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25.11.2012
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Bundesparteitag

Chef-Piraten verordnen sich Harmonie

Foto: HC Plambeck

Zwei Spitzen-Piraten, zwei Meinungen: Lange haben sie sich gezofft, jetzt wollen sie sich harmonisch als Tandem inszenieren. Wir haben Bernd Schlömer und Johannes Ponader getrennt voneinander befragt. Zu ihren persönlichen Träumen - und den Stärken und Schwächen des anderen.

Neulich waren sie sogar zusammen im Fußballstadion, auch auf dem Parteitag ist demonstrative Harmonie angesagt. Die wohl zwei wichtigsten Gesichter der Piratenpartei wollen sich zusammenraufen - und es in aller Öffentlichkeit zeigen. Parteichef Bernd Schlömer und der politische Geschäftsführer Johannes Ponader wollen den Streit der letzten Wochen vergessen machen.

Von nun an gemeinsam, lautet das Motto - dabei könnten die beiden kaum unterschiedlicher sein. Schlömer, 41 Jahre, ist Familienvater und Regierungsdirektor im Verteidigungsministerium. Johannes Ponader, 35 Jahre, kommt vom Theater und nennt sich selbst "Gesellschaftskünstler."

Die beiden prägen ganz unterschiedliche Strömungen der Piraten, die auf ihrem Parteitag weiter nach ihrem Kurs suchen. Wir haben den Ex-Streithähnen getrennt voneinander dieselben Fragen gestellt, erst Ponader, und dann Schlömer sprachen über ihre Träume - und was sie am jeweils anderen schätzen.

SPIEGEL ONLINE: Die Piraten haben seit Samstag so etwas wie ein Wirtschaftsprogramm. Mit welchen Worten erklären Sie das einer 80-jährigen Frau an einem Infostand?

Ponader: Wir fordern, dass die Wirtschaft am Menschen ausgerichtet ist. Dass der Staat dort eingreifen muss, wo der Mensch Gefahr läuft, unter die Räder zu geraten. Zugleich muss er aber ganz vorsichtig regulieren.

Schlömer: In unserem Wirtschaftsbild soll es nicht mehr in erster Linie um Gewinnmaximierung gehen, sondern auch um soziale Kriterien. Sie muss nachhaltig, gerecht und dem Gemeinwohl verpflichtet sein.

SPIEGEL ONLINE: Am Freitagabend bei der großen Aussprache haben Sie wie Berufspolitiker gesprochen. Ist Ihnen das nicht peinlich, wie die etablierten Spitzenpolitiker zu klingen?

Ponader: Herrjeh, ist es schon so schlimm? In der Politik muss man eben Sachverhalte herunterbrechen, wenn wir Beteiligung der Menschen wollen. Dadurch entstehen manchmal solche Stanzen.

Schlömer: Ich täusche das nicht vor, ich rede so. Ich gehöre zu der Sorte Mensch, die ganz stark überlegt, was er sagt. Ich versuche, erst nachzudenken, und dann zu sprechen.

SPIEGEL ONLINE: Was hat Sie bewogen, in die Piratenpartei einzutreten?

Ponader: Ich bin wenige Minuten nach Annahme eines Antrags, der das Recht auf sichere Existenz und Teilhabe jedes Menschen fordert, eingetreten. Ich bin damals im November 2010 als Nicht-Pirat zum Parteitag nach Chemnitz gefahren, dann haben wir nach erfolgreicher Annahme des Papiers gejubelt und geheult, und ich habe sofort meinen Mitgliedsantrag ausgefüllt. Später wurden dann daraus unsere Positionen zum Bedingungslosen Grundeinkommen abgeleitet.

Schlömer: Ich bin geprägt von der Debatte um den Großen Lauschangriff, Jahre vor der Gründung der Piratenpartei. Aber mich hat nie das Unverständnis darüber verlassen, dass wir insbesondere in Deutschland derartige staatliche Eingriffe von Kontrollinstanzen zulassen. Die Piraten vertreten diese Position am konsequentesten. Deshalb bin ich eingetreten.

SPIEGEL ONLINE: Für welchen Flügel der Piraten stehen Sie?

Ponader: (überlegt sehr lang) Ich vertrete alle Flügel, stehe aber persönlich dem progressiven-emanzipatorischen Flügel nahe.

Schlömer: Ich stehe für eine sozialliberale Orientierung, für ein Bekenntnis zu liberaler Innen- und Kriminalpolitik, die als Primat die Rechte für Bürger schützt.

