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24.01.2013
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Gedenkfeier für SPD-Politiker Struck

"Kinder, jetzt hört mal auf"

Von
DPA

Altkanzler Schröder auf Struck-Feier: "Franz geht in die Fraktion, du bleibst Minister"

Vier Wochen nach dem Tod Peter Strucks hat die Berliner Polit-Prominenz des SPD-Politikers gedacht. Eigentlich ein trauriger Anlass. Doch es wurde eine überraschend heitere Veranstaltung - dank CDU-Mann Kauder und Ex-Kanzler Gerhard Schröder.

Berlin - Zu den schönen Dingen im hektischen Politikbetrieb gehören Momente der Überparteilichkeit. So wichtig Debatten über Steuergesetze, Rentenreformen und Rettungspakete sind, so wohltuend sind Situationen, in denen die politische Auseinandersetzung mal eine Auszeit erfährt. So wie an diesem Donnerstag.

In den Räumen der SPD-nahen Friedrich-Ebert-Stiftung haben sich einige hundert Menschen versammelt. Man gedenkt Peter Strucks, des vor vier Wochen verstorbenen Sozialdemokraten. Weil Struck ein besonderer Politiker war, ein Mann der sagte, was er dachte, dies aber nicht ständig betonen musste, sind neben der versammelten SPD-Prominenz auch Männer und Frauen gekommen, die sonst nicht zu den größten Fans der Partei gehören. Und weil es viel über Struck zu erzählen gibt, wird aus einem an sich traurigen Anlass eine recht heitere Veranstaltung.

Das liegt auch an Volker Kauder, der ansonsten nicht zu den unterhaltsamsten Charakteren im politischen Berlin gehört. Der Unionsfraktionschef darf auf den verstorbenen Ex-Kollegen eine kurze Rede halten, die gut gelingt, weil er ein paar hübsche Anekdoten einpflegt.

Eine stammt aus dem November 2005. Kauder erinnert sich, wie er und Struck im ersten Stock der CDU-Parteizentrale am Treppengeländer lehnten, als die Parteivorsitzenden Angela Merkel und Franz Müntefering unten im Foyer den Koalitionsvertrag unterzeichneten. Struck, der sich als Fraktionschef einen Ruf als Kämpfer für Parlamentsinteressen erworben hatte und mitunter einen harten Kurs gegenüber der eigenen Regierung fuhr, habe ihn angetippt und gesagt: "Ob die wohl wissen - auf uns kommt es an?" Und weiter: "Wenn die was von uns wollen - nur bei uns im Büro. Wir besuchen die nicht." Die Trauerrunde freut sich über die Geschichte.

"Um endlich mal deine Frau kennenzulernen"

Kauder konnte mit Strucks direkter Art viel anfangen. Er nennt ihn einen "wirklich guten Freund". Einmal sei der Sozialdemokrat einfach so zu ihm in seinen Wahlkreis in Baden-Württemberg gereist. Nicht, um über Politik zu sprechen, sondern "um endlich mal deine Frau kennenzulernen". Sie muss dem Genossen gefallen haben. "Hätte ich dir gar nicht zugetraut", so Struck beim Abschied.

Es ist ein sehr persönlicher Auftritt Kauders. Auch nach Ende der Großen Koalition seien sie regelmäßig zusammengekommen, erzählt er. Bei ihren Treffen habe Struck zur Begrüßung nur die Formel geändert. Statt zu fragen: "Wie geht's?" habe Struck gefragt: "Na, vermisst du mich?" Lacher im Publikum. Nur Klaus Wowereit ist ungeduldig. "Die Antwort fehlt", ruft er Kauder entgegen. "Peter war ein feiner Kerl. Ich vermisse ihn", sagt Kauder. Ein paar Tränen fließen.

Auch Gerhard Schröder ist gekommen. Der Altkanzler mischt sich jetzt wieder ein bisschen mehr ein in der SPD. In Niedersachsen hat er den Genossen fleißig im Wahlkampf geholfen, wobei manch ein Parteifreund witzelt, er habe dies eher für seine Frau Doris getan. Zu Struck hatte Schröder nicht immer ein entspanntes Verhältnis, jetzt würdigt er ihn. In der Friedrich-Ebert-Stiftung kommt das gut an.

Er habe unzählige Bilder von Struck im Kopf, sagt er. Wie er bereits frühmorgens die Pfeife klopfte, oder in der Fraktion die Abgeordneten mit den Worten zur Ruhe ermahnte: "Kinder, jetzt hört mal auf." Struck sei "ein großartiger Mensch" gewesen, der seinen eigenen Kopf gehabt habe. "Ich weiß wahrlich, wovon ich rede", so Schröder. "Ich habe von Peter im Umgang mit der Fraktion einiges gelernt - seiner Meinung nach nicht genug." Mit "Basta" sei ihm nicht beizukommen gewesen.

Außer einmal. An einem Juli-Tag 2002, mitten im Bundestagswahlkampf, habe er sich mit Struck in seinem Haus in Hannover getroffen, so Schröder. Mit dabei seien auch Frank-Walter Steinmeier und Franz Müntefering gewesen. Die Runde habe Struck bekniet, das Amt des Verteidigungsministers von Rudolf Scharping zu übernehmen. Struck wollte nicht. Am Ende willigte er doch ein. "Er hat sich zwingen lassen", sagt Schröder. Warum Struck so gut in das Wehrressort passte? "Vielleicht, weil sich das Führen einer Fraktion und das Führen der Bundeswehr gar nicht so sehr unterscheidet." Etliche Lacher im Publikum.

