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Politik

Rot-schwarzes Bündnis

Wie man sich eines Feindes entledigt

Kaum jemand ist bei der Linkspartei so verhasst wie der Berliner Historiker Hubertus Knabe. Jetzt wurde er seines Amtes enthoben - mit freundlicher Hilfe aus dem Kanzleramt. So gehen Intrigen heute.

DPA

Hubertus Knabe (2016)

Eine Kolumne von
Donnerstag, 04.10.2018   16:19 Uhr

Anfang April erklärte der brandenburgische CDU-Chef Ingo Senftleben in einem Interview mit der "Berliner Zeitung", warum die CDU auch mit der Linkspartei koalieren könne. "Ich will einen politischen Neuanfang" sagte er. "Ich suche lieber nach Gemeinsamkeiten statt nach Unterschieden, und schließe nicht im Vorhinein alles aus."

Seit Dienstag vergangener Woche wissen wir, wie diese Koalition aussehen könnte. Ihr Gründungsakt ist nicht ein neues Gesetz oder ein Reformvorhaben, ihre erste Tat ist ein gemeinsam ausgewähltes Opfer. An diesem Tag entschied der Stiftungsrat der Gedenkstätte im ehemaligen Stasigefängnis Berlin-Hohenschönhausen, den Direktor der Einrichtung, den Historiker Hubertus Knabe, von seinem Posten zu entfernen. Viele ungewöhnliche Bündnisse sind auf Opferhandlungen begründet, insofern steht der neuen Koalition eine große Zukunft bevor.

Lesern außerhalb Berlins wird der Name Knabe möglicherweise nicht gleich etwas sagen. Für alle im politischen Apparat der Hauptstadt ist der Mann ein Symbol. Wenn es jemanden gibt, den sie auf der Linken hassen - und ich meine wirklich: hassen -, dann ist es der schlanke Historiker mit den strohblonden Haaren.

Knabe hat in den 17 Jahren, die er der Gedenkstätte vorstand, keine Gelegenheit ausgelassen, die Linkspartei an ihre Vergangenheit zu erinnern. Wenn sie auf der Linken versuchten, sich als eine etwas entschiedenere Variante der SPD zu inszenieren, kam Knabe um die Ecke und sagte, dass es sich bei der Linken nach wie vor um die gute alte SED handeln würde, und zwar im wörtlichen Sinne. Tatsächlich hat sich die Partei zwischenzeitlich viermal umbenannt, juristisch ist sie immer noch die Gleiche.

So gesehen ist es auch keine Überraschung, dass Kultursenator Klaus Lederer, der den Stiftungsrat anführt, für die Entlassung stimmte. Lederer, der für die Linkspartei als Spitzenkandidat im Berliner Wahlkampf antrat, sinnt seit Langem darauf, wie er Knabe loswerden kann. Das Überraschende ist das Votum der Union, die im Stiftungsrat mit zwei Stimmen vertreten ist: dem brandenburgischen CDU-Fraktionsvize Dieter Dombrowski und, viel wichtiger: dem Kanzleramt in Gestalt einer Vertreterin von Kulturstaatsministerin Monika Grütters. Dass Grütters den Daumen über Knabe senkte, darf man auf der Linken als Versprechen werten. Wenn es jemanden gibt, der weiß, in welche Richtung das politische Gras wächst, dann die nette Frau Grütters aus Berlin.

Gegen Vertrauensverlust lässt sich schwer argumentieren

Wie dünn die Vorwürfe sind, wird im Abstand immer deutlicher. Knabe wird zur Last gelegt, sexuelle Belästigung von Frauen geduldet zu haben. Es existiert ein Schreiben mehrerer Mitarbeiterinnen, in dem diese über anzügliche Bemerkungen und SMS zur Unzeit berichten - allerdings nicht mit Knabe als Urheber, sondern von dessen Stellvertreter Helmuth Frauendorfer.

Dass die Frage der Urheberschaft schon arbeitsrechtlich keinen ganz unbedeutenden Unterschied macht, weiß natürlich auch der Stiftungsrat, deshalb wird die Kündigung prospektiv begründet. Man habe das Vertrauen verloren, dass der Direktor der Gedenkstätte "den dringend notwendigen Kulturwandel einleiten" könne, heißt es. Das wiederum ist ein Vorhalt, gegen den sich schwerlich ankommen lässt. Wie will man gegen Vertrauensverlust argumentieren?

