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Politik

Linke auf Wahlkampf in Bayern

Wenn Wagenknecht das Wirtshaus rockt

Die Linke kratzt in Umfragen im konservativen Bayern an der Fünf-Prozent-Hürde. Der Einzug in den Landtag könnte klappen. Dafür schickt die Partei die Promis wie Fraktionschefin Wagenknecht bis tief in die Provinz.

Tobias Lill
Aus München und Mertingen berichtet
Samstag, 13.10.2018   18:33 Uhr

Manfred Seel ist sichtlich nervös. Der 63-Jährige deutet auf eine riesige Leinwand hinter dem Rednerpult. "Warum ist da immer noch das Standbild?", fragt er einen Helfer. Alles muss perfekt laufen. Wenig später werden dann im Abstand weniger Sekunden Fotos an die Wand projiziert - sie alle zeigen einen Menschen: Sahra Wagenknecht. "Perfekt. Sie wäre eine ideale Bundeskanzlerin", schwärmt Seel.

Doch er weiß natürlich, dass am Sonntag nicht Bundestags-, sondern Landtagswahlen anstehen. "Und die Linke hat gute Chancen, in das Parlament einzuziehen", sagt Seel, Kreisvorsitzender seiner Partei in Donau-Ries. Deshalb hat er die Fraktionschefin an diesem Mittwochabend in ein Gasthaus ins bayerisch-schwäbische Mertingen eingeladen.

Denn wenn die Linke die Fünf-Prozent-Hürde tatsächlich überwinden will, muss sie in einem Flächenstaat wie Bayern auch auf dem Land zulegen. Zuletzt lag die Partei Demoskopen zufolge bayernweit bei gut 3,5 bis 5,0 Prozent. Bei der Bundestagswahl 2017 waren die Umfrageergebnisse im Freistaat vor der Wahl jedoch sogar noch etwas schlechter - und am Ende holte die Partei im Süden 6,1 Prozent. Bayerns Ministerpräsident Markus Söder (CSU) warnte gerade erst vor einem Einzug der "Kommunisten" ins Parlament.

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Linker Wahlkampf: Im Wirtshaus und auf Bayerns Straßen

Dass die Linke auch auf dem konservativen Land durchaus Potenzial hat, zeigt sich in Donau-Ries. Etwa 100 Mitglieder hat der Kreisverband - das sind so viele wie kaum anderswo sonst in Bayern. Und das, obwohl in Donau-Ries mit einer Arbeitslosenquote von 1,6 Prozent de facto Vollbeschäftigung herrscht. Mineralölunternehmer Seel hat 75 Angestellte, sitzt im Kreistag und seit dreieinhalb Jahrzehnten im Gemeinderat - früher für SPD. "Aber dann kam die Agenda 2010." Seither ist er bei der Linken.

Stimmenfang #69 - Bayernwahl: Wie Markus Söder um die absolute Mehrheit zittert

Dann betritt Wagenknecht zu lauter Musik das mit etwa 400 Leuten rappelvolle Gasthaus. CSU-Ikone Franz-Josef-Strauß hätte eine solche Begrüßung gefallen. Viele aus der Region sind neugierig auf Wagenknecht. Er kenne sie ja aus dem Fernsehen, sagt ein junger Mann im Trachten-Jancker. Nun wolle er sie einmal live sehen.

Mehrfach wird Wagenknecht von lautem Applaus unterbrochen. Sie kritisiert die Zunahme befristeter Jobs und Leiharbeit. In einer Region wie Donau-Ries, wo in der Industrie solche Arbeitsplätze an der Tagesordnung sind, kommt das an.

Die Flüchtlingsthematik streift Wagenknecht am Rande, als sie über Fluchtursachen spricht und auf den Krieg im Jemen und die deutschen Waffenexporte nach Saudi-Arabien eingeht. Anders als bei den Grünen sind manche Linken-Anhänger nicht wegen, sondern trotz der sehr liberalen Positionen im Parteiprogramm bei diesem Thema, heute Abend hier. "Wagenknecht hat erkannt, dass wir nicht die ganze Welt aufnehmen können", sagt ein Zuschauer.

Den jungen Mann im Trachten-Jancker hat ihr Auftritt in Mertingen rhetorisch überzeugt - die Linke wird er aber wohl dennoch nicht wählen.

