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18.01.2013
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Ghostwriter-Vorwurf gegen Buschkowsky

"Völliger Quark"

Von
dapd

Buschkowsky-Bestseller "Neukölln ist überall": "Eine Frage von Fleiß und Disziplin"

Mit "Neukölln ist überall" hat Heinz Buschkowsky einen Bestseller gelandet. Nun wehrt sich der Berliner Bezirksbürgermeister gegen Vorwürfe, er habe für das Buch seine Mitarbeiter eingespannt. Im Interview spricht der SPD-Mann über Helfer, Missgunst - und warum er sein eigenes Büro mietete.

Berlin - Hat er sein Buch gar nicht selbst geschrieben? Schwere Vorwürfe werden gegen Heinz Buschkowsky, Bürgermeister von Berlin-Neukölln, und seinen Bestseller "Neukölln ist überall" erhoben. Auf Antrag der Berliner Zeitung "Der Tagesspiegel" erging ein Verwaltungsgerichtsurteil gegen sein eigenes Bezirksamt. Demnach muss das Amt Auskunft erteilen, ob Mitarbeiter im Rathaus Neukölln an Buschkowskys umstrittenem Buch mitgearbeitet haben und wenn ja, ob dies während der amtlichen Arbeitszeit geschah.

Auf SPIEGEL ONLINE äußert sich Berlins prominentester Bezirksbürgermeister erstmals zu den Vorwürfen.

SPIEGEL ONLINE: Herr Buschkowsky, gegen Sie werden massive Verdächtigungen über das Entstehen Ihres Bestsellers "Neukölln ist überall" erhoben.

Buschkowsky: Wo Erfolg ist, stellt sich auch Missgunst ein. Vor allem ein Journalist arbeitet sich an mir bereits seit Jahren ab, allerdings geht er mit seinen angeblichen Fakten recht freizügig um.

SPIEGEL ONLINE: Aber die Vorwürfe sind hart, es heißt, dass Sie Teile des Buches gar nicht selbst geschrieben haben, sondern städtische Mitarbeiter im Rathaus Neukölln die eigentlichen Verfasser von Texten sind?

Buschkowsky: Das ist völliger Quark. Jeder, der meine Sprache kennt, erkennt sie im Buch wieder. "Neukölln ist überall" ist von Anfang bis Ende mein intellektuelles Produkt. Es gab keinerlei Ghostwriter oder Hilfsautoren.

SPIEGEL ONLINE: Jetzt mal raus mit der Sprache: Hat der Steuerzahler Ihr Buch mitfinanziert?

Buschkowsky: Ich habe jede Büroklammer und jedes Blatt Papier dem Bezirksamt bezahlt. Ich habe mir einen Laptop gegen Geld geliehen und sogar für die Wochenenden, an denen ich im Büro am Buch gearbeitet habe, die ortsübliche Miete bezahlt, viel korrekter geht's kaum. Ich weiß nicht, wie viele Bürgermeister in Deutschland schon einmal ihr Büro gemietet haben. Im Gegenzug habe ich dem Bezirksamt noch nie Miete für den Gebrauch meines Arbeitszimmers zu Hause in Rechnung gestellt, wenn ich dort für mein Amt Akten bearbeitet habe und Rücksprachen speziell von Journalisten von morgens um 6 bis 0 Uhr erledigt habe. Auch auf das Krankenbett und das Krankenhaus wird dabei keine Rücksicht genommen.

SPIEGEL ONLINE: Warum haben Sie einen Laptop beim Bezirksamt gemietet und nicht einen eigenen mitgebracht?

Buschkowsky: Weil die Verwendung von privater Hardware im Rathaus verboten ist.

SPIEGEL ONLINE: Hatten Sie denn nun Helfershelfer oder nicht?

Buschkowsky: Natürlich hatte ich Zuarbeiter für Recherche, Texterfassung, Korrekturlesen oder ähnliche Hilfsarbeiten. Da habe ich auch nie ein Hehl draus gemacht. Es sind Menschen, die ihren Hauptjob außerhalb des Bezirksamts haben, aber auch Mitarbeiter des Bezirksamts.

SPIEGEL ONLINE: Letztere haben für Sie gearbeitet, obwohl sie ihr Gehalt vom Steuerzahler erhielten?

