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29.01.2013
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Arbeitgeber Bundeswehr

Kita-Not bei den Streitkräften

Von
dapd

Bundeswehrsoldaten in der Knüll-Kaserne: Lassen sich Dienst und Familie vereinbaren?

Verteidigungsminister de Maizière arbeitet an einer modernen Bundeswehr - dazu gehören auch Kitas für Soldatenkinder. Doch mehr Familienfreundlichkeit droht an der Bürokratie zu scheitern. Die Truppe scheint mit den Anforderungen der Arbeitswelt überfordert zu sein.

Berlin - Der Spielplatz von Josephine gehört zu den sichersten der Republik. Er befindet sich auf dem Gelände des Militärischen Abschirmdienstes in Kiel. Wenn die Einjährige nach dem Toben wieder ins Warme möchte, geht sie, an der Hand einer Betreuerin, durch eine Eisentür mit der Aufschrift "Sperrzone - restricted area".

Josephine gehört zu den Kieler Fördewichteln, einer Einrichtung, in der die Kleinsten Klettergerüste erkunden, während im Nachbarhaus die Großen die Spionageabwehr für das Militär organisieren. Beide Eltern sind Soldaten, der Vater arbeitet als Pilot im Einsatzgeschwader, die Mutter als Oberstabsärztin.

Ein modernes Bundeswehrpaar also, beide 36 Jahre alt, mehrere Afghanistan-Einsätze, aber mit dem Anspruch der modernen Familie. "Ich wollte nach der Geburt schnell wieder zurück in den Dienst", sagt die Mutter, Nadine Mandau.

Solche Konstellationen stellen die Bundeswehr vor ein neues Problem: Die Truppe ist mit Tausenden Soldaten in Afghanistan im Einsatz, aber sie findet keine Antwort darauf, wie junge Paare Kind und Dienst verbinden können.

Wenn am Dienstag der Wehrbeauftragte Hellmut Königshaus seinen Jahresbericht vorstellt, wird das Thema ein Schwerpunkt sein. Denn mittlerweile ist nicht mehr mangelhafte Munition oder fehlende Ausrüstung das wichtigste Problem vieler Soldaten, sondern die mangelnde Familienfreundlichkeit im Militär. Denn Einrichtungen wie die Fördewichtel sind eine echte Rarität.

Auf der Bonner Hardthöhe und im Berliner Bendlerblock schwant den Beamten seit einiger Zeit, dass sich etwas tun muss, aber man kommt nicht recht voran. Selbst dem Parlamentarischen Staatssekretär Thomas Kossendey war die Situation Ende vergangenen Jahres unangenehm, als er den Mangel vor dem Verteidigungsausschuss erklären musste. "Es ist ein langwieriges Bohren dicker Bretter mit sehr viel Bürokratie", sagte Kossendey, "das ist nicht ganz leicht." Dabei ist er selbst Teil der Bürokratie.

Bei Kinderbetreuung bislang nur Pilotprojekte

Noch gibt es in Sachen Kinderbetreuung kaum mehr als einzelne Pilotprojekte, etwa 15 Prozent des auf mehr als tausend Plätze geschätzten Bedarfs sind mittlerweile Wirklichkeit. "Das Verteidigungsministerium sieht das als Aufgabe der Kommunen an", klagt ein Unionsabgeordneter. "Es geht einen Schritt vor und zwei zurück", sagt SPD-Frau Susanne Kastner, die Vorsitzende des Verteidigungsausschusses.

Erst für das Jahr 2015 wird damit gerechnet, dass die Bundeswehr in Sachen Kita-Betreuung ein halbwegs ausreichendes Angebot machen kann.

An der Münchner Bundeswehruniversität ist jetzt erst Zeit für den ersten Spatenstich, dabei hätte die neue Kita dort schon fertig sein sollen. "Wir haben ein halbes Jahr mit dem Finanzministerium über die Anzahl der Waschbecken diskutieren müssen", schimpfte Staatssekretär Kossendey vor Parlamentariern über den Fall, "mich ärgert das langsam wirklich."

Für die Bundeswehr, die seit dem Aussetzen der Wehrpflicht mit Unternehmen im verschärften Wettbewerb um die besten Köpfe steht, entwickelt sich die eigene Trägheit zunehmend zu einem Problem.

