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04.01.2013
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Thierse-Debatte

Wenn Deutsche Deutsche hassen

Von und
imago

Graffiti in der Hauptstadt: Berliner kämpfen gegen Zugezogene

Das Hickhack zwischen Schwaben und Wolfgang Thierse in Berlin ist nur eines von vielen Beispielen für den täglichen Kleinkrieg: In der Gesellschaft beharken sich Kinderreiche und Kinderlose, Städter und Reihenhausbewohner, Auto- und Radfahrer. Wer hasst wen? Der Überblick.

Hamburg/Berlin - Wolfgang Thierse soll das jetzt täglich auf den Tisch bekommen, ob er nun mag oder nicht - so jedenfalls stellt sich das Friedrich Rentschler vor: Der oberschwäbische Pharma-Unternehmer hat dem Bundestagsvizepräsidenten nach dessen Schwaben-Lästereien ein Abonnement der "Schwäbischen Zeitung" geschenkt.

Es ist aber nicht alles lustig, was der SPD-Politiker zuletzt zu hören bekam. Der von ihm geäußerte Unmut darüber, dass er bei Bäckern in Berlin "nicht mehr Schrippe, sondern Weckle oder Wecken sagen soll", hat eine Debatte über Stadtkultur und Lokalpatriotismus ausgelöst, die mitunter mit scharfen Vorwürfen und abschätzigen Urteilen geführt wird: "Ich hätte von Herrn Thierse erwartet, dass er toleranter ist. Aber das, was er äußert, ist mehr oder minder Fremdenhass", schreibt etwa ein Leser im SPIEGEL-ONLINE-Forum. Ein anderer befand einfach nur: "Geblubber eines Zottels."

Was ist los, dass ein paar Sätze über Schrippen und Wecken zu einem Aufschrei führen? Oder dass sich Entwicklungshilfeminister Dirk Niebel, Spitzenkandidat der baden-württembergischen FDP bei der kommenden Bundestagswahl, zu dem Satz hinreißen lässt, Schwaben in Berlin würden zum modernen Deutschland weitaus besser passen "als mancher pietistische Zickenbart"?

Die Menschen in Deutschland, man kann das zum Glück so sagen, leben grundsätzlich sehr entspannt und friedlich miteinander. "Die traditionellen Konfliktlinien zwischen Stadt und Land, rechts und links, religiösen und säkularen Gruppen haben sich in Deutschland in den vergangenen Jahrzehnten stark abgeschwächt", sagt der Konfliktforscher Dieter Rucht. Stattdessen gebe es "vielschichtigere Konflikte, die allerdings weniger tief gehen und keine große soziale Sprengkraft mehr haben".

Deutsche Gehässigkeiten - so kann man es wohl nennen, was sich hierzulande oft im Alltag niederschlägt. Manchmal genügt dafür ein Satz über Schrippen und Wecken oder eine andere Kleinigkeit. Es ist die deutsche Mentalität des Sich-Beäugens, des Besserwissens, des Abwertens von Andersdenkenden. Eine Übersicht über die größten Konflikte.

