Schrift:
Ansicht Home:
Politik
Datenlese

Volkszählung

Statistiker verheimlichten schlechte Datenqualität

DPA

Zensusopfer Köln: Stichproben waren offenbar zu klein gewählt

Von
Sonntag, 15.12.2013   13:56 Uhr

Bislang galt die Qualität der Volkszählung gerade in deutschen Großstädten als vorbildlich. Nun belegen Fehlerdaten der Stadtbezirke das Gegenteil. Brisant: Das Statistische Bundesamt hielt diese Daten zurück.

Die Stichprobenfehler gelten als wichtiges Qualitätskriterium der Volkszählung 2011. Sie besagen, mit welcher Wahrscheinlichkeit das Ergebnis der Stichproben ermöglicht, die tatsächliche Einwohnerzahl zu benennen. Frühere Recherchen von SPIEGEL ONLINE hatten gezeigt, dass die Fehler in den Gemeinden den gesetzlichen Grenzwert von 0,5 in der Mehrheit der Fälle überschreiten.

Immer mehr Kommunen ziehen inzwischen gegen den Zensus vor Gericht, weil sie seiner Methode misstrauen und sich durch zu niedrige Einwohnerzahlen benachteiligt fühlen. Für solche Gemeinden sind die Fehlerwerte ihrer Stichprobe und damit die Zuverlässigkeit der Volkszählung klagerelevant.

In den größten deutschen Städten, wie etwa in Berlin oder Hamburg, schien die Qualität der Stichprobe bisher hervorragend zu sein, obwohl es dort massive Abweichungen des Zensus von der alten amtlichen Einwohnerzahl gab: In jeder der 15 größten Metropolen blieb der Stichprobenfehler für das gesamte Stadtgebiet unter der Marke von 0,5.

Jetzt ergibt sich ein ganz anderes Bild - die einzelnen Abweichungen sehen Sie hier:

Bislang verschwiegen: Fehlerdaten per Stadtbezirk

Beispiel I: Ganz Köln
Während der Stichprobenfehler für die ganze Stadt mit 0,42 komfortabel unter der gesetzlichen Marke lag, schießt er tatsächlich in allen fünf Kölner Zensusbezirken deutlich darüber hinaus. Dass die Fehlerwerte für die gesamten Großstädte klein, für deren Stadtteile aber ziemlich groß sind, ist eine mathematische Eigenart der Statistik. Selbst wenn die Stichprobe mangelhaft ist, sinkt ihr Fehlerwert mit wachsender Bevölkerungsgröße der Stadt.
Beispiel II: Köln, rechtsrheinisch
Eins der Gebiete - es entspricht dem rechtsrheinischen Bezirk Mülheim sowie den Stadtteilen Deutz und Kalk - stellt mit einem Fehler von 1,44 sogar einen neuen deutschen Negativrekord auf. Er bedeutet: Die Hochrechnung ergab hier zwar rund 180.000 Einwohner, mit 95-prozentiger Wahrscheinlichkeit kann man aber lediglich davon ausgehen, dass die wahre Zahl der Kölner in diesem Zensusbezirk irgendwo zwischen 175.000 und 185.000 liegt. Die mögliche Abweichung umfasst also mehr Menschen, als manche Stadtteile dieses Bezirks überhaupt Einwohner haben.
Beispiel III: Berlin und München
Berlin, bisher Spitzenreiter unter den Stichproben-Städten mit dem niedrigsten Gesamtfehler, steht nun ebenfalls viel schlechter da: Zwei von zwölf Bezirken reißen die gesetzliche Qualitätslatte. Auch München ist tatsächlich in fünf von sieben Bezirken schlechter, als das Gesetz vorgibt. Im finanziell stark durch die Zensus-"Verluste" getroffenen Hamburg sieht es ähnlich aus.
Die Großstädte ziehen auch die Gesamtnote für Deutschland in den roten Bereich: Auf Basis der bisherigen Werte für die kompletten Stadtgebiete hatte die amtliche Statistik stets behaupten können, der bundesweite Mittelwert der Stichprobenfehler sei im gesetzlichen Rahmen. Nun aber liegt auch dieser über der Grenze - und insgesamt haben 63 Prozent aller Gemeinden mit mehr als 10.000 Einwohnern eine Stichprobe, die schlechter ist als die gesetzliche Vorgabe.

Das Statistische Bundesamt will nichts Schlimmes daran finden, die Stichprobenfehler der Stadtbezirke für sich behalten zu haben. Sie seien für die öffentliche Debatte nicht relevant gewesen und auch zu kompliziert, schreibt das Amt in einer schriftlichen Stellungnahme. Den Gemeinden enthielt es damit aber wichtige Informationen vor, mit denen sie ihre Klagen gegen den Zensus begründen könnten.