In Wahrheit ließ man dem Direktor auch nicht viele Möglichkeiten, seine Entschlossenheit unter Beweis zu stellen. Frauendorfer war zum ersten Mal aufgefallen, als sich eine Volontärin im Rathaus über Zudringlichkeiten beschwerte. Nach Rücksprache mit der Kulturverwaltung, die damals noch in SPD-Hand lag, hatte Knabe 2016 ein ernstes Personalgespräch mit seinem Vize geführt, in dem er diesem für den Wiederholungsfall Konsequenzen androhte.

Knabe ging Anfang des Jahres der Sache auf den Grund

Anfang des Jahres meldete sich offenbar erneut eine Volontärin bei der Kulturverwaltung, die inzwischen von Lederer übernommen worden war. Als Knabe um genauere Informationen bat, wurde ihm dieses Mal mitgeteilt, dass man Vertraulichkeit wahren müsse. Leute, die mit der Angelegenheit befasst sind, sagen, dass Knabe mehrfach in der Senatsverwaltung schriftlich vorstellig geworden sei, um Näheres zu erfahren, aber jedes Mal abgewimmelt wurde. Weil jeder Arbeitgeber verpflichtet ist, sexuelle Belästigungen umgehend zu ahnden, schaltete Knabe im April die Staatsanwaltschaft ein, um der Sache auf den Grund zu gehen. Die allerdings kam zu dem Ergebnis, dass es keinen hinreichenden Tatverdacht gebe, und stellte die Ermittlungen wieder ein.

In den Reihen derjenigen, die ein Bündnis der CDU mit der Linkspartei nicht als eine willkommene Erweiterung der politischen Farbenlehre sehen, hat der Vorgang erhebliche Unruhe ausgelöst. Es gibt einen ersten Brief ehemaliger Bürgerrechtlerinnen, die gegen die Abberufung von Knabe protestieren. Es würde mich nicht wundern, wenn in den nächsten Tagen neue Vorwürfe an die Öffentlichkeit gelangen würden, diesmal gegen den Historiker selbst. Man wird über Bemerkungen lesen, die er angeblich hat fallen lassen und von denen sich Mitarbeiter herabgesetzt fühlten. Es wird sich der Eindruck verstärken, dass hier Männer ihre Grenzen nicht kannten und die Kündigung nicht nur rechtens, sondern überfällig war.

In dieser Art von Prozessen haben Ankläger weder Stimme noch Namen

All dies wird natürlich aus dem Schutz der Anonymität hervorgebracht, sodass es dem Beschuldigten unmöglich ist, mehr als ein allgemeines Dementi zu liefern. Nichts wird so konkret sein, dass man es entkräften könnte, durch einen Terminkalender oder eine Durchsicht des Mailverkehrs. Es ist ja das Kennzeichen dieser Art von Prozessen, dass die Ankläger nie Stimme und Namen haben, und es auch nie Material gibt, dass man einer Prüfung unterziehen könnte. Es ist eine böse Pointe, dass der Direktor der Gedenkstätte Hohenschönhausen nach 17 Jahren an der Spitze mit Methoden zu Fall gebracht wird, die man aus der Zeit kennt, die seine Stiftungsarbeit dokumentieren soll.

Es gibt verschiedene Formen des Opportunismus. Es gibt den Opportunismus aus Berechnung, bei dem sich die Hoffnung auf Belohnung Bahn bricht. Es gibt den Opportunismus der Feigheit, der aus der Angst geboren ist, auf dem falschen Fuß erwischt zu werden. Und es gibt den Opportunismus der Dummen: Man sagt einfach das, von dem man glaubt, dass es gut ankommt, ohne weitere Gedanken daran zu verschwenden, was die Folgen sein könnten. Im Fall Knabe lassen sich alle drei Formen beobachten.

