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Politik

Gesundheitsrisiko Einsamkeit

Auch deutsche Politiker fordern mehr Einsatz im Kampf gegen Einsamkeit

In Großbritannien gibt es seit Kurzem einen Regierungsposten für Einsamkeit. Politiker von SPD und CDU wollen nachziehen.

DPA
Freitag, 19.01.2018   10:10 Uhr

Deutsche Politiker fordern mehr Einsatz im Kampf gegen Einsamkeit. SPD-Gesundheitsexperte Karl Lauterbach sagte der "Bild"-Zeitung: "Die Einsamkeit in der Lebensphase über 60 erhöht die Sterblichkeit so sehr wie starkes Rauchen." Einsame Menschen würden früher sterben und "viel häufiger an Demenz" erkranken. "Es muss für das Thema Einsamkeit einen Verantwortlichen geben, bevorzugt im Gesundheitsministerium, der den Kampf gegen die Einsamkeit koordiniert", sagte er.

AFP

Karl Lauterbach

Der CDU-Politiker Marcus Weinberg sprach sich für "eine Enttabuisierung" des Themas Einsamkeit aus, "damit einsame Menschen eine Lobby haben und Einsamkeit nicht in einer Schmuddelecke bleibt". Das Thema und die gesamtgesellschaftlichen und gesundheitlichen Folgen von zunehmender Einsamkeit würden an Bedeutung in den kommenden Jahren zunehmen. "Wir müssen uns des Themas Einsamkeit annehmen, Forschung hierzu fördern, Programme auflegen, neue Konzepte entwickeln", forderte der familienpolitische Sprecher der Union.

In Großbritannien gibt es seit dieser Woche einen Regierungsposten gegen Einsamkeit. Sportstaatssekretärin Tracey Crouch übernahm diesen Aufgabenbereich zusätzlich. In Großbritannien fühlen sich nach Regierungsangaben mehr als neun Millionen Menschen isoliert. Etwa 200 000 Senioren hätten höchstens einmal im Monat ein Gespräch mit einem Freund oder mit Verwandten.

BBC-Doku "Das Einsamkeitsexperiment"

Foto: BBC

"Armut und Vereinsamung hängen klar zusammen"

Auch Diakonie-Präsident Ulrich Lilie forderte mehr politisches und gesellschaftliches Engagement gegen Einsamkeit. "Wir brauchen ein Bündnis aus Politik und gesellschaftlichen Gruppen, wie Kirchen, Wohlfahrtsverbänden, Sportvereinen und kulturellen Einrichtungen", sagte Lilie den Zeitungen der Funke Mediengruppe. Einsamkeit sei ein Querschnittsproblem in der Gesellschaft, über das zu wenig geredet werde. Sowohl in Städten als auch auf dem Land wachse die Zahl von Menschen, die sich einsam fühlten. "Einsame Leute wieder in die Gesellschaft zu holen, ist eine Aufgabe, die man nicht einfach kommerziellen Anbietern wie Facebook oder Partnerschaftsbörsen überlassen darf", sagte der Diakonie-Präsident.

Lilie sagte, Politik müsse mehr tun, um Einsamkeit vorzubeugen. "Armut und Vereinsamung hängen ganz klar zusammen." So habe in Berlin mehr als die Hälfte der Bewohner Angst, ihre Miete nicht mehr zahlen zu können und deswegen ihre vertraute Umgebung verlassen zu müssen. "Da finden Verdrängungswettbewerbe statt, bei denen wir nicht einfach zugucken können." Einsamkeit könne auch in politischem Frust resultieren. "Die Leute melden sich dann auch politisch, indem sie Parteien wählen, von denen man sich nicht wünscht, dass sie größer werden", sagte er.

Der Präsident des Sozialverbands SoVD, Adolf Bauer, sagte der "Bild"-Zeitung, oft wüssten die Betroffenen einfach nicht mehr weiter. "Damit sich das ändert, muss die Bundesregierung das Thema Einsamkeit auf die Agenda setzen."