Ortswechsel nach München. In Bayerns Großstädten haben es die Linken leichter. In Nürnberg konnte die Partei bei der Bundestagswahl 2017 zehn, in Augsburg und München mehr als acht Prozent einfahren. In der Isarmetropole lebt jeder zehnte bayerische Wähler. Kein Wunder also, dass Co-Fraktionschef Dietmar Bartsch am Mittwoch einen Abstecher nach München macht. In der für ihre Millionärsdichte bekannten Landeshauptstadt war zuletzt mehr als jeder sechste Bewohner arm oder zumindest von Armut bedroht.

Besonders viele Abgehängte leben im Stadtteil Neuperlach. Vor einem Einkaufszentrum neben riesigen Betonburgen mit Sozialwohnungen verteilt Bartsch gemeinsam mit dem Linken-Landesvorsitzenden Ates Gürpinar Parteiprogramme. "Die Stimmung ist sogar noch besser als vor einem Jahr", sagt der Landeschef, während er einem jungen Deutsch-Griechen eine Broschüre in die Hand drückt. Er wolle Kinderpfleger werden, sagt der Münchner und fügt hinzu: "Aber wovon soll ich die hohe Miete hier bezahlen?" Gürpinar verspricht, sich für günstigere Wohnungen und eine faire Bezahlung angehender Kinderpfleger einzusetzen.

Die fehlenden Wohnungen seien eines der Topthemen an den Infoständen, sagt er. Kein Wunder: Seit 1995 sind die Münchner Mieten um etwa 80 Prozent gestiegen. Auch in anderen Großstädten zogen die Mieten weit schneller an als die Gehälter. Gering- und auch Normalverdiener können zunehmend nicht mehr mithalten.

40.000 neue Sozialwohnungen im Jahr, versprechen die Linken. Gürpinar hofft, dass sich die Wut der Menschen über die Wohnungspolitik der CSU in Stimmen für seine Partei ummünzen lässt. Ein Problem: Gürpinar ist neben Fraktions-Vize Klaus Erst das wohl einzige auch nur halbwegs bekannte Gesicht der bayerischen Genossen - der 34-Jährige, dessen Vater Türke ist und der mütterlicherseits von Vertriebenen abstammt, hatte sich nach Ansicht von Beobachtern bei der TV-Diskussion der Spitzenkandidaten der kleineren Parteien wacker geschlagen.

Ein Signal, das nicht nur in Berlin Erschütterungen auslösen wird"

Zudem fehlen schlicht Ressourcen. Im ganzen Freistaat hat die Partei nicht einmal 50 kommunale Mandatsträger. Immerhin verzeichnete die Linke seit 2017 einen Zuwachs von 850 auf rund 3300 Mitglieder - noch immer hat jedoch selbst die FDP fast doppelt so viele Parteigänger.

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Gürpinar hofft nicht zuletzt auf enttäuschte SPD-Anhänger - auch an diesem Tag: Eine 66-jährige Rentnerin blickt kurz zu einem nahen Stand der Sozialdemokraten, bleibt jedoch bei den Linken stehen. "Die SPD hat doch nichts für Alte, Kranke und Behinderte gemacht", sagt sie. Diesmal überlege sie, die Linke zu wählen.

Bartsch erzählt offen: "Ich sage den Leuten: Ob die SPD 13 oder 14 Prozent bekommt, ist egal - bei uns geht es um vier oder fünf Prozent." Er prophezeit: "Wenn wir in Bayern in den Landtag einziehen, wäre das ein Signal, das nicht nur in Berlin Erschütterungen auslösen, sondern auch in Washington, Brüssel und Moskau zur Kenntnis genommen würde."

