08.08.2012
Bundeswehrreform
Ein Stützpunkt stirbt
Von Johannes KorgeStabsfeldwebel Röder hat den wohl traurigsten Job in Lütjenburg. Jeden Tag steht er in einer riesigen Halle und schraubt olivgrüne Monster auseinander. Im Januar hat er angefangen - bis Dezember muss er noch. Dann wird auch der letzte Unimog verladen, der letzte Lastwagen "abgesteuert" sein. Das bedeutet auf Militärdeutsch, was Normalsterbliche wohl als gigantische Haushaltsauflösung übersetzen würden.
Röder ist einer der letzten Soldaten des Flugabwehrlehrregiments 6 in der Schill-Kaserne in Lütjenburg. Hier ist die Bundeswehrreform schon angekommen. Der Standort wird aufgelöst, er stirbt. Und das hat Folgen für die Stadt.
Noch sieht es auf dem Stützpunkt beinahe aus wie immer - nur eben ohne Soldaten. Doch der zweite Blick entlarvt das Bild. Disteln brechen auf den Bürgersteigen aus den Ritzen im Pflaster. Das Gras steht höher, als es irgendein Kommandant durchgehen lassen würde. Und hinter den gewaltigen Garagentoren: keine Panzer mehr, nur noch Röder mit seiner kleinen "Wrecking Crew".
Lütjenburg bei Plön ist der erste Standort in Schleswig-Holstein, der im Zuge der Reform dichtmachen muss. Hier wird nicht mehr nur verschlankt, sondern abgeschlossen. Tausend Mann waren einmal stationiert, rund hundert sind es noch, Anfang 2013 ist endgültig Zapfenstreich. "Ich hab mich hier sauwohl gefühlt. Aber es ist, wie es ist", sagt Röder. Ein bisschen Wehmut sei schon dabei, murmelt er.
Wie Phantome huschen die Männer und Frauen im Kampfanzug an diesem heißen Julitag über das Gelände. Die Sonne brennt auf die verlassene Hindernisbahn und den leeren Sportplatz. "An die Stille muss ich mich noch gewöhnen. Früher haben wir hier jeden Tag die 'Gepard'-Panzer angeworfen. Heute ist es viel zu ruhig", sagt Oliver Eschen. Der bullige Hauptmann, Afghanistan-Veteran und nicht weit von hier aufgewachsen, arbeitet erst seit 2009 in Lütjenburg. Doch das Nest in der Nähe der Ostsee ist ihm ans Herz gewachsen. Demnächst dient er in Boostedt bei Neumünster. Die Strecke wird er wohl pendeln.
Aufbruchstimmung im Rathaus
Von Wehmut will man 800 Meter entfernt im Rathaus der Stadt nichts mehr wissen. Obwohl auch hier die Reform allgegenwärtig ist. Einen "Schlag ins Kontor" nennt Bürgermeister Lothar Ocker die Schließung der Schill-Kaserne. Auch er hat in der Vergangenheit gegen Verteidigungsminister Thomas de Maizière gewettert, der die Reform vorantreibt. Und gegen den früheren Ministerpräsidenten Peter Harry Carstensen, der sie hier im Norden geschehen ließ. "Wenn man verloren hat, sucht man schnell nach einem Schuldigen", so Ocker.
"Aber Jammern hilft nicht", sagt der CDU-Mann in seiner Amtsstube. Man habe gekämpft um die Soldaten in der selbsternannten "Garnisionsstadt mit Herz". Im November 2011 gab es einen Lichtermarsch. Wirtschaftsverbände haben mächtig getrommelt - genützt hat es nichts. Im Mai verließen die letzten der einst 32 "Gepard"-Panzer den Standort. Es könne Jahre dauern, bis man in Lütjenburg eine endgültige Verwendung für die bald leere Kaserne finde, fürchtet Ocker.
Trotzdem will der Bürgermeister im Ort eine Aufbruchstimmung erkannt haben. Aus der Schockphase seien die Lütjenburger inzwischen raus. "Es ist eigentlich fast egal, welche Industrie kommt, solange überhaupt welche kommt", sagt Ocker. Ideen gebe es jede Menge für das Areal - von der Landesgartenschau bis zur Solarfarm. Nur Abfallwirtschaft will er in seinem Ort nicht haben, "obwohl die immer Flächen sucht".
Sorge um Vereine - und um das soziale Gefüge
Nun muss eben noch das Geld her, um die dringend nötigen Arbeitsplätze zu schaffen. Denn die Bundeswehr war der größte Arbeitgeber im Ort, und die Folgen sind jetzt im Sommer, wo die Touristen die Kassen füllen, noch gar nicht absehbar. Schon jetzt liegen Arbeitslosen- und Hartz-IV-Quoten deutlich über dem Bundesschnitt.
Spürbar sind die Folgen vor allem bei Sportvereinen und anderen Institutionen der sozialen Infrastruktur. Da müssen Trainer ihre Teams im Stich lassen, weil sie nun am anderen Ende des Landes arbeiten. Plötzlich fehlen wichtige Köpfe in der Vereinspolitik. "Das trifft uns besonders hart, solche Verluste sind nicht mal eben zu kompensieren", sagt Bürgermeister Ocker.
So wie Lütjenburg ergeht es acht weiteren Gemeinden in Schleswig-Holstein. Das Verteidigungsministerium soll sparen, und die Truppe muss kleiner werden. Kein anderes Bundesland verliert mehr Standorte, rund 40 Prozent der Jobs bei der Bundeswehr fallen im Norden weg, die Gesamtzahl sinkt von rund 26.000 auf 15.300. Das heißt gerade bei Orten in strukturschwachen Regionen, in denen eine ganze Service-Industrie von den Soldaten abhängt: steigende Arbeitslosenzahlen und zerbrechende Sozialnetze.
"Sie können ja mal versuchen, Ihre Heimat aufzugeben"
Das fürchtet auch Major Rainer Precht. Eigentlich will auch er tapfere Miene zum traurigen Spiel machen, spricht von "Verständnis für Reformen" und davon, "dass das Leben als Soldat nun einmal so ist". Dass man nicht erwarten könne, sein komplettes Arbeitsleben an einem Ort zu verbringen. Dass man ständig auf Abruf sei. Doch zwischen den Durchhalteparolen bricht der Frust immer wieder durch. "Sie können ja mal versuchen, Ihre Heimat aufzugeben", sagt Precht dann. Er ist 38 Jahre alt, und fast hätte er es geschafft, das mit dem Arbeitsleben an einem Ort.
Seit mehr als zehn Jahren ist er nun in Lütjenburg stationiert, in zwei Wochen kommt sein Sohn in die Grundschule. Diese Schule soll nicht in Rheinland-Pfalz stehen, deshalb hat Precht ein Angebot von dort abgelehnt. Er sei mit seiner Familie in Schleswig-Holstein "tief verwurzelt". Jedes Wochenende Hunderte Kilometer pendeln - so wie viele der Kameraden -, das will er nicht. Wo es hingeht: Weiß er noch nicht.
Sein Blick geht zum Fahnenmast der Schill-Kaserne, die 2012 eigentlich ihr 50-jähriges Jubiläum feiern sollte. Stattdessen bleibt schon bald nur noch eine Aufgabe, sagt Major Precht: "Solange die Fahne noch weht, gibt es hier etwas zu tun. Aber im Dezember holen wir die Bundesdienstflagge ein. Und das war's dann."