"Peer, 's ist gut"

Auch wenn er sich mehrfach an Struck gerieben habe - sie hätten ein besonderes Verhältnis gehabt. Ein Bild sei ihm in besonderer Erinnerung. In der Nacht nach dem Wahlsieg 2002 habe er mit Struck in einer Teeküche des Willy-Brandt-Hauses kurz über die künftige Personalaufstellung gesprochen. Sehr kurz. "Franz geht in die Fraktion, du bleibst Verteidigungsminister", sagte er Struck. "Mehr war nicht nötig als ein Kopfnicken ", erinnert sich Schröder.

Zwei Spitzensozialdemokraten sind übrigens nicht zu der Gedenkveranstaltung gekommen. Sigmar Gabriel, der Parteichef, musste aus privaten Gründen absagen. Auch Peer Steinbrück, der Kanzlerkandidat lässt sich entschuldigen. Eine Rolle spielt er in der Feier dennoch. Dafür sorgt Kauder.

Der Unionsfraktionschef hat nämlich noch eine Anekdote, und darin kommt Steinbrück vor. Irgendwann zu Zeiten der Großen Koalition habe es mal eine Runde gegeben, in der der damalige Finanzminister sich bitterlich darüber beklagt habe, dass die Fraktionen an ihm vorbei einen finanzpolitischen Vorstoß gewagt hätten, erzählt Kauder. Steinbrück habe die Kanzlerin gebeten, die Fraktionschefs zurückzupfeifen. "Peer, 's ist gut", habe Struck dazwischengefunkt, noch bevor Angela Merkel antworten konnte.

"Damit war klar: Peer Steinbrück hat nie mehr genervt", sagt Kauder vor dem lachenden Publikum. Der Christdemokrat freut sich über die Geschichte ganz besonders. Ganz überparteilich geht es eben doch nicht.

Forum

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insgesamt 38 Beiträge
1. Sie hat
kappesstepp 24.01.2013
höchstens *des* SPD-Politikers gedacht. Und das auf der Titelseite...
Zitat von sysopVier Wochen nach dem Tod Peter Strucks hat die Berliner Polit-Prominenz dem SPD-Politiker gedacht - eigentlich ein trauriger Anlass. Doch es wurde eine überraschend heitere Veranstaltung - dank CDU-Mann Kauder und Ex-Kanzler Gerhard Schröder. SPD gedenkt Peter Struck - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/politik/deutschland/spd-gedenkt-peter-struck-a-879506.html)
höchstens *des* SPD-Politikers gedacht. Und das auf der Titelseite...
2. Welche Chefs?
ellereller 24.01.2013
Struck hat also Merkel gebeten, die FraktionschefS zurückzupfeifen. Das heißt doch wohl: die Chefs der Koalitionsfraktionen, denn Oppositionsführer lassen sich in aller Regel nicht von der Regierungschefin zurückpfeifen. Die [...]
Zitat von sysopIrgendwann zu Zeiten der Großen Koalition habe es mal eine Runde gegeben, in der damalige Finanzminister sich bitterlich darüber beklagt habe, dass die Fraktionen an ihm vorbei einen finanzpolitischen Vorstoß gewagt hätten, erzählt Kauder. Steinbrück habe die Kanzlerin gebeten, die Fraktionschefs zurückzupfeifen. SPD gedenkt Peter Struck - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/politik/deutschland/spd-gedenkt-peter-struck-a-879506.html)
Struck hat also Merkel gebeten, die FraktionschefS zurückzupfeifen. Das heißt doch wohl: die Chefs der Koalitionsfraktionen, denn Oppositionsführer lassen sich in aller Regel nicht von der Regierungschefin zurückpfeifen. Die Chefs der Koalitionsfraktionen waren aber: Struck und Kauder. Da Struck wohl kaum Merkel gebeten haben wird, ihn selbst zurückzupfeifen, hat Struck wohl die Bitte geäußert, (nur) Kauder zurückzupfeifen. Das hat Kauder, der Erzähler der Anekdote etwas kaschiert. Und Spiegel Online hat es dabei belassen!
3. Würdig!
tommahawk 24.01.2013
Eine würdige, überparteiliche Veranstaltung. Kompliment an Volker Kauder, der zu seinen Freundschaften steht, auch wenn's wahlkampftaktisch eher unpassend ist. Politiker mit Ecken wie Struck werden dem Land fehlen.
Eine würdige, überparteiliche Veranstaltung. Kompliment an Volker Kauder, der zu seinen Freundschaften steht, auch wenn's wahlkampftaktisch eher unpassend ist. Politiker mit Ecken wie Struck werden dem Land fehlen.
4. Der Dativ ist dem Genitiv sein Feind, oder?
bine53 24.01.2013
...und so gedenken wir gemeinsam dem Politiker, oder lieber das Politiker
...und so gedenken wir gemeinsam dem Politiker, oder lieber das Politiker
5. optional
gerd.hildebrandt1 24.01.2013
schade, dass jetzt auch beim Spiegel kein vernünftiges Deutsch mehr geschrieben wird!
schade, dass jetzt auch beim Spiegel kein vernünftiges Deutsch mehr geschrieben wird!

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