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02.12.2012
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Frust über Politik

Schluss mit Streichelzoo!

Ein Debattenbeitrag von Claudia Langer
Corbis

Hochwasser in den USA: Schuld ist der Klimawandel, also wir

Klimawandel, Hunger, Krieg - das sind die Realitäten unserer Zeit, und wir kennen die Gründe dafür. Und was tun wir? Wir essen Bio oder spenden für Greenpeace. Das ist nicht genug. Unsere Zukunft ist zu wichtig, um sie konzeptlosen Politikern zu überlassen. Ein Plädoyer für mehr Empörung.

"Nein und abermals nein: so haben wir uns weder die Bundesrepublik nach vier Jahrzehnten noch das befreite, endlich wieder vereinigte Deutschland vorgestellt." Diesen markigen Satz schrieben Marion Gräfin Dönhoff, Helmut Schmidt, Edzard Reuter und weitere Autoren in ihrem Manifest "Weil das Land sich ändern muss". 1992 war das, vor 20 Jahren.

Traurig, dass er mit seiner erschreckenden Weitsichtigkeit aktueller denn je ist:

"Die Bürger sind frustriert, Regierung wie Opposition ohne Elan und ohne Vision. Das meiste wird dem Zufall überlassen. Es ist, als rase die Geschichte wie ein ungesteuerter, reißender Fluss an uns vorüber, während wir, die am Ufer stehen, die bange Frage stellen, wohin er wohl führen wird. Jeder hat den Wunsch, dass darüber nachgedacht wird, wie es vermutlich in zehn Jahren in der Welt aussehen wird, viel mehr aussehen sollte, und was wir tun müssen, um dorthin zu gelangen. Aber niemand hat ein Konzept."

Umso trauriger, dass sich das Land seitdem in seinen Grundzügen, seiner Orientierungslosigkeit und resignativen Ergebenheit kaum verändert hat. Und das obwohl sich unsere Situation in den letzten Jahren mit Finanzkrisen, Klimawandel, der sozialen Spreizung und dem erodierenden Generationenvertrag dramatisch verschlechtert hat.

Wir stehen am Ufer des reißenden Flusses und starren in die Fluten, anstatt Dämme zu bauen.

Nur aktiv werden wir nicht. Aber das müssen wir

Seien wir ehrlich, wir alle wissen, dass Dürren längst ganze Völker in die Flucht treiben. Schuld ist der Klimawandel, also wir. Wir wissen, dass unsere sozialen Systeme kollabieren - von Athen bis Lissabon fliegen die Steine, brennen die Barrikaden. Schuld ist die Gier, also wir. Wir wissen, dass Kriege unserem unstillbaren Hunger nach Rohstoffen geschuldet sind. Und was tun wir? Nichts. Wir kaufen Energiesparlampen und beruhigen unser Gewissen, essen Bio oder spenden für Greenpeace.

Nur aktiv werden wir nicht. Aber das müssen wir.

Wir verlassen uns auf unsere Politiker, von denen wir doch genau wissen, dass wir uns nicht auf sie verlassen können. Dem Wunsch des Wahlvolks nach Wohlstandserhaltung entspricht der Wunsch der Repräsentanten, der Regierungen und der Verbände nach Machterhaltung. Die Konzeptionslosigkeit hat bei den Bürgern Resignation und Missmut erzeugt, weil sie den Verdacht hegen, die Parteien stritten nur um die Macht, anstatt sich der Lösung von Problemen zu widmen.

Viel zu kuschelig ist es in der bürgerlichen Mitte. Selbst die Grünen sind zur Zielgruppen-, oder darf man sagen: Klientelpartei verkommen. Beherzter Kampf gegen den Klimawandel und seine Folgen? Fehlanzeige. Stattdessen entdecken die Grünen ihr soziales Gewissen, wogegen es nichts einzuwenden gäbe, setzten sie dabei nicht ihre ökologische DNA aufs Spiel. Die Konsequenz: Deutschland braucht eine neue grüne Partei, die sich dem Kampf gegen den Klimawandel und seinen Folgen verschreibt.

Einer müsste mal vorangehen

Wer denkt heute beherzt über das Große und Ganze nach? Wer stellt sich die Frage, wie wir unseren Kindern und Enkeln ein lebenswertes ökologisches und soziales System hinterlassen? Und vor allem: Wer hat das Format, damit auch gehört zu werden? Wer ist bereit, einen Teil seines Wohlstands zu Gunsten einer funktionierenden, harmonischen Gesellschaft abzugeben? Wir sind egoistisch und sorgen dafür, dass unser Tisch reich gedeckt ist, der Tisch der anderen interessiert uns nicht. Aber die anderen, das ist gewiss, werden sich für unseren Tisch interessieren.

