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21.02.2013
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Neue Studie zu DDR-Spitzeln

Die schlanke Stasi

Von Stefan Berg
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dapd

War der Überwachungsapparat der DDR kleiner als angenommen? Eine neue Studie stellt die hohe Zahl von Spitzeln in Frage - diese habe auf teils abenteuerlichen Rechnungen basiert. Auch das Bild des Stasi-Offiziers wird relativiert: Die Überwacher wurden selbst genauestens beobachtet.

Über den Verdacht, die DDR zu beschönigen, ist Ilko-Sascha Kowalczuk, 45, erhaben. Unrecht und Unterdrückung in der ostdeutschen Diktatur haben den Historiker schon im Studium beschäftigt; seit 2001 bemüht er sich als Wissenschaftler beim Bundesbeauftragten für die Stasi-Unterlagen um Aufklärung der Geschichte.

Was Kowalczuk und seine Kollegen über die Methoden der Stasi und ihrer hauptamtlichen sowie inoffiziellen Mitarbeiter herausfanden, hat in der Vergangenheit immer wieder Beachtung gefunden.

Aufsehen ist Kowalczuk auch jetzt sicher. Denn der profunde Kenner des Unterdrückungsapparates ruft in einer neuen, mehr als 400 Seiten starken Studie zu einer "Generalinventur" auf: Die bisherige Auseinandersetzung mit dem DDR-Unrecht trage schwere Mängel. Man habe den Staatssicherheitsdienst "dämonisiert", ein Bild vom Geheimdienst geschaffen, welches "mit der Realität nichts gemein" habe.

Es geht also um Grundsätzliches: Zwanzig Jahre lang prägten Enttarnungen vieler Stasi-Zuträger die Debatte. Das Bild vom "Spitzelstaat" hat sich eingebrannt, es wurde gespeist aus immer neuen Akten der Stasi-Unterlagen-Behörde. Die Geheimpolizei, nicht die herrschende Einheitspartei SED, wurde zum Markenkern des DDR-Geschichtsbilds.

Doch nun meldet Kowalczuk begründete Zweifel an.

Für die Behörde des Bundesbeauftragten für die Unterlagen der Staatssicherheit (BStU) ist der Text eine Herausforderung. Denn der härteste Vorhalt des streitbaren Kowalczuk trifft die Institution, in der er arbeitet: Deren Zahlenangaben zu Inoffiziellen Mitarbeitern basierten "auf Hochrechnungen und Schätzungen". Mit dem "Label IM" seien Menschen zu Inoffiziellen Mitarbeitern gemacht worden, "als wenn sie sonst nichts weiter gemacht hätten, als wenn sie nur IM gewesen wären". Sie seien reduziert worden auf "das Böse schlechthin".

Ist das bisherige Geschichtsbild also übertrieben, war das ostdeutsche Überwachungssystem am Ende gar weniger schlimm als bislang angenommen?

Einige Wissenschaftler seien der Versuchung erlegen, sich "mit überzogenen Thesen ins Rampenlicht zu stellen", argumentiert Kowalczuk. Jede abwägende Haltung hingegen setze sich zwangsläufig dem Verdacht aus, die Stasi zu verharmlosen. Kenner wissen, wem der Vorwurf des Autors gilt: Experten wie dem BStU-Forscher Helmut Müller-Enbergs oder Stasi-Gedenkstättenleiter Hubertus Knabe, die beide seit Jahren mit scharfen Thesen ehemalige Stasi-Leute attackieren. Mit ihnen sucht Kowalczuk nun den offenen Konflikt.

Viele Zuträger sind doppelt in der Gesamtrechnung erschienen

Der "medialen Skandalisierung" versucht er historisch präzise Untersuchungen entgegenzusetzen. Vor allem die Zahl von etwa 189.000 IM, die es laut BStU-Statistik 1989 in der DDR gegeben haben soll, hält Kowalczuk für übertrieben. Noch 1988 habe das Stasi-Ministerium von lediglich 110.000 IM gesprochen. Die Nachwende-Hochrechnung lasse unberücksichtigt, dass viele geworbene Zuträger unter verschiedenen IM-Kategorien geführt worden seien und dadurch doppelt in der Gesamtrechnung erschienen.

