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20.12.2012
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S.P.O.N. - Der Schwarze Kanal

Deutsche Apokalyptiker Partei

Eine Kolumne von Jan Fleischhauer

Es ist leicht, sich über die Maya-Anhänger lustig zu machen, aber uns trennt von ihnen weniger, als man meinen sollte. In Deutschland sitzen die Apokalyptiker sogar im Parlament. Ihr Kultort heißt Grafenrheinfeld statt Chichén Itzá.

Eine Vorhersage aus gegebenem Anlass: Morgen wird kein schöner Tag für alle Anhänger des Maya-Kalenders. Wer sein Leben auf der Annahme des nahenden Weltuntergangs begründet, hat anschließend einige Schwierigkeiten, wenn die Prophezeiung ausbleibt. Das fängt mit ganz praktischen Dingen wie den Steuern an, die man in der Erwartung des Großereignisses nicht mehr entrichtet hat. Oder zahlen auch Apokalyptiker bis zum Ende brav in die Rentenkasse ein?

Egal. In jedem Fall steht man ziemlich belämmert da, wenn es dann doch weiter geht. Die Zeugen Jehovas mussten schon mehrfach ihre Vorhersage des Weltendes korrigieren. Es hat ihre Glaubwürdigkeit nicht wirklich verbessert.

Bevor wir uns über die Hinterwäldler erheben, die lieber an Deutungen des Kalenders eines untergegangenen Dschungelvolkes glauben als an die gregorianische Zeitrechnung, ein Wort der Besinnung, passend zum Weihnachtsfest, das nun hoffentlich unbeschadet aller anderweitigen Voraussagen über die Bühne gehen kann: Auch uns ist die Untergangslust nicht fremd, ganz im Gegenteil. Bei uns haben die Untergangspropheten sogar eine eingetragene Partei. Unsere Maya heißen "die Grünen". Ihre Kultstätten stehen nicht als Pyramiden im Urwald, sondern finden sich übers Land verstreut als graue Betonkugeln, in denen das ewige Feuer brennt. Ihre Namen sind Grafenrheinfeld und Neckarwestheim statt Palenque und Chichén Itzá.

Das Zentrum jeder Glaubensbewegung bildet die Aussicht auf ein Endreich, in dem die Anhänger ihren gerechten Lohn erhalten, das gilt für politische Missionsgruppierungen genauso wie für die eher traditionellen Erweckungskulte. Für den Umweltgläubigen ist das Neue Jerusalem ein Land, in dem nichts mehr raucht und strahlt, in dem die Menschen brav ihr Biobrot kauen und die Kühe glücklich im Schatten der Windräder grasen.

Vor dem Eintritt ins Paradies liegt allerdings eine Zeit der Pein, auch "Große Trübsal" genannt, von der erst das Endgericht Erlösung verspricht. Das Weltende ist gekommen, wenn die Meere über die Ufer treten, sich der Himmel mit Stürmen verdüstert und die Menschen gegeneinander aufstehen. So steht es in allen apokalyptischen Schriften, von der Johannes-Offenbarung bis zum Bericht des "Club of Rome".

Öko als Kult

Den Autoren Maxeiner und Miersch gebührt das Verdienst, zum ersten Mal auf den Glaubenscharakter der ökologischen Welt hingewiesen zu haben. Wer wie die beiden auf die religiösen Untertöne achtet, erkennt viele Parallelen. Das ewige Leben findet in der unablässigen Recycling-Schleife seine Entsprechung, die Buße erfolgt in Form des Dosenpfandes, und anstelle des Abendmahls festigen Lichterkette und Sitzblockade die Gemeinschaft der Gläubigen.

Auch das Nahrungstabu, das rein und unrein trennt, hat in dieser Welt selbstverständlich einen zentralen Platz: "Bio" ist so gesehen nichts anderes als "koscher". "Es gibt keinen wissenschaftlichen Nachweis, dass gentechnikfreie Lebensmittel, oder solche, die nach den Richtlinien der Ökoverbände erzeugt wurden, gesünder oder nahrhafter seien. Erlösung verspricht einzig der 'ökologische Kreislauf', der die individuelle Vergänglichkeit in den ewigen Zirkel der Natur transzendiert."