Ich bin es leid, in einem Land zu leben, in dem Politiker ihre Konzeptionslosigkeit hinter Worten verstecken. Die Zukunft unserer Kinder ist zu wichtig, um sie unfähigen und unwilligen Politikern zu überlassen. Ich bin es leid, ständig Probleme auf den Tisch geknallt zu bekommen, ohne dass uns irgendjemand sagt, welche Lösungen es geben könnte und was sie uns ehrlich und aufrichtig kosten. Denn kosten werden sie, das ist klar!

Doch die Investitionen rechnen sich. Nehmen wir das Beispiel Energiewende. Unsere Regierung und die Medien reden nur über die Kosten der Energiewende, statt den verunsicherten Bürgern zu sagen, dass diese ausgezeichnete Investition schon bald dafür sorgen könnte, dass wir günstige Strompreise bekommen. Preise, die nicht auf Geheiß irgendwelcher Großkonzerne schön gerechnet werden, bei denen die Klimafolgekosten von der Allgemeinheit getragen werden.

Es gibt viel zu tun und einer "müsste mal" vorangehen. Wir müssen den sicheren Spielfeldrand verlassen und unseren Beobachter- und Kommentatorposten räumen. Wir müssen aufs Spielfeld stürmen und den Ball ins Rollen bringen. Ideen und Roadmaps sind da. Brillante Konzepte, die unser Land in puncto sozialer Wärme, Generationengerechtigkeit sowie technologischem Vorsprung nach vorne bringen. Denn vergessen wir nicht: "Grüne" Technik ist eines der großen Wachstumsgebiete und für Deutschland eine ganz besondere "business opportunity", um im Jargon der Konzerne zu bleiben. Doch dafür brauchen wir gut ausgebildete Menschen, die sich in ihrer Umwelt wohl fühlen. Soziale Kälte und gekürzte Etats bringen uns diesem Ziel jedenfalls nicht näher.

Frau Merkel hat kein Interesse an Veränderung

Dabei gibt es sie längst, die Think-Tanks, die die Lösungen aufzeigen. Ironischerweise berichtet einer der kompetentesten an Frau Merkel: der wissenschaftliche Beirat der Bundesregierung Globale Umweltveränderungen, kurz WBGU. Dessen Jahresgutachten von 2011 "Die große Transformation", gehört zum Besten, was man in den letzten Jahren lesen konnte.

Doch leider ist auch diese Gruppe brillanter Wissenschaftler von Frau Merkel zum Streichelzoo degradiert worden, der bei der Übergabe des Gutachtens kamerafreundlich über den Kopf gekrault wird, während das gesamte Gedankengut dann wieder in der Schublade verschwindet. Frau Merkel hat kein Interesse an Veränderung. Sie herrscht über die Gegenwart. Die Zukunft interessiert sie nicht, die überlässt sie dem Zufall.

Was wir brauchen ist eine Vision, eine Strategie und einen gewaltigen Ruck der durch die Gesellschaft geht. Doch was tun wir? Wir betäuben unseren Frust mit Konsum. Auch das muss gesagt werden: In der Verantwortung sind wir. Wir entscheiden, wer regiert. Welche Konzerne reich werden. Was an den Aktienmärkten mit unserem Geld geschieht. Was wir essen. Wir schauen weg, wenn Nazis wüten. Wenn Eltern ihre Kinder verhungern lassen. Wenn Banker Geld verbrennen.

Genau da müssen wir aufspringen, uns empören. Es reicht nicht, mit den Freunden abends beim Glas Wein zu lamentieren. Wir müssen handeln, raus auf die Straße. Ja, wir brauchen eine Revolution. Und die Chance kommt mit der Bundestagswahl im nächsten Jahr.

Da müssen wir sehr laut, sehr schnell und sehr viele sein.

