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Politik

Messerattacke in Hamburg

Spontan, einfach, kaum zu verhindern

Anschläge mit Alltagsgegenständen wie Küchenmessern gehören zur Strategie der Terrormiliz IS. Für die Sicherheitsbehörden sind Täter wie Ahmad A. vorher kaum auszumachen und nur mit Glück zu stoppen.

REUTERS
Von
Samstag, 29.07.2017   15:57 Uhr

Es ist schon Jahre her, da rief der Stratege des "Islamischen Staats" (IS) zum allgegenwärtigen Terror auf. "Tötet sie, wie ihr wollt. Zertrümmert ihnen den Kopf, schlachtet sie mit einem Messer, überfahrt sie mit einem Auto, werft sie von einem hohen Gebäude, erwürgt oder vergiftet sie", geiferte Mohammed al-Adnani im September 2014. Die Botschaft an seine Gefolgschaft war klar: Seid gewalttätig, wo und wie ihr könnt, nutzt alltägliche Gegenstände, Knüppel, Autos, Messer.

Noch in diesem Frühjahr warnten Polizeibehörden in Nordrhein-Westfalen und Berlin ihre Beamten vor Messerangriffen von Islamisten. Hintergrund war ein brutales IS-Schulungsvideo mit dem Titel "Greif sie an", in dem potenziellen Attentätern Attacken mit verschiedenen Messern demonstriert wurden.

Bislang ist unklar, ob der Anfang 2015 nach Deutschland eingereiste 26-jährige Ahmad A., der am Freitagabend in Hamburg-Barmbek einen Menschen mit einem Messer getötet und sechs zum Teil schwer verletzt hat, vorrangig aus ideologischen Motiven gehandelt hat. Hamburgs Innensenator Andy Grote (SPD) sprach von einer "Gemengelage", was ein mögliches Motiv anbelangt.

Video: Hamburgs Innensenator zu Messerangreifer

Foto: DPA

Auf der einen Seite führen die Sicherheitsbehörden den Palästinenser A. als Islamisten, nachdem sie vor einem Jahr von Personen aus seinem Umfeld auf ihn aufmerksam gemacht worden waren. Es habe Anzeichen für eine Radikalisierung gegeben, sagte Innensenator Grote. Man sei jedoch nicht zu der Einschätzung einer unmittelbaren Gefährlichkeit gelangt. Auch gebe es keine Hinweise auf eine Einbindung des mutmaßlichen Täters in islamistische Netzwerke sowie auf Hintermänner des Angriffs, so Grote.

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Ahmad A.

Auf der anderen Seite soll der mutmaßliche Täter auch unter erheblichen psychischen Problemen gelitten und regelmäßig Drogen konsumiert haben. Grote beschreibt ihn als "psychisch labilen Einzeltäter". Das Landesamt für Verfassungsschutz hatte zuletzt noch angeregt, ein psychiatrisches Gutachten zu A. erstellen zu lassen. Doch dazu kam es nicht mehr.

Auch die offenbar hochimpulsive Vorgehensweise wirkt eher wie die Tat eines Verwirrten: Ahmad A. hatte den Edeka-Markt bereits verlassen, stieg in einen Bus ein, stieg wieder aus, kehrte in den Supermarkt zurück, griff sich ein Küchenmesser aus dem Sortiment, packte es aus und stach ebenso unvermittelt wie wahllos auf sein Opfer ein, das noch am Tatort verstarb. Danach attackierte er willkürlich weitere Menschen, ehe er von Passanten gestoppt werden konnte.

Das Muster der Tat

Die Hamburger Polizei ging am späten Freitagabend intern von einem Anschlag aus - auch wenn der IS die Tat bislang nicht für sich reklamiert hat und es derzeit keine Hinweise gibt, dass A. mit der Miliz in Kontakt stand. Aber nach allem, was man derzeit weiß, passt die Vorgehensweise in ein Muster, nach dem im vergangenen Jahr zwei Anschläge in Deutschland verübt worden sind.

