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Politik

Stalingrad-Gedenken

Das Grauen bleibt

Stalingrad hat Deutsche und Russen tief erschüttert. Wer glaubt, die Folgen würden mit den letzten Zeitzeugen verschwinden, der irrt. Der von Deutschen entfesselte Krieg hat Russland generationsübergreifend traumatisiert und verroht. Wir sollten das nie vergessen.

DPA

Deutsche Infanterie bei Strassenkämpfen um Stalingrad: Ganze Generationen traumatisiert

Ein Essay von Arnulf Baring
Samstag, 02.02.2013   11:12 Uhr

Natürlich war ich damals nicht dort, habe nicht mitgekämpft, war ein Kind, zehn Jahre alt. Doch ich weiß noch genau, dass der Fall Stalingrads von meinen Eltern, Nachbarn und Lehrern, von mir und meinen Freunden mit tiefem Erschrecken, als Schock erlebt wurde. Wie viele erwachsene Deutsche habe ich instinktiv diese furchtbare deutsche Niederlage, den Untergang einer ganzen, der 6. Armee, als entscheidende Wende des Krieges empfunden. Ich habe deshalb die seinerzeit maßgebliche Zeitung, den "Völkischen Beobachter", aufgehoben und jahrelang immer wieder hervorgeholt. Seine Titelseite war wie bei einer Traueranzeige mit dicken schwarzen Balken umrandet. Die Überschrift lautete: "Sie starben, damit Deutschland lebe" - ein Satz, der mir freilich schon im Februar 1943 nicht einleuchten wollte.

Fast 70 Jahre später lud die Adenauer-Stiftung zu einer Konferenz ein, es war die erste deutsch-russische Historiker-Konferenz im heutigen Wolgograd. Der Besuch im früheren Stalingrad fiel mir sehr schwer. Aber was kann, darf man an einem solchen Ort als Deutscher sagen, an dem damals eine Million Menschen umgekommen waren, junge Russen, junge Deutsche, viel Zivilbevölkerung, Frauen, Alte, Kinder.

Was haben wir aus Stalingrad gelernt?

Ich bin überzeugt, man verhält sich nur dann angemessen, wenn man sich in einer solchen Situation vorstellt, die Geister dieser Toten, aller dieser zu früh Verstorbenen, damals elend Umgekommenen, seien um uns versammelt, ihre Seelen hörten zu, wollten wissen, fragten leise, was wir aus ihrem Sterben gelernt hätten.

Die damalige Erbitterung beider Seiten, die ideologische Verbissenheit, mit der Nationalsozialisten und Bolschewisten rücksichtslos Massen von Menschen opferten, erschreckt uns heute gemeinsam. Hitler wollte die Stadt, die den Namen des verhassten Feindes trug, um jeden Preis erobern und damit einen symbolischen Sieg über ihn erringen. Der Kreml-Herrscher war aus eben diesem Grunde fanatisch entschlossen, Stalingrad zu halten.

Was Deutsche damals als beginnende Niederlage empfanden, war für
Russen der Beginn einer zunehmend erfolgreichen Wendung zum Guten, zum Sieg über Nazi-Deutschland. Die Erinnerung unserer beiden Völker an Stalingrad ist also diametral verschieden, hat gegensätzliche Perspektiven. Denn man muss die beiden verfeindeten Führungspersönlichkeiten bewerten, also Hitler einerseits, Stalin andererseits.

Deutsche wie Russen sind sich in der Einschätzung Hitlers einig. Der letzte Reichskanzler war unter jedem denkbaren Gesichtspunkt ein großes Unglück für die Deutschen - und natürlich nicht nur für sie. Er hat nicht nur halb Europa gewaltsam okkupiert und schwer verwüstet, dann unser Land in die totale Niederlage manövriert, sondern außerdem durch seine Verbrechen unseren Ruf auf lange Zeit sehr beschädigt.