Eine Studie von Psychologie-Professorin Maike Luhmann von der Ruhr-Universität Bochum ergab, dass sich in Deutschland jeder Fünfte über 85 einsam fühlt, wie die "Bild"-Zeitung berichtete. Bei den 45- bis 65-Jährigen sei es jeder Siebte. Luhmann sagte: "Es gibt keine Altersgruppe, in der sich Menschen nicht einsam fühlen." Besonders ältere, kranke Menschen, die kaum noch ihr Haus verlassen könnten, seien betroffen. "Ein Teufelskreis, denn soziale Isolation kann Krankheiten wie Depression oder Herz-Kreislauf-Erkrankungen begünstigen."

cte/dpa

insgesamt 102 Beiträge
heswer 19.01.2018
1. Ich bin 90 Jahre alt, reich und einsam.
Aber nicht unglücklich
Aber nicht unglücklich
RioTokio 19.01.2018
2.
Gegen Einsamkeit helfen eigene Kinder und eine intakte Familie. Das ist ja für viele aus der Mode gekommen. Selbst schuld. Staatsgläubige rufen nun nach Hilfe der Allgemeinheit wo man früher seine Kinder und Enkel gerufen [...]
Gegen Einsamkeit helfen eigene Kinder und eine intakte Familie. Das ist ja für viele aus der Mode gekommen. Selbst schuld. Staatsgläubige rufen nun nach Hilfe der Allgemeinheit wo man früher seine Kinder und Enkel gerufen hätte.. Ein Trauerspiel.
3-plus-1 19.01.2018
3.
Ach so, darum die alternativlose No-Border-No-Welfare-Politik. Zum Einen gibt es dann viel mehr Menschen im Land (dadurch singt statistisch die Chance auf Einsamkeit) und zum Anderen sind zur Finanzierung des Ganzen Rentenhöhen- [...]
Ach so, darum die alternativlose No-Border-No-Welfare-Politik. Zum Einen gibt es dann viel mehr Menschen im Land (dadurch singt statistisch die Chance auf Einsamkeit) und zum Anderen sind zur Finanzierung des Ganzen Rentenhöhen- und eintrittsalterkürzungen erforderlich (damit zwingen wir mehr Rentner die Tafeln aufzusuchen, wo man ja auch nicht alleine ist). Klingt das zynisch? Nun ja, ich erwarte da nichts anderes, denn auch für die Krankenversicherung wurde ja verlautet: "Die Zuwanderung von EU-Bürgern und Flüchtlingen wirkt sich nach Angaben der Gesetzlichen Krankenversicherung (GKV) positiv auf ihre finanzielle Stabilität aus.". Da hat sich mir auch nicht erschlossen, warum mehr junge Leistungsbezieher bei gleichbleibenden Einzahlern stabilisierend wirken sollen. https://sciencefiles.org/2018/01/17/wie-bescheuert-kann-man-eigentlich-sein-fluchtlinge-entlasten-die-krankenkassen/
imo27 19.01.2018
4.
Ich kenne einen Rentner, der einsam ist. Er ist Armutsrentner und leidet darunter, dass er kein Geld hat, um abends sein Bierchen in der Kneipe zu trinken und mit den normalen Leuten dort zu reden. Lust, dies an der Tafel zu [...]
Ich kenne einen Rentner, der einsam ist. Er ist Armutsrentner und leidet darunter, dass er kein Geld hat, um abends sein Bierchen in der Kneipe zu trinken und mit den normalen Leuten dort zu reden. Lust, dies an der Tafel zu machen, hat er nicht. Vielleicht sollten SPD und CDU mal darüber nachdenken.
echoanswer 19.01.2018
5. Das ist so gewollt
schon alleine mit den vermittelten Werten. Jeder soll nur sich selbst verwirklichen, Familie und Kinder sind ein Auslaufmodell. Die Wirtschaft akzeptiert keine Väter oder gar Mütter. Es müssen junge, ungebundene, hochflexible [...]
schon alleine mit den vermittelten Werten. Jeder soll nur sich selbst verwirklichen, Familie und Kinder sind ein Auslaufmodell. Die Wirtschaft akzeptiert keine Väter oder gar Mütter. Es müssen junge, ungebundene, hochflexible und rund um die Uhr erreichbare Arbeitsknechte sein. Da haben Familie und Kinder- oder gar Altenbetreuung der Eltern überhaupt keinen Platz mehr. Das Ergebnis sin Singles ohne Bindungsfähigkeit, die ein Leben lang das tun was ihnen Spaß macht, ohne Rücksicht auf andere nehmen zu müssen. Jede Einschränkung der eigenen Selbstverwirklichung ist eine Beschneidung der persönlichen Freiheit. So erzogen hat man Egoisten, die sich auch nie zusammenrotten um vielleicht etwas an den Umtrieben der Politik ändern. Teile und herrsche ist das Konzept Deutschlands und das beinhaltet auch eine Vernichtung des Familiengedankens. Da in D das einzige Maß von Erfolg Geld ist, müssen die Alten eben mit ihrem Geld kuscheln. Ist doch alles gut. Die berühmten westlichen Werte enthalten keinerlei Zwischenmenschlichkeit.

