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Politik

Merkels Stationen als CDU-Vorsitzende

18 Jahre Chefin

Sie steuerte die CDU aus der Spendenaffäre, räumte Rivalen aus dem Weg und sicherte der Union das Kanzleramt. Nach 18 Jahren ist jetzt Schluss für Angela Merkel als Parteichefin. Stationen ihrer Amtszeit.

AP

Angela Merkel beim CDU-Parteitag 2000 in Essen

Von
Freitag, 07.12.2018   06:07 Uhr

6815 Tage ist Angela Merkel am Freitag CDU-Chefin. Das sind mehr als 18 Jahre - eine Ewigkeit in der Politik. Als Merkel im April 2000 an die Spitze der Christdemokraten trat, war der Bundestag gerade erst von Bonn nach Berlin gezogen. Gerhard Schröder war Kanzler und in Washington regierte Bill Clinton. Es war eine andere Welt damals.

Die CDU lag zu jener Zeit am Boden. Die Partei steckte tief in der Spendenaffäre, in der Hauptstadt waren SPD und Grüne an der Macht. Merkel führte die Partei aus der Krise, räumte interne Rivalen aus dem Weg und schaffte den Sprung ins Kanzleramt - als erste Frau in der Geschichte der Bundesrepublik. Dort sitzt sie bis heute.

Lange war Merkel unangefochten, doch diese Zeiten sind längst vorbei. In der Flüchtlingskrise wandte sich ein Teil der Union von ihr ab. Jetzt bereitet die Kanzlerin ihren Abschied aus der Politik vor. Erster Schritt: Als CDU-Chefin soll jetzt Schluss ein. Wenn die Partei am Freitag eine neue Führung wählt, ist das auch das Ende einer Ära - der Ära Merkel. Ein Rückblick auf ihre Zeit als Parteivorsitzende.