SPIEGEL ONLINE: Was werden die Piraten nie lernen?

Ponader: Macht an sich zu reißen, sie zu umklammern und nie wieder loszulassen.

Schlömer: Offenbar können wir uns nicht von Verfahrensfragen trennen - ständig geht es mehr um die Verfahren als um das Ziel oder die Lösung.

SPIEGEL ONLINE: Was machen Sie persönlich in einem Jahr?

Ponader: Das ist total offen, ich habe noch keinen Plan. Vorstellen könnte ich mir, wenn wir in den Bundestag einziehen, in der Partei ein sinnvolles Gegengewicht zur Fraktion zu bilden.

Schlömer: Wenn wir in den Bundestag kommen, muss ich mir überlegen, wie es weitergeht. Bin ich weiter Regierungsdirektor im Verteidigungsministerium und Vorsitzender einer Partei, die im Bundestag sitzt? Oder mache ich doch was ganz anderes und erstmal den Segelschein? Das sehe ich, wenn es soweit ist.

SPIEGEL ONLINE: Was war Ihr größter Wunsch mit 18?

Ponader: Die Freiheit nach der Schulzeit zu erleben, sich in die persönliche Entfaltung zu stürzen.

Schlömer: Ich wollte einen Job mit soziologischem und kriminologischem Bezug. Gefängnisdirektor zum Beispiel.

SPIEGEL ONLINE: Wenn Sie die Welt verändern könnten, dann…

Ponader: Ich kann die Welt verändern, deswegen bin ich ja hier.

Schlömer: Würde ich dafür sorgen, dass alle ein bisschen besser auf andere Menschen Rücksicht nehmen. Und dass Politiker mehr Realitätsnähe lernen. Oh, einen egoistischen Wunsch gibt es auch noch: Dass ich mit einem Autoführerschein einen Roller mit 125 Kubik fahren darf.

SPIEGEL ONLINE: An einem schönen Sonntagabend ...

Ponader: ... verbringe ich mit Freunden Zeit, schmöker mal wieder was, treffe mich mit Leuten im Mumble. Aber bloß nicht über Politik sprechen.

Schlömer: ... liege ich auf einer Wiese und grille.

SPIEGEL ONLINE: Was ist Ihre Lieblingsband?

Ponader: Ich war immer einer der Nerds, die man auf einer Party bloßstellen konnte, wenn man gefragt wurde: Du darfst dir auch ein Lied wünschen.

Schlömer: Kraftwerk, KLF. Und Tom Waits.

SPIEGEL ONLINE: Weihnachten in der Karibik - geht das?

Ponader: Klar geht das.

Schlömer: Lieber zu Hause. Wenn woanders, dann in Skandinavien.

SPIEGEL ONLINE: Was ist die größte Stärke und Schwäche ihres Vorstandskollegen?

Ponader: Bernd kann die gegenwärtigen politischen Prozesse verständlich erklären, die die Menschen mehr und mehr ablehnen. Das kann ich nicht so gut. Ich kann eher die Piraten-.Prozesse erklären. Er macht klar, warum die Menschen die Politik, die wir jetzt kennen, nicht mehr wollen. Über seine Schwächen maße ich mir nicht an zu sprechen.

Schlömer: Er hat eine enorme Fähigkeit, durch Ausgleich und Vermittlung deeskalierend zu wirken. Das habe ich bei wenigen Menschen gesehen. Er kann Gruppen zu konstruktiven Debatten führen. Zu seinen Schwächen fällt mir gerade nichts ein.

Die beiden Interviews führten Annett Meiritz und Fabian Reinbold.

