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Politik

Karlspreis für Macron

Der unterschätzte Freund

Die Beziehung zwischen Frankreich und Deutschland ist in der Krise, trotz aller gegenteiligen Bekundungen hat man sich auseinandergelebt. Der Partner Marcron versucht das Verhältnis zu kitten, die Partnerin Merkel aber lässt ihn kalt auflaufen.

Foto: AFP
Ein Kommentar von
Donnerstag, 10.05.2018   22:10 Uhr

Angela Merkel meinte es mütterlich gut mit dem diesjährigen Aachener Karlspreisträger Emmanuel Macron: "Du sprühst vor Ideen", gestand die Bundeskanzlerin dem 23 Jahre jüngeren französischen Präsidenten in ihrer Laudatio zu. Und ließ ihren ganzen Charme spielen, um dann doch ihre knallhart anderen Positionen so zu verpacken, dass die Festgesellschaft weiter applaudieren konnte. "Unterschiede trennen uns nicht, sondern führen uns immer wieder zusammen. Darin liegt der Zauber Europas, den ich gerade in der Zusammenarbeit mit Dir spüre", sagte Merkel zu Macron. Wer dabei genau hinhörte, wusste sofort: Merkel bestand auf den Unterschieden. In der Sache kam sie Macron auch am Tag seiner größtmöglichen europäischen Ehrung keinen Schritt näher.

Die Deutschen finden das nicht gut. In einer repräsentativen Umfrage der ARD-Tagesthemen vom Vortag begrüßten 82 Prozent Macrons neue EU-Initiativen und 58 Prozent wünschten sich, dass Merkel ihnen mit mehr Leidenschaft folgen würde. Warum tut sie es trotzdem nicht?

Merkels Distanz zu Frankreich ist nicht neu. Sie konnte noch mit keinem französischen Präsidenten besonders gut, und Macron ist nun schon der Vierte, den sie im Kanzleramt erlebt. Das ist für die ostdeutsche Pastorentochter, die einen pragmatischen Protestantismus pflegt, auch nicht verwunderlich. Merkel muss den stilbewussten Katholiken Macron nicht mögen, das Problem liegt tiefer: Was Merkels 13-jährige Amtszeit im Rückblick kennzeichnet, ist eine kontinuierliche Loslösung von Frankreich, die heute weit über das Kanzleramt hinaus die deutsche Gesellschaft prägt.

Frankreich verteidigte den Sozialstaat

Vorgänger Gerhard Schröder war wohl der letzte deutsche Regierungschef, der Frankreich alles zu danken wusste. Er gewann seine Wiederwahl im Jahr 2002 vor allem aufgrund seiner Opposition zum Irak-Krieg. Die aber wäre unmöglich gewesen, wenn nicht der französische Präsident Jacques Chirac dabei felsenfest an Schröders Seite gestanden hätte. Für Schröder damals ein Schlüsselerlebnis, dass ihn von seinem dritten Weg mit Tony Blair zur deutsch-französischen Staatsräson seiner Vorgänger zurückfinden ließ.

Seither aber scheint Merkel-Deutschland Frankreich nichts mehr danken zu wollen. Im Gegenteil: Der wichtigste EU-Partner erscheint deutschen Politik- und Wirtschaftskreisen zunehmend als Last.

Zwar hatten Frankreichs Banken in der internationalen Finanzkrise von 2008 besser standgehalten als die deutschen. Doch beim anschließenden Management der Euro-Krise ließen sich die unterschiedlichen Wirtschaftsstrategien nur noch mühselig vereinen. Deutschland forderte die Haftung der europäischen Schuldensünder bis hin zur Aufgabe des Sozialstaats, Frankreich verteidigte den Sozialstaat. Darum ging es auch heute in Aachen wieder: Macron forderte eine "konstante, beständige Solidarität" der Europäer "gegenüber Ländern, wo noch 50 Prozent der Jugend arbeitslos ist". Merkel hatte erst kurz nach ihrer letzten Amtsvereidigung von der "nationalen Hauptverantwortung" in Europa gesprochen, die europäische Almosen an arbeitslose Jugendliche ausschließt.

Auseinandergelebt wie in einer Beziehungskrise

Hinter dem deutsch-französischen Streit steckt heute nicht mehr der alte Links-Rechts-Konflikt zwischen konservativ und sozialdemokratisch, sondern der latente deutsche Vorwurf an Frankreich, es mit der Globalisierung nicht aufnehmen zu wollen und zu können. Wer lernt heute schon noch Französisch? Immer weniger Schüler in Deutschland. Vor allem sinkt die Zahl der Französisch-Leistungskurse an den Gymnasien - als wenn Leistung und Frankreich aus deutscher Sicht nicht zusammenpassen.

Was damit in der Merkel-Ära verloren ging, ist jene deutsch-französische Staatsräson, die die alten Staatsführer-Paare Adenauer/de Gaulle, Schmidt/Giscard, Kohl/Mitterrand und Schröder/Chirac wie gemeinsame Akteure der Weltpolitik erschienen ließ. Ihnen zollen Politiker bis heute weltweit Respekt, weil die deutsch-französische Staatsräson zugleich für eine in anderen Erdteilen immer noch utopisch erscheinende Überwindung alter Völker-Feindschaften steht.