Angela Merkel: 18 Jahre an der Spitze der CDU

Angela Merkel: 18 Jahre an der Spitze der CDU
10. April 2000
Angela Merkel wird im April 2000 auf dem Bundesparteitag in Essen mit knapp 96 Prozent der Stimmen zur neuen CDU-Chefin gewählt. Sie ist die erste Frau an der Spitze der Christdemokraten. Merkel war zuvor Generalsekretärin und hatte sich als Aufklärerin in der Spendenaffäre der Union in Stellung gebracht.
1. Februar 2001
Mit Friedrich Merz verbindet Merkel eine lange Rivalität. Als Fraktionschef bringt sich dieser im Februar 2001 für die nächste Kanzlerkandidatur in Stellung. Merkel muss ein Machtwort sprechen: „Ich führe die CDU“, teilt sie damals mit. Nach der Bundestagswahl im darauffolgenden Jahr verdrängt Merkel Merz an der Spitze der Unionsfraktion. Das Verhältnis ist damit endgültig zerrüttet. 2004 tritt Merz von allen Spitzenämtern zurück. Jetzt, 14 Jahre später, will er Merkel als Parteichefin beerben.
11. Januar 2002
Trotz eigener Ambitionen verzichtet Merkel 2002 auf die Kanzlerkandidatur. Stattdessen lässt sie CSU-Chef Edmund Stoiber den Vortritt, der zu dieser Zeit auch in der Schwesterpartei mehr Unterstützer hat. Bei einem gemeinsamen Frühstück mit Stoiber in dessen Haus in Wolfratshausen verständigen sich beide in der bis dahin umstrittenen K-Frage. Damit geht Merkel auch einer Abstimmungsniederlage in den Spitzengremien der CDU aus dem Weg.
22. September 2002
Mit Stoiber als Spitzenkandidat unterliegt die Union bei der Bundestagswahl 2002 hauchdünn. Die rot-grüne Regierung von Kanzler Gerhard Schröder bleibt im Amt. Auch wegen seines entschiedenen Nein zum sich abzeichnenden Irak-Feldzug der Amerikaner konnte Schröder gegen Merkel punkten.
1. Dezember 2003
Heute werfen Kritiker Merkel vor, die CDU in die Profillosigkeit geführt zu haben. Davon kann 2003 noch keine Rede sein. Auf dem Leipziger Parteitag vollzieht die Union eine marktradikale Wende. Im CDU-Programm stehen fortan ein vereinfachtes Steuersystem, Kopfpauschalen statt des bisherigen Prinzips der solidarischen Krankenversicherung oder die Anhebung des Rentenalters auf 67 Jahre.
30. Mai 2005
Nach einer Pleiten-Serie in den Ländern drängt Kanzler Schröder im Jahr 2005 auf vorgezogene Bundestagswahlen. Anders als drei Jahre zuvor ist Merkel nun in der Union unumstritten. Am 30. Mai bestimmen sie die Präsidien von CDU und CSU zur Kanzlerkandidatin.
17. August 2005
Einen Monat vor der Bundestagswahl stellt Merkel ihr Schattenkabinett vor. Mit dabei: der ehemalige Verfassungsrichter Paul Kirchhof. Der parteilose Jurist soll das Gesicht für Merkels geplante Steuerreform sein. Doch im Wahlkampf wird er für die SPD zur willkommenen Zielscheibe. Kanzler Schröder arbeitet sich immer wieder an „diesem Professor aus Heidelberg“ ab - und zeichnet somit das Bild einer kalten und abgehobenen Union.
18. September 2005
Bei der Bundestagswahl landet die Union knapp vor der SPD. Doch weil die Christdemokraten weit unter den Erwartungen bleiben, ist noch am Wahlabend nicht ausgemacht, wie es für Merkel weitergeht. Die kuriosen Attacken von Amtsinhaber Schröder in der sogenannten Elefantenrunde stärken jedoch Merkels Position in den eigenen Reihen. Der Weg zur Kanzlerschaft ist frei.
22. November 2005
Merkel ist am Ziel: Mehr als fünfeinhalb Jahre nach ihrer Machtübernahme in der CDU wählt sie der Bundestag zur Kanzlerin. Erst zum zweiten Mal in der Geschichte der Bundesrepublik regiert eine Große Koalition das Land. Der Start verläuft holprig: 51 von 448 Abgeordneten des schwarz-roten Bündnisses verweigern Merkel die Zustimmung. Trotzdem ist ihre Wahl ungefährdet. Als erste Frau steht sie an der Spitze der Regierung.
13. Juli 2006
Die Fotos vom Grillabend in Trinwillershagen zählen zu den berühmtesten Bildern von Merkel mit dem früheren US-Präsidenten George W. Bush. Ihr Verhältnis zu dem Republikaner bleibt freundlich, aber distanziert. Doch auf internationaler Bühne verschafft sich die Kanzlerin schnell Respekt und Anerkennung. In den folgenden Jahren ist sie eine der wichtigsten Krisenmanager - infolge der Finanzkrise gilt sie im Ausland aber auch als Gesicht eines deutschen Spardiktats.
27. September 2009
Zu Beginn ihrer Amtszeit schätzen viele Menschen Merkels ruhige und sachliche Art. Doch im Wahlkampf 2009 zeigen sich bereits die ersten Folgen dieses Stils für die politische Kultur. Ein echter Wettstreit findet kaum statt, auch nicht im TV-Duell. Der SPD mit ihrem - ebenfalls eher blassen - Spitzenkandidaten Frank-Walter Steinmeier bietet die Kanzlerin kaum Angriffsfläche. Am Ende stürzen die Sozialdemokraten ab, doch auch die CDU verliert erneut, erhält ihr schlechtestes Ergebnis seit 1949.