Zudem habe das Ministerium von Stasi-Chef Erich Mielke selbst beklagt, dass viele registrierte IM gar nicht berichtet hätten. 1987 wurden deshalb knapp 10.000 IM-Vorgänge archiviert. Karteileichen also, die nach Kowalczuk aus der Summierung abgezogen werden müssten.

Auf "abenteuerliche Weise" seien außerdem mehr als 13.000 IM der Auslandsspionage in das Zahlenwerk eingeflossen. Man habe nach 1990 Angaben aus zwei Bezirksabteilungen der Stasi für die gesamte Auslandsabteilung grob hochgerechnet. Aus Aktenvorgängen seien kurzerhand konkrete Personen konstruiert worden. Alles unseriös, konstatiert Kowalczuk. Der Versuchung, selber eine Gesamtzahl zu präsentieren, widersteht der Wissenschaftler. Ihm gehe es bei der Rechnerei ums Prinzip; mehr Präzision, weniger Hysterie, heißt seine Devise.

Der intensive Blick auf den Geheimdienst verzerrt das Bild der DDR

Das gilt auch für das Bild vom Stasi-Offizier, einem "Zerrbild" wie er findet. Unbestritten bleibe die Verantwortung der Hauptamtlichen für Spitzelei und Repression. Doch auch die Überwacher waren der Überwachung ausgesetzt: So abwegig es sich auch anhöre, argumentiert Kowalczuk, aber "keine Personengruppe" sei "so intensiv und systematisch" überwacht worden wie die der hauptamtlichen Stasi-Mitarbeiter selbst.

1989 saßen etwa 20 Personen in Haft, die im aktiven Stasi-Dienst verhaftet und dann verurteilt worden waren. Stasi-Mitarbeiter hätten in abgeschiedenen Wohnsiedlungen gelebt, in denen sie sich gegenseitig beobachtet hätten. "Ein großer Teil der MfS-Mitarbeiter stand unter Dauerkontrolle", so Kowalczuk.

Ihm gehe es nicht um die "Relativierung der Verbrechen der Staatssicherheit", sagt Kowalczuk. Der intensive Blick auf den Geheimdienst habe aber das Bild von der DDR verzerrt. Diese "Dämonisierung der IM und der Stasi" habe all jene "wunderbar entlastet", denen man dieses Label nicht habe anheften können, die SED-Mitglieder etwa.

Seinen Arbeitgeber, die Stasi-Unterlagen-Behörde, hat der Historiker bereits überzeugt: Natürlich basierten Teile der IM-Zahlen auf Hochrechnungen, so Sprecherin Dagmar Hovestädt. Der gesamte IM-Bestand der HVA kann nur durch Hochrechnungen und Schätzungen bestimmt werden. Und dann lobt sie: "Stasi konkret" gibt nun "neue Impulse für die Forschung. Das ist eine gute Basis für die Fortentwicklung der IM-Forschung".