Stichprobenfehler in Städten und Stadtteilen

Björn Schwentker
Auch auf Anfrage von SPIEGEL ONLINE reagierte das Statistische Bundesamt erst nicht. Das änderte sich erst, als wir einen Antrag mit Hilfe des Informationsfreiheitsgesetzes stellten, mit dem Bürger ihr Auskunftsrecht gegenüber Bundesbehörden durchsetzen können.

Die Daten erreichten uns als zwei unhandliche PDF-Tabellen, die gegen Weiterverarbeitung und Kopieren geschützt waren. Man wisse ja nie, wer mitlese, und habe die Daten schützen wollen, begründet das Amt sein Vorgehen. Das Bundesamt gibt damit dem Vorwurf der Gemeinden neue Nahrung, die amtliche Statistik sei intransparent und behindere willentlich die Aufklärung des Zensus-Verfahrens. SPIEGEL ONLINE stellt die Fehlerdaten nun offen zum Download zur Verfügung.

Melderegister der Kommunen sollen schuld sein

Die hohen Stichprobenfehler sind für die statistischen Ämter unangenehm. Jeder Fehlerwert über 0,5 bedeutet: Hier hätten mehr Menschen befragt werden müssen, um den gesetzlichen Qualitätsanspruch zu erfüllen. Insbesondere in den großen Städten wurde ein viel kleinerer Bevölkerungsanteil von Zählern besucht als die bundesdurchschnittlichen zehn Prozent. Die Stichproben, so scheint es, waren mehrheitlich zu klein gewählt.

Dem widerspricht man im Statistischen Bundesamt nicht. Allerdings könne man nichts dafür. Wo die Stichprobenfehler hoch sind, liege das an den zu schlechten Melderegistern der Kommunen. Allerdings hatten die Statistischen Ämter bereits 2001 ausführliche Tests gemacht, um die Güte der Melderegister einzuschätzen.

Damit lag man wohl gründlich daneben, wie eine amtliche Zensus-Studie am Beispiel Wiesbadens zeigt: Vor der Zählung war man für die Stadt von einer exzellenten Stichprobe ausgegangen mit einem Mini-Fehler von 0,13 - obwohl man nur drei Prozent der Bevölkerung befragen wollte. Tatsächlich ergab der Zensus den fünffachen Fehlerwert, nämlich 0,69, klar jenseits der gesetzlichen Grenze.

Wären mehr Deutsche befragt worden, wäre der Zensus besser gewesen. Auf Anraten des Statistischen Bundesamtes hatte sich die Politik aber schon vor Jahren entschieden, nur wenige Interviewer loszuschicken. Eine größere Stichprobe wäre teurer gewesen. Ein Plus an Qualität, das man sich offenbar nicht leisten wollte.

Deutschlands Einwohnerzahlen - die vier verschiedenen Modelle

Zensus
Der jüngste Zensus stellte zum Stichtag 9. Mai 2011 eine Einwohnerzahl für jede der gut 11.000 Gemeinden in Deutschland fest. Er vereinte dazu in einem komplizierten Methoden-Mix verschiedene, in sich jeweils fehlerhafte Bevölkerungsdatensätze und korrigierte sie durch Nachzählen vor Ort. Das aktuelle Zensusergebnis wurde am 31. Mai 2013 bekannt gegeben und wird wenige Monate später zur neuen amtlichen Einwohnerzahl, sofern Widersprüche und Klagen es nicht verhindern.
Fortschreibung
Die aktuelle amtlich Einwohnerzahl (Fortschreibung) jeder Gemeinde wird monatlich bestimmt. Nicht von der Gemeinde selbst, sondern vom jeweiligen Statistischen Landesamt. Dort zählt man dem Ergebnis der letzten Volkszählung laufend Geburten und Einwanderer hinzu, Sterbefälle und Auswanderer zieht man ab. Die einzelnen Vorfälle für diese „Fortschreibung“ liefern die Kommunalverwaltungen ständig an die Landesämter. Zwischen den Volkszählungen häufen sich zum Teil erhebliche Fehler in der Fortschreibung an. Die amtliche Einwohnerzahl bestimmt den kommunalen sowie den Länderfinanzausgleich und die Regelungen von ca. 50 weiteren Gesetzen.
Melderegister
Jede Gemeinde führt eine eigene Einwohnerzahl im Melderegister ihrer Kommunalverwaltung. Sie weicht zum Teil erheblich von der Fortschreibung oder dem Zensusergebnis ab. Sie ist irrelevant für die Finanzausgleiche, aber maßgeblich für die gesamte kommunale Planung, z.B. von Straßen, Kindergärten oder Schulen. Die Gemeinden können ihre Registerzahlen selbst korrigieren, aber es ist aus Datenschutzgründen durch das so genannte „Rückspielverbot“ seit 1983 verboten, die Register um Karteileichen und zusätzliche Bewohner zu bereinigen, die bei einer Volkszählung gefunden wurden.
Die Wahrheit
Die tatsächliche Einwohnerzahl ist unbekannt. Das steht sogar in der Gesetzesvorgabe des Zensus 2011. Letztlich heißt das: Egal welche Einwohnerzahl man nimmt, alle sind fehlerhaft. Die Macher des Zensus beanspruchen allerdings für ihre Zählmethode, dass sie den kleinsten Fehler macht.

