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28.01.2013
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FDP im Sexismus-Streit

Abtauchen, beschwichtigen, schweigen

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Die FDP will die Aufregung um die Vorwürfe einer "Stern"-Reporterin gegen Fraktionschef Rainer Brüderle aussitzen. Die Liberalen üben sich in maximaler Geschlossenheit. Dennoch könnte das Thema langfristig für die Partei zu einem Problem werden.

Berlin - Philipp Rösler schweigt. Öffentlich zumindest hat sich der FDP-Parteichef bislang nicht zum Bericht einer "Stern"-Reporterin geäußert, in der diese unangemessene Bemerkungen des FDP-Fraktionschefs Rainer Brüderle beklagte. Anfragen von Medien hat der 39-Jährige unkommentiert gelassen. Am Dienstag allerdings erklärte er im "Kölner Stadt-Anzeiger": "Die Vorwürfe gegen ihn sind durchsichtig und haltlos. Das ist eine Kampagne gegen die gesamte FDP."

Die FDP, ansonsten oft zerstritten, hat der Artikel des "Stern" zusammengeschweißt. Viele Führungspersonen bis hinauf zur Vize und Bundesjustizministerin Sabine Leutheusser-Schnarrenberger haben in den vergangenen Tagen, seit das Thema hochkochte und schließlich in eine allgemeine Debatte über Sexismus mündete, wahlweise die Illustrierte angegriffen oder die Reporterin Laura Himmelreich.

Die FDP kann von Brüderle, der gerade erst von Rösler zum "Gesicht der FDP" und "Spitzenmann" erklärt wurde und im Bundestagswahlkampf auf Stimmenfang gehen soll, auch gar nicht abrücken. Sie muss ihn stützen, sie will die Aufschreiwelle, gedruckt, gesendet oder im Internet, über sich ergehen lassen.

Erfahrungen damit hat die Partei zur Genüge: War nicht erst kürzlich Rösler vollends abgeschrieben worden, bis ihn die Niedersachsenwahl mit fast zehn Prozent rettete und ihn ermunterte, die interne Konfrontation mit Brüderle zu suchen? Am Wochenende, beim Neujahrsempfang der FDP in Nordrhein-Westfalen, wurde Brüderle mit großem Applaus bedacht und der frühere Parteichef Guido Westerwelle stellte fest, für den Mann an der Spitze gebe es beim politischen Konkurrenten "und in einigen Redaktionsstuben kein Pardon mehr". Westerwelle mag da auch an seine eigene politische Vita gedacht haben, in der er selbst oft und wiederholt härtesten Angriffen ausgesetzt war.

Brüderle und Rösler haben vereinbart, von der Parteispitze her die Debatte um den Artikel nicht durch weitere Äußerungen zu beleben. Entwicklungsminister Dirk Niebel erklärte am Montag im Präsidium, dass er ein bereits vereinbartes Interview mit der Reporterin diese Woche abgesagt habe. Brüderle wiederum sagte im Präsidium, er werde die Sache nicht kommentieren. Dem folgt die Führung, einhellig, wie Generalsekretär Patrick Döring betonte: "Wir unterstützen ihn darin."

In der FDP haben sie das Dilemma erkannt

Auch wenn die Partei zu ihrem Spitzenkandidaten steht, die Liberalen haben dennoch das Problem, dass die Sexismus-Debatte künftig wohl nicht mehr ohne die Nennung Brüderles geführt wird - unabhängig davon, ob die Vorhaltungen der Reporterin stimmen. Dass die Geschichte nicht eindimensional ist, zeigte am Montag ein Foto, das in "Bild" und "Focus" veröffentlicht wurde und vom 10. Januar dieses Jahres stammt, auf dem die Reporterin neben Brüderle läuft und ihn anlächelt. Für Liberale ist das Bild eine Bestätigung dafür, dass die Reporterin den Vorfall an einer Hotelbar, der ein Jahr zurücklag, nur benutzt hat, um ihrer Geschichte über Brüderle eine entsprechende Richtung zu geben. Döring, nach der Präsidiumssitzung darauf angesprochen, wie er das Bild bewerte, kommentierte es so: "Mein Einfühlungsvermögen reicht nicht aus, um das zu beantworten."

Das Problem dabei: Die Debatte ist weiter, dreht sich nunmehr um die Frage, wie Männer mit Frauen umgehen, vorzugsweise am Arbeitsplatz. In der FDP haben sie das Dilemma durchaus erkannt. Döring selbst stellte fest, er rate allen, die Debatte "weit weg vom Ereignis zu führen". Konkret heißt das wohl: Die FDP soll, wenn sie sich auf die Sexismus-Debatte schon einlassen muss, den Namen Brüderle möglichst nicht nennen. Das dürfte ein schwieriges Unterfangen sein.

Von der Linie der FDP setzte sich lediglich das frühere FDP-Präsidiumsmitglied Silvana Koch-Mehrin ab. Sie attestierte der Reporterin Laura Himmelreich "Mut", das "Thema Anzüglichkeiten so offen zu benennen". Auch anderen war bei der Haltung ihrer Partei nicht so ganz wohl. Der Vorsitzende der Jungen Liberalen, Lasse Becker, schrieb zusammen mit dem niedersächsischen FDP-Landtagsabgeordneten Björn Försterling einen Beitrag, der die ausgewogene Mittellage suchte: Das Leben sei selten schwarz oder weiß, sondern häufig grau, so ihr Kommentar: "Das vergessen diejenigen, die sich als Journalisten in der aktuellen Diskussion auf Rainer Brüderle stürzen ebenso wie mancher, der das Verhalten Brüderles unreflektiert als normales Flirtverhalten bezeichnet."