Buschkowsky: Natürlich nicht. Für die Tätigkeit habe ich ein Honorar aus meiner Tasche bezahlt, und die Verträge beinhalten ausdrücklich, dass die Arbeiten außerhalb des Dienstes stattfinden müssen.

SPIEGEL ONLINE: Na, dann können Sie doch sagen, wer es war.

Buschkowsky: Der Bezirksbürgermeister und der Autor Buschkowsky sind zwei unterschiedliche Personen. Natürlich nicht physisch, obwohl ich von der Masse her für Zwei reichen würde. Meine Autorentätigkeit ist meine Privatsache, und ich sehe keinen Grund, mich von Rufmord-Journalisten ausforschen zu lassen. Diejenigen, die mit mir gearbeitet haben, haben ebenfalls einen Anspruch darauf, sich nicht in einer öffentlichen Debatte wiederzufinden, und sie wollen selbst auch nicht an die Öffentlichkeit gezerrt werden.

SPIEGEL ONLINE: Aber das Verwaltungsgericht hat das Bezirksamt jetzt mit einem Urteil verdonnert, die Daten offenzulegen.

Buschkowsky: Nach meiner Kenntnis kann das Bezirksamt dies gar nicht, weil es über das Wissen nicht verfügt. Bei der Anzeige einer Nebentätigkeit muss man sagen, was man tut, in welchem Umfang und wie viel Geld man dafür bekommt. Der Auftraggeber kann, aber muss nicht mitgeteilt werden. Als persönlich Betroffener war ich an dem Verfahren überhaupt nicht beteiligt. Die Personalisierung mit meinem Namen zeigt, dass es nicht um die Sache geht, sondern dass man meine Person öffentlich diskreditieren will.

SPIEGEL ONLINE: Es wird gefordert, Sie sollten Ihr Honorar für das Buch spenden.

Buschkowsky: In einem solchen Werk steckt jahrelange Arbeit, Wissen und berufliche Erfahrung. Auch wenn der reine technische Entstehungszeitraum sich nur auf neun Monate erstreckte, glaube ich schon, dass ein Autor Anspruch auf Entlohnung hat, wie für jede andere Arbeit auch. Die Beträge werden versteuert, und damit ist die solidarische Beteiligung der Allgemeinheit sichergestellt. Außerdem bin ich jedes Jahr ein großzügigerer Spender für wohltätige Zwecke in der Stadt als die, die es von anderen einfordern.

SPIEGEL ONLINE: Und wie kann ein Mensch mit dem Job eines Bezirksbürgermeisters nebenbei ein Buch schreiben?

Buschkowsky: Ich betrachte diese Feststellung als Hochachtung vor meiner Leistungsfähigkeit. Es ist die Frage von Fleiß und Disziplin. Neuköllner wissen, wie lange das Licht in meinem Büro brennt oder mein Arbeitszimmer zu Hause erleuchtet ist. Da sind andere schon in der Heia.

SPIEGEL ONLINE: Also, wann haben Sie es denn nun geschrieben?

Buschkowsky: Immer wieder Samstag habe ich im Büro gearbeitet und sonntags zu Hause. Jedes Wochenende und das sechs Monate lang.

SPIEGEL ONLINE: Haben Sie und Ihre Zuarbeiter den Arbeitgebern die Nebentätigkeit angezeigt?

Buschkowsky: Für mich kann ich das bejahen. Bei den Honorarkräften weiß ich es nicht, gehe aber davon aus. Es tut ja nicht weh, weil es nur angezeigt, aber nicht genehmigt werden muss.

SPIEGEL ONLINE: Nervt Sie diese Debatte?

Buschkowsky: Mit dem System "Dreck werfen, es wird schon etwas hängen bleiben" muss ich wohl leben.

