06.12.2012
Gaucks Antrittsbesuch im Vatikan
"Hellwacher Heiliger Vater"
Von Fiona Ehlers, RomBundespräsident Joachim Gauck sprach sehr leise, als er vor die deutsche Presse auf den Petersplatz trat. Er und seine Entourage wirkten - wohl entgegen der eigenen Erwartungen - ergriffen von dem Besuch bei seinem Landsmann, dem deutschen Papst Benedikt XVI.
Länger als geplant, eine gute Dreiviertelstunde, dauerte Gaucks Antrittsbesuch bei Papst Benedikt. Es war eine Begegnung unter vier Augen in Benedikts Privatbibliothek, wo sich beide am Papstschreibtisch gegenüber saßen. Dem Bundespräsidenten sei es wichtig gewesen, seinen Landsmann möglichst bald nach Amtsantritt zu treffen, ließ Schloss Bellevue schon vorab verlauten, es werde bei dem Gespräch um die aktuelle Krisensituation in Europa und die Rolle Deutschlands gehen, vielleicht auch um die angespannte Lage in Nahost.
Er komme nicht nur als Staatsoberhaupt, er komme "vor allem als Mensch und als Christ", sagte Gauck dem Heiligen Vater zu Beginn, als sich beide die Hände schüttelten.
Viel ist bekannt über das intensive Verhältnis des verstorbenen Papstes Johannes Paul II. mit polnischen Pfarrern und politischen Dissidenten. Über das Verhältnis zwischen dem ehemaligen protestantischen Pfarrer und Widerstandskämpfer gegen das kommunistische Regime der DDR aus der Neubausiedlung in Rostock mit dem Papst aus Marktl am Inn jedoch kaum etwas. Es schien, als schraubte der Bundespräsident seine Erwartungen zurück, als wolle er die Begegnung auf sich zukommen lassen, ohne Agenda durch die heiligen Stätten wandern, lieber offen sein und zugewandt und ein Zeichen setzen für seine Verbundenheit mit den deutschen Katholiken.
Gauck wirkte tief bewegt
Am Vormittag jedoch, vor der Privataudienz, wirkte Gauck tiefbewegt. Er ließ sich durch den Petersdom führen, verweilte länger als geplant und mit gesenktem Kopf am Grab von Johannes Paul II. Dort, steht zu vermuten, müssen ihn dann doch so etwas wie heilige Gefühle ereilt haben, anders als kurz nach dem Mauerfall, als der ostdeutsche Pfarrer das erste Mal den Petersdom besucht hatte und nicht sehr ergriffen gewesen war, wie er am Vorabend recht nüchtern betonte.
Nach der Visite sprach Gauck von "einem herzlichen Einverständnis", er habe einen "hellwachen Heiligen Vater" erlebt, der weniger gezeichnet "von der Bürde seines Amtes" gewesen sei als vermutet - und bestens vorbereitet auf seinen Gast aus Deutschland und dessen Rolle als Pfarrer in der DDR. Bücher wurden ausgetauscht, Gauck schenkte dem Papst seine Gauck-Biografie, der Papst überreichte ihm sein gerade erst erschienenes Jesus-Buch. Insgesamt sei es weniger um Differenzen der beiden Kirchen gegangen als um das, was sie verbindet. Trotz unterschiedlicher Herkunft teilen die beiden Deutschen die Gewissheit, betonte Gauck, "dass die Welt etwas verliert, wenn sie Gott verliert".
Nicht über alles habe man sprechen können, sagte Gauck, über Europa und die Rolle Deutschlands in der Krise, das schon, über die im Jahr 2017 anstehenden Gedenkfeierlichkeiten zu 500 Jahren Reformation hingegen nicht: "Der Name Wittenberg ist nicht gefallen, der Name des Philosophen Jürgen Habermas aber schon."
Antrittsbesuch eines Staatsmanns bei einem anderen
Insgesamt, so sagte es Joachim Gauck in seiner wohltuenden Klarheit, habe sich das Oberhaupt der Katholiken nicht "triumphalistisch" gegeben, das sei sehr angenehm gewesen für ihn als Protestanten.
Es war ein Antrittsbesuch eines Staatsmanns bei einem anderen. Am liebsten wäre es Gauck gewiss gewesen, wenn sich beide Landsmänner ohne die Last ihrer beider Ämter begegnet wären, von Mensch zu Mensch, zwei Theologen verbunden in der Sorge um die Zukunft des Glaubens. Ein wenig, so wirkte es nach der 45-minütigen Audienz, scheint es dazu gekommen zu sein.