Doch für Merkel und Macron ist von diesem Respekt nicht viel übrig geblieben. So lange, so weit haben sich Berlin und Paris in mehr als einem Jahrzehnt auseinandergelebt, dass ihre Beziehungskrise auch für US-Amerikaner und Chinesen längst offensichtlich ist. Prompt folgt aus Washington heute die Rechnung: Nacheinander führte US-Präsident Donald Trump in den letzten Wochen erst Macron, dann Merkel vor. Als Verbündete unter ferner liefen. Beide waren am Ende düpiert.

Nun ist Trumps Ausstieg aus dem Iran-Abkommen noch kein zweiter Irak-Krieg, der Berlin und Paris wie 2002 in eine gemeinsame Front zwingt. Aber er ist eine Chance, das Deutschland seine historische, strategische Bindung an Frankreich wiedererkennt. Es wäre höchste Zeit. Macron lud dazu in Aachen erneut ein. "Wacht auf! Lassen wir nichts über uns ergehen", rief er den Deutschen zu.

Doch ernst zu nehmen scheint diesen Präsidenten, der vor Ideen sprüht, kaum ein deutscher Politverantwortlicher. Am wenigsten Merkel.

insgesamt 52 Beiträge
taglöhner 10.05.2018
1. Wird schon
Ich mag das nicht, wenn aus sehr wenigen sachlichen Differenzen ein Zwist gemacht wird. Da Verhältnis ist sehr ermutigend warm nach meinem Empfinden und dem Temperament beider angemessen. Macron muss Merkel nicht überzeugen, [...]
Ich mag das nicht, wenn aus sehr wenigen sachlichen Differenzen ein Zwist gemacht wird. Da Verhältnis ist sehr ermutigend warm nach meinem Empfinden und dem Temperament beider angemessen. Macron muss Merkel nicht überzeugen, sondern ihre Koalition.
kika2012 10.05.2018
2. Merkel
Ich mag Frau Merkel aber hier macht sie einen grossen Fehler. Wir brauchen Frankreich mehr denn je...man kann nur hoffen, dass sie auf schlaue Köpfe hört. Und wer das jetzt nicht hören will, kann wahlweise gerne nach Russland, [...]
Ich mag Frau Merkel aber hier macht sie einen grossen Fehler. Wir brauchen Frankreich mehr denn je...man kann nur hoffen, dass sie auf schlaue Köpfe hört. Und wer das jetzt nicht hören will, kann wahlweise gerne nach Russland, Nordkorea oder USA auswandern. Ich wünsche viel Glück !
martin_stübs 10.05.2018
3. Verhältnis kitten?
Macron versucht das Verhältnis mit Deutschland zu kitten? Mit dem luftigen Gequatsche? Das Einzige, was Macron kttten will, ist sein eigenes krankhaft narzistisches Ego. Ich frage mich wirklich, in welchjer Phantasiewelt all [...]
Macron versucht das Verhältnis mit Deutschland zu kitten? Mit dem luftigen Gequatsche? Das Einzige, was Macron kttten will, ist sein eigenes krankhaft narzistisches Ego. Ich frage mich wirklich, in welchjer Phantasiewelt all diese Macron-begeisterten Euro-Besoffenen leben!
Ottokar 10.05.2018
4. Merkel kann nichtaus ihrer Haut
und jeglicher Pathos ist ihr fremd. Macron hat Visionen und Merkel denkt vom Ende her denn Visionen sind ihr fremd. Merkle sollte aber das deutsche Verhältnis zu den USA knallhart vom Ende her denken und wenn sie zu Ende gedacht [...]
und jeglicher Pathos ist ihr fremd. Macron hat Visionen und Merkel denkt vom Ende her denn Visionen sind ihr fremd. Merkle sollte aber das deutsche Verhältnis zu den USA knallhart vom Ende her denken und wenn sie zu Ende gedacht im Sinne Deutschlands und der EU zu Taten schreiten.
gabeljürge 10.05.2018
5. Leider kein de Gaulle...
Frankreichs großer Präsident Charles de Gaulle prägte einst das kluge Wort vom "Europa der Vaterländer" . Sein Nachfolger, dessen histori -sche Größe sich noch erweisen wird (!), steht unter dem enormen Druck der [...]
Frankreichs großer Präsident Charles de Gaulle prägte einst das kluge Wort vom "Europa der Vaterländer" . Sein Nachfolger, dessen histori -sche Größe sich noch erweisen wird (!), steht unter dem enormen Druck der französischen Banken, den Widerstand Deutschlands gegen eine Vergemeinschaftung der Finanzwirtschaft - also auch der künftigen Schulden - zu brechen. Sein Ziel ist also das Europa der Finanz-Technokraten .Wenn ihm dieser Wurf nicht gelingt, ist der Hoffnungsträger der französischen Eliten sehr schnell perdu...

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