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Chronologie der Gesundheitsreformen

1977: Die Kürzungen beginnen
Es dauert fast drei Jahrzehnte, bis es in der Bundesrepublik zur ersten größeren Gesundheitsreform kommt: Mit dem "Kostendämpfungsgesetz" der sozial-liberalen Koalition versucht die Regierung, die Inanspruchnahme von Leistungen zu steuern: Sie führt Zuzahlungen bei Arznei-, Verbands- und Heilmitteln ein - in Höhe des aus heutiger Sicht niedlichen Betrags von einer Mark pro Medikament.
1983: Auch die Rentner müssen zahlen
Mit zwei Reformen zu Beginn der achtziger Jahre werden die Zuzahlungen durch die Versicherten erhöht. Auch für die Rentner sind die rosigen Zeiten vorbei. Konnten sie sich zuvor kostenlos versichern, müssen sie seit 1983 auch einen einkommensabhängigen Beitrag leisten.
1989: Der erste Rundumschlag
Mit dem "Gesundheitsreformgesetz" von Norbert Blüm geht es ans Eingemachte: Die Eigenbeteiligung der Patienten wird weiter erhöht - etwa bei Arzneimitteln, im Krankenhaus und beim Zahnersatz. Erstmals unternimmt die Regierung auch den Versuch, die Kosten für Medikamente mit radikalen Maßnahmen in den Griff zu bekommen, indem sie Bagatallmedikamente aus dem Leistungskatalog streicht und Festbeträge für Arzneimittel einführt. Seither zahlen die Kassen nicht mehr automatisch jeden Preis für Tabletten und Co., sondern nur noch einen Höchstbetrag. Verschreibt der Arzt ein teureres Mittel, muss der Patient die Differenz zahlen. Trotz dieses Rundumschlags an Kosteneinsparungen sind die Beiträge jedoch nur für kurze Zeit stabil.
1993: Die Leistungen werden budgetiert
Gesundheitsminister Horst Seehofer verfolgt mit dem "Gesundheitsstrukturgesetz" 1993 erneut das Ziel, die Beiträge der gesetzlichen Krankenkassen in den Griff zu bekommen. Um den Anstieg der Leistungsausgaben besser zu kontrollieren, werden sie für einen begrenzten Zeitraum budgetiert. Gleichzeitig erhöht die Regierung erneut die Selbstbeteiligung bei Arznei- und Verbandsmitteln. Das Projekt einer Positivliste, die alle erstattungsfähigen Medikamente benennt, scheitert allerdings. Auch deshalb wird das Reformziel stabiler Beiträge erneut nur für wenige Jahre erreicht.
1997: Zahnersatz bitte selbst zahlen
Die "GKV-Neuordnungsgesetze" stehen ebenfalls in der Tradition ihrer Vorgängerinnen: Patienten müssen sich an den Kosten für Arznei- und Heilmittel, Krankenhaushaufenthalte und Fahrten etwa vom Krankenhaus noch stärker beteiligen. Jüngere Jahrgänge bekommen außerdem geringere Kassenzuschüsse beim Zahnersatz.
1999: Rot-Grün wagt den Leistungsausbau
Mit dem "Solidaritätsstärkungsgesetz" bringt erstmals seit rund zwei Jahrzehnten eine Gesundheitsreform wieder ein Mehr an Leistungen. So werden unter anderem die Zuzahlungen für die Patienten gesenkt. Gleichzeitig führt die rot-grüne Koalition aber zur Begrenzung des Ausgabenwachstums erneut Budgets für Arzthonorare, Krankenhäuser und Arzneimittel ein.
2004: SPD und Union bitten zur Kasse
Nachdem die rot-grüne Regierung in den Folgejahren ebenfalls zum Leistungsabbau umgeschwenkt ist, wagt sie in Kooperation mit dem unionsdominierten Bundesrat ähnlich wie 1989 einen Kostendämpfungsrundumschlag: Das "Gesetz zur Modernisierung der gesetzlichen Krankenversicherung" sieht unter anderem vor, dass Patienten eine Praxisgebühr von zehn Euro pro Quartal zahlen müssen, verschreibungsfreie Medikamente gar nicht mehr erstattet werden und die Selbstbeteiligung bei erstattungsfähigen Arznei- und Heilmitteln zehn Prozent der Kosten (maximal zehn Euro) beträgt.
2005: Paritätische Finanzierung am Ende
Aus für ein Prinzip, das seit 1883 in Deutschland bestand: Wurden die Beitäge zur Krankenversicherung zuvor paritätisch finanziert, also jeweils zur Hälfte durch den Arbeitgeber und den Arbeitnehmer, müssen die Versicherten nun einen Sonderbeitrag in Höhe von 0,9 Prozent zahlen.
