Lade Daten...
22.12.2012
Schrift:
-
+

Wahlkampf in Niedersachsen

Invasion der Hauptstädter

Von , und
DPA

SPD-Kandidat Steinbrück auf dem Weihnachtsmarkt in Hannover: Es geht um viel

Die Landtagswahl in Niedersachsen gilt als Testlauf für den Bund, die Polit-Prominenz wirft sich in die Schlacht wie selten. Bei Dutzenden Auftritten wollen Angela Merkel, Peer Steinbrück und Co. um Wähler werben. Hilfe, die Berliner kommen!

Berlin - In der letzten Woche vor dem Wahltermin gibt es wirklich kein Entkommen mehr. CDU-Chefin Angela Merkel ist in Stadthagen, Hildesheim, Osnabrück, Stade und Oldenburg anzutreffen. Die SPD schickt Peer Steinbrück, Sigmar Gabriel, Frank-Walter Steinmeier und andere durch die Lande zwischen Cuxhaven und Göttingen, zwischen Bad Bentheim und Uelzen. Für die Grünen sind Claudia Roth, Cem Özdemir, Jürgen Trittin und Winfried Kretschmann unterwegs. Sie könnten dabei den FDP-Größen Philipp Rösler, Guido Westerwelle oder Daniel Bahr in die Quere kommen. Oder auch Gregor Gysi und Sahra Wagenknecht von der Linken.

Ja, Anfang des Jahres können Sie in die hinterste Ecke des schönen Niedersachsens fahren, irgendein namhafter Politiker wird wohl schon da sein. Schließlich ist die Landtagswahl am 20. Januar ein großer Testlauf: Knapp über sechs Millionen Wähler sollen ein Signal geben für die Bundestagswahl im Herbst. Schafft Ministerpräsident David McAllister (CDU) die Neuauflage der Koalition mit der FDP, für Angela Merkel wäre es das Zeichen: Schwarz-Gelb kann doch noch gewinnen. Gewinnt Rot-Grün, werden SPD und Grüne über Rückenwind für die Operation Machtwechsel in Berlin jubeln.

Es geht also um viel - und darum wirft sich die politische Prominenz aus Berlin und dem Rest der Republik wie selten zuvor in den Wahlkampf im Nordwesten. In der kurzen heißen Phase vor dem Wahltermin wird Niedersachsen regelrecht überrannt - die Hauptstadt verlegt ihren Betrieb vorübergehend in das flächenmäßig zweitgrößte Bundesland.

Sieben Merkel-Auftritte in drei Wochen

Allein die Bundeskanzlerin und CDU-Vorsitzende plant binnen drei Wochen sieben große Auftritte gemeinsam mit Spitzenkandidat McAllister. Zum Auftakt bringt Merkel gleich die ganze Führungsriege mit. Am 5. Januar trifft sich der Bundesvorstand zur Klausurtagung in Wilhelmshaven und verbindet das traditionell mit einer "Ausschwärmaktion". CDU-Bundesminister, Ministerpräsidenten, der Generalsekretär und der Chef der Bundestagsfraktion überschwemmen das Land von Achim-Bierden bis Garrel-Beverbruch.

Auch wenn die Union in Niedersachsen wohl die FDP braucht, um die Staatskanzlei in Hannover zu halten - gemeinsame Veranstaltungen von Merkel und FDP-Chef Rösler sind entgegen anderslautenden Berichten derzeit nicht geplant. Rösler muss auf eigene Rechnung kämpfen, und für den Wirtschaftsminister und Vizekanzler geht in seiner Heimat um alles oder nichts. Fliegen die Liberalen aus dem Landtag, ist er den Job des FDP-Vorsitzenden los - und möglicherweise auch sein Ministeramt.

Rösler legt sich mächtig ins Zeug, schon in den vergangenen Wochen besichtigte er zahlreiche Unternehmen, zwischen dem 10. und 18. Januar bestreitet er sechs größere Wahlkampfveranstaltungen. Unterstützung bekommt der überregional weitgehend unbekannte FDP-Spitzenmann Stefan Birkner auch von Außenminister Westerwelle, Gesundheitsminister Bahr und Fraktionschef Rainer Brüderle. Auch Lästermaul Wolfgang Kubicki, der die FDP im Frühjahr 2012 in Schleswig-Holstein über acht Prozent hievte, darf mithelfen, dass seine Partei nicht "vor die Hunde geht", wie er es ausdrückt. Ob's was bringt? Keine Umfrage sieht die FDP derzeit im Parlament.

Voller Einsatz der Genossen

Zur Freude der SPD: Die Sozialdemokraten schicken besonders viel Prominenz nach Niedersachsen. Kanzlerkandidat Steinbrück hat sich für etliche Termine angesagt, auch Parteichef Gabriel reist ein paar Tage kreuz und quer durchs Land. Mehr als 30 Wahlkampfauftritte der Bundesspitze sind auf einem Faltblatt aus der Parteizentrale in Hannover vermerkt. Jene Termine, die eigenständig von den Bezirken organisiert werden, sind noch nicht einmal dazugezählt.

Das große Engagement der Genossen hat einen Grund: Für die SPD ist die Landtagswahl so etwas wie die letzte Chance im Kampf gegen Angela Merkel. Sollte Hannover kippen und Spitzenkandidat Stephan Weil neuer Ministerpräsident werden, könnte sich auch im Bund die Stimmung drehen, so das Kalkül von Steinbrück und Genossen. Mit einer breiten rot-grünen Bundesratsmehrheit ließe sich auf die Kanzlerin neuer Druck entfalten. Seit Wochen sind die Sozialdemokraten deshalb bemüht, die Landtagswahl zur Vorentscheidung über die Bundestagswahl zu stilisieren.

Das ist hoch gepokert. Denn sollte Niedersachsen schiefgehen, ließe sich das von der Gegenseite leicht als Beleg dafür interpretieren, dass Rot-Grün nicht gewollt wird. Wo dann für Steinbrück noch der Schwung für einen Machtwechsel in Berlin herkommen soll, können dieser Tage nicht einmal die optimistischsten Sozialdemokraten sagen.

Auf jeden Fall muss der grüne Wunschpartner ein starkes Ergebnis einfahren - im Bund genauso wie in Niedersachsen. Dank der allseits doppelt besetzten Spitzenposten kann sich die Grünen-Bundesprominenz die Termine im Landtagswahlkampf gut aufteilen. Die Parteichefs Özdemir und Roth tingeln genauso durchs Land wie die Spitzenkandidaten für die Bundestagswahl, Katrin Göring-Eckhardt und Fraktionschef Trittin. "Wahlkampfhöhepunkt" soll der Auftritt des einzigen Grünen-Ministerpräsidenten Kretschmann am 17. Januar in Hannover sein.

Drei Tage später, um 18 Uhr, wird dann klar sein, für wen sich der ganze Aufwand gelohnt hat. Die einen klopfen sich auf die Schulter, die anderen lecken ihre Wunden. Auf jeden Fall wird sich der Promi-Tross dann wieder nach Berlin zurückgezogen haben, im Land kehrt Ruhe ein. Und egal wie die Wahl ausgeht, mancher Niedersachse wird darüber nicht unglücklich sein.

Empfehlen

MEHR AUF SPIEGEL ONLINE

Verwandte Themen

 

Wahl-O-Mat Niedersachsen

Artikel

News verfolgen

Lassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten:

alles aus der Rubrik Politik
Twitter RSS
alles zum Thema Landtagswahl in Niedersachsen 2013
RSS

© SPIEGEL ONLINE 2014 Alle Rechte vorbehalten