insgesamt 39 Beiträge
max-mustermann 13.10.2018
1. peinlich, peinlicher, CSU
"Bayerns Ministerpräsident Markus Söder (CSU) warnte gerade erst vor einem Einzug der "Kommunisten" ins Parlament." Na wenn diese völlig überzogene Rhetorik aus dem längst vergangenem kalten Krieg wieder [...]
"Bayerns Ministerpräsident Markus Söder (CSU) warnte gerade erst vor einem Einzug der "Kommunisten" ins Parlament." Na wenn diese völlig überzogene Rhetorik aus dem längst vergangenem kalten Krieg wieder gewünscht ist dann warne ich hier der Fairnes halber vor dem Einzug der "Nazis" (CSU) in den Landtag !
53er 13.10.2018
2. Wenn Söder mit Kommunisten
die Linke meint, hat er sicher Recht, aber die Linke wird, zur Zeit noch, von Sarah Wagenknecht vertreten. Wer weiß wie lange noch. Es wird, ob gewollt oder nicht, eine Spaltung der Linken und nicht nur der Linken, sondern auch [...]
die Linke meint, hat er sicher Recht, aber die Linke wird, zur Zeit noch, von Sarah Wagenknecht vertreten. Wer weiß wie lange noch. Es wird, ob gewollt oder nicht, eine Spaltung der Linken und nicht nur der Linken, sondern auch der SPD und auch von Teilen der Grünen geben, die sich unter dem Dach der Sammlungsbewegung vereinen und solidarisieren werden. Das sind dann aber nicht mehr Kommunisten im klassischen Sinne, sondern eher ein Ersatz für die alte Tante SPD. Der Restwert der SPD kann dann im neoliberalen Lobbysinne weitermachen wie bisher, bis die Prozente unter diie 10 oder gar 5% purzeln. Eine Denkumkehr wird es bei der SPD im jetzigen Zustand nicht mehr geben. Die linke Sammlungsbewegung ist wesentlich näher am Puls der arbeitenden Bevölkerung als RRG zusammen. Hier hat sich eher die linke Elite versammelt, die sich ihre politische Richtung mit Gold verzieren, weit ab von den Migrationsbrennpunkten wohnen und mit dem Luxusfahrrad in die Kanzlei fahren kann.
nahatschalah 13.10.2018
3. Linke in Bayern gerade auch im Umweltbereich sehr gut aufgestellt
Gürpinar bekannter als Bulling-Schröter? Glaube ich kaum. Vor allem nicht in der Ökologieszene. Schließlich saß sie jahrelang als Umweltexpertin für Linke im Bundestag. Sie dürfte einige linke Grüne, die entsetzt sehen, [...]
Gürpinar bekannter als Bulling-Schröter? Glaube ich kaum. Vor allem nicht in der Ökologieszene. Schließlich saß sie jahrelang als Umweltexpertin für Linke im Bundestag. Sie dürfte einige linke Grüne, die entsetzt sehen, dass die Grünen immer mehr nach rechts gehen, zu den Linken holen. Das bringt vielleicht nicht gerade zusätzliche Prozente, aber zusätzliche Zehntelprozente könnten ja reichen.
humble_opinion 13.10.2018
4. Diese Denkmuster
"Bayerns Ministerpräsident Markus Söder (CSU) warnte gerade erst vor einem Einzug der "Kommunisten" ins Parlament." Es sind exakt diese Denkmuster, die einen Politiker wie Söder entlarven. Das wäre [...]
"Bayerns Ministerpräsident Markus Söder (CSU) warnte gerade erst vor einem Einzug der "Kommunisten" ins Parlament." Es sind exakt diese Denkmuster, die einen Politiker wie Söder entlarven. Das wäre vielleicht tolerabel, wäre er 3. Stellvertreter im Kreisvorsitz Passau-Süd. Aber der Mann ist Ministerpräsident und politisicher Vollprofi, d.h. er weiß genau, dass er Unsinn redet, dass er de facto lügt, um einen politischen Mitbewerber zu diskreditieren. Dieses Freund-Feind-Denken sollte der Wähler wahrnehmen. Denn Politik ist der Wettbewerb um die besten (besseren) Ideen, aber kein verbaler Krieg, um Leute mir anderen Vorstellungen zu verunglimpfen. Sicher hat der Verlust an Wählern für die CSU auch mit solch einem Verhalten seines Spitzenpersonals zu tun. Denn wie kann ein Minister oder Ministerpräsident offen für eine politische Diskussion, also Inhalte sein, wenn er so denkt und handelt?
Ekatus Atimoss 13.10.2018
5.
peinlich, peinlicher, max-mustermann: Mit Kommunisten in Bezug auf eine Partei, welche eine "kommunistische Plattform unterhält" liegt Söder ja wohl nicht so verkehrt. Und dass sie aus eine demokratischen [...]
Zitat von max-mustermann"Bayerns Ministerpräsident Markus Söder (CSU) warnte gerade erst vor einem Einzug der "Kommunisten" ins Parlament." Na wenn diese völlig überzogene Rhetorik aus dem längst vergangenem kalten Krieg wieder gewünscht ist dann warne ich hier der Fairnes halber vor dem Einzug der "Nazis" (CSU) in den Landtag !
peinlich, peinlicher, max-mustermann: Mit Kommunisten in Bezug auf eine Partei, welche eine "kommunistische Plattform unterhält" liegt Söder ja wohl nicht so verkehrt. Und dass sie aus eine demokratischen Volkspartei im Gegenzug Nazis machen, ist unter aller Kanone. Leute wie Sie sind stilprägend für die Linke und die linksradikale Szene. Schauen Sie sich noch mal genau an, was der Begriff Nazi bedeutet, bevor Sie weiter so verantwortungslos damit umgehen. Pfui.

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