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Politik

Terror und Mitgefühl

Die vergessenen Toten

Am 19. Dezember jährt sich der Terroranschlag vom Berliner Breitscheidplatz. Was ist von einer Regierung zu halten, die es bis heute nicht vermocht hat, den Angehörigen der Opfer ihre Anteilnahme zu zeigen?

DPA

Detail der Gedenkstätte für die Opfer des Terroranschlags auf dem Berliner Breitscheidplatz

Eine Kolumne von
Donnerstag, 07.12.2017   15:48 Uhr

Ende Juli erhielt die Sprecherin der Hinterbliebenen der Opfer des Terroranschlags vom Berliner Breitscheidplatz eine Anfrage vom ZDF, ob sie als Gast in die Sendung "Klartext, Frau Merkel!" kommen wolle, um der Kanzlerin ein paar Fragen zu stellen. Wenn man nach einem Anschlag das Gefühl habe, "von Politik und Behörden alleingelassen zu werden, wird das Leid wohl noch viel größer", stand in dem Schreiben des Senders.

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Heft 49/2017
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Astrid Passin, so heißt die Sprecherin, sagte zu. Sie hatte in der Tat ein paar Fragen an die Kanzlerin. Es gab auch einen Vertrag. Aber wenige Stunden vor Aufzeichnung der Sendung erhielt sie einen Anruf der Redaktion, sie solle doch nicht kommen. Es hätte nach der zwei Tage zuvor ausgestrahlten Sendung "Klartext, Herr Schulz!" Probleme gegeben, hieß es zur Begründung. Einige Gäste seien anschließend in sozialen Netzwerken attackiert worden, das wolle man ihr ersparen.

Frau Passin hätte die Anfeindungen in Kauf genommen, das ließ sie auch den zuständigen Redakteur wissen. Das ZDF beharrte trotzdem auf der Ausladung. Die Entscheidung sei gefallen, da könne man nichts mehr machen.

Die Episode war eine Randnotiz in einer Berliner Zeitung, die in den Wahlwochen kaum Beachtung fand. Mir fiel sie jetzt wieder ein, als ich am Wochenende im SPIEGEL einen Bericht über das Schicksal der Angehörigen der Toten vom Breitscheidplatz las. Am 19. Dezember jährt sich der Anschlag, der den islamistischen Terror in die Hauptstadt brachte.

Eine Rechnung für die Obduktion der Opfer

Meine Kollegen Britta Stuff und Wolf Wiedmann-Schmidt haben Überlebende aufgesucht und mit ihnen über das zurückliegende Jahr gesprochen. Das Ergebnis ist eine Geschichte, bei der einem der Atem stockt. Ich bin dagegen, etwas zu leichtfertig als Skandal zu bezeichnen. Ich habe es in dieser Kolumne, glaube ich, noch nie getan. Aber hier ist das Wort ausnahmsweise einmal angemessen.

Was einem den Atem raubt, ist die nahezu völlige Abwesenheit von Anteilnahme auf Seiten eines Staates, dessen Versagen dazu beitrug, dass der Attentäter trotz deutlicher Hinweise auf seine Absichten mehr oder weniger unbehelligt blieb, bis es zu spät war, ihn zu stoppen. Neun Wochen dauerte es, bis sich der Regierende Bürgermeister Michael Müller per Brief bei den Angehörigen und Verletzten meldete. Datenschutzgründe hätten ihn gehindert, früher auf die Angehörigen zuzugehen, hieß es. Auf ein Kondolenzschreiben der Bundeskanzlerin warten die Hinterbliebenen bis heute. Auch eine Begegnung mit der Regierungschefin ist nie zustande gekommen.

Am Trauergottesdienst, der unmittelbar nach dem Anschlag in Anwesenheit der Spitzen von Staat und Politik stattfand, konnten die Familien nicht teilnehmen. Die meisten irrten zu dem Zeitpunkt noch auf der Suche nach verlässlichen Informationen über das Schicksal der von ihnen Vermissten durch das kafkaeske Geflecht der Berliner Verwaltung. Das Bundeskriminalamt hatte sich 72 Stunden Zeit für die Identifizierung der Opfer gelassen, wie man einem offenen Brief an die Kanzlerin entnehmen kann, den der SPIEGEL ebenfalls dokumentierte.

Dafür erhielten die Angehörigen zeitnah eine Rechnung der Charité für die Kosten der Leichenschau, zahlbar innerhalb von 30 Tagen. Es gibt Details, die man nicht mehr vergisst, wenn man sie gelesen hat. Dies ist ein solches.