Bereits im Jahr 2011 veröffentlichte die Truppe ein "Maßnahmenpaket zur Steigerung der Attraktivität des Dienstes". Aber viel mehr als Papier wurde bisher nicht produziert.

Jüngst alarmierte die Truppe zudem erneut die große Zahl Abbrecher beim freiwilligen Wehrdienst. Rund ein Drittel der Schnuppersoldaten hat nach wenigen Monaten genug vom Militär und wendet sich anderen Aufgaben zu. Beim zivilen Freiwilligendienst ist die Quote nur halb so hoch.

Und auch jahrelang tätige Soldaten zweifeln, ob die Bundeswehr das Richtige für sie ist. Oberstabsärztin Mandau will ihren Vertrag jedenfalls nicht verlängern, im kommenden Jahr will die Anästhesistin die Bundeswehr verlassen. Mandau möchte Fachärztin werden, dafür müsste sie bei der Bundeswehr allerdings drei Jahre verlängern - und das hieße eben auch: weitere Auslandseinsätze.

"Das ist nicht attraktiv", sagt sie, "Ich suche mir eine Stelle an einem Krankenhaus hier in Kiel".

Forum

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insgesamt 10 Beiträge
1. Mehr an den Leuten interessiert, wie an den Menschen
wolfi55 29.01.2013
Bei der BW kommt halt langsam auch hoch, dass man mit Soldaten kein MVG hat, sondern Menschen mit menschlichen Problemen. Das trifft die BW ins Mark, denn auf die Anforderungen des Arbeitsmarktes in dem die BW nur einer von vielen [...]
Bei der BW kommt halt langsam auch hoch, dass man mit Soldaten kein MVG hat, sondern Menschen mit menschlichen Problemen. Das trifft die BW ins Mark, denn auf die Anforderungen des Arbeitsmarktes in dem die BW nur einer von vielen Spielern ist, da muss die sich noch vorbereiten. Andererseits sind die Anforderungen hoch und die Bezahlung mies. Wenn ich um die Arbeitskräfte kämpfen muss, dann muss mir halt was einfallen. Und im Kapitalismus werden Mangelerscheinungen i.d.R. durch geld geregelt. Aber mit der Zahlung eines den realen Gefahren entsprechenden Gehaltes tut sich die BW schwer. Sie argumentiert mit Vaterland und ähnlichen Dingen, mit den man höchstens geistig minderbemittelte oder überzeugte Vaterlandsverteidiger locken kann. Beides ist aber nicht die Zielgruppe um die Aufgaben der BW zu erfüllen.
2. Im Westen nichts Neues ...
dishmaster 29.01.2013
Tja, warum sollte es bei der Bundeswehr anders sein als in anderen öffentlichen Einrichtungen? Bei uns wird bereits seit Jahren eine eigene KiTa-Einrichtung versprochen. Es tut sich nichts, bis auf Ausreden. Man könnte meinen, [...]
Tja, warum sollte es bei der Bundeswehr anders sein als in anderen öffentlichen Einrichtungen? Bei uns wird bereits seit Jahren eine eigene KiTa-Einrichtung versprochen. Es tut sich nichts, bis auf Ausreden. Man könnte meinen, dass das mit Absicht passiert und eine familienpolitische Agenda verfolgt wird.
3.
BlakesWort 29.01.2013
Das kommt davon, wenn man aus rein populistischen Gründen so etwas wie die Wehrpflicht abschafft, sich aber gleichzeitig für eine moderne Berufsarmee hält, ohne einen Schritt in diese Richtung unternommen zu haben. Gerade [...]
Das kommt davon, wenn man aus rein populistischen Gründen so etwas wie die Wehrpflicht abschafft, sich aber gleichzeitig für eine moderne Berufsarmee hält, ohne einen Schritt in diese Richtung unternommen zu haben. Gerade solche Dinge wie ein Studium haben "fähige" Köpfe (seien wir ehrlich, nur weil jemand studiert hat, ist er nicht unbedingt fähig) oft nur deswegen bei der BW gemacht, weil sie dort bezahlt werden und die zwölf Jahre im Sanitätsdienst oder der Verwaltung als verschmerzbar angesehen wurden, wenn es um die Erfüllung eines sonst schwer verwirklichbaren Traums geht. Das Leben als Soldat ist nun einmal alles andere als normal. Zu Zeiten des Kalten Kriegs wussten die Soldaten wenigstens, wenn es zum Krieg kommt, dann muss ohnehin jeder an die Waffe, während die Möglichkeit eines Konfliktes gering war, eben weil sämtliche Planspiele in der Vernichtung der Zivilisation endeten. Heute ist das anders. Ein halbes Dutzend Konflikte auf der ganzen Welt. Mögliche Verwundung, psychischer und physischer oder gar der Tod. Das kann nur in Kauf nehmen, wer hinter dieser Sache steht. Daran werden auch Kitas nicht viel ändern.