Forum

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insgesamt 73 Beiträge
1. ALso haben Mitarbeiter seines Bezirksamtes mitgewirkt !
iffel1 18.01.2013
Gab es denn außerhalb des Bezirksamtes nachweisbare Treffen mit diesen - dann außer Dienst stehenden - Mitarbeitern ? Vermutlich nicht, also eher so Strombergmäßig " ach Meier, kommen Sie doch mal rüber in mein Büro, [...]
Gab es denn außerhalb des Bezirksamtes nachweisbare Treffen mit diesen - dann außer Dienst stehenden - Mitarbeitern ? Vermutlich nicht, also eher so Strombergmäßig " ach Meier, kommen Sie doch mal rüber in mein Büro, wir müssen da noch über was sprechen...". (und das in der Arbeitszeit. Ist mir sowieso ein Rätsel, wie ein engagierter Bezirksbürgermeister noch Zeit für ein ganzes Buch hat.
2. Peinliche Kampagne gegen Buschkowsky
hatem1 18.01.2013
Da fahren Leute, die mit Buschkowskys Sicht der Realtität nicht klarkommen, eine Kampagne. Inhaltlich haben sie seinem Buch nichts entgegenzusetzen, also versuchen sie es auf diese Art. Peinlich ist das. Man sollte der [...]
Da fahren Leute, die mit Buschkowskys Sicht der Realtität nicht klarkommen, eine Kampagne. Inhaltlich haben sie seinem Buch nichts entgegenzusetzen, also versuchen sie es auf diese Art. Peinlich ist das. Man sollte der Wahrheit ins Auge sehen, auch wenn es weh tut.
3. Da soll wohl jemand kaltgestellt werden
tuscreen 18.01.2013
Das Thema, das in dem Buch angepackwird, ist ja kaum sachlich und nüchtern zu diskutieren, weil sofort rgendwelche Weltverbesserer von links mit der 33-45er Keule um sich schlagen. Offenbar soll Buschkowsky jetzt auf die im [...]
Das Thema, das in dem Buch angepackwird, ist ja kaum sachlich und nüchtern zu diskutieren, weil sofort rgendwelche Weltverbesserer von links mit der 33-45er Keule um sich schlagen. Offenbar soll Buschkowsky jetzt auf die im Artikel beschriebene Art mundtot gemacht werden. Traurig. Wie wäre es, wenn sich die Tageszeitung mal allein auf sachlicher Ebene mit Buschkowskys Thesen auseinander setzte?
4. Einspruch:
atherom 18.01.2013
das mit "Weltverbesserer von links" zieht nicht! Gerade die "von rechts" betreiben diese Politik, die uns hierher geführt hatte. Sarazzin und Buschkowsky sind SPD.
Zitat von tuscreenDas Thema, das in dem Buch angepackwird, ist ja kaum sachlich und nüchtern zu diskutieren, weil sofort rgendwelche Weltverbesserer von links mit der 33-45er Keule um sich schlagen. Offenbar soll Buschkowsky jetzt auf die im Artikel beschriebene Art mundtot gemacht werden. Traurig. Wie wäre es, wenn sich die Tageszeitung mal allein auf sachlicher Ebene mit Buschkowskys Thesen auseinander setzte?
das mit "Weltverbesserer von links" zieht nicht! Gerade die "von rechts" betreiben diese Politik, die uns hierher geführt hatte. Sarazzin und Buschkowsky sind SPD.
5. Nicht ärgern, Herr B.!
henrywotton 18.01.2013
Peinlich, dem armen Mann aus Neid und Missgunst so an den Karren zu fahren. Er macht doch wirklich einen guten Job, was man bei Weitem nicht von allen Lokalpolitikern behaupten kann. Ach ja, ich habe häufiger als Ghostwriter [...]
Peinlich, dem armen Mann aus Neid und Missgunst so an den Karren zu fahren. Er macht doch wirklich einen guten Job, was man bei Weitem nicht von allen Lokalpolitikern behaupten kann. Ach ja, ich habe häufiger als Ghostwriter gearbeitet und meine deshalb erkennen zu können, wenn ein Text aus mehreren Federn stammt und/oder nur Auftragsschreiberei ist. Herrn Buschkowskys Buch wirkt von A-Z authentisch; ich habe es gern gelesen.

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Zur Person

  • dapd
    Heinz Buschkowsky, Jahrgang 1948, ist Bezirksbürgermeister von Berlin-Neukölln. Der Sozialdemokrat hat sich immer wieder mit provokanter Kritik zur deutschen Familien- und Bildungspolitik zu Wort gemeldet - und es so zum Stammgast der deutschen Talkshows gebracht. Im Herbst 2012 veröffentlichte er seine kontroverse Bilanz der Integrationspolitik - "Neukölln ist überall".

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