Forum

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insgesamt 52 Beiträge
1. nein
paulroberts 28.01.2013
ich denke nicht, dass "das Thema langfristig für die Partei zu einem Problem werden" kann. kein mensch wählt diese partei, weil sie besonders sympathisch ist, oder gar wegen irgendwelcher inhalte (ja, ich weiss, [...]
Zitat von sysopDPADie FDP will die Aufregung um die Vorwürfe einer "Stern"-Reporterin gegen Fraktionschef Rainer Brüderle aussitzen. Die Liberalen üben sich in maximaler Geschlossenheit. Dennoch könnte das Thema langfristig für die Partei zu einem Problem werden. http://www.spiegel.de/politik/deutschland/fdp-praesidium-bruederle-will-stern-bericht-nicht-kommentieren-a-880123.html
ich denke nicht, dass "das Thema langfristig für die Partei zu einem Problem werden" kann. kein mensch wählt diese partei, weil sie besonders sympathisch ist, oder gar wegen irgendwelcher inhalte (ja, ich weiss, absurde idee :-), sondern wegen der jeweiligen koalitionszusage. dann wird sie vom grösseren koalitionswunschpartner gepampert, damit sie überhaupt mitspielen darf (5% und so). mehr ist nicht.
2. Tja ich weiß ja nicht wo Sie sich informieren, aber
irreal 28.01.2013
"Erfahrungen damit hat die Partei zu Genüge: War nicht erst kürzlich Rösler vollends abgeschrieben worden, bis ihn die Niedersachsenwahl mit fast zehn Prozent rettete und ihn ermunterte, die interne Konfrontation mit [...]
Zitat von sysopDPADie FDP will die Aufregung um die Vorwürfe einer "Stern"-Reporterin gegen Fraktionschef Rainer Brüderle aussitzen. Die Liberalen üben sich in maximaler Geschlossenheit. Dennoch könnte das Thema langfristig für die Partei zu einem Problem werden. http://www.spiegel.de/politik/deutschland/fdp-praesidium-bruederle-will-stern-bericht-nicht-kommentieren-a-880123.html
"Erfahrungen damit hat die Partei zu Genüge: War nicht erst kürzlich Rösler vollends abgeschrieben worden, bis ihn die Niedersachsenwahl mit fast zehn Prozent rettete und ihn ermunterte, die interne Konfrontation mit Brüderle zu suchen?" das wußte jeder Online Leser von politisch interessierten Journalien weit besser, das nämlich die FDP auch in NDS die 5% Hürde sicher geknackt hätte und nicht bei 3% lag, wie das in gedrucktem Verkaufsjournalien bekundet und prophezeit wurde. Daraufhin haben die FDP soviele Leihstimmen bekommen von CDU Wählern, sodass die CDU nun die Opposition ist. Hat ja irgendwie gut geklappt, der ganze hausgemachte Schwachsinn. Und nun geht es fleißig weiter im Kontor der Medien die da vermutlich selbst gar nicht mehr wissen was sie überhaupt schreiben sollten und was wahr wichtig ist. Leider nicht zu ändern, ich glaube mitlerweile die Fachidioten und Rückgratlosen gibts nicht nur bei den Lehrer, wie Volker Pispers so schön erzählt, sondern bei den Journalisten scheint es angefangen zu haben. Ist eh nicht zu ändern. MFG
3. Frau
Minette 28.01.2013
..... muß ehrlich sagen, wenn mich dieser Alte - und sei er hundertmal Herr Brüderle oder sonstwer
..... muß ehrlich sagen, wenn mich dieser Alte - und sei er hundertmal Herr Brüderle oder sonstwer
4. Worum geht es ?
Nachtjacke 28.01.2013
Christine Bauer-Jelinek: Die politische Erkenntnis bei der Erforschung dieses Geschlechterkampfes war für mich, dass es sich eindeutig um einen Stellvertreterkrieg handelt. Wenn man genau hinsieht, wird um nichts Wesentliches [...]
Christine Bauer-Jelinek: Die politische Erkenntnis bei der Erforschung dieses Geschlechterkampfes war für mich, dass es sich eindeutig um einen Stellvertreterkrieg handelt. Wenn man genau hinsieht, wird um nichts Wesentliches gekämpft, was es nicht schon gäbe. Das was erreicht wird, sind Marginalien, ob es nun zehn Frauen mehr in Aufsichtsräten gibt, ist doch total uninteressant. Die Gehaltsschere zwischen den Geschlechtern stellt sich als Mythos heraus und somit sind diese Kämpfe darum Seifenblasen und Scheingefechte. Die wirklich großen Verwerfungen in unserer Gesellschaft sind das Auseinanderdriften von arm und reich... Siehe: "Eindeutig ein Stellvertreterkrieg" | Telepolis (Print) (http://www.heise.de/tp/druck/mb/artikel/38/38368/1.html)
5. Zusammengeschweißt...
lmademo 28.01.2013
....der Döring unterstützen das "Gesicht der FDP" mit "Spitzenmann" Brüderle..der Rösler schweigt.. das ist das Wahre Gesicht der FDP..das unreflektiert und normale Flirt verhalten eines Fraktionschef [...]
....der Döring unterstützen das "Gesicht der FDP" mit "Spitzenmann" Brüderle..der Rösler schweigt.. das ist das Wahre Gesicht der FDP..das unreflektiert und normale Flirt verhalten eines Fraktionschef Rainer Brüderle !!.

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