insgesamt 126 Beiträge
anton_otto 04.10.2018
1. Infam
Man muß schon sehr naiv oder böswillig sein, um den politischen Aspekt abzustreiten. Natürlich ist die Stasi-Gedenkstätte der sich modern gebenden "Linkspartei" ein Dorn im Auge. Da ist dann jede Trickserei erlaubt: [...]
Man muß schon sehr naiv oder böswillig sein, um den politischen Aspekt abzustreiten. Natürlich ist die Stasi-Gedenkstätte der sich modern gebenden "Linkspartei" ein Dorn im Auge. Da ist dann jede Trickserei erlaubt: Daß man Knabe keine Informationen lieferte und ihm jetzt deswegen Untätigkeit vorwirft, ist infam. Die Vorwürfe, die in den Tagen um die Entlassung Knabes erhoben wurden, sind nicht minder schwammig: "Struktureller Sexismus" und "Frauenbild aus den 50er Jahren" kann alles und nichts bedeuten, es bedarf dann auf der ganz linken Seite auch keiner genaueren Erklärung.
grünbeck,harald 04.10.2018
2. Primitiver Hetzer
Für mich ist Knabe kein Historiker sondern primitiver Hetzer, der in das politische Lager paßt. Wer den Faschismus und die DDR gleichsetzt, verdreht die Geschichte. Wo ist seine Aufarbeitung z.B. der Rolle der Geheimdienste der [...]
Für mich ist Knabe kein Historiker sondern primitiver Hetzer, der in das politische Lager paßt. Wer den Faschismus und die DDR gleichsetzt, verdreht die Geschichte. Wo ist seine Aufarbeitung z.B. der Rolle der Geheimdienste der alten Bundesrepublik gegenüber der DDR. Warum bleiben diese Akten geschlossen,vielleicht fällt das so demokratische Kartenhaus BRD zusammen. Warum hat man dazu keine Interesse, auch von den Medien aus? Eine einseitige Aufarbeitung der Geschichte der DDR ohne die Wechselverhältnisse zu beleuchten ist für mich eine Verdummung der alten Bundesbürger aber auch der heutigen Jugend der BRD. Solche Historoker wie Knabe behindern das Zusammenwachsen in der BRD.
steueramtsrat 04.10.2018
3.
Gestern war Tag der Einheit. 27 Jahre Einheit. Es gibt eine Partei, die gab es vor dem 03.10.1990 in der DDR und nach dem 03.10.1990 im vereinigten Deutschland und zwar die LINKE (vormals PDS). Es gibt in dieser Partei Menschen, [...]
Gestern war Tag der Einheit. 27 Jahre Einheit. Es gibt eine Partei, die gab es vor dem 03.10.1990 in der DDR und nach dem 03.10.1990 im vereinigten Deutschland und zwar die LINKE (vormals PDS). Es gibt in dieser Partei Menschen, die sind nach dem 03.10.1990 geboren; es gibt Menschen, die sind in dieser Partei und vor dem 03.10.1990 in den alten Ländern geboren; es gibt Menschen, die lebten in der DDR und sind erst nach dem 03.10.1990 in diese Partei eingetreten. Diese Menschen wollen Sie alle dafür verantwortlich machen, was die alte SED verbrochen hat. Dann ist der BND der Nachfolger und damit identisch mit der Abwehr bzw. des RSHA, der Verfassungsschutz mit der Gestapo, das Auswärtige Amt und die anderen Ministerien und Behörden sind dafür verantwortlich zu machen, was ihre Vorgänger bis zum 08.05.1945 so verbrochen haben. Wie wäre es mal damit? Die Konservativen waren am 30.01.1933 die Steigbügelhalter Hitlers. Sollten man denen das nicht auch mal vorhalten? ist ja noch nicht so lange her und absolut gerechtfertigt. Seltsam, die ganzen besorgten Bürger darf man nicht zu Nazis erklären, dass wäre eine unzulässige Verallgemeinerung, aber die LINKE soll sich immer vorhalten lassen, dass sie noch die alte SED wäre.
vox veritas 04.10.2018
4.
Das Ganze riecht doch nach einer Masche à la Kießling-Affäre aus dem Jahr 1984. Das war damals auch inszeniert.
Das Ganze riecht doch nach einer Masche à la Kießling-Affäre aus dem Jahr 1984. Das war damals auch inszeniert.
mostly_harmless 04.10.2018
5.
Nuja. Jemand, der Lafos Kontakte zur SED zu einem seiner Lieblingsthemen macht, aber die Kontakte von Strauss zur SED mit keiner Zeile erwähnt, macht sich jedenfalls einer Sache nicht verdächtig: Wissenschaftlicher [...]
Nuja. Jemand, der Lafos Kontakte zur SED zu einem seiner Lieblingsthemen macht, aber die Kontakte von Strauss zur SED mit keiner Zeile erwähnt, macht sich jedenfalls einer Sache nicht verdächtig: Wissenschaftlicher Objektivität..
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