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Politik

Umstrittener Wahlhelfer Schröder

Rosneft um jeden Preis

Altkanzler Schröder war mal Hoffnungsträger im aktuellen SPD-Wahlkampf. Doch sein geplanter Job beim russischen Staatskonzern Rosneft spaltet die Partei. Und Schröder? Redet vor allem über sich.

Foto: DPA
Von , Rotenburg
Mittwoch, 30.08.2017   22:43 Uhr

Bevor Gerhard Schröder an diesem Abend in der niedersächsischen Kleinstadt Rotenburg die Bühne betritt, trägt er sich in das Goldene Buch der Stadt ein. Ein Detail beeindruckt ihn: "Das ist ja ein teurer Stift, kann ich den behalten?" Gelächter im voll besetzten Saal. Ein Mann in den vorderen Sitzreihen murmelt: "Das hat er doch gar nicht nötig, den kann er sich von Putin bezahlen lassen."

Das mögliche Engagement des Kanzlers beim russischen Ölkonzern Rosneft: Um dieses Thema drehen sich schon eine Stunde vor Beginn der Veranstaltung "Ein Abend mit Gerhard Schröder" die Gespräche der Besucher. Dutzende stehen überpünktlich am Einlass. Schröder zieht noch immer - und er wickelt die Besucher später in nur wenigen Minuten um den Finger.

Der Wahlkampfauftritt in Rotenburg ist ein Heimspiel für den einstigen Ministerpräsidenten des Landes. Die Leute mögen ihn, und Schröder spielt die Rolle, die ihm liegt: als unterhaltsamer Welterklärer und volksnaher "elder statesman".

Das wird schon bei der ersten Publikumsfrage deutlich: Warum steigt Hannover 96 nicht ab? "Weil sie den richtigen Aufsichtsratsvorsitzendenden haben", sagt Schröder und lacht. Schließlich bekleidet er diesen Posten. Was nun folgt, ist aber auch klar: Die Überleitung zu seiner möglichen neuen Funktion im Aufsichtsrat von Rosneft.

Für Schröder ist diese Frage nicht unangenehm. Zumindest erweckt er diesen Eindruck. Für seine Partei ist sie es umso mehr - oder besser gesagt: für Martin Schulz.

Risse im Verhältnis zwischen Schröder und Schulz

Denn Schröders Absicht platzte mitten in den Wahlkampf - und zwar zur denkbar schlechtesten Zeit. Die Sozialdemokraten kommen seit Monaten nicht aus dem Umfragetief heraus. Die Angriffe von SPD-Kanzlerkandidat Martin Schulz auf Angela Merkel perlen ab.

Die zweifelhafte Liaison des Ex-Kanzlers mit dem russischen Staatskonzern hat für Risse im Verhältnis mit Kanzlerkandidat Martin Schulz gesorgt. Die SPD fürchtet einen erheblichen Schaden für die Partei - und das können die Sozialdemokraten derzeit gar nicht gebrauchen.

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Rosneft: Der Aufstieg von Putins Tankstelle

"Ich würde das nicht tun", sagte Schulz in einer ersten Reaktion, es sei aber Schröders "Privatsache". Kurze Zeit später besserte Schulz dann verbal noch einmal nach: Der Ex-Kanzler sei nur bedingt Privatmann. Schulz distanzierte sich damit klarer von Schröder. Dem schmeckte die Kritik an seiner Person gar nicht: Er werde sich zur Wahl in den Rosneft-Aufsichtsrat stellen - "trotz aller Kritik, die ich für falsch halte".

Das ist auch die Nachricht an diesem Abend. Schröder wirkt entspannt. Etwas in den Sessel versunken, doziert er über die Weltpolitik - und natürlich über seine Aufgabe bei Rosneft, allerdings, ohne Details zu nennen.

Der Altkanzler schaltet dabei in den Verteidigungsmodus: Der Konzern sei keineswegs ein verlängerter Arm des Kreml, sagt er, um dann gleich eine Erklärung dafür zu präsentieren: Die Mehrheit des Aufsichtsrats bestehe nicht aus Russen - das würde nur keiner schreiben. Aus seiner Sicht sei es wichtig, Russland politisch und ökonomisch nicht zu isolieren, sagt der 73-Jährige unter dem Applaus der Gäste. "Wir sollten Russland nicht dämonisieren." Und: Für ihn stehe trotz aller Kritik fest: "Ich werde das tun."

Schröder wird zur Belastungsprobe für die SPD

Schröder wiederholt damit seine Aussagen, die ihn zur Belastungsprobe für die Partei gemacht haben - das sah vor wenigen Monaten noch ganz anders aus. Nach dem Parteitag in Dortmund Ende Juni ruhte die Hoffnung auch auf ihm: Er donnerte am Rednerpult wie zu besten Zeiten, weckte den dahindämmernden Saal erstmals richtig auf. "Wir haben 2005 in wenigen Wochen über 20 Prozentpunkte aufgeholt", rief der Altkanzler unter dem Applaus der 4000 Genossen. Schröder, der Mutmacher. Immer Attacke, das kann er wie kaum ein anderer. Die laue Rede von Martin Schulz geriet schnell in Vergessenheit.

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Gerhard Schröder (l.) und Martin Schulz beim SPD-Parteitag in Dortmund im Juni

Aus Sicht der SPD-Spitze wird auch Schröders Abend in Rotenburg wohl schnell in Vergessenheit geraten. Kaum ein Wort zu Schulz oder dem Wahlprogramm. "Ich glaube, ich habe nie eins gelesen", sagte der Altkanzler. Für Schröder geht es vor allem um eins: um Schröder: "Es ist mein Leben, darüber entscheide ich allein - und nicht die Presse." Rücksicht auf den Wahlkampf: Fehlanzeige.