Wie soll man diesen Umgang nennen? Gleichgültig? Kaltschnäuzig? Meine Kollegen haben daran erinnert, dass im Ausland anders verfahren wurde. Fünf der zwölf Toten waren Ausländer. In Italien nahm der Staatspräsident den Leichnam eines Opfers vom Breitscheidplatz in Empfang, der polnische Staatspräsident kniete vor dem Sarg des in Berlin ermordeten Lkw-Fahrers nieder.

Diese Toten kamen ungelegen

Auch der deutsche Staat kann sich mitfühlend zeigen, wenn er will. Als ein Flugzeug der Germanwings mit 150 Menschen an Bord in den französischen Alpen zerschellte, ordnete die Landesregierung von Nordrhein-Westfalen einen Staatsakt an. Die Bundeskanzlerin sagte am Tag des Unglücks alle Termine ab, der Bundespräsident beendete einen Staatsbesuch in Südamerika, mehrere Minister machten sich auf den Weg, um sich vor Ort "ein Bild zu verschaffen", wie es hieß. Ich habe die Entscheidung für einen Staatsakt damals falsch gefunden, weil ich der Meinung war, dass man sich solche symbolischen Akte für Momente aufsparen sollte, in denen der Staat wirklich herausgefordert ist. In Berlin war er es und hat vorgezogen zu schweigen.

Eine Erklärung für die Unfähigkeit, auf das Leid angemessen zu reagieren, wäre Behördenchaos. Die zwölf Opfer des Anschlags hatten das Pech, in Berlin zu sterben, wenn man so will. Von einer Stadt, die nicht einmal in der Lage ist, binnen drei Monaten nach der Geburt eines Kindes eine Geburtsurkunde auszustellen, kann man in der Stunde möglicherweise nicht mehr erwarten. Aber die Berliner Unfähigkeit erklärt nicht das Versagen nahezu aller Institutionen.

Man kommt, glaube ich, nicht umhin, einen Zusammenhang zwischen dem offenkundigen Desinteresse und der Natur des Anschlags zu sehen. Wenn ein depressiver Pilot Amok läuft, fragt niemand nach der politischen Verantwortung. Das ist Schicksal, wie man so schön sagt. Bei einem Anschlag liegen die Dinge anders. Hier stellt sich sofort die Frage, ob das, was geschehen ist, auch hätte verhindert werden können. Oder ob man sich an verantwortlicher Stelle Illusionen gemacht hat über die Natur einiger der Leute, die man ins Land ließ. Die Wahrheit ist vielleicht: Diese Toten kommen der Politik einfach ungelegen.

Der unangenehmen Wahrheit ausgewichen

Es ist menschlich durchaus verständlich, wenn man sich einer Begegnung, die man als schwierig empfindet, zu entziehen versucht. Jeder kennt das aus dem Privaten, dass man einer unangenehmen Wahrheit lieber ausweicht als sich ihr zu stellen. Aber so sollte man als Repräsentant des Staates nicht handeln. Und wenn man es doch tut, darf man sich nicht wundern, wenn die Leute das Vertrauen in einen verlieren.

In den kommenden Tagen will sich Merkel mit den Hinterbliebenen treffen, so hat es Regierungssprecher Seibert Anfang der Woche angekündigt. Im Kanzleramt legt man Wert auf die Feststellung, dass die Entscheidung dazu gefallen sei, bevor der Brief der Angehörigen an die Kanzlerin im SPIEGEL stand. Aber schon die Wortwahl ist verräterisch. Man habe den Brief erhalten und werde ihn "mit großem Respekt" lesen und auswerten, erklärte Seibert. Was gibt es da auszuwerten, frage ich mich? So redet man, wenn man einen Erpresserbrief erhalten hat oder eine komplizierte diplomatische Note, nicht wenn jemand einem schreibt, um seiner Enttäuschung und seinem Leid Ausdruck zu verleihen.