Forum

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insgesamt 76 Beiträge
1. so isses
Stabhalter 21.02.2013
und nach der Wende hatten diese Stasi-Gauner alle gute Jobs in der regierung.Wenn sie könnte würde Merkel auch uns bespitzeln lassen,wetten????
Zitat von sysopWar der Überwachungsapparat der DDR kleiner als angenommen? Eine neue Studie stellt die hohe Zahl von Spitzeln in Frage - diese habe auf teils abenteuerlichen Rechnungen basiert. Auch das Bild des Stasi-Offiziers wird relativiert: Die Überwacher wurden selbst genauestens beobachtet. Studie zur Stasi: Zahl der IM in der DDR umstritten - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/politik/deutschland/studie-zur-stasi-zahl-der-im-in-der-ddr-umstritten-a-884493.html)
und nach der Wende hatten diese Stasi-Gauner alle gute Jobs in der regierung.Wenn sie könnte würde Merkel auch uns bespitzeln lassen,wetten????
2. Studie Stasi
hubertrudnick1 21.02.2013
Da werden wohl noch viele Wissenschaftler ihre Arbeit dran haben und zu oft kommen Spekulationen ans Tageslicht. Aber auch die eigenen Geheimdienste hat man ja bisher nicht im Griff und lässt sich von ihnen auf die Nase [...]
Zitat von sysopWar der Überwachungsapparat der DDR kleiner als angenommen? Eine neue Studie stellt die hohe Zahl von Spitzeln in Frage - diese habe auf teils abenteuerlichen Rechnungen basiert. Auch das Bild des Stasi-Offiziers wird relativiert: Die Überwacher wurden selbst genauestens beobachtet. Studie zur Stasi: Zahl der IM in der DDR umstritten - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/politik/deutschland/studie-zur-stasi-zahl-der-im-in-der-ddr-umstritten-a-884493.html)
Da werden wohl noch viele Wissenschaftler ihre Arbeit dran haben und zu oft kommen Spekulationen ans Tageslicht. Aber auch die eigenen Geheimdienste hat man ja bisher nicht im Griff und lässt sich von ihnen auf die Nase tanzen. Ich bezweifel, dass man jamals die Geheimnisse der Stasi wirklich wsissenschaftlich aufarbeiten will und kann. Karteileichen gibt es doch in allen Parteien und Orgarnisationen, so wie man mit der Meinungsfrage zu oft schief liegt, so liegt man bestimmt auch mit der Stasiaufarbeitung zu oft daneben, der Wunsch ist größer als das Ergebnis selbst, oder? Auch wer alles ein IM war wird man nicht richtig erfassen können, meine Erfahrung hat mir aufgezeigt, das gerade diejenigen, die früher und auch heute am lautesten über die DDR und Stasi schimpften selbst solche Vertreter waren. Ja, die Stasi war eine widerliche Krake, aber sind denn andere Geheimdienste besser und achten sie die Menschenwürde? Kann man denn überhaupt einen Geheimdienst von Grund auf aufarbeiten und alles herausfinden? HR
3. Knabe & Co. als Hysteriker entlarvt?
kulinux 21.02.2013
Na, das ging ja fixer als gedacht. Ich hätte erwartet, dass das noch gut 10 Jahre dauert. Gut so.
Na, das ging ja fixer als gedacht. Ich hätte erwartet, dass das noch gut 10 Jahre dauert. Gut so.
4. ...
Newspeak 21.02.2013
Das fügt sich gut in das Bild ähnlicher Spitzelsysteme ein. Vor einigen Jahren z.B. wurde über eine Stadt in Bayern berichtet (Würzburg, Regensburg?), in der sich ein nahezu kompletter Aktenbestand einer Gestapo-Dienststelle [...]
Das fügt sich gut in das Bild ähnlicher Spitzelsysteme ein. Vor einigen Jahren z.B. wurde über eine Stadt in Bayern berichtet (Würzburg, Regensburg?), in der sich ein nahezu kompletter Aktenbestand einer Gestapo-Dienststelle erhalten hatte...aus dem hervorging, daß die allermeisten Denunzationen nicht auf aktive Gestapo-Beamte oder ähnliche NS-Kader zurückzuführen waren, sondern auf das Konto von Otto-Normalbürger gingen. Wieso sollte das bei der Stasi anders sein? IMs sind eine Sache, die regimetreuen Mitläufer, die ohne bescheinigte Mitarbeit bei der Stasi das System gestützt haben, eine andere. Im Zweifelsfall können sehr wenige ein ganzes Land unter ihrem Einfluß halten, sofern nur die Mehrheit mitmacht.
5.
meinmein 21.02.2013
Die Historiker können so viel forschen wie sie wollen - wir Wessies sind davon überzeugt, dass jeder zweite DDR-Bürger einen Aufpasser hatte, nämlich jeder erste. Das ist jedenfalls das Bild, das uns in den letzten 20 Jahren [...]
Die Historiker können so viel forschen wie sie wollen - wir Wessies sind davon überzeugt, dass jeder zweite DDR-Bürger einen Aufpasser hatte, nämlich jeder erste. Das ist jedenfalls das Bild, das uns in den letzten 20 Jahren vermittelt wurde.

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