Wochen, bevor der Rechtsanspruch in Kraft treten sollte, hebelten ihn Bundestag und Bundesrat eilig mit einer Übergangsregelung aus. Erst drei Jahre später wurde er uneingeschränkt Wirklichkeit.
Anmerkung der Redaktion: In einer vorherigen Version dieses Artikels hieß es, es habe im Bundesgebiet im März 2011 insgesamt knapp 330.000 Betreuungsplätze für Krippenkinder gegeben. Diese Zahl bezieht sich aber ausschließlich auf Westdeutschland. Wir haben den Fehler korrigiert und bitten, diesen zu entschuldigen.
Mitarbeit: Vandad Sohrabi