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06.01.2013
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S.P.O.N. - Der Schwarze Kanal

Der Fall Augstein

Eine Kolumne von Jan Fleischhauer

Was bringt ein renommiertes Institut wie das Simon-Wiesenthal-Zentrum dazu, einen SPIEGEL-ONLINE-Kolumnisten unter die zehn schlimmsten Antisemiten einzureihen? Die Erklärung liegt in den Gesetzen der Aufmerksamkeitsökonomie.

Ich arbeite also an der Seite eines weltbekannten Antisemiten. Meine Texte erscheinen in einem Verlag, der zu 24 Prozent ihm und seinen Geschwistern gehört. Seit zwei Jahren, seit Einrichtung dieser Kolumne, pflegen wir einen freundschaftlichen Umgang. Das heißt, ich arbeite nicht nur mit einem bekannten Judenfeind zusammen, ich bin ihm über das normale Berufsverhältnis hinaus verbunden.

Ich könnte jetzt sagen, dass ich von allem nichts gemerkt habe. Dass ich genauso überrascht und schockiert bin wie vermutlich viele Leser. Aber was sagt das über mich? Bin ich am Ende vielleicht selber jemand, der Juden hasst, ohne es sich einzugestehen?

Folgt man dem in Los Angeles beheimateten Simon-Wiesenthal-Zentrum, dann ist der Befund eindeutig. Mein Mitkolumnist Jakob Augstein ist nicht nur irgendein Antisemit, er ist sogar einer der gefährlichsten und einflussreichsten Vertreter dieser Welt des Hasses: ein "major player", eine entscheidende Größe, wie Rabbi Abraham Cooper vom Wiesenthal-Zentrum vergangene Woche im Deutschlandfunk feststellte.

Die Geschichte gehört ins weite Reich des Absurden

Soll ich das wirklich ernst nehmen? Soll ich annehmen, dass Augstein die Juden für das Übel der Welt hält? Dass er insgeheim glaubt, dass wir alle besser dran wären, wenn sie weniger Einfluss hätten oder überhaupt ganz aus ihrem Staat verschwinden würden, wie es die islamischen Fundamentalisten herbeisehnen? Muss ich das nächste Mal, wenn ich bei Augstein zu Gast bin, vor dem Essen nachsehen, ob sich im Buchregal die "Protokolle der Weisen von Zion" befinden oder eine Ausgabe von "Mein Kampf"?

Das Erfreuliche an der Geschichte ist, dass nahezu alle, die sich in den vergangenen Tagen damit beschäftigt haben, die Sache dahin verwiesen haben, wo sie hingehört: ins weite Reich des Absurden. Selbst der Zentralrat der Juden in Deutschland, der nun wirklich andere Dinge zu tun hat, als Journalisten Unbedenklichkeitserklärungen auszustellen, kam zu einem klaren Urteil: "Ich habe einiges von ihm gelesen, es war nicht sehr viel. Ich hatte nie den Eindruck, dass das, was er geschrieben hat, antisemitisch ist", erklärte Vizepräsident Salomon Korn. Nur in der "Welt" sieht man die Dinge weiterhin anders, was aber auch daran liegen mag, dass man den "Welt"-Kolumnisten Henryk Broder, der in diesem Streit keine unwesentliche Rolle spielt, nicht im Regen stehen lassen will.

Wie lässt es sich erklären, dass ein Institut, das wegen seiner Suche nach den letzten Altnazis weltweit Respekt genießt, auf die Idee kommt, jemanden wie Augstein in eine Reihe mit dem iranischen Atombomben-Fanatiker Ahmadinedschad, den ägyptischen Muslimbrüdern oder dem amerikanischen Hetzprediger Louis Farrakhan zu stellen? Wobei in letzterem Fall noch anzumerken wäre, dass der Führer der "Nation of Islam" und Träger des "Internationalen Gaddafi-Preises für Menschenrechte" einen Platz hinter Augstein rangiert, der Verleger des "Freitag" und S.P.O.N.-Kolumnist also selbst diesem notorischen Antisemiten und Rassisten den Rang abgelaufen hat.