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insgesamt 361 Beiträge
1.
headcase 02.12.2012
Substanzloses Lamentieren vom gesinnungsgrünen Stammtisch. Klimawandel, Wirtschaftskrise, Nazis. Alle Reizworte sind drin für die grüne Erektion. Wer sich "empört", aber letzlich nichts wirklich verändern will, [...]
Zitat von sysopCorbisKlimawandel, Hunger, Krieg - das sind die Realitäten unserer Zeit, und wir kennen die Gründe dafür. Und was tun wir? Wir essen Bio oder spenden für Greenpeace. Das ist nicht genug. Unsere Zukunft ist zu wichtig, um sie konzeptlosen Politikern zu überlassen. Ein Plädoyer für mehr Empörung. http://www.spiegel.de/politik/deutschland/frust-ueber-politik-ein-plaedoyer-fuer-mehr-oeffentliche-empoerung-a-870041.html
Substanzloses Lamentieren vom gesinnungsgrünen Stammtisch. Klimawandel, Wirtschaftskrise, Nazis. Alle Reizworte sind drin für die grüne Erektion. Wer sich "empört", aber letzlich nichts wirklich verändern will, liest Pamphlete wie diese und wählt dann empört und betroffen grün.
2. Bei
keppler 02.12.2012
allem Verständnis für Ihre Aufgeregtheit. Nach wie vor leben wir in Deutschland im Durchschnitt sehr gut. Was ihre Hauptsorge Klimawandel betrifft, da wird hier was getan. Jetzt reden Sie mal mit den Schwellenländern [...]
Zitat von sysopCorbisKlimawandel, Hunger, Krieg - das sind die Realitäten unserer Zeit, und wir kennen die Gründe dafür. Und was tun wir? Wir essen Bio oder spenden für Greenpeace. Das ist nicht genug. Unsere Zukunft ist zu wichtig, um sie konzeptlosen Politikern zu überlassen. Ein Plädoyer für mehr Empörung. http://www.spiegel.de/politik/deutschland/frust-ueber-politik-ein-plaedoyer-fuer-mehr-oeffentliche-empoerung-a-870041.html
allem Verständnis für Ihre Aufgeregtheit. Nach wie vor leben wir in Deutschland im Durchschnitt sehr gut. Was ihre Hauptsorge Klimawandel betrifft, da wird hier was getan. Jetzt reden Sie mal mit den Schwellenländern darüber. Die lachen ihnen ins Gesicht.
3. Wen sollte man wählen?
deb2011 02.12.2012
Es gibt die, die nichts tun. Das ist die Regierung unter Merkel. Dann gibt es eine "Opposition", die keine st (Grüne, SPD). Und dannn gibt es die Neostalinisen. Sorry, alle unwählbar.
Es gibt die, die nichts tun. Das ist die Regierung unter Merkel. Dann gibt es eine "Opposition", die keine st (Grüne, SPD). Und dannn gibt es die Neostalinisen. Sorry, alle unwählbar.
4.
kobalt55 02.12.2012
ich weiß zwar nicht was hier unter Revolution verstanden wird?Aber mit nem Kreutz bei der nächsten Bundestagswahl ist es nicht getan. Wenn etwas Neu werden soll,muß das Alte erstmal vollständig zu Bruch gehen.Rot /Grün ist [...]
ich weiß zwar nicht was hier unter Revolution verstanden wird?Aber mit nem Kreutz bei der nächsten Bundestagswahl ist es nicht getan. Wenn etwas Neu werden soll,muß das Alte erstmal vollständig zu Bruch gehen.Rot /Grün ist genau so planlos und korrupt wie die Vorgänger.Wirklich Neu hat nix mit dem Jetzt zu tun. und heißt recht unangenehm für Uns Alle.....
5.
Helotie 02.12.2012
Mode-Ideologien wie Klimaschutz sind der moderne Ablaßhandel, der das Geld in den Kasten springen läßt. WIR haben NICHTS davon! "Ideologien sind geschlossene, dogmatische Gedankensysteme, die keinen Widerspruch [...]
Zitat von sysopCorbisKlimawandel, Hunger, Krieg - das sind die Realitäten unserer Zeit, und wir kennen die Gründe dafür. Und was tun wir? Wir essen Bio oder spenden für Greenpeace. Das ist nicht genug. Unsere Zukunft ist zu wichtig, um sie konzeptlosen Politikern zu überlassen. Ein Plädoyer für mehr Empörung. http://www.spiegel.de/politik/deutschland/frust-ueber-politik-ein-plaedoyer-fuer-mehr-oeffentliche-empoerung-a-870041.html
Mode-Ideologien wie Klimaschutz sind der moderne Ablaßhandel, der das Geld in den Kasten springen läßt. WIR haben NICHTS davon! "Ideologien sind geschlossene, dogmatische Gedankensysteme, die keinen Widerspruch zulassen und Skeptiker oder Abweichler automatisch zu Ketzern und Verrätern an der quasireligiös überhöhten guten Sache stempeln." Und Sie ahnen es schon, die gute Sache ist Geld für Politik und Wirtschaft, die damit ihre Religion ad absurdum führen. Sollte man je feststellen müssen, daß unsere Sonne heißer wird, heißa was könnte man da zum Heil aller Ablaßscheine verkaufen. „Ablaß ist der Nachlaß zeitlicher Strafe vor Gott für Sünden, deren Schuld schon getilgt ist; ihn erlangt der entsprechend disponierte Gläubige unter bestimmten festgelegten Voraussetzungen durch die Hilfe der Kirche, die im Dienst an der Erlösung den Schatz der Sühneleistungen Christi und der Heiligen autoritativ verwaltet und zuwendet.“

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Zur Autorin

  • DPA
    Claudia Langer, 47, ist Unternehmerin und Gründerin der Verbraucherplattform www.utopia.de für nachhaltiges Leben und der Utopia Stiftung. In den neunziger Jahren gründete sie die Werbeagentur Start, die Kampagnen für MTV, Levi's und die Deutsche Bank entwickelte. Im Oktober erschien ihr erstes Buch "Die Generation man müsste mal".

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