insgesamt 33 Beiträge
mc6206 07.12.2017
1. Vielen Dank
Sie sind der einzige Aufrechte im Spiegel. Das Verhalten der Frau Merkel ist erbärmlich.
Sie sind der einzige Aufrechte im Spiegel. Das Verhalten der Frau Merkel ist erbärmlich.
olli0816 07.12.2017
2. Die Anteilnahme langfristig würde ich nicht überbewerten
Letztendlich ist es doch so, dass die Angehörigen und die Personen, die langfristige oder auch kurzfristige Schäden bei dem Anschlag erleiden, einen Weg finden müssen, wie Sie damit leben können. Was hat es denn für eine [...]
Letztendlich ist es doch so, dass die Angehörigen und die Personen, die langfristige oder auch kurzfristige Schäden bei dem Anschlag erleiden, einen Weg finden müssen, wie Sie damit leben können. Was hat es denn für eine großartige Bedeutung, wenn der Bundespräsident oder die Bundeskanzlerin die Standardsätze im Fernsehen verbreitet, alle wären so betroffen? Viel wichtiger als das ist eine gute Betreuung der Opfer und Angehörigen. Hier auch eine finanzielle Unterstützung, damit sie die finanziellen Einbrüche durch die Krankheit und Genesung etwas abfangen können, möglichst in der Übergangsphase keine Existenzängste haben müssen und bei den Leuten, die für immer arbeitsunfähig werden eine Rente, dass sie durch den Monat kommen können. Gerade die Überlebenden, die schwere lebenslange Schäden davontragen sind die Opfer, die es am schlimmsten erwischt hat. Wenn man bei einem Anschlag stirbt, ist es zwar tragisch, aber es ist für den Betroffenen vorbei. Da sind eher die Angehörigen, die sehr schwer zu leiden haben. Medienrummel sind für die Opfer überflüssig. Ein Politiker, der die Leute im Krankenhaus besucht, ist zwar gut gemeint und zeigt Empathie, wenn es ernst gemeint ist, aber das ist nur eine kurzfristige Angelegenheit. Langfristige Hilfe wäre für die Opfer sehr viel wünschenswerter.
Daedalus 07.12.2017
3.
Richtig und wichtig, Herr Fleischhauer. Ich habe die vergangenen Jahre immer Frau Merkel als das kleinste Übel angesehen und folgerichtig gewählt. Mittlerweile ändert sich meine Meinung diesbezüglich deutlich. Eine [...]
Richtig und wichtig, Herr Fleischhauer. Ich habe die vergangenen Jahre immer Frau Merkel als das kleinste Übel angesehen und folgerichtig gewählt. Mittlerweile ändert sich meine Meinung diesbezüglich deutlich. Eine Regierung, die das eigene Versagen (oder genauer, das Versagen der ihr unterstellten Organe) oder das von ihr nur selten zu beeinflussende Versagen der Bundesländer so behandelt, verfehlt ihre Aufgabe.
rennflosse 07.12.2017
4. Erwartungshaltung
Was will man von Pathologen erwarten? Etwa Menschlichkeit und Mitgefühl? Der Pathologe Mark Beneke, der bei jeder Gelegenheit an die Öffentlichkeit drängt, hat als Chef des Hauses, welches die Rechnungen an die Angehörigen [...]
Was will man von Pathologen erwarten? Etwa Menschlichkeit und Mitgefühl? Der Pathologe Mark Beneke, der bei jeder Gelegenheit an die Öffentlichkeit drängt, hat als Chef des Hauses, welches die Rechnungen an die Angehörigen verschickte, an jeglichem Anstand fehlen lassen. Die Regierung der Stadt Berlin und die Bundesregierung haben es an jeglichem Anstand fehlen lassen. Das trifft auch auf das Führungspersonal einiger Berliner Behörden zu, die teilweise schlicht überfordert sind, nachdem der in den Medien gefeierte Superstar Klaus Wowereit diese hat bis zur Unkenntlichkeit ausbluten lassen. Das trifft auf den Innensenator und die ihm unterstellte Behörde LKA zu, die sich erdreisteten, Akten zu fälschen um die eigene Unfähigkeit geheim zu halten. Das Wort Skandal ist angesichts der Opfer hier noch zu harmlos. Ich schäme mich, in einer Stadt geboren zu sein, in der solches möglich war und auch in Zukunft immer möglich sein wird.
Planquadrat 07.12.2017
5. Das ist doch
immer so, ob bei Katastrophen oder einem solch schrecklichen Verbrechen. Die Politiker stellen sich vor die Kameras und versprechen das Blaue vom Himmel, am nächsten Tag ist alles wieder vergessen und die Opfer bleiben sich [...]
immer so, ob bei Katastrophen oder einem solch schrecklichen Verbrechen. Die Politiker stellen sich vor die Kameras und versprechen das Blaue vom Himmel, am nächsten Tag ist alles wieder vergessen und die Opfer bleiben sich selbst überlassen, während man Tätern alle mögliche Maßnahmen zur Seite stellt.
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