insgesamt 26 Beiträge
klfm01 15.12.2013
1.
Wieso machen die Statistiker denn solche groben Fehler? Sonst sind sie doch auch immer so gut, wenn es ums Fälschen oder verbiegen von Statistiken geht, etwa Kriminalitätsstatistiken, und welche Gruppen diese zumeist begehen. Es [...]
Wieso machen die Statistiker denn solche groben Fehler? Sonst sind sie doch auch immer so gut, wenn es ums Fälschen oder verbiegen von Statistiken geht, etwa Kriminalitätsstatistiken, und welche Gruppen diese zumeist begehen. Es heisst übrigens "rechtsrheinisch".
wurzelbär 15.12.2013
2.
Das ganze staatliche, politisch-wirtschaftliche System in Deutschland baut sich doch nur noch auf "manipulierten Zahlenmaterial" auf, um der Bevölkerung den desolaten Staats / Volkszustand - vorzuenthalten. Wenn man [...]
Das ganze staatliche, politisch-wirtschaftliche System in Deutschland baut sich doch nur noch auf "manipulierten Zahlenmaterial" auf, um der Bevölkerung den desolaten Staats / Volkszustand - vorzuenthalten. Wenn man schon Daten - schwärzen - muß, um in Deutschland den sozialen Frieden zu erhalten, (Rösler) so sagt das über den Zustand des Volkes alles aus.
ego_me_absolvo 15.12.2013
3.
Manipulation in Reinkultur. Das ganze dann noch verharmlosend verkuddelmuddelt angehübscht und fertig ist die amtliche "Rechtstreue".
Manipulation in Reinkultur. Das ganze dann noch verharmlosend verkuddelmuddelt angehübscht und fertig ist die amtliche "Rechtstreue".
warkeinnickmehrfrei 15.12.2013
4. Warum auch nicht ?
In erster Linie läuft unser Verwaltungsapparat seit Jahrzehnten im Selbsterhaltungsmodus. Fehler zuzugeben wäre in dem Zusammenhang für den Erhalt der eigenen BAT Stelle ja höchst kontraproduktiv. Außerdem singen die [...]
In erster Linie läuft unser Verwaltungsapparat seit Jahrzehnten im Selbsterhaltungsmodus. Fehler zuzugeben wäre in dem Zusammenhang für den Erhalt der eigenen BAT Stelle ja höchst kontraproduktiv. Außerdem singen die Statistischen Lügenämter doch ohnehin nur das Lied, dass ihnen von der Politik vorgegeben wird. Man betrachte nur die offiziell verkündete Inflationsrate.
Quetzal2012 15.12.2013
5.
Mit Statistiken ist es so eine Sache. Wieso können dann solche Sprichwörter entstehen: Traue keiner Statistik, die du nicht selbst gefälscht hast. Deshalb sind Statistiken immer kritisch zu betrachten. Dies soll aber nicht [...]
Mit Statistiken ist es so eine Sache. Wieso können dann solche Sprichwörter entstehen: Traue keiner Statistik, die du nicht selbst gefälscht hast. Deshalb sind Statistiken immer kritisch zu betrachten. Dies soll aber nicht heißen, das jede Statistik verbogen ist. Wie man diese Statistiken auch liest und Glauben mag, bleibt jeden überlassen.

Verwandte Artikel

Mehr im Internet

 

  • Nicole Sturz
    Björn Schwentker ist Wissenschafts- und Datenjournalist, der sich auf Themen der Demografie spezialisiert hat. Er ist unter anderem freier Mitarbeiter für das Max-Planck-Institut für demografische Forschung (MPIDR) in Rostock, arbeitet für SPIEGEL ONLINE aber unabhängig davon als freier Journalist. Seine Beiträge hier geben nicht die Sichtweise des Instituts wieder. Die Ergebnisse seiner Recherchen finden sich auch in seinem Blog.

Artikel

© SPIEGEL ONLINE 2013
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH
TOP