Wer Zweifel hat an der religiösen Dimension des modernen Umweltbewusstseins, muss einen Jünger des biologischen Glaubens nur einmal bei der Zubereitung seines Frühstücks beobachten. Richtig vollzogen, nimmt diese rituelle Handlung leicht eine halbe Stunde ein. Das beginnt mit dem Ei, bei dem zu wählen ist, ob es aus Bodenhaltung oder Freigehege stammt. Der Saft kann nicht von irgendwelchen Orangen kommen, sondern nur aus fair gepressten. Bei der Wahl der Kaffeebohne ist zu entscheiden, ob sie aus einer kolumbianischen Fraueninitiative bezogen werden soll, oder besser doch aus einer Kooperative ehemaliger peruanischer Drogenkuriere, die nun in einem Uno-geförderten Projekt in die Kunst des schonenden Röstens eingeführt werden.

Wann ist Schluss? Wir haben noch Zeit bis 2060

Eigenartigerweise bringt die Anhänger des Ökologismus kaum etwas so verlässlich auf die Palme wie der Hinweis auf die religiöse Dimension ihrer Überzeugungen. Vor ein paar Wochen rief mich eine Frau von Greenpeace Energy an und fragte, ob ich Zeit hätte, auf einer Konferenz zur Energiewende an einer Podiumsdiskussion teilzunehmen. Vermutlich dachten die Veranstalter, sie sollten bei ihrem Kongress für etwas Abwechslung sorgen.

Das hat dann auch ganz gut funktioniert, soweit ich das beurteilen kann. Ich musste nur meine Thesen über den Umweltglauben als Religionsersatz vortragen, und schon stand der Saal Kopf. Es gehe hier nicht um Glauben, sondern um Wissen, wurde mir entgegengehalten. Die meisten Menschen empfinden es offenbar als Beleidigung, wenn man sie in die Nähe des religiösen Millenarismus rückt, dabei lässt sich der heilige Ernst, mit dem bei uns seit Fukushima die Energiewende betrieben wird, nur erklären, wenn man ihn als Bekehrungserfahrung versteht.

Das Problem aller chiliastischen Bewegungen ist die Terminierung des erwarteten Weltendes, wie man bei den Maya-Deutern sehen kann, das gilt auch für den Ökologismus. In den frühen siebziger Jahren wurde das Weltende auf die Jahrtausendwende gelegt: Im Jahr 2000 sollten alle Ressourcen verbraucht, alle Bäume gestorben und die Welt dafür restlos überbevölkert sein. Im Augenblick ist das Weltende von den Hohepriestern der Ökobewegung für das Jahr 2060 angekündigt, wenn die Klimakatastrophe das Leben auf unserem Planeten endgültig in eine Hölle auf Erden verwandelt hat.

Der grüne Adventismus hat also noch etwas Zeit bis zur Stunde der Wahrheit.

