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09.01.2013
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Antisemitismus-Debatte

Jüdisches Zentrum relativiert Vorwürfe gegen Augstein

DPA

Journalist Augstein (im November 2012): Neue Aussagen aus den USA

Das Simon-Wiesenthal-Center differenziert seine Antisemitismus-Vorwürfe gegen Jakob Augstein - zumindest ein wenig. Der Journalist äußere sich zwar kritisch über Israel, sei dadurch aber nicht automatisch ein Juden-Hasser. Entschuldigen müsse er sich für die Aussagen trotzdem.

Los Angeles - Mit seiner Platzierung des SPIEGEL-ONLINE-Kolumnisten Jakob Augstein auf der Liste der zehn übelsten Antisemiten hatte das Simon-Wiesenthal-Center eine Kontroverse ausgelöst. Deutsche Politiker und auch der Zentralrat der Juden waren dem Publizisten beigesprungen. Nun hat das amerikanische Zentrum seinen Vorwurf gegen Augstein differenziert. In der Rangliste seien israelkritische Äußerungen Augsteins zu den zehn schlimmsten weltweit gezählt worden - das bedeute aber nicht automatisch, dass Augstein ein Antisemit sei.

"Wir sprechen nicht von der Person, sondern von den Zitaten", stellte der für die Liste mitverantwortliche Rabbiner Abraham Cooper im Gespräch mit der Nachrichtenagentur dpa am Dienstag klar. Das Zentrum rechtfertigte Augsteins Platzierung vor allem mit dessen Beiträgen auf SPIEGEL ONLINE, in denen er die israelische Regierung teilweise kritisiert.

Wie über Augstein zu urteilen sei, hänge letztlich von dessen Reaktion auf die Vorwürfe ab. "Sprechen wir von antisemitischen Äußerungen, bei denen sich die Person vielleicht gar nicht bewusst war, eine Grenze zu überschreiten? Oder geht es um jemanden mit einem Antisemitismus-Problem - der sich dieses Problems bisher gar nicht bewusst war -, oder sprechen wir von einem Antisemiten?" Augstein habe es gewissermaßen selbst in der Hand, sagte Cooper. "Soweit ich weiß, hat er sich zu den Details noch nicht geäußert, aber genau darauf schauen wir. (...) Er hat sich noch nicht entschuldigt."

Der SPIEGEL hatte Cooper in der vergangenen Woche zu einem Streitgespräch mit Augstein gebeten, doch dazu war der Rabbiner nicht bereit: "Ich werde nicht teilnehmen an irgendeiner Diskussion von Angesicht zu Angesicht - egal ob im selben Zimmer oder digital übertragen -, solange sich Herr Augstein nicht entschuldigt hat."

Die US-Menschenrechtsorganisation hatte die Aufnahme Augsteins in die Top-Ten-Liste mit mehreren Zitaten belegt. Darin schließt sich der 45-Jährige der Einschätzung des Literatur-Nobelpreisträgers Günter Grass an, die Atommacht Israel sei eine Gefahr für den Weltfrieden. Zudem vergleicht er die ultraorthodoxen Juden in Israel mit islamischen Fundamentalisten.

Unterstützung aus der Politik und vom Zentralrat

Der Zentralrat der Juden in Deutschland hatte sich von den Vorwürfen gegen Augstein distanziert und dem Simon-Wiesenthal-Center unzureichende Recherche vorgeworfen.

Auch der Linken-Fraktionschef Gregor Gysi und die CDU-Bundesvize Julia Klöckner hatten Augstein gegen die Angriffe aus Übersee verteidigt. Gysi nannte den Herausgeber der linken Wochenzeitung "Der Freitag" einen herausragenden und kritischen Journalisten, der teils berechtigte, teils unberechtigte Kritik an der Politik der israelischen Regierung übe. Klöckner sagte: "Wenn jemand in einer freien Gesellschaft Regierungen kritisiert, ist das sein gutes Recht." Wenn man daraus Antisemitismus ableitete, sei das sehr gewagt.

jok/dpa

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