DPA

Verbotslogos für Kinderwagen in Berliner Café: Wunsch nach kinderfreier Zone

Kein lautes Gezanke, kein Rumgetobe: Offenbar wächst der Wunsch vieler Deutscher nach kinderfreien Zonen. In mehreren Städten haben Gastronomiebetreiber den Nachwuchs nach draußen verbannt. In Berlin-Prenzlauer Berg sorgte zuletzt ein Cafébesitzer für Schlagzeilen, weil er im Eingangsbereich einen Poller aufbauen ließ, so dass Kinderwagen nicht mehr durchkommen. Das Ganze klingt nach harmlosem Kleinklein, hat aber einen anderen Hintergrund: Für viele Deutsche scheint Kinderhaben nicht Normalität, sondern Lebensstil. Genauso wie Nicht-Kinderhaben. Entsprechend rigoros wird die jeweils andere Seite beäugt und angegangen. Kinderlose müssen sich oft Ratschläge und Nachfragen gefallen lassen, werden als egoistisch bezeichnet. Junge CDU-Abgeordnete regten jüngst an, dass Kinderlose eine Abgabe zahlen sollen. Und wer viele Kinder hat, der gilt leicht als asozial und hat es in Deutschland finanziell schwer: Der Staat fördert über das Ehegattensplitting steuerlich nicht Kinderreichtum, sondern Ehen. Hinzu kommt oft eine kinderfeindliche Atmosphäre. Hausbesitzer vermieten lieber an kinderlose Paare. Auf die vielen Bürger, die vor Gerichten gegen Kinderlärm klagten, fand die Bundesregierung Anfang 2011 immerhin eine Antwort: Im geänderten Bundesimmissionsschutzgesetz heißt es nun, dass Kinderlärm "im Regelfall keine schädliche Umwelteinwirkung" sei.

dapd

Seniorinnen bei Spaziergang: Weniger OPs für Ältere, weil es oft nicht sinnvoll ist?

Die Deutschen werden immer älter - in den nächsten Jahren wird die junge und mittlere Generation viel Kraft aufbringen müssen, um ihre Eltern und Großeltern auch finanziell durchzubringen. Wie groß das Aufregungspotential ist, zeigt sich auch in politischen Forderungen. Gesundheitsminister Daniel Bahr (FDP) verlangte im vergangenen Jahr, OPs für Senioren sollten eingedämmt werden, nicht alle seien sinnvoll und könnten deshalb nicht mehr von den Krankenkassen bezahlt werden. Dahinter steckt der Gedanke: Die Gesellschaft kann sich nicht mehr alle Gebrechen der Alten leisten. "Es gibt bei Vertretern der jungen Generation eine durchaus neue Sorge, dass die älteste Generation ihnen Ressourcen streitig macht, die sie selbst gut gebrauchen könnten", sagt der Forscher Klaus Hurrelmann. Umgekehrt hätten die über 60-jährigen Deutschen ein klischeehaft schlechtes Bild von der jüngsten Generation - hielten sie für verdorben, dächten, dass sie die Gesellschaft zerstörten. Grundsätzlich konstatiert Hurrelmann zwischen den Generationen allerdings einen historisch neuen und sehr eindeutigen Trend zur Harmonie. "Die Enkel schätzen ihre Großeltern als Aufbaugeneration extrem hoch und vor allem die jüngste Generation und deren Eltern sind heute oft ein Herz und eine Seele". Das gehe so weit, dass Jugendliche ihre Eltern als Modell nähmen und ihre Einstellungen und Auffassungen teilten, so Hurrelmann.

DPA

Rad- und Autofahrer: Rüpeleien im Straßenverkehr

Es ist längst zu einer Art Kleinkrieg geworden, was sich täglich auf unseren Straßen abspielt, vor allem in Großstädten: auf der einen Seite die Radfahrer, auf der anderen die Autofahrer. Wer in Berlin, Hamburg oder einer anderen Großstadt zur Rushhour an verkehrsreichen Kreuzungen steht, wird früher oder später fast zwangsläufig Zeuge von Szenen, die in etwa so gehen: Ein Autofahrer mogelt sich trotz roter Ampel noch ein Stück nach vorn in die Schlange, ein kreuzender Radfahrer fühlt sich von ihm behindert, brüllt derbe Unfreundlichkeiten Richtung Autofahrer oder trommelt im Vorbeifahren mit der Hand über das Autodach. Manche sind völlig in Rage - der Kommentar in einem Forum zum Zusammenstoß eines Radfahrers mit einem Auto: "Haste nachgetreten? Finalen Rettungsschuss gesetzt? Zwei Warnschüsse in den Rücken? Radfahrer muss man ausrotten, wo immer und wann immer man sie trifft."