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insgesamt 286 Beiträge
1.
LouisWu 20.12.2012
Fleischhauer hat recht. Die merkwürdige Ähnlichkeit zwischen Ökobewegung und Religion wurde schon 2010 in der "Psychologie heute" behandelt: Natur die neue Religion?. www.psychologie-heute.de [...]
Fleischhauer hat recht. Die merkwürdige Ähnlichkeit zwischen Ökobewegung und Religion wurde schon 2010 in der "Psychologie heute" behandelt: Natur die neue Religion?. www.psychologie-heute.de (http://www.psychologie-heute.de/archiv/detailansicht/news/natur_die_neue_religion/)
2. optional
Mehrleser 20.12.2012
Ja, es ist leicht und für Herrn Fleischhauer bestimmt auch befreiend, sich über "den" grünen Öko lustig zu machen. Netterweise liefert er das Zerrbild eines Konservativen, der es bis heute nicht verarbeitet hat, [...]
Ja, es ist leicht und für Herrn Fleischhauer bestimmt auch befreiend, sich über "den" grünen Öko lustig zu machen. Netterweise liefert er das Zerrbild eines Konservativen, der es bis heute nicht verarbeitet hat, nicht in der Jungen Union sein zu dürfen, gleich mit. Danke dafür.
3. Nicht ganz falsch, aber...
dingodog 20.12.2012
Sicher nicht ganz falsch, muss ich als langjähriger Grünwähler zugeben. Allerdings ist das Detail, dass 1970 der ökologische Weltuntergang auf 2000 gelegt wurde, falsch, sofern sich das auf den Club of Rome bezieht. So [...]
Zitat von sysopEs ist leicht, sich über die Maya-Anhänger lustig zu machen, aber uns trennt von ihnen weniger, als man meinen sollte. In Deutschland haben die Apokalyptiker sogar eine eigene Partei. Ihr Kultort heißt Grafenrheinfeld statt Chichén Itzá. http://www.spiegel.de/politik/deutschland/jan-fleischhauer-ueber-die-untergangslust-der-deutschen-a-874084.html
Sicher nicht ganz falsch, muss ich als langjähriger Grünwähler zugeben. Allerdings ist das Detail, dass 1970 der ökologische Weltuntergang auf 2000 gelegt wurde, falsch, sofern sich das auf den Club of Rome bezieht. So wie ich die Modelle verstehe, kommt der Peak in den meisten Modellrechnungen später, ca. 2030, und bisher folgt die Realität gut den Modellen. Auf 2060 würde ich auch nichts terminieren. Das Problem ist die Gewöhnung an den Ist-Zustand. Wenn man um 1912 die heutige Zeit so beschrieben hätte, wie sie ist, mit 7 Milliarden Menschen, Zersiedelung, Naturzerstörung, CO2-Zunahme, Atomwaffen, aber auch mit den positiven Aspekten, hätte man trotzdem als Apokalyptiker gegolten. Ein apokalyptisches Szenario für 2060 würde 2055 wahrscheinlich nicht mehr als Apokalypse gelten, sondern nur als pessimistisch-realistische Beschreibung der Realität. Für die Generation nach der Pest war die Pest vielleicht auch nicht die Apokalypse, sondern schlechte Erinnerung, und die Apokalypse war immer noch in der Zukunft. Und was Religion angeht - hat der Glaube an den Markt, der alles richten wird, nicht auch etwas religiöses? Und der Glaube an die Unbeschränktheit der Ressourcen ist genauso irrational wie der Glaube an die Unbefleckte Empfängnis.
4. Tja Herr Fleischhauer
agua 20.12.2012
ich bin zwar gegen KKW,aber auch gegen Dogmatismus.Somit kann ich Ihrem Artikel zustimmen.In diesem Sinne wuensche ich ein frohes Weihnachtsfest(in Ihrem Sinne).
ich bin zwar gegen KKW,aber auch gegen Dogmatismus.Somit kann ich Ihrem Artikel zustimmen.In diesem Sinne wuensche ich ein frohes Weihnachtsfest(in Ihrem Sinne).
5.
LouisWu 20.12.2012
Es lohnt sich auch, die Grundsatzerklärung des WBGU ("Wissenschaftlicher Beirat globale Umweltveränderungen", Schellnhuber/Rahmstorf et al.) aufmerksam zu lesen - besonders das, was nicht darin steht. Es wird so etwas [...]
Es lohnt sich auch, die Grundsatzerklärung des WBGU ("Wissenschaftlicher Beirat globale Umweltveränderungen", Schellnhuber/Rahmstorf et al.) aufmerksam zu lesen - besonders das, was nicht darin steht. Es wird so etwas wie ein "Ermächtigungsgesetz" angeregt, das die Vorgehensweise gegen (sicher vorhandene) Gegner der angestrebten "großen Transformation" offen läßt. Man kann sich ohne allzuviel Phantasie allerdings denken, wie das laufen könnte. :-( http://www.wbgu.de/fileadmin/templates/dateien/veroeffentlichungen/hauptgutachten/jg2011/wbgu_jg2011_ZfE.pdf

Jan Fleischhauer

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REUTERS/ INAH
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