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Politik

Heimatmuseum GroKo

Die Zukunft bleibt aufgeschoben

Die heute startende neue Große Koalition ist kein Zukunftsprojekt. Sie weist nostalgisch zurück in eine Zeit, in der die Welt scheinbar noch in Ordnung war. Sie ist im Grunde schon an ihrem ersten Tag Vergangenheit.

picture alliance/ Revierfoto/ Re

Deutscher Bundestag in Berlin

Ein Kommentar von
Mittwoch, 14.03.2018   09:59 Uhr

Manchmal sagen Politiker tatsächlich die reine Wahrheit. Nicht, dass sie meistens lügen würden, das soll hier keineswegs unterstellt werden, doch was wir gemeinhin und tagtäglich von ihnen zu hören bekommen, ist kaum mal eine unverblümte Momentaufnahme ihres Bewusstseins, sondern meist eine sorgsam vorbereitete Version dessen, was die sprechende Person denkt - gerade richtig dosiert fürs Publikum und auf den Zeitpunkt abgestimmt. Das sind mal bewusst gesetzte Provokationen, mal wohlfeile Sonntagsreden, mal schmallippige Statements, und all diesen Äußerungen gemein ist die ihrer Berechenbarkeit geschuldete überraschungsfreie Langeweile.

Die heute beginnende vierte Amtszeit Angela Merkels und ihrer dritten Großen Koalition wird uns wieder jede Menge davon bescheren. Und das ist auch gut so: Kontrollierte Kommunikation bedeutet Stabilität der inneren und äußeren Beziehungen. Wir können froh sein, dass unsere Regierenden nicht so hemmungslos daherplappern wie zum Beispiel das Staatsoberhaupt unseres größten Verbündeten.

Manchmal jedoch rutscht er ihnen auch in Deutschland ungefiltert heraus: ein insgeheimer Gedanke. Unerwartet tritt dann ihre unverstellte Sicht auf die politische Realität zutage. Alle lachen, als sei es ein lustiger Versprecher gewesen. Tatsächlich aber war es eine Freudsche Fehlleistung: eine eigentlich nicht zur Verkündung gedachte Wahrheit bricht sich Bahn.

Foto: SPIEGEL ONLINE;DPA

"Ich habe das Heimatmuseum, ....das Heimatministerium, das Heimatministerium in Bayern gegründet", versprach und korrigierte sich der künftige Innenminister Horst Seehofer (CSU) am Montag bei einer Pressekonferenz der drei Koalitionsparteichefs, große Heiterkeit bei den Journalisten, ein echtes Seehofer-Schmankerl. Tatsächlich hat Seehofer jedoch nichts anderes abgeliefert als eine ehrliche und akkurate Beschreibung dessen, was von dieser Großen Koalition zu erwarten ist: Politik als Heimatmuseum.

Bloß nicht zuviel Aufbruch, das könnte verunsichern

Diese neuerliche Große Koalition, darüber können auch keine Bärs und Spahns und Giffeys hinwegtäuschen, ist kein Zukunftsprojekt. Sie weist zurück in die Vergangenheit, in eine Zeit, in der die Welt noch in Ordnung schien.

Als Angela Merkel noch unumstrittene Anführerin der Konservativen war und noch keine von vielen eigenen Leuten zunehmend unverstandene Flüchtlingskanzlerin. Als Horst Seehofer noch kraftvolle bayerische Wucht verkörperte und noch kein von den eigenen Leuten aus der Heimat Vertriebener auf der letzten Station seines politischen Lebenslaufs war. Und als die SPD noch eine Volkspartei war.

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Große Koalition: Merkels neue Minister(innen)

Im Heimatmuseum kann man bestaunen, wie es früher einmal war, als es noch eine kleine Welt gab und ein einfaches Leben. Keine Flüchtlinge gibt es im Heimatmuseum, keine Digitalisierung, keinen Terror, keine Globalisierung, keinen Trump, keinen Putin. Nostalgie ist der Schmerz einer alten Wunde, die Sehnsucht nach Vergangenem, es soll alles wieder so sein, wie es einmal war - obwohl wir doch wissen, dass es nie wieder so sein kann. Die Deutschen haben sich eine nostalgische Regierung gegeben.

