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Zeitgeschichte

Kohls Lüge von den blühenden Landschaften

Helmut Kohl glaubte nicht, was er versprach: Er habe von "blühenden Landschaften" gesprochen, aber die "miese Lage" im Osten gekannt. Vertrauten nannte er nach SPIEGEL-Informationen einen Grund für seine Lüge.

DPA

Helmut Kohl 1990 in Leipzig

Von
Samstag, 26.05.2018   10:02 Uhr

Die deutsche Einheit stand kurz bevor, als der Kanzler den Mund ganz schön voll nahm: "Blühende Landschaften" - die sollte es künftig im Osten des wiedervereinigten Deutschlands geben, versprach Helmut Kohl im Juli des Wahljahres 1990. Glaubte er wirklich, was er da sagte? Wohl nicht. Später räumte Kohl intern ein, die Öffentlichkeit über den Zustand der "neuen Bundesländer" im Osten belogen zu haben. (Diese Meldung stammt aus dem SPIEGEL. Den neuen SPIEGEL finden Sie hier.)

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Das zeigt nach SPIEGEL-Informationen die Abschrift eines Gesprächs, das Kohl mit Beratern am 22. Oktober 1999 führte. Es geht darin um eben dieses berühmte Wahlkampfversprechen von 1990. Kohl hatte im Juli dieses Jahres erklärt: "Durch eine gemeinsame Anstrengung wird es uns gelingen, Mecklenburg-Vorpommern und Sachsen-Anhalt, Brandenburg, Sachsen und Thüringen schon bald wieder in blühende Landschaften zu verwandeln, in denen es sich zu leben und zu arbeiten lohnt."

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Und ein Jahr später legte er nach: Er sei "mehr denn je davon überzeugt, dass wir in den nächsten drei bis vier Jahren in den neuen Bundesländern blühende Landschaften gestalten werden".

Tatsächlich erlebte der Osten Deutschlands jedoch die schwerste Wirtschaftskrise seit 1945. Rückblickend erklärte Kohl, sein Wahlkampfversprechen sei ein "Fehler" gewesen. Er habe "natürlich" gewusst, dass die DDR-Wirtschaft "marode" sei. Original-Ton Kohl: "Wir haben die miese Lage bewusst nicht - das war nicht zufällig, wir haben darüber diskutiert - wir haben bewusst, wie wir glaubten, psychologisch richtigerweise, die Negativzahlen nicht hochgespielt."

Video: SPIEGEL TV aus dem Jahr 2010 - Fliegende Eier statt blühender Landschaften

Foto: DPA

Er nannte auch einen Grund dafür, die Unwahrheit gesagt zu haben: Er habe das Selbstwertgefühl der Ostdeutschen nicht schädigen wollen, erklärte er seinen Vertrauten.

Noch in seinen "Erinnerungen" von 2007 behauptete Kohl dagegen, Opfer der SED-Propaganda geworden zu sein. Die DDR-Führung habe ihn und die Welt "über die wahre Wirtschaftskraft des DDR-Sozialismus hinweggetäuscht".

Kohl gewann die Bundestagswahl im Dezember 1990 deutlich: Die Union bekam 43,8 Prozent der Stimmen.

Dieses Thema stammt aus dem neuen SPIEGEL-Magazin - am Kiosk erhältlich ab Samstagmorgen und immer freitags bei SPIEGEL+ sowie in der digitalen Heft-Ausgabe.