4. Naja...
Laubhaeufer 29.01.2013
Das Problem ist, dass man wohl der Meinung war, die Bundeswehr nur auf personeller Ebene umstrukturieren zu müssen. D.h. der ganze Filz, alle Strukturen bleiben nahezu unverändert erhalten. Jeder der mal beim Bund war, weiß [...]
Das Problem ist, dass man wohl der Meinung war, die Bundeswehr nur auf personeller Ebene umstrukturieren zu müssen. D.h. der ganze Filz, alle Strukturen bleiben nahezu unverändert erhalten. Jeder der mal beim Bund war, weiß ziemlich genau, was die Probleme sind: Bürokratie ohne Ende! Wenn ich eine moderne, potente Armee haben will, muss ich mir eben mal Gedanken machen, ob es zweckmäßig ist, wenn ein Soldat mit kaputten Stiefeln 4 Wochen auf neue warten muss. Oder ob ich alles richtig mache, wenn sich Soldaten im Einsatz Ausrüstung auf außerdienstlichem Weg besorgen müssen (tauschen, sogar klauen!), um die eigene Überlebensfähigkeit zu erhalten oder zu verbessern. Und diese Probleme hat die Bundeswehr nicht erst seit Afghanistan. Aber den jahrelangen Einsatz im Kosovo vergisst man gerne, wahrscheinlich weil da kaum schweres Kriegsgerät eingesetzt wird. Im gleiche Maße, in dem man die Soldaten vernachlässigt, schmeißt man allerdings dann das Geld wieder für Rüstungsaufträge aus dem Fenster, die dann oft in einem Desaster enden: - Auftragsvergabepraxis für Eurofighter zweifelhaft, wahrscheinlich viel zu teuer in der Anschaffung - Eurocopter kann nicht dem Einsatzzweck gemäß umgebaut werden, Teile mit frz. Version nicht kompatibel - Transporthubschrauber NH90 nicht sinnvoll einsetzbar, nahezu ALLES genau verkehrt gemacht Das einzige, wo man den Willen zur Verbesserung erkennen kann, ist ausgerechnet ein Programm für die vernachlässigte Infanterie: das IDZ Programm. Sicher gibt es auch dort noch Verbesserungspotential und es fällt auf, dass mittlerweile alle Handfeuerwaffen von nur einem Hersteller geliefert werden (für mich persönlich nicht nachvollziehbar!) ABER bei dem Programm hat man endlich mal auf Material zurückgegriffen, das man auf dem Markt schon kaufen kann, d.h. es gibt dort (bis auf Handwaffen) keine teuren Neuentwicklungen. Der Wille muss einfach da sein und ich brauche auch entsprechendes Personal, um die Bundeswehr finanziell effizienter aufzubauen. Einfach nur Mittel kürzen ist in meinen Augen kein Weg! Aber Voraussetzung dafür wäre ja, die Kernaufgaben der Truppe neu zu definieren. Und da traut sich anscheinend keiner ran.
5. alles klar!
Hilfskraft 29.01.2013
Soldaten kriegen KITA-Plätze, die anderen nicht. Irgendwie kalter Krieg gegen die eigene Bevölkerung.
Zitat von sysopdapdVerteidigungsminister de Maizière arbeitet an einer modernen Bundeswehr - dazu gehören auch Kitas für Soldatenkinder. Doch mehr Familienfreundlichkeit droht an der Bürokratie zu scheitern. Die Truppe scheint mit den Anforderungen der Arbeitswelt überfordert zu sein. http://www.spiegel.de/politik/deutschland/bundeswehr-truppe-kann-nicht-genuegend-kita-plaetze-anbieten-a-880168.html
Soldaten kriegen KITA-Plätze, die anderen nicht. Irgendwie kalter Krieg gegen die eigene Bevölkerung.

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