Die Grenzen wieder dicht, die Flüchtlinge wieder daheim, Europa wieder eine Union, die Arbeitslosen wieder in Arbeit und das deutsche Auto weltweit führend, so war es, und so soll es wieder werden. Es ist kein Wunder, dass sich im Koalitionsvertrag kein ehrgeiziges Klimaziel findet, dass die Energiewende ein unbeliebtes Wort bleibt und kein tatsächlicher Umbruch, dass die Digitalisierung kein Ministerium bekommen hat, sondern eine Twitter-Prominente: Bloß nicht zu viel Aufbruch, das könnte verunsichern.

Dabei ist allen klar, dass es so nicht weitergehen wird, mit den USA nicht, in Europa nicht, noch nicht einmal mit dem Personal dieser Regierung. Alle wissen es, aber heute tun wir noch einmal so, als wäre nichts gewesen. Heute startet die neue Große Koalition. Die Zukunft bleibt aufgeschoben.

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insgesamt 139 Beiträge
burlei 14.03.2018
1. Der Deutsche hat ...
... das Biedermeier nie abgelegt. Er will den Konservatismus, den Stillstand, die Lethargie. 30 von 100 Wählern sehen ihr Glück in der Adenauer-Ära, 15 von 100 sehnen sich sogar noch 20 Jahre weiter zurück. Wie soll man gegen [...]
... das Biedermeier nie abgelegt. Er will den Konservatismus, den Stillstand, die Lethargie. 30 von 100 Wählern sehen ihr Glück in der Adenauer-Ära, 15 von 100 sehnen sich sogar noch 20 Jahre weiter zurück. Wie soll man gegen die Hälfte der Bevölkerung, gegen deren Willen bloß nichts zu ändern Politik machen? Der Deutsche an sich will im eigenen Mief ersticken. Lassen wir ihm seinen Willen.
fuxx_1980 14.03.2018
2. Befindlichkeiten
Die einen richten sich in ihren Diktaturen behaglich ein (Syrien, China, Russland, Türkei), die anderen in ihrem Heimatmuseum.
Die einen richten sich in ihren Diktaturen behaglich ein (Syrien, China, Russland, Türkei), die anderen in ihrem Heimatmuseum.
C.Rainers 14.03.2018
3. Jetzt geht's los
mt der Reise ins Nirgendwo! Selten in meinem Leben habe ich mir von einer Regierung weniger versprochen
mt der Reise ins Nirgendwo! Selten in meinem Leben habe ich mir von einer Regierung weniger versprochen
ali3imbali 14.03.2018
4. Die Deutschen...
...haben sich keineswegs eine nostalgische Regierung gegeben. Sie haben im Gegenteil anders gewählt als je zuvor und so dokumentiert, dass die Zeiten sich ändern. Die nostalgischen Beharrungskräfte sind wohl eher bei den [...]
...haben sich keineswegs eine nostalgische Regierung gegeben. Sie haben im Gegenteil anders gewählt als je zuvor und so dokumentiert, dass die Zeiten sich ändern. Die nostalgischen Beharrungskräfte sind wohl eher bei den Parteien zu verorten: zu unbeweglich für neue Koalitionen, zu ängstlich für eine Minderheitsregierung. So produziert die Politik das Gegenteil dessen, was der Wähler mit seiner Stimme ausdrückt. Es ist zum Mäusemelken...
femdoc 14.03.2018
5. bitte nicht verharmlosen...
...denn leider gebietet das Heimatmuseum mit den pensionären Figuren über unsere Steuer-Milliarden und - selbst im letzten Abschnitt ihres Lebens - wird unser hart erwirtschaftetes Geld mit vollen Händen ausgegeben und [...]
...denn leider gebietet das Heimatmuseum mit den pensionären Figuren über unsere Steuer-Milliarden und - selbst im letzten Abschnitt ihres Lebens - wird unser hart erwirtschaftetes Geld mit vollen Händen ausgegeben und verbrannt, um es sich schön zu machen. Die geplanten Ausgaben sind weder strategisch sinnvoll, noch von nachhaltiger Wirkung. Keine Zukunftsperspektive für Deutschland, die ignorante Selbstzerstörung ohne jegliche Lösungen für dringende Probleme geht weiter, weiter so!
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