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19.12.2012
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Propagandavideo

Salafisten drohen mit Geiselnahmen

Von , Düsseldorf
DPA

Verurteilter Messerstecher Murat K.: "Die Deutschen sind zum Greifen nah"

In einem verstörenden Propagandavideo rufen Gefolgsleute des Bonner Messerstechers Murat K. dazu auf, den Häftling freizupressen. Zu diesem Zweck sollen Deutsche als Geiseln genommen werden. Sicherheitsexperten nehmen den Film ernst - man prüfe dessen Hintergründe.

Der Film dauert genau drei Minuten und zwölf Sekunden und huldigt einem Mann, den ein Bonner Richter als "Prototyp eines Fanatikers" und als "brandgefährlich" beschrieben hat: Murat K. sitzt mittlerweile für sechs Jahre im Gefängnis, weil er im Mai 2012 in Bonn zwei Polizisten mit einem Messer schwer verletzt hatte. Jetzt aber wollen Unterstützer den militanten Salafisten freipressen.

In dem auf einer Islamistenseite im Netz veröffentlichten Video für den "Löwen Murat K.", das zuerst der Deutschen Presse-Agentur auffiel, rufen Anhänger des 26-Jährigen zu schweren Straftaten auf. Demnach sollen Deutsche als Geiseln genommen und anschließend gegen K. ausgetauscht werden.

"Wir werden niemals ruhen, ehe wir dich nicht aus deiner Gefangenschaft befreit haben", heißt es in dem Film. "Jeder Beleidiger des Gesandten wird geschlachtet, ob fern oder nah. Und wisse, oh Bruder, die Deutschen sind auch zum Greifen nah. Wir werden sie gefangen nehmen, bis du frei bist für deine edle Tat." Die Botschaft, die unter dem Zeichen der Globalen Islamischen Medienfront verbreitet wird, spricht ein Mann in einfachem Deutsch mit ausländischem Akzent. Nach SPIEGEL-ONLINE-Informationen handelt es sich dabei um den Berliner Ex-Rapper und Islamisten Denis Cuspert alias Deso Dogg, der im Frühsommer abgetaucht war.

Aus Sicherheitskreisen verlautete, man nehme den Film ernst und prüfe dessen Hintergründe. "Solche Videos können gewaltbereite Salafisten weiter anstacheln. Deshalb haben die Behörden die Protagonisten dieser Szene weiter stark im Visier", so der nordrhein-westfälische Innenminister Ralf Jäger (SPD). Man sei wachsam. Ein Sprecher der Bundesanwaltschaft sagte, die Veröffentlichung des Videos sei bekannt. Die Sequenzen würden derzeit sorgfältig analysiert. Auch die Staatsanwaltschaft Bonn, die für die Strafvollstreckung von Murat K. zuständig ist, ist über den Streifen informiert.

Trotz, Stolz, Ignoranz

Die 3. Große Strafkammer des Landgerichts Bonn hatte den aus dem hessischen Sontra stammende Murat K. im Oktober 2012 wegen gefährlicher Körperverletzung, Landfriedensbruch und Widerstands gegen Vollstreckungsbeamte zu einer langjährigen Freiheitsstrafe verurteilt.

Trotz, Stolz, Ignoranz - das war die Mischung, mit der K. im Verfahren seinen Angriff auf die Polizisten verteidigte und dabei keinerlei Reue erkennen ließ: "Wer den Propheten beleidigt, verdient die Todesstrafe", so K. Für die beiden schwer verletzten Beamten, auf die er während einer Demonstration gegen eine Kundgebung der rechtsextremen Splitterpartei Pro NRW losgegangen war, fand er kein Wort der Entschuldigung, im Gegenteil, der Extremist rechtfertigte seine Angriffe. Der Staat habe es erlaubt, dass die Mohammed-Karikaturen gezeigt würden und deshalb sei es die Pflicht jedes rechtgläubigen Muslims gewesen, dessen Repräsentanten anzugreifen. Die Polizisten hätten ihren Dienst "ja verweigern können", rechtfertigte K. auf krude Weise seinen Handlungen.

Selbst seinem Verteidiger, dem erfahrenen Düsseldorfer Rechtsanwalt Johannes Pausch, war es kaum möglich, Murat K.s radikale Weltanschauung zu verstehen. Der Jurist, der bereits unter anderem einen Kofferbomber von Köln, ein Mitglied der Sauerlandgruppe und einen Angeklagten der Düsseldorfer Zelle vertrat, sagte in dem Prozess: "Mir ist es nicht in großem Ausmaß gelungen, in die Gedankenwelt meines Mandanten einzudringen."

Auch der Vorsitzende Richter scheiterte an den logischen Brüchen in K.s Ausführungen. So räumte der Angeklagte etwa auf Nachfrage ein, am Tattag weder die empörenden Karikaturen selbst gesehen, noch jemals einen Originaltext studiert zu haben, in dem die Todesstrafe für die Beleidigung des Propheten verordnet worden wäre. Er habe sein Wissen von anderen Muslimen und aus dem Internet, so K. Dass er also in Wahrheit gar nichts wusste, sondern nur den Darstellungen anderer glaubte, dass sich seine radikalen Taten auf ein ziemlich wackeliges Gedankenfundament stützten, war für Murat K. kein Problem.

Mohammed-Karikatur im Portemonnaie

Besonders absurd erschien der Umstand, dass der Salafist an dem Tag, an dem er wegen der in seinen Augen so empörenden und beleidigenden Bilder zwei Polizisten verletzte, in seinem Portemonnaie ein Flugblatt aufbewahrte, auf dem die Mohammed-Karikaturen ebenfalls abgebildet waren. Ja, er habe das aus dem Internet ausgedruckt, erklärte K., und es sei "ein bisschen dumm gewesen, das nicht zu zerreißen".

Der ideologische Tunnelblick, den K. vor Gericht offenbarte, dieses Ausblenden aller Zweifel und jeglicher Argumente, ist wohl am ehesten mit seiner Biografie zu erklären. Murat K. wuchs als eines von drei Kindern türkischer Einwanderer im hessischen Sontra auf. Schon als Teenager geriet er auf die schiefe Bahn, brach ein, nahm Drogen, überfiel Kioske, prügelte sich in Straßenbahnen und klaute Handys. "Ich war kein guter Mensch", sagte K., doch sei daran auch die Gesellschaft schuld gewesen: "Mir wurden Alkohol gegeben und Zigaretten. Die Sachen wurden mir so hingestellt."

Die Aktivisten der Globalen Islamischen Medienfront wiederum gehörten zu den Ersten, die 2006 die Propaganda von al-Qaida und Co. auf Deutsch zugänglich machten. Einer der Gründer war der Islamist Mohamed Mahmoud, ein Österreicher mit ägyptischen Wurzeln, der wenig später wegen der Produktion eines Drohvideos verurteilt wurde. Mahmoud tauchte schließlich in Solingen auf, bis der Bundesinnenminister die dortige Vereinigung Millatu Ibrahim im Mai 2012 verbot. Sicherheitskreise gehen davon aus, dass sich Mahmoud inzwischen im östlichen Libyen aufhält.

Ein zweites aktuelles Video Cusperts, der vorübergehend ebenfalls bei Millatu Ibrahim aktiv war, enthält offenbar ein islamistisches Kampflied. Darin soll sich der Extremist unter anderem auf den Bundeswehreinsatz in Afghanistan beziehen.

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