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Politik

Abschied als CDU-Chefin

Merkel im Reinen mit Merkel

In ihrer Abschiedsrede als CDU-Chefin spricht Angela Merkel die vielen Zerwürfnisse mit ihrer Partei offen an - und wird trotzdem gefeiert. Wem sie den Job am ehesten zutraut, muss sie nicht mehr explizit sagen.

Foto: AFP
Eine Analyse von
Freitag, 07.12.2018   13:43 Uhr

Noch bevor Angela Merkel an diesem Freitag ein einziges Wort gesagt hat, bekommt sie Applaus. Als die scheidende CDU-Vorsitzende an das Mikrofon auf der Bühne der Hamburger Messehalle tritt, um den Parteitag zu eröffnen, erheben sich die Delegierten zu Standing Ovations.

Schon diese Szene zeigt: Die CDU will Frieden schließen mit der scheidenden Chefin, mit der viele Funktionäre zuletzt gehadert haben und die mitunter offen angegriffen wurde.

Auch Merkels Rede ist dann ein Friedenssignal an die Partei.

Immer wieder spricht sie ihr Image in der Partei an, thematisiert offen, dass sie Erwartungen enttäuscht hat und manche Parteifreunde mit den von ihr angestoßenen Umwälzungen überfordert hat.

Aber, das ist Merkels Kernbotschaft: Ich habe den Kurs nie alleine bestimmt, sondern wir alle zusammen. Als Leitmotiv der Rede wählt Merkel denn auch das Motto des Parteitags: "Zusammenführen. Und zusammen führen."

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Merkels Rückzug vom CDU-Vorsitz: Ins Gesicht geschrieben

Man kann das Motto zudem als heimliche Wahlempfehlung für den Wettstreit um den CDU-Parteivorsitz bewerten. Aus Merkels Sicht dürfte von den drei Nachfolgekandidaten, Annegret Kramp-Karrenbauer, Friedrich Merz und Jens Spahn, am ehesten die Noch-Generalsekretärin "AKK" eine Teamplayerin sein.

Die Parteiführung müsse verschiedenste Gruppen integrieren, müsse "Stärkere und Schwächere, Einheimische und Migranten" zusammenführen, sagt sie. Wem sie das am ehesten zutraut, muss Merkel nicht mehr ausdrücklich sagen. "Es kommt auf jeden Einzelnen an", predigt sie den Delegierten, "von der Spitze bis zum gerade eingetretenen Mitglied."

Videoumfrage unter Delegierten: "Auf die Reden kommt es an"

Foto: SPIEGEL ONLINE

Auch damit verweist sie indirekt auf Kramp-Karrenbauer, die im Sommer wochenlang durch Deutschland getourt war, um mit der Basis über ein neues Grundsatzprogramm zu diskutieren. Sie hebt auch die Erfolge bei Landtagswahlen hervor, die ihre Verbündeten Kramp-Karrenbauer im Saarland, Daniel Günther in Schleswig-Holstein und Armin Laschet in Nordrhein-Westfalen erzielt haben - die jüngsten Schlappen in Hessen und bei der Schwesterpartei CSU in Bayern bleiben unerwähnt.

Stattdessen betont Merkel, wie ungünstig die Lage für Kramp-Karrenbauers Wahlkampf damals im Saarland gewesen sei. Trotzdem habe sie 40 Prozent geschafft. Würde auch Merz dies schaffen?, lautet die unausgesprochene Frage der Noch-Chefin ans Publikum.

Am Anfang der wohl kürzesten Rede, die Merkel als Parteichefin je auf einem Parteitag gehalten hat, steht ein Rückblick auf die Zeit ihres Amtsantritts. Sie erinnert die Parteifreunde an die Spendenaffäre und dass die CDU damals am Boden lag, und sie, Merkel, sie wieder aufgerichtet, zusammengeschweißt und modernisiert hat.

Damals hätte die CDU es "allen gezeigt", weil die Partei unter ihrer Führung "zurück zur Sache" gefunden habe. Vielleicht liegt es an dieser Passage ihrer Rede, dass Wolfgang Schäuble Merkel später nur sehr spärlich applaudieren wird. Denn seine Rolle in der Spendenaffäre war der Anfang von ihrem Aufstieg an die Spitze, und von einer dauerhaften Stagnation seiner eigenen Karriere.