"Wir haben uns auf eine neue Art von Terrortaten einzustellen, auf Einzeltäter, Kleinstgruppen, die ohne große Planung Schrecklichstes, vielleicht auch spontan, tun", hatte der Chef des Hamburger Verfassungsschutzes, Torsten Voß, bereits im Dezember 2014 im SPIEGEL-Interview gesagt. Fachleute wie Voß nennen derartige Attacken mit einfachsten Mitteln Low-Profile-Anschläge. Die Grenze zwischen Terrorakten und Amokläufen verschwimmt bei solchen Taten.

Der Grund: Der IS hat sich von dem Elite-Gedanken etwa der al-Qaida gelöst und bietet einen Mitmach-Terrorismus für Jedermann, für den es nichts braucht außer eine gehörigen Portion Verzweiflung, Narzissmus, Wahnsinn und Brutalität. In welcher Mischung auch immer. Gezielt wirbt die Miliz daher um Labile und Minderjährige als leicht zu beeinflussende Werkzeuge ihres Hasses. "Der IS und der Dschihad sind eine Zuflucht für instabile Menschen geworden, die am Ende sind und ihre gescheiterten Leben noch aufwerten wollen", so ein früherer Koordinator für Terrorismusbekämpfung im US-Außenministerium.

Im Februar 2016 stach die damals erst 15-jährige Safia S. mit einem Küchenmesser einen Bundespolizisten in Hannover nieder. Und im Juli des vergangenen Jahres verletzte Riaz Khan A., 17, mit Axt und Messer vier Reisende in einem Regionalzug bei Würzburg.

Das Kalkül des IS ist so einfach wie perfide: Der Schrecken der vermeintlich Ungläubigen, der Terror, soll daraus entstehen, dass sich Menschen nirgendwo mehr sicher fühlen - und von jedem Muslim bedroht. Jeden könnte es jederzeit treffen, diese Vorstellung soll sich in den Köpfen festsetzen.

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Messerattacke in Hamburg: Angriff beim Einkauf

Daher wählen die vom IS inspirierten Kurzfrist-Attentäter, die häufig allein handeln, andere Ziele als bei den mit großem Aufwand geplanten Operationen: Die Terrorkommandos des IS suchten sich Tatorte mit Symbolkraft, Paris und Brüssel sind europäische Metropolen, pulsierende Zentren der in den Augen der Terroristen verhassten westlichen Lebensweise, Städte von erheblicher historischer und politischer Bedeutung. Die Einzeltäter hingegen schlagen häufig in ihrem persönlichen Nahbereich zu. Die Kulisse ist ihnen weniger wichtig als bei konzertierten Aktionen terroristischer Organisationen.

Für die Sicherheitsbehörden sind solche Low-Profile Anschläge einzelner Täter, begangen mit Alltagsgegenständen, kaum zu verhindern. Es fehlten bei ihnen jegliche "erfolgversprechenden Ermittlungs- und Präventionsansätze", ist in einer vertraulichen Analyse zur Sicherheitslage zu lesen.

Video: Passanten stoppen Messerstecher

Foto: SPIEGEL TV

Die Täter reisten nicht, weil sie im Zielland lebten, heißt es dort. Sie nutzten Waffen, die leicht und unauffällig zu beschaffen seien. Sie handelten kurzfristig oder sogar spontan. Und vielleicht beziehen sie vor ihrer Tat noch nicht einmal jemanden in die Planung ein.

"Wir sind gegen solche Attacken ein Stück weit machtlos", bekennt ein erfahrener Terrorermittler. "Was wir viel mehr fürchten und unbedingt verhindern wollen, sind Kommandoaktionen wie in Paris oder Mumbai."


Das SPIEGEL TV Magazin widmet der Messer-Attacke von Hamburg morgen Abend (22.35 Uhr, RTL) einen Schwerpunkt.

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