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insgesamt 60 Beiträge
1. Zwei Versager
EricCartman 25.11.2012
an der Spitze dieser Kasperletruppe. Ponader lebt schön in der Hartz IV-Hängematte und dieser Schlömer kassiert auch nur vom Steuerzahler sein Gehalt. Und diese zwei Gestalten wollen Politik machen? Lächerlich, da kann man [...]
an der Spitze dieser Kasperletruppe. Ponader lebt schön in der Hartz IV-Hängematte und dieser Schlömer kassiert auch nur vom Steuerzahler sein Gehalt. Und diese zwei Gestalten wollen Politik machen? Lächerlich, da kann man auch die Katzenberger als Kanzlerin wählen.
2.
flowpower22 25.11.2012
Wo sind denn da mal ein paar Visionäre? Wenn "echte Politik" CDU/SPD-Soße sein soll, dann Gute Nahct. Na wenigstens muss Ponader dann nicht mehr auf's Amt.
Zitat von sysopHC PlambeckZwei Spitzenpiraten, zwei Meinungen: Lange haben sie sich gezofft, jetzt wollen sie sich harmonisch als Tandem inszenieren. Wir haben Bernd Schlömer und Johannes Ponader getrennt voneinander befragt. Zu ihren persönlichen Träumen - und den Stärken und Schwächen des anderen. http://www.spiegel.de/politik/deutschland/piratenkoepfe-schloemer-und-ponader-gemischtes-doppel-a-869180.html
Wo sind denn da mal ein paar Visionäre? Wenn "echte Politik" CDU/SPD-Soße sein soll, dann Gute Nahct. Na wenigstens muss Ponader dann nicht mehr auf's Amt.
3. Sehr gute und objektive Berichterstattung über die Piratenpartei!
merapi22 25.11.2012
Ich bin eher auf Seiten von Johannes Ponader, aber das Herr Schlömer statt ein Mandat im Bundestag lieber den Segelschein machen will = super! Es braucht einen Ausgleich zwischen den verschiedenen Lagern und wir wollen Armut [...]
Ich bin eher auf Seiten von Johannes Ponader, aber das Herr Schlömer statt ein Mandat im Bundestag lieber den Segelschein machen will = super! Es braucht einen Ausgleich zwischen den verschiedenen Lagern und wir wollen Armut abschaffen aber Reichtum nicht verhindern. Das hebt uns von den Altparteien ab, die aus Deutschland am liebsten ein Niedriglohnland machen wollen! Mir wäre das BGE nach Susanne Wiest und Götz Werner das wichtigste. Da es dafür aber leider keine Mehrheit hat, hoffe ich das dieser Antrag noch angenommen wird, wo es um Lebensmittelscheine und Krieg gegen Arme im heutigen Deutschland geht! https://wiki.piratenpartei.de/Antrag:Bundesparteitag_2012.2/Antragsportal/PA259
4. Friede Freude Eierkuchen in Politkindergarten.
herr_kowalski 25.11.2012
Es ist mir allerdings schleierhaft, welche Wähler dieses Kasperltheater goutieren werden. Irgendwie hatten wir das alles aber auch schon mal. War das bei den Grünen nicht vor gefühlten 50 Jahren auch mal so? Zoff, [...]
Zitat von flowpower22Wo sind denn da mal ein paar Visionäre? Wenn "echte Politik" CDU/SPD-Soße sein soll, dann Gute Nahct. Na wenigstens muss Ponader dann nicht mehr auf's Amt.
Es ist mir allerdings schleierhaft, welche Wähler dieses Kasperltheater goutieren werden. Irgendwie hatten wir das alles aber auch schon mal. War das bei den Grünen nicht vor gefühlten 50 Jahren auch mal so? Zoff, Versöhnung, Zoff, Versöhnung, Zoff.
5. Die nächste Clique, die sich an den reich gedeckten Tischen
herr_kowalski 25.11.2012
des Steuerzahlers satt essen will. Wie wäre es denn mal mit Leuten an der Spitze, die in ihrem Leben schon mal was richtiges gearbeitet haben und deshalb nicht nur aus unfinanzierbaren Träumen bestehen ? Denen der Begriff [...]
Zitat von merapi22Ich bin eher auf Seiten von Johannes Ponader, aber das Herr Schlömer statt ein Mandat im Bundestag lieber den Segelschein machen will = super! Es braucht einen Ausgleich zwischen den verschiedenen Lagern und wir wollen Armut abschaffen aber Reichtum nicht verhindern. Das hebt uns von den Altparteien ab, die aus Deutschland am liebsten ein Niedriglohnland machen wollen! Mir wäre das BGE nach Susanne Wiest und Götz Werner das wichtigste. Da es dafür aber leider keine Mehrheit hat, hoffe ich das dieser Antrag noch angenommen wird, wo es um Lebensmittelscheine und Krieg gegen Arme im heutigen Deutschland geht! https://wiki.piratenpartei.de/Antrag:Bundesparteitag_2012.2/Antragsportal/PA259
des Steuerzahlers satt essen will. Wie wäre es denn mal mit Leuten an der Spitze, die in ihrem Leben schon mal was richtiges gearbeitet haben und deshalb nicht nur aus unfinanzierbaren Träumen bestehen ? Denen der Begriff "Verantwortung für das Gemeinwohl" was sagt.

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