Wissen, wie man die Leute bei der Stange hält

Man muss die Gesetze der Aufmerksamkeitsökonomie kennen, um den Fall zu begreifen. Auch der Einsatz für die gute Sache läuft nicht von allein. Wer die Welt verbessern (und dabei seine Organisation am Leben halten) will, braucht Anerkennung, Mitglieder, Spenden. Je spektakulärer die Gefahr, vor der es zu warnen gilt, desto sicherer die Anteilnahme des Publikums. "Wie viele amerikanische Organisationen lebt das Wiesenthal-Zentrum von Drittmitteln", hat der Historiker Michael Wolffsohn, der das Institut gut kennt, in einem Interview erklärt. "Ich darf daran erinnern, das Wiesenthal-Zentrum hat bereits nach dem Fall der Mauer, also Ende 1989, vom 'Vierten Reich' gesprochen und die große Gefahr an die Wand gemalt, dass nun ein vereinigtes Deutschland wieder die Juden insgesamt vernichten wollte, würde, werde."

Schon die Erfindung einer Top-Ten-Liste weist auf die Nähe zum Unterhaltungsgewerbe hin, wo man weiß, wie man die Leute bei der Stange hält: die größten Flops der Filmgeschichte, die furchtbarsten Kleiderpannen - oder eben die schlimmsten Judenhasser. Ich weiß nicht, ob es für Augstein ein Trost ist, aber das Wiesenthal-Zentrum ist auch in der Vergangenheit ziemlich großzügig bei der Verleihung seiner Antisemitismus-Medaille vorgegangen.

Auch schon mal auf der Liste: Oliver Stone, Twitter, Facebook, Yahoo

In 2010 stand der Filmemacher Oliver Stone wegen irgendwelcher Bemerkungen auf der Liste, die man im Zentrum als judenfeindlich empfand; dazu Twitter, Facebook und Yahoo, weil sich auf ihren Seiten auch echte Antisemiten tummeln.

Das Problem bei dieser Art von Wettstreit ist die Eskalierungsdynamik. Es gibt immer jemanden, der einen überbieten kann. Wenn ein Antisemitismus-Experte behauptet, dass jeder zweite Deutsche ein Nazi sei, kommt nächste Woche Tuvia Tenenbom und erklärt acht von zehn dazu. Irgendwann ist man am Ende. Bei 100 Prozent gibt es keine Steigerung mehr, es sei denn, man buddelt noch welche aus und erweckt sie wieder zum Leben.

Der SPIEGEL hat vergangene Woche versucht, ein Streitgespräch zwischen Augstein und Rabbi Cooper zu arrangieren. Warum nicht den beiden Kontrahenten die Gelegenheit geben, ihren Standpunkt deutlich zu machen? Das war die Idee. Meinem Kollegen Clemens Höges, der das Auslandressort leitet, fiel die Aufgabe zu, alles Erforderliche in die Wege zu leiten.

Auf keinen Fall Augstein die Hand geben

Es gibt für Gespräche im SPIEGEL eine bewährte Praxis. Man bringt die Gesprächspartner an einem neutralen Ort zusammen; am Ende steht eine Fassung, die beiden vor Drucklegung zur Autorisierung zugeht. Es ist ein seit über 60 Jahren eingeübtes Verfahren, das bislang mit allen Größen der Welt funktioniert hat - nur leider nicht mit Rabbi Abraham Cooper.

Höges beschreibt im neuen SPIEGEL die sich über mehrere Tage hinziehenden Verhandlungen. Zunächst müsse eine öffentliche Entschuldigung her, verlangte Cooper, ein Schuldeingeständnis des von ihm Gelisteten. Dann bestand er auf getrennten Orten: Er wolle auf keinen Fall Augstein die Hand geben oder auch nur eine Sekunde mit ihm in einem Zimmer verbringen.

Als der SPIEGEL nach Rücksprache Letzteres garantierte, forderte der Rabbi einen unabhängigen Fragesteller als Beisitzer. Ich weiß nicht, was ihm vorschwebte: ein Gesandter der KSZE, ein Mitarbeiter der Menschenrechtskommission der Uno? In jedem Fall beschloss Höges an dieser Stelle, das Unternehmen abzubrechen. Muss man noch erwähnen, dass der Mitbegründer des Wiesenthal-Centers den Namen des Mannes, den sie dort gerade zum deutschen Ahmadinedschad erklärt haben, kontinuierlich falsch schrieb?

Nicht nur mit eingebildeten oder echten Nazis steht man in Los Angeles auf Kriegsfuß, sondern offenbar auch mit der freien Presse. Aber vielleicht ist ja ab einem gewissen Punkt alles irgendwie gleich.

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