22.11.2012
Wulff-Auftritt in Heidelberg
Altbundespräsident in Ausbildung
Von Björn Hengst, HeidelbergDa steht er also auf der Bühne und sagt, dass er sich über die Einladung nach Heidelberg gefreut habe. Christian Wulff als Redner in der prächtigen Alten Aula der Heidelberger Universität. Grauer Anzug, graue Krawatte, weißes Hemd, randlose Brille, Wulff lächelt. Und trotzdem macht schon der Anfang klar, dass dies hier kein gewöhnlicher Termin ist: Der Beifall setzt nur zaghaft ein, als Wulff den Saal betritt. Blitzlichtgewitter, als er seinen Platz in der ersten Reihe eingenommen hat. Dann herrscht zunächst Stille. Ein, zwei Minuten, in denen vor allem eine Frage im Raum steht: Was er wohl sagen wird?
Wulff ist an diesem Mittwochabend einer Einladung der Hochschule für Jüdische Studien gefolgt. Monatelang war er in der Öffentlichkeit kaum wahrnehmbar, Heidelberg ist sein erster Redeauftritt nach seinem Rücktritt als Bundespräsident am 17. Februar, dem quälende Debatten über einen günstigen Hauskredit und Wulffs Nähe zu Unternehmern vorausgegangen waren.
"Sehr geehrter Herr Bundespräsident", so wird Wulff von Johannes Heil, Rektor der Hochschule, begrüßt. Man möge sich über diese Anrede nicht wundern, sagt Heil ans Publikum gewandt. "Das ist schon richtig so." Der Titel bleibe schließlich auch nach dem Ausscheiden aus dem Amt. Zwar habe die Einladung an Wulff zuletzt "unterschiedliche Reaktionen hervorgerufen", aber "eine einmal ausgesprochene Einladung gilt".
Es gab also offenbar ein gewisses Unbehagen bei manchen Heidelbergern, an der Einladung für Wulff festzuhalten. Das drückte sich wohl am Mittwoch auch im Umgang der "Rhein-Neckar-Zeitung", dem örtlichen Regionalblatt, mit dem Thema aus: Die Zeitung verzichtete auf einen Vorbericht zum Wulff-Auftritt, was eher ungewöhnlich ist. Prominente Gäste werden in der lokalen Presse normalerweise ausführlich angekündigt. Stattdessen begnügte sich die Zeitung mit einem knappen Hinweis auf der Terminseite: "Gesellschaft im Wandel - Christian Wulff, Bundespräsident 2010 bis 2012 - Heidelberger Hochschulreden, Aula der Alten Universität, 18.15 Uhr".
Als die Einladung an Wulff vor mehr als einem Jahr ausgesprochen wurde, war die Sachlage eine andere: Wulff führte im Schloss Bellevue seine Amtsgeschäfte als Staatsoberhaupt und war damit ein begehrter Redner. Wenig später folgte der Rücktritt. Noch immer laufen gegen den Niedersachsen die staatsanwaltschaftlichen Ermittlungen wegen des Verdachts der Vorteilsnahme.
Wulff schweigt weiter
Wulff schweigt in Heidelberg zu dieser Thematik. Er wolle über den "Zusammenhalt in unserem Land und die Integrationsherausforderungen" sprechen, sagt der 53-Jährige. Es ist das Thema, das ihm auch in seiner Amtszeit wichtig war, als er erklärte, dass auch der Islam zu Deutschland gehöre.
Es gebe viele Beispiele für gelungene Integration, betont Wulff, Deutschland sei "weltoffen und vielfältig". Kaum etwas habe ihn so schockiert wie die Mordserie der rechtsextremen NSU: "Ich hätte eine solche gezielte und brutale Tötung von Menschen ausländischer Herkunft nicht für möglich gehalten, auch nicht das Versagen der Ermittlungsbehörden in unserem Land."
Es ist weder eine besonders gute noch eine besonders schlechte Rede, die Wulff hält. Eher ist es eine Rede, die die Frage aufwirft, welche Rolle er künftig einnehmen wird und kann. Andere Altbundespräsidenten schrieben Bücher, hielten Vorträge. Für Wulff, an dem vorerst weiter der Ruch der Affären hängt, ist das schwierig.
Absage an die Tagespolitik
In der Tagespolitik sieht Wulff sich selbst nicht mehr. Er habe ihr "auf absehbare Zeit entsagt", erklärt er einer Frau, die ihn nach seiner Haltung zum umstrittenen Betreuungsgeld fragt. Deswegen wolle er sich dazu nicht äußern.
Wenig später folgt ein überraschender Einblick in Wulffs Gemütslage. Er habe zuletzt viel mit dem früheren US-Präsidenten Jimmy Carter gesprochen - auch deshalb, weil dieser ähnlich wie er als relativ junger Mann aus dem Amt geschieden sei. Carter habe nach dem Ende seiner Amtszeit viele "tolle Jahre" hingelegt, sagt Wulff über den Amerikaner, der unter anderem ein Zentrum für Menschenrechte gründete und als Vermittler in internationalen Krisen tätig war. Er selbst könnte also auch noch viele gute Jahre vor sich haben, sagt der Ex-Bundespräsident in Heidelberg. Derzeit stecke er in einer "Lernphase eines jungen Altbundespräsidenten".
Wulff - der Suchende. Zwar erhält er zum Abschluss seines Auftritts in Heidelberg anerkennenden Applaus, auf allzu viel Unterstützung der Bevölkerung kann der CDU-Politiker aber offenbar nicht bauen: Die Mehrheit der Deutschen empfindet ersichtlich keine großen Sympathien mehr für den Mann. In einer Forsa-Umfrage für den "Stern" gaben jetzt 86 Prozent der Befragten an, kein Mitleid mit dem tief gestürzten Politiker zu haben. Nur elf Prozent gaben an, mit Wulff mitzufühlen.
Und auch in Heidelberg reagieren manche Gäste nach der Rede eher skeptisch: Zwar könne sie sich auch künftig Denkanstöße von Wulff zur Integrationsdebatte vorstellen. Er müsse sich aber nicht unbedingt zu weiteren politischen Fragen äußern, sagte etwa die Soziologie-Studentin Johanna Berlinger. Ein älterer Mann kommentierte Wulffs Auftritt so: "Wie kann man nur so lange reden, ohne etwas zu sagen?"