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11.01.2013
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Antisemitismus-Debatte

Broder entschuldigt sich für Augstein-Beleidigung

Der Journalist Henryk Broder hat sich teilweise für Beleidigungen entschuldigt, die er im Antisemitismus-Streit gegenüber SPIEGEL-ONLINE-Kolumnist Jakob Augstein geäußert hat. Nun meint Broder: "Das war vollends daneben."

Hamburg - Henryk M. Broder sagt sorry. In einem Artikel, der am späten Freitagnachmittag bei Welt.de erschien, schreibt der Publizist, er wolle sich für seine "Dramatisierungen" entschuldigen. Broder hatte über SPIEGEL-ONLINE-Kolumnist Jakob Augstein unter anderem gesagt, dieser bereite "propagandistisch die nächste Endlösung der Judenfrage vor - diesmal in Palästina". Diesen Satz hätten ihm Kollegen wie Leser übelgenommen. Nun schreibt er dazu: "Auch ich schieße im Eifer des Gefechts schon mal über das Ziel hinaus."

Und weiter:

"Ich habe über Jakob Augstein auch geschrieben, er sei 'der kleine Streicher von nebenan(...), der nur Dank der Gnade der späten Geburt um die Gelegenheit gekommen ist, im Reichssicherheitshauptamt Karriere zu machen'. Das war vollends daneben. (...) Jakob Augstein ist weder ein kleiner noch ein großer Streicher, er verlegt nicht den 'Stürmer', sondern den 'Freitag', er ist verantwortlich für das, was er heute macht, und nicht für das, was er in einem anderen Leben möglicherweise gemacht oder nicht gemacht hätte. (...) Ich habe solche Dramatisierungen bei anderen immer kritisiert. Und nun bin ich in dieselbe Falle getappt. Dafür entschuldige ich mich. Und nur dafür."

Das Simon-Wiesenthal-Zentrum hatte Augstein zuvor auf die Liste der zehn übelsten Antisemiten gesetzt, sich wenig später allerdings differenzierter geäußert: Es gehe um die Zitate, nicht um Personen. In der Rangliste seien israelkritische Äußerungen Augsteins zu den zehn schlimmsten weltweit gezählt worden - das bedeute aber nicht automatisch, dass Augstein ein Antisemit sei, sagte der für die Liste mitverantwortliche Rabbiner Abraham Cooper am Dienstag. Das Zentrum rechtfertigte Augsteins Platzierung vor allem mit dessen Beiträgen auf SPIEGEL ONLINE, in denen er die israelische Regierung teilweise kritisiert.

Die Aufnahme Augsteins in die Top-Ten-Liste belegte die Gruppe um Cooper mit mehreren Zitaten. Darin schließt sich der 45-jährige Autor der Einschätzung des Literaturnobelpreisträgers Günter Grass an, die Atommacht Israel sei eine Gefahr für den Weltfrieden. Zudem vergleicht er die ultraorthodoxen Juden in Israel mit islamischen Fundamentalisten.

Der Zentralrat der Juden in Deutschland hatte sich von den Vorwürfen gegen Augstein distanziert und dem Simon-Wiesenthal-Center unzureichende Recherche vorgeworfen. Die Amerikaner seien in das Fahrwasser Broders geraten, der als Polemiker bekannt sei, sagte Salomon Korn, Vizepräsident des Zentralrats, dazu. "Man kann nicht immer alles wörtlich nehmen, was er sagt, und man kann auch nicht immer alles ernst nehmen, was er sagt."

Auch der Linken-Fraktionschef Gregor Gysi und die CDU-Bundesvize Julia Klöckner hatten Augstein gegen die Angriffe aus Übersee verteidigt. Gysi nannte den Herausgeber der linken Wochenzeitung "Der Freitag" einen herausragenden und kritischen Journalisten, der teils berechtigte, teils unberechtigte Kritik an der Politik der israelischen Regierung übe. Klöckner sagte: "Wenn jemand in einer freien Gesellschaft Regierungen kritisiert, ist das sein gutes Recht." Wenn man daraus Antisemitismus ableitete, sei das sehr gewagt.

Der SPIEGEL hatte Cooper in der vergangenen Woche zu einem Streitgespräch mit Augstein gebeten, doch dazu war der Rabbiner nicht bereit.

ffr

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