Der Sieg ist bis heute zentral für Russland

Beide Völker werden sich nicht in gleicher Weise einig sein in der Beurteilung Stalins. Auch er war rücksichtslos, hat Dutzende von Millionen Menschen auf dem Gewissen. Dennoch wird man bei ihm, jedenfalls in Russland, zu geteilten Einschätzungen kommen. Denn von ihm bleibt neben allen Verbrechen auch die Erinnerung an den sowjetischen Sieg im Großen Vaterländischen Krieg unter seiner Führung. Bis heute ist der militärische Triumph über Hitlerdeutschland zentral für das russische Selbstgefühl, für den Stolz auf eine gemeinsame große Leistung.

Sie ist umso wichtiger, als es im heutigen Russland eine breite interne Auseinandersetzung darüber gibt, was von der jahrzehntelangen kommunistischen Herrschaft im Rückblick zu halten ist. Die einen verurteilen das damalige Regime in Bausch und Bogen. Aber sie scheinen nur eine Minderheit zu sein. Die Mehrheit erinnert sich offenbar nostalgisch an die kommunistischen Jahrzehnte.

Putin - und mit ihm viele seiner Landsleute - hält den Untergang der Sowjetunion für das größte historische Unglück des vergangenen Jahrhunderts. Dabei spielt, wie gesagt, der triumphale Sieg im Zweiten Weltkrieg und die durch ihn ermöglichte zeitweilige Weltmachtposition eine entscheidende Rolle. Eine vergleichbare Beurteilung Hitlers ist in Deutschland völlig undenkbar.

Die Nachwirkungen des Grauens werden nicht verblassen

Es gibt übrigens erhebliche Meinungsverschiedenheiten zwischen Russen einerseits, Ostmitteleuropäern andererseits über die historische Einordnung der beiden totalitären Führer Hitler und Stalin. Für die russische Geschichtsschreibung beginnt der Zweite Weltkrieg mit dem deutschen Überfall auf die Sowjetunion am 22. Juni 1941 und endet mit der bedingungslosen Kapitulation Deutschlands am 8./9. Mai beziehungsweise Japans am 2. September 1945.

Wer glaubt, mit dem Verschwinden der Generationen, die als Erwachsene, als Mitkämpfer oder, wie ich, als Kind den Zweiten Weltkrieg miterlebt haben, würden die Nachwirkungen seines Grauens verblassen, irrt sich gewaltig. Die traumatischen Erlebnisse vieler Millionen Menschen der sich abwechselnden Schreckenszeiten vererben sich auf nachfolgende Geschlechter. Das ist gerade dann der Fall, wenn die, die sie am eigenem Leibe erlitten haben, nie ein Wort über ihre Leiden verloren haben, um Kinder und Kindeskinder nicht zu verstören.

In Deutschland schätzt man, ein Drittel der Bevölkerung bleibe durch Traumata des letzten Weltkrieges und seiner Folgen belastet. Aus vielen Aufzeichnungen und Berichten weiß man: Die unmittelbar Betroffenen haben das Erlebte so grauenhaft gefunden, dass sie nie im Leben darüber ein Wort sprechen konnten. Durch Familienaufstellungen und psychologische Therapien ist bekannt, dass seelische Erschütterungen und Ängste über die Grausamkeiten des Krieges Verhaltensweisen und emotionalen Störungen hervorgebracht haben, die auch die nachfolgenden Generationen in ihrer Entwicklung tief beeinflusst haben, da die Heranwachsenden mit verstörten Eltern aufgewachsen sind.

Entsprechendes gilt genauso für Russland. Dort wurden die Grausamkeiten des Krieges in der für vier Jahrzehnte weiterhin herrschenden Diktatur nicht einmal in ihren Ansätzen psychologisch aufgearbeitet. Auch deshalb kommt uns die russische Gesellschaft in ihrer Härte im menschlichen Miteinander oft erschreckend vor. Dass dafür auch von Deutschen verübtes Leid mit verantwortlich ist, sollten wir und unsere Kinder niemals vergessen.

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