04.12.2012
Neue CDU-Führungsriege
Merkel und die fünf Fragezeichen
Aus Hannover berichten Annett Meiritz und Philipp WittrockBerlin - Die Funktionäre aus Nordrhein-Westfalen schauen genau auf die Uhr. "Hamwa's?", fragt einer seinen Nachbarn, während er sich die Hände heiß klatscht. "Jo, Leipzig hamwa jetzt", ruft der zurück. Dann applaudieren sie noch kräftiger. Erst nach sieben Minuten und 45 Sekunden hören sie auf. Mission erfüllt: Die Delegierten haben ihre Parteivorsitzende nach ihrer Rede beim Bundesparteitag in Hannover lang genug gefeiert. Deutlich länger als beim gleichen Anlass vor einem Jahr.
Die CDU setzt alles auf Angela Merkel. Das ist die Botschaft, die von Hannover für das Wahlkampfjahr 2013 ausgehen soll. Warum auch nicht? Die Kanzlerin ist beliebt wie nie im Volk, die Menschen vertrauen ihr als unaufgeregte Krisenmanagerin. Mehr staatstragend als kämpferisch präsentiert sich die CDU-Chefin auch bei ihrem Auftritt in der niedersächsischen Landeshauptstadt. Nur ein paar kleine Attacken gegen die SPD und Rot-Grün setzt sie in ihrer Rede - der Rest ist Eigenlob für die "erfolgreichste Bundesregierung seit der Wiedervereinigung". Die anschließende Aussprache findet weitgehend vor leerem Saal statt - das Mittagessen ruft.
Merkel, die Unangefochtene, Merkel, die Überragende: Mit mehr als 97 Prozent wählen die rund tausend Delegierten Merkel am Nachmittag erneut zur CDU-Chefin. Ein fulminantes Ergebnis, und ein Rekord: So hat Merkel noch nie triumphiert. Vor zwei Jahren bekam sie 90,4 Prozent. Die Parteivorsitzende ist glücklich und zufrieden, mit sich und mit dem Zuspruch ihrer Partei. "Wer mich kennt, der weiß: Ich bin platt und bewegt", sagt Merkel und gibt die Losung für den Wahlkampf vor: "Ran an den Speck, wir haben viel vor."
Der Jubel über die große Geschlossenheit ist groß. Doch die Selbstgewissheit und die Konzentration auf die alles überragende Kanzlerin birgt Gefahren. Sie verstellt den Blick auf die Zukunft. Die Frage steht zwar nicht unmittelbar an, doch irgendwann wird sie beantwortet werden müssen. Wer folgt auf Merkel? Die meisten ihrer internen Rivalen haben sich verabschiedet, mehr oder weniger freiwillig. Unter den Unionsministerpräsidenten drängt sich niemand wirklich auf, der letzte Hoffnungsträger David McAllister muss in Niedersachsen den Machtverlust fürchten. Aus dem Bundeskabinett wird gelegentlich noch Verteidigungsminister Thomas de Maizière als Kanzler der Reserve gehandelt.
Nun wird der engste Führungszirkel der CDU aufgestockt und aufgefrischt. Aber ist jemand darunter, an den Merkel auf lange Sicht den Führungsstab übergeben könnte? Zumindest bleiben bei allen Fragezeichen:
Die Ambitionierte - Ursula von der Leyen
Prognose: Trotz des schwachen Ergebnisses: Von der Leyen bleibt vorerst Anwärterin Nummer eins auf die Merkel-Nachfolge - wenn sie selber will. Wichtiger denn je scheint nun allerdings, ob die Partei sie wollen würde.
Die Bodenständige - Julia Klöckner
Prognose: Klöckner könnte eine große Zukunft in der CDU vor sich haben. Allerdings wird ihr Angriff auf die Staatskanzlei in Mainz nicht einfacher, seit Beck angekündigt hat, das Zepter an Malu Dreyer zu übergeben. Klöckner wird ihr Temperament nun zügeln müssen.
Das Auslaufmodell: Volker Bouffier
Prognose: Trotz des guten Abschneidens in Hannover - Bouffier spielt mittelfristig in der CDU keine gewichtige Rolle mehr.
Die Trümmermänner: Armin Laschet und Thomas Strobl
Sowohl der Aufstieg von Laschet als auch der von Strobl stützt sich auf die Niederlage ihrer Vorgänger in den Bundesländern. Laschet übernahm den NRW-Vorsitz vom gefallenen CDU-Star Norbert Röttgen. Strobl diente der Südwest-CDU als Generalsekretär, bevor er nach Filzaffären und Intrigen Ex-Ministerpräsident Stefan Mappus beerbte.
Prognose: Laschet und Strobl dürften sich in absehbarer Zeit kaum zu bundespolitischen Schwergewichten mausern, sondern müssen daheim erst einmal Aufbauarbeit leisten: Ihre Landesverbände liegen in Trümmern, im Südwesten verlor die CDU nach einem halben Jahrhundert die Macht, in Nordrhein-Westfalen kassierte die Partei zwei Wahlschlappen hintereinander.
Mitarbeit: Merlind Theile