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insgesamt 174 Beiträge
inge-p.1 26.05.2018
1. Mal ehrlich:
wen interessiert heute noch das Geschwafel eines Mannes, der sich selbst demontierte? Einige wenige. Die Ostler wurden belogen und betrogen, die sich heute dafür rechen, dass sie permanent aus der "Reihe tanzen". Die [...]
wen interessiert heute noch das Geschwafel eines Mannes, der sich selbst demontierte? Einige wenige. Die Ostler wurden belogen und betrogen, die sich heute dafür rechen, dass sie permanent aus der "Reihe tanzen". Die "blühenden Landschaften" gab es nicht, also zogen sie dahin, wo sie annahmen, sie dort zu finden. Der Rest blieb und wählt heute Die Linke oder die AfD. Der böse Osten. Verraten und verkauf von eben diesen Kohl. Aber dient das nun zum Aufmacher?
monolithos 26.05.2018
2. Ist Optimismus strafbar?
Auch wenn Kohl Zweifel hatte: Ist unerfüllter Optimismus jetzt eine Lüge? Niemand wird so dumm gewesen sein zu glauben, Kohl hätte die Zukunft voraussehen können. Wenn wir jetzt jeden "Kampfbegriff" auf die Goldwaage [...]
Auch wenn Kohl Zweifel hatte: Ist unerfüllter Optimismus jetzt eine Lüge? Niemand wird so dumm gewesen sein zu glauben, Kohl hätte die Zukunft voraussehen können. Wenn wir jetzt jeden "Kampfbegriff" auf die Goldwaage legen, wird sich wohl jeder Politiker schon mal strafbar gemacht haben. Lasst doch den alten Mann im Grabe ruhen! Es gibt Wichtigeres.
ayco 26.05.2018
3. Keine Lüge
Wir waren vor Kurzem in Madgeburg , Halberstadt u.a. Die Städte und Straßen sind einwandfrei und top gepflegt. Alte Bilder in diesen Städten zeigen "vorher" (vor Beitritt durch die DDR) und "nachher". Die [...]
Wir waren vor Kurzem in Madgeburg , Halberstadt u.a. Die Städte und Straßen sind einwandfrei und top gepflegt. Alte Bilder in diesen Städten zeigen "vorher" (vor Beitritt durch die DDR) und "nachher". Die blühenden Landschaften sind da. Kohl (war nicht mein Kanzler) hat Wort gehalten.
multimusicman 26.05.2018
4. Ich bin und war kein Freund Kohls, aber
psychologisch war es richtig was er gemacht hat, die Dinge (zu) optimistisch darzustellen. Es als Lüge darzustellen ist wohl etwas überzogen. Hätte er wie Xavier Naidoo singen sollen: dieser Weg.... wird kein leichter... das [...]
psychologisch war es richtig was er gemacht hat, die Dinge (zu) optimistisch darzustellen. Es als Lüge darzustellen ist wohl etwas überzogen. Hätte er wie Xavier Naidoo singen sollen: dieser Weg.... wird kein leichter... das war jedem klar, der die neuen Bundesländer wirklich kannte.
n.strohm 26.05.2018
5. Der eigentliche Grund
...man habe das Selbstwertgefühl der Ostdeutschen nicht schädigen wollen.... kann man auch mit "Ich wollte die Wahl gewinnen, die Wahrheit stört da nur" übersetzen. Sicherlich gefällt es niemanden zu hören, [...]
...man habe das Selbstwertgefühl der Ostdeutschen nicht schädigen wollen.... kann man auch mit "Ich wollte die Wahl gewinnen, die Wahrheit stört da nur" übersetzen. Sicherlich gefällt es niemanden zu hören, dass die geleistete Arbeit für die Katz war und letztendlich auf einem globalen Markt - in deutsche Mark gerechnet und den künstlichen Wechselkurs berücksichtigt - nicht wettbewerbsfähig gewesen wäre. Dafür können die Arbeitnehmer nichts, sondern nur die damalige SED, denen wahrscheinlich für Innovationen die Devisen fehlten oder die Einsicht zur marktpolitischen Notwendigkeit fehlte. Letztendlich haben die Demonstrationen nur das Thema gehabt, dass man auch mal gerne zum Ballermann in den Urlaub fahren wollte Lafontaine, der in meiner Erinnerung damals vernunftbasiert und realitätsnäher argumentiert und Wahlkampf gemacht hat, ist dafür ja dann auch unweigerlich abgestraft worden.
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