DPA

Mutter mit kleinem Kind: Rabenmutter-gegen-Hausmütterchen-Debatte

"Und, arbeitest du schon wieder?" Selten wird diese Frage vollkommen ohne Hintergedanken gestellt. Arbeitet die Mutter 40 Wochenstunden, was ist denn dann mit dem Kind? Nimmt es nicht Schaden? Ist sie noch zu Hause, obwohl das Kind schon zwei ist? Da muss die Mutter ja eine Glucke sein, das Kind wird bestimmt verstockt und unselbständig. Die Rabenmutter-gegen-Hausmütterchendebatte wird in Deutschland hoch ideologisch geführt. Für viele sind Kinderkrippen und Kitas noch immer ein menschenfeindliches DDR-Relikt. Ex-"taz"-Chefredakteurin Bascha Mika hingegen lästerte über Mittelschichtsmütter, die sich statt zu arbeiten von ihrem Mann versorgen lassen und den ganzen Tag Latte Macchiato schlürfen würden. Aber es bleibt festzuhalten: Die Frauen, die nach der Geburt ihrer Kinder lange aussetzen oder nur Teilzeit arbeiten, sind zumindest in Westdeutschland anders als in vielen anderen europäischen Ländern in der Übermacht. Das Bundesinstitut für Bevölkerungsforschung hat zuletzt die Gründe für die niedrigen Geburtenraten in Deutschland untersucht und ist zu dem Schluss gekommen, dass ein Grund dafür die mangelnde Anerkennung berufstätiger Mütter sei. Das kulturelle Leitbild definiere eine "gute Mutter" nach wie vor als eine, die zu Hause bei den Kindern bleibe, heißt es. Politisch begleitet wird diese Haltung durch das von der Bundesregierung beschlossene Betreuungsgeld für alle, die ihre Kleinkinder nicht in eine Kita geben.

DPA

Aktion für fleischlose Ernährung: Beim Thema Essen verstehen viele Deutsche keinen Spaß

Konsumieren, Essen, Reisen - Menschen mit bewusstem Lebensstil haben oft wenig Achtung übrig für die, die ihren Strom noch von den großen Konzernen beziehen, bei Aldi einkaufen und einmal im Jahr nach Mallorca fliegen - und umgekehrt. Es geht dann nicht nur um Geschmacks- und Ästhetikfragen, sondern vorzugsweise gleich um die Rettung der Welt. Den einen zumindest. Die anderen halten die mülltrennenden Nachbarn für hysterische Spinner. Wenn es um die Umwelt, Tofu oder Braten geht, verstehen viele Deutsche keinen Spaß. Zumindest was den Umweltschutz angeht, sind die Fronten aber viel unklarer, als viele es gerne hätten. Denn in Wirklichkeit sind oft gerade die Großstädter, die so gerne im Biomarkt kaufen und beim Ökoversandhandel bestellen, die sogenannten "Lohas" (Lifestyles of Health and Sustainability), in Wahrheit die viel größeren Ökosünder. Das hat zum Beispiel der Umweltökonom Michael Bilharz ausgerechnet. So lebt die arme, alleinstehende Rentnerin am vorbildlichsten - bescheiden in ihrer kleinen Wohnung, mit alten Möbeln, ohne Auto und nimmt höchstens mal an einer Kaffeefahrt teil.