24. Oktober 2009
Dank einer deutlich erstarkten FDP reicht es nach der Wahl 2009 für das klassische schwarz-gelbe Bündnis. Der Koalitionsvertrag ist in wenigen Wochen ausgehandelt, bei der Präsentation geben sich auch die Parteichefs von CSU und FDP betont fröhlich. Mit beiden wird Merkel jedoch künftig Ärger haben. In dem Bündnis kracht es gewaltig, Koalitionäre beschimpfen sich als „Wildsau“ oder „Gurkentruppe“.
28. Oktober 2009
Ende Oktober 2009 wird Angela Merkel zum zweiten Mal zur Kanzlerin gewählt. Doch wieder muss die CDU-Chefin einen Rückschlag verkraften: Neun Gegenstimmen erhält sie aus den Fraktionen von Union und FDP, die insgesamt auf 332 Sitze kommen. Und das, obwohl Schwarz-Gelb anders als die GroKo ein Wunschbündnis der Partner war.
15. November 2010
Verteidigungsminister Karl-Theodor zu Guttenberg ist einer der Stars in Merkels neuem Kabinett. Der CSU-Politiker drängt 2010 auf die Aussetzung der Wehrpflicht, die Kanzlerin willigt ein. Am 15. November stimmt auch der CDU-Parteitag dafür. Eine Entscheidung, die Merkel ihre konservativen Gegner in der Union noch heute vorhalten – ebenso wie den Atomausstieg oder die gleichgeschlechtliche Ehe, für die die CDU-Chefin den Weg freigemacht hat.
22. September 2013
Die Bundestagswahl wird zu Merkels größtem Erfolg: Die Union legt um knapp acht Punkte zu und landet bei 41,5 Prozent. Die SPD hat mit ihrem Kandidaten Peer Steinbrück keine Chance. Allerdings fliegt Merkels bisheriger Koalitionspartner, die FDP, aus dem Parlament. Die Folge: Merkel führt die Union in die nächste Große Koalition.
27. November 2013
„Deutschlands Zukunft gestalten“, lautet der Titel des Koalitionsvertrags von Union und SPD. Die spektakulärsten Punktsiege gelingen den Sozialdemokraten - sie setzen etwa den Mindestlohn durch. Schaden wird das der Kanzlerin nicht. Dank der SPD bleibt sie im Amt - denn die Partei von Sigmar Gabriel hätte auch eine andere Möglichkeit gehabt: Rot-Rot-Grün hat im Parlament eine rechnerische Mehrheit.
20. November 2016
Als Angela Merkel im Spätherbst 2016 ihre erneute Kandidatur bei der Bundestagswahl im darauffolgenden Jahr verkündet, ist sie elf Jahre im Amt. Längst steht die CDU-Chefin heftig unter Druck, ihr Kurs in der Flüchtlingskrise hat einen Teil der Bevölkerung gegen Merkel aufgebracht. Die rechtspopulistische AfD ist erstarkt. Merkel will trotzdem weitermachen. Zunächst scheint es so, als sei das ein Fehler. Die SPD erlebt mit ihrem Spitzenkandidaten Martin Schulz einen ungeahnten Höhenflug. Doch lange hält dieser nicht an.
24. September 2017
Bei der Bundestagswahl muss Merkel eine herbe Niederlage einstecken. Die Union stürzt auf 32,9 Prozent ab - und bleibt trotzdem stärkste Kraft. Im Parlament wird die Lage jetzt schwieriger. Nicht nur die FDP sitzt wieder im Bundestag, sondern fortan auch die AfD. Keiner von Merkels internen Konkurrenten wagt sich in dieser Situation aus der Deckung.
19. November 2017
Weil die SPD eine erneute Große Koalition zunächst ausschließt, steigt Merkel in zähe Jamaika-Gespräche mit Liberalen und Grünen ein. Doch in der Nacht des 19. Novembers lässt FDP-Chef Christian Lindner die Sondierungen platzen. Merkels Verhandlungsgeschick scheint sie diesmal verlassen zu haben. Es folgt eine dramatische Wende der Sozialdemokraten, die sich letztlich doch zu einem Bündnis mit der Union durchringen.
14. März 2018
So knapp war es für Merkel noch nie: Knapp sechs Monate nach der Bundestagswahl wird die CDU-Chefin abermals zur Kanzlerin gewählt. Merkel erhält 364 Stimmen der geschrumpften Großen Koalition. 355 waren für die Mehrheit nötig. Aus dem schwarz-roten Bündnis fehlen diesmal mehr als 30 Stimmen.
29. Oktober 2018
2018 wird wohl das bislang schwerste Jahr für Merkel als Kanzlerin. Der Streit in der Asylpolitik und persönliche Verstimmungen bringen die Koalition an den Rand des Zusammenbruchs. Bei den Landtagswahlen in Bayern und Hessen erleiden die Unionsparteien schwere Verluste. Am 29. Oktober kündigt Merkel an, beim Parteitag Anfang Dezember nicht mehr als CDU-Chefin kandidieren zu wollen. Als Regierungschefin will sie bis zum Ende der Legislatur weitermachen.

Stimmenfang #76 - 13 Jahre Kanzlerin Merkel: Wie hat sich Deutschland seither verändert?

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