Dabei könnten die Sozialdemokraten etwas Rückenwind gebrauchen. Doch die Wahlkampfauftritte des Altkanzlers sind rar. Schröder nimmt nur ausgewählte Termine wahr. Der Bundestagsabgeordnete Lars Klingbeil, der erneut für das Amt im Wahlkreis "Rotenburg I - Heidekreis" kandidiert, ist an diesem Abend so ein Auserwählter. Er hat Schröder eingeladen. Die beiden kennen sich schon lange, trotz des jungen Alters des Parlamentariers.

Anfang der 2000er arbeitete der heute 39-jährige Klingbeil im Wahlkreisbüro von Schröder, wurde so zum Zögling und Fan des Altkanzlers. Das verbindet. Und so lautet dann auch der letzte Satz Schröders an diesem Abend: "Na, nun wählt den auch mal."

insgesamt 114 Beiträge
gbechet 30.08.2017
1. Wo er recht hat, hat er recht!
Man mag über Schroeder's Engagement bei Rosneft denken was man will, aber, dass Putin im Vergleich zu Trump ein hochrationaler Mensch ist, ist sicher richtig. Ob man diese Ratio teilen möchte, ist eine andere Frage! Ebenso hat [...]
Man mag über Schroeder's Engagement bei Rosneft denken was man will, aber, dass Putin im Vergleich zu Trump ein hochrationaler Mensch ist, ist sicher richtig. Ob man diese Ratio teilen möchte, ist eine andere Frage! Ebenso hat Schroeder recht, wenn er sagt, dass es unvernünftig ist, Russland isolieren zu wollen.
Decamerone 30.08.2017
2. Herr Schröder hat völlig recht.
Zum einen ist er nicht mehr Politiker, und daher frei, jede legale Tätigkeit auszuüben, die er ausüben möchte. Zum anderen ist es offensichtlich, dass wir Russland mit Sanktionen allein nicht beeinflussen können. Herr [...]
Zum einen ist er nicht mehr Politiker, und daher frei, jede legale Tätigkeit auszuüben, die er ausüben möchte. Zum anderen ist es offensichtlich, dass wir Russland mit Sanktionen allein nicht beeinflussen können. Herr Schröder kann das als Aufsichtsrat genausowenig, aber jede wirtschaftliche und persönliche Verflechtung zwischen Deutschland (bzw. der EU) und Russland mindert letzlich das Risiko eines bewaffneten Konflikts. Je bedeutsamer die Verflechtung ist, desto besser. In seinem Fall schafft sie womöglich sogar einen besonderen Gesprächskanal. Auch wenn der nie genutzt wird, schaden kann er nicht. Schulz ist töricht, wenn er das nicht erkennt.
seppfett 30.08.2017
3. Schaden?
Warum sollte Schröders Funktion als Aufsichtsrat der SPD schaden? Da müsste man schon davon ausgehen, dass Rosneft ein kriminelles Unternehmen sei von dem wir in Deutschland ja Produkte kaufen… Oder dass ein SPDler nicht [...]
Warum sollte Schröders Funktion als Aufsichtsrat der SPD schaden? Da müsste man schon davon ausgehen, dass Rosneft ein kriminelles Unternehmen sei von dem wir in Deutschland ja Produkte kaufen… Oder dass ein SPDler nicht reich sein darf, oder kein teures Auto kaufen dürfte, oder nur in einer billigen Mietwohnung wohnen dürfte… Dürfte man denn heute noch Aufsichtsrat bei VW sein? Oder ganz generell , sind Aufsichtsräte schlechte Menschen? Oder will man wirklich weiterhin Frau Merkel im Kanzleramt?
Nonvaio01 30.08.2017
4. Gerd ist der beste
und fertig. Genauso wie Schmidt. Er hat seine Polit karriere defacto weggeworfen als er die Agenda 2010 ins leben gerufen hat um den Staat auf die zukunft auszurichten. Er wusste was gemacht werden muss und hat es durchgezogen. [...]
und fertig. Genauso wie Schmidt. Er hat seine Polit karriere defacto weggeworfen als er die Agenda 2010 ins leben gerufen hat um den Staat auf die zukunft auszurichten. Er wusste was gemacht werden muss und hat es durchgezogen. Das die SPD und er danach erledigt sind war ihm wohl klar, aber es war noetig. Viele werden mich jetzt Kreuzigen. Wenn man dann mal Merkel Ihre lange zeit betrachtet sehe ich keine reform, nicht eine einzige. Die energie wende evtl, aber die ist mehr ein witz und auch das wurde mit chaos und wiederspruechen halbherzig durchgezogen und ist total gescheitert. Schroeder ist kein Kanzler mehr, er ist privat man, wenn normale leute ihre pension bekommen, koennen die auch machen was die wollen, die pension wird nicht gestrichen. Er kann Arbeiten wo er will und als was er will.
ChakaBushi 30.08.2017
5. Why not
Alleine für die Nicht-Teilnahme am Irak-Blödsinn müsste man ihm die Füsse küssen. Lasst den Mann doch endlich in Ruhe. Er hat wie jeder andere das Recht (ok, manche haben keine Möglichkeit und nur das Recht) sich seinen Job [...]
Alleine für die Nicht-Teilnahme am Irak-Blödsinn müsste man ihm die Füsse küssen. Lasst den Mann doch endlich in Ruhe. Er hat wie jeder andere das Recht (ok, manche haben keine Möglichkeit und nur das Recht) sich seinen Job auszusuchen. Wäre der Rosneft Chef eine lesbische Frau würden schon alle von irgendeiner Phobie sprechen, die gegen seinen Job sind. Immerhin hat er nicht Montags das Verkehrsministerium geleitet und Dienstags bei VW begonnen.

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