dapd

Häusersiedlung: Abschätziger Blick auf Vorstädter

Manchmal werden die Mitbürger schon wegen des falschen Autokennzeichens stigmatisiert - blöde Witze gibt es zuhauf. Kennzeichen von Tauberbischofsheim TBB = Tausend blöde Bauern, Kennzeichen von Pinneberg nahe Hamburg PI = pennt immer. In der Umgebung von Köln gelten die Besitzer von Bergheimer Nummernschildern als Raser. Häufig steckt hinter diesen Kalauern der abschätzige Blick der Großstädter auf die Vorstädter, die ihr Reihenhäuschen im Grünen bewohnen, kulturell nicht beflissen sind - und deren Jugend am Wochenende mit dem tiefergelegten Golf GTI die Partymeilen der Metropolen bevölkert. Die Stadtrand- oder Landbewohner halten es hingegen für unglaublich, dass Eltern ihren Nachwuchs ohne Garten in einem Mietshaus aufziehen. Früher unterschieden sich die Bewohner von Stadt und Land auch ziemlich zuverlässig durch ihre politische Einstellung: Die Dörfler wählten rechts, die Städter links. Dieses Muster ist aufgeweicht.

DPA

Käfer und Trabbi: Vorurteile auch noch im 24. Jahr nach der Wende

Ost- und Westdeutsche sind sich näher gekommen, aber auch im 24. Jahr nach der Wiedervereinigung gibt es noch immer Vorbehalte - in Teilen der Bevölkerung. So würden Westdeutsche unter einigen Ostdeutschen als weniger sozial, als überheblich und arrogant gesehen, umgekehrt glaubten manche Westdeutsche, dass Ostdeutsche immer noch der DDR nachtrauerten und eigentlich nicht wirklich in der modernen Lebenswelt angekommen seien, sagt der Soziologe Dieter Rucht. Stellvertretend dafür steht wohl die Atmosphäre in der Linkspartei, einem Konstrukt aus ostdeutscher PDS und westdeutscher WASG. Nach monatelangem Streit zwischen ost- und westdeutschen Genossen beklagte sich Bundestagsfraktionschef Gregor Gysi auf dem Göttinger Parteitag der Linken im Juni 2012: "Es tut mir leid, aber eine bestimmte Kritik von Mitgliedern aus den alten Bundesländern erinnert mich an die westliche Arroganz bei der Vereinigung unseres Landes." Die wohl schärfsten Töne im Konflikt zwischen Deutschen in Ost und West in der jüngsten Vergangenheit kamen von westdeutschen Bürgermeistern, deren Kommunen unter massiven Schulden leiden - sie forderten ein Ende des Solidarpakts. "Der Solidarpakt Ost ist ein perverses System, das keinerlei inhaltiche Rechtfertigung mehr hat", sagte Dortmunds Oberbürgermeister Ullrich Sierau (SPD) im März 2012. Die Kommunen im Osten seien "so gut aufgestellt, dass die dort doch gar nicht mehr wissen, wohin mit dem Geld".

Getty Images

Straßenkreuzung in Berlin-Prenzlauer Berg: Furcht vor sozialer Verdängung

Der SPD-Mann Thierse hat neben der Schrippen-Problematik ein ernsteres Thema angesprochen - die Verdrängung von sozial Schwachen aus den Innenstadtbezirken. Das ist in Prenzlauer Berg so, so passiert es seit einigen Jahren in Berlin-Neukölln, wo die Mieten parallel zur Entstehung hipper Bars steigen, oder in Hamburg-Wilhelmsburg - in allen deutschen Großstädten eben. Aber nicht nur die wirklich Einheimischen und an den Rand Gedrängten, auch die, die eigentlich selbst zugezogen sind, empören sich gerne über die ganz Neuen. Seit einigen Tagen kursiert eine launige ausgedachte Wohnungsannonce in sozialen Netzwerken. Darin heißt es: "Supernette Familie sucht was hier im Geheimtippviertel zum Gentrifizieren." "Papa Leonhard, mittelerfolgreicher Unternehmensberater aus Stuttgart, Mama Nora" sowie die drei Kinder "Wenzel, Korbinian und Louise-Sophie" suchen nach einer Altbauimmobilie mit Stellplätzen für "Mamas Mini" und "Papas Panamera" und weiterem Stellplatz, um die "Kisten mit den zu klein gewordenen Fred-Perry-Hemden" der Kinder unterzubringen.

Wenn es nur überall so lustig zuginge.

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