2009: Der Gesundheitsfonds kommt
Zum Jahresbeginn 2009 ändert sich die Finanzierung der Krankenkassen grundlegend: Konnten die Versicherungen bislang ihren Beitragssatz weitgehend selbst festlegen, wird dieser künftig einheitlich von der Regierung bestimmt. Die Beiträge der Arbeitgeber und Arbeitnehmer mitsamt Steuerzuschuss fließen nun in den Gesundheitsfonds. Die Krankenkassen erhalten dann Pauschalen pro Versichertem von dieser gigantischen Geldsammelstelle. Weitere Änderung: Jeder Bürger muss eine Krankenversicherung abschließen.
2009: Das Krankenhausfinanzierungsgesetz wird umgestellt
Die Finanzierung der Länder für Investitionen, die mit dem Krankenhausfinanzierungsgesetz 1972 eingeführt worden ist, wird auf leistungsbezogene Investitionspauschalen umgestellt. Dazu wird ein Orientierungswert eingeführt und die Anbindung an die Grundlohnsumme abgelöst. Der Orientierungswert berücksichtigt die Kostenstrukturen der Krankenhäuser.
2011: Neue Medikamente werden grundlegend geprüft (AMNOG)
Die Preisgestaltung für neu auf den Markt kommende Medikamente ändert sich mit dem Arzneimittelneurordnungsgesetz (AMNOG) grundlegend. Ein Pharmahersteller kann die Preise für patentgeschützte Medikamente zwar zunächst wie bisher frei festsetzen. Spätestens drei Monate danach muss er allerdings den medizinischen Zusatznutzen seines Medikamentes im Vergleich zu bereits auf dem Markt befindlichen Mitteln nachweisen. Ergibt sich kein Zusatznutzen, unterliegt das Medikament der Festbetragsregelung, bei einem nachgewiesenen Zusatznutzen muss der Pharmahersteller spätestens innerhalb eines Jahres nach Markteinführung mit dem GKV-Spitzenverband Preisverhandlungen führen. Grundlage für die Preisverhandlung ist eine Kosten-Nutzen-Bewertung des Medikamentes, die der Gemeinsame Bundesausschuss (GBA) oder in seinem Auftrag das Institut für Qualität und Wirtschaftlichkeit im Gesundheitswesen (IQWiG) erstellt.
2011: Der Beitragssatz steigt - das GKV-Finanzierungsgesetz
Diese Reform spüren vor allem die Versicherten: Der Beitragssatz in der gesetzlichen Krankenversicherung steigt um 0,6 Prozentpunkte auf 15,5 Prozent des Bruttoeinkommens. Davon zahlen die GKV-Mitglieder 8,2 Prozentpunkte, die Arbeitgeber 7,3 Prozent. Der Arbeitgeberbeitrag wird bei diesem Beitrag eingefroren. Künftige Ausgabensteigerungen sollen über Zusatzbeiträge finanziert werden, die die GKV-Mitglieder allein zu tragen haben. Kann eine Kasse ihre Kosten nicht mit den Zuweisungen aus dem Gesundheitsfonds decken, muss sie - wie bisher - einen Zusatzbeitrag erheben. Die Höhe des Zusatzbeitrages ist künftig nicht mehr limitiert.
2012: Das GKV-Versorgungsstrukturgesetz
Dieses Gesetz stellt dem Gemeinsamen Bundesausschuss der Krankenkassen und Ärzte weitere Aufgaben: Neue Behandlungsmethoden sollen auf ihren Nutzen hin überprüft werden, ohne sie in dieser Zeit der Patientenversorgung vorzuenthalten. Der GBA kann künftig neue nichtmedikamentöse Untersuchungs- und Behandlungsmethoden zeitlich begrenzt und unter kontrollierten Bedingungen erproben, um über eine eventuelle Aufnahme in den Leistungskatalog entscheiden zu können. Ebenfalls im Paket enthalten: Fachärzte werden verpflichtet, gesetzlich Versicherten angemessen und zeitnah Behandlungstermine anzubieten. Seit dem GKV-VStG können Versicherte auf Antrag von ihrer Krankenkasse eine Kostenaufstellung der in Anspruch genommenen ärztlichen und verordneten Leistungen in einem Zeitraum von mindestens 18 Monaten vor Antragstellung erhalten.

Die größten privaten Krankenversicherungen

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Barmenia 306.344

Quelle: Versicherungsjournal.de

Vollversicherte, Stand: 2011

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