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Politik

Islamdebatte

Unsere unaufgeklärten Muslime

Der Islam hatte keine Aufklärung, deshalb kennt er weder Nächstenliebe noch Demokratie. Was bei diesem Kurzschlussargument gerne vergessen wird: Die Aufklärung brachte uns auch Rassenlehre und Holocaust.

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Betende Muslime in einer Moschee

Ein Gastbeitrag von Susanne Kaiser
Mittwoch, 02.05.2018   18:27 Uhr

Zur Autorin

Vollverschleierte Frauen, bärtige Salafisten, Handschlag verweigernde Imame. So sieht der Islam in Deutschland aus. Oder zumindest sind das die Bilder, auf die Politiker setzen, wenn sie mit dem Thema ihre rechte Ex-Klientel zurückgewinnen wollen, die jetzt lieber die AfD wählt.

"Politiker" steht hier deshalb in der männlichen Form, weil es bis auf wenige Ausnahmen tatsächlich nur Männer sind, die öffentlich darüber entscheiden, wer oder was zu Deutschland gehört - und wer oder was nicht. Frauen, Menschen mit Migrationsgeschichte oder junge Leute sucht man in der Debatte fast vergebens. Und erst recht die, um die es geht: Musliminnen und Muslime.

Dem Islam fehlt die Aufklärung, deshalb ist er im Gegensatz zum Christentum weder zur Nächstenliebe fähig, noch zur Demokratie. So ließe sich herunterbrechen, was CSU-Landesgruppenchef Alexander Dobrindt kürzlich äußerte. Obwohl es da eigentlich kaum etwas herunterzubrechen gibt. Was er meinte, war: Wir Christen hatten die Aufklärung und haben deshalb jetzt Demokratie, Toleranz und Freiheit. Alles Dinge, die "kein einziges islamisches Land auf der ganzen Welt" kennt, weshalb der Islam für "unser Land" auch nicht prägend werden dürfe. Doch wen meint der CSU Abgeordnete mit "wir", wenn er "unser" sagt? Wem gehört Deutschland?

Land der Privilegierten

Uns Christen, könnte Dobrindts Antwort lauten. Allerdings sind wir gar nicht alle Christen, sondern auch Atheistinnen, besonders weiter nördlich und östlich in Deutschland. Uns Deutschen, wäre auch noch nahe liegend. Da wären dann aber auch viele Musliminnen dabei, integriert oder nicht. Dann gehört es vielleicht all jenen, die sich zur demokratischen Grundordnung bekennen? Wäre das die Antwort, dann müssten zunächst einige Reichsbürgerinnen und Identitäre ausgebürgert und abgeschoben werden. Die Frage lässt sich also gar nicht so leicht beantworten.

Viel spannender ist ohnehin, für wen Dobrindt eigentlich spricht: nämlich für die Privilegierten, die männlich, deutsch, weiß, christlich, heterosexuell, mittelalt sind. Für alle, die jetzt Angst haben, ihre Privilegien zu verlieren. An Muslime zum Beispiel, wenn sie Richterinnen werden könnten, statt wie bisher den Gerichtssaal zu putzen - eine Tätigkeit, bei der das Kopftuch noch nie diskutiert wurde.

Weil es in einem Land, in welchem Religions- und Gewissensfreiheit herrscht, nur wenige Argumente gegen eine ganze Glaubensgemeinschaft gibt, müssen die Privilegierten schweres Geschütz auffahren. Da scheint die Aufklärung, die Nichteuropäern entgangen ist, die aber verbindlich für alle sein sollte, das Mittel der Wahl.

Rassenlehre statt Nächstenliebe

Die Aufklärung hat viele gute Errungenschaften hervorgebracht: Die Idee von Gleichheit, Freiheit, Menschenrechten. Genau genommen waren es aber nicht die Christen, die diese Bewegung entscheidend geprägt hätten. Das Christentum war eher das, wogegen sich die Aufklärerinnen behaupten mussten: das Rückständige, Unterdrückende, Irrationale. Der Laizismus in Frankreich zeugt bis heute von der aufklärerischen Abgrenzung gegen den Katholizismus. Laizismus ist ein Prinzip, für das die Christlich Soziale Union bis heute nicht steht, was die Argumentation einigermaßen unsinnig erscheinen lässt.

Was außerdem gerne vergessen wird: Die Aufklärung hat auch noch ein paar andere Dinge hervorgebracht, auf die wir uns lieber nicht öffentlich besinnen. Den Kolonialismus, den Faschismus und die Shoah zum Beispiel. Weshalb sich Juden über die zynische Wendung "christlich-jüdische Tradition des Abendlandes" nur wundern können. Theodor Adornos "Dialektik der Aufklärung" zeigt den