Aber mit den vielen Streitthemen der 18 Jahre hält sich Merkel nicht lange auf. Sie lässt ihre Amtszeit und die 72 Wahlkämpfe sehr knapp Revue passieren, streift die vielen fundamentalen Veränderungen, die sie als Parteichefin angestoßen hat, nur kurz: die Unterstützung für Gerhard Schröders Hartz-Reformen, die Aussetzung der Wehrpflicht, die Energiewende oder die Debatte über Präimplantationsdiagnostik.

Die Flüchtlingspolitik taucht in dieser Reihe nur als ein Thema von vielen auf. Wie scharf die innerparteiliche Kritik an ihr wegen ihrer Linie von 2015 war und ist, deutet Merkel nur an: Ja, sie habe der CDU immer wieder viel zugemutet, sagt sie: "Aber ich sage auch, dass es - ganz ganz selten natürlich - auch mal umgekehrt der Fall war."

Da ist längst klar: Merkel stellt ihre Transformationsleistung für die CDU offensiv und stolz heraus. "Unsere CDU ist heute eine andere als im Jahr 2000 - und das ist gut so", sagt sie etwa.

Immer wieder spricht sie ihr Image und ihre innerparteilichen Gegner an. Wenn sie zum Beispiel an die Kritik an der Wahl ihrer Parteitags-Mottos erinnert. Den Kollegen seien ihre nüchternen Slogans oft zu wenig patriotisch gewesen, zu nüchtern. "Typisch Merkel. Knochentrocken", hätten die Kollegen gesagt.

Aber man merkt Merkel auch an, dass sie die Kritiker emotional längst hinter sich gelassen hat. Als der Saal zu ihren Ausführungen zum Thema Wehrpflicht einen eher pflichtschuldigen Kurz-Applaus spendet, sagt sie lässig: "Das Klatschen ist schmaler, als die Mehrheit damals war."

Stimmenfang #76 - 13 Jahre Kanzlerin Merkel: Wie hat sich Deutschland seither verändert?

Schließlich appelliert Merkel an den Zusammenhalt der Partei, die sich gegen Fake News, Hetze, und die zunehmende Polarisierung der Gesellschaft stellen müsse, für den inneren Frieden einer Gesellschaft eintreten müsse, in der sich zu oft die "schrillen Töne" durchsetzten. Dass auch ihr Kurs diese Spaltung befördert hat, weiß die CDU genau. Die Frage ist, ob mit der Wahl eines oder einer neuen Vorsitzenden nun auch die Partei vor einer inneren Spaltung steht.

"Wohin uns nicht enden wollender Streit führt, das haben CDU und CSU in den letzten Monaten gezeigt", gibt Merkel den Delegierten mit.

Fast ein Drittel ihres Lebens hat sie als Chefin der CDU verbracht, obwohl sie doch, wie sie selbst betont, "nicht als Kanzlerin geboren" wurde, "und auch nicht als Parteivorsitzende". Am Ende sei sie erfüllt mit Dankbarkeit über ihre lange Amtszeit.

"Für meine Verbundenheit mit dieser Partei brauche ich keinen Parteivorsitz. Und Bundeskanzlerin bin ich auch noch", ergänzt Merkel, und es klingt wie eine Selbstversicherung.

Am Ende gibt es Standing Ovations und Jubelrufe im Publikum, während Merkel sichtlich mit ihrer Rührung kämpft. Im Publikum schwenken manche Delegierte Schilder mit der Aufschrift: "Danke, Chefin!"

So lange wird geklatscht, dass Merkel selbst die Delegierten ermahnt, den Applaus endlich zu beenden. Es gebe schließlich noch eine Wahl abzuhalten.

insgesamt 37 Beiträge
fördeanwohner 07.12.2018
1. -
Politisch bin ich nicht mit Merkel auf einer Linie, aber ich halte sie für eine integere Person, die nicht an Prinzipien "kleben geblieben" ist, sondern sich und ihre Grundsätze insgesamt stimmig weiterentwickelt und [...]
Politisch bin ich nicht mit Merkel auf einer Linie, aber ich halte sie für eine integere Person, die nicht an Prinzipien "kleben geblieben" ist, sondern sich und ihre Grundsätze insgesamt stimmig weiterentwickelt und nicht aus Eigennutz gehandelt hat. Wir werden sie ganz bestimmt vermissen, wenn sie nicht mehr Kanzlerin ist. Damals, als sie Kanzlerin wurde, habe ich mich fast geschämt und an Deutschlands Ansehen im Ausland gebangt. Sie hat mich Lügen gestraft. Eigentlich schade, dass sie damals nicht in die SPD eingetreten ist. Ich kann mir auch nicht vorstellen, dass es mit einer anderen Person an der Spitze der CDU besser wird, im Gegenteil.
wasnu23 07.12.2018
2. Ist die Selbsteinschätzung stimmig?
Und was ist mit all den Problemen, denen Deutschland und die EU gegenüberstehen? Wäre nicht ein wenig mehr Selbstkritik angebracht, angesichts der dramatischen Lage in Deutschland und Europa? So bleibt der Eindruck: Wenn es [...]
Und was ist mit all den Problemen, denen Deutschland und die EU gegenüberstehen? Wäre nicht ein wenig mehr Selbstkritik angebracht, angesichts der dramatischen Lage in Deutschland und Europa? So bleibt der Eindruck: Wenn es Probleme gibt, ist es eben Schicksal, Erfolge sind hingegen ein Ergebnis eigener Stärke.
kajoter 07.12.2018
3. Ein Redeabschnitt, ...
... der hier nicht erwähnt wurde, befasste sich mit den Punkten, die Merkel sich selbst nicht zuschrieb, und das waren u.a. Zukunftsentwürfe. Das hat mich ziemlich ratlos hinterlassen, denn es bestätigte meinen Eindruck von [...]
... der hier nicht erwähnt wurde, befasste sich mit den Punkten, die Merkel sich selbst nicht zuschrieb, und das waren u.a. Zukunftsentwürfe. Das hat mich ziemlich ratlos hinterlassen, denn es bestätigte meinen Eindruck von ihr und widersprach dem, was man eigentlich von einer Bundeskanzlerin erwarten sollte. Das permanente Reagieren, ohne zu Agieren, hat die Welt, Europa und Deutschland in die letzte Weltwirtschaftskrise, Finanzkrise und Flüchtlingskrise schliddern lassen. Die simple Bewahrung der Schröderschen Hartz4-Reform war u.a. ursächlich für die eskalierende Unzufriedenheit im Land und die Weigerung, radikale, praktische Schritte nach radikalen Beschlüssen zu unternehmen, haben diese Beschlüsse zu halben Rohrkrepierern werden lassen. Gemeint sind der Atomausstieg und die Flüchtlingsaufnahme. Und daneben bieten Bildung und Infrastruktur ein Feld, auf dem endlich zukuftsträchtig agiert werden muss. Frau Merkel hinterlässt als Kanzlerin ein sehr ambivalentes Arbeitsergebnis, wobei ich nicht verkenne, dass sie Deutschland durch schwere Unwetter recht sicher manövriert hat. Sie muss natürlich nicht "wäch", aber es ist höchste Zeit, dass das Land seine Zukunft in Angriff nimmt.
huchuc 07.12.2018
4. Merkel wird eindeutig die Geschichte eingehen - wer übernimmt das Erbe
Merkel hat sehr viel auf nationaler und internationaler Ebene erreicht. Da gebührt aufrichtigen Respekt! Als SPD Mitglied glaube ich, daß sie nach und mit Schröder das Land weitergebracht hat und hat uns wieder [...]
Merkel hat sehr viel auf nationaler und internationaler Ebene erreicht. Da gebührt aufrichtigen Respekt! Als SPD Mitglied glaube ich, daß sie nach und mit Schröder das Land weitergebracht hat und hat uns wieder Vollbeschäftigung gebracht hat. Leider wurde dadurch das soziale Rückgrat vernachlässigt. Merzens ‘Agenda für die Fleißigen’ ist nicht die Antwort in Zeiten von Vollbeschäftigung. Die soziale Agenda von AKK hat viel mehr Substanz! AKKs Rede war beindruckend. Ich teile Merkels heimlichen Favorit AKK, die die CDU viel sicherer in die Zukunft bringen kann. Die rhetorisch etwas flache Rede von Merz ist mehr rückwärtsgerichtet, mehr Retro, und ist soweit nicht ‘future proof’.
Freddie-58 07.12.2018
5. Danke und Bravo
Vor den Leistungen von Frau Merkel kann man nur ehrfürchtig den Hut ziehen und danken! Bravo!
Vor den Leistungen von Frau Merkel kann man nur ehrfürchtig den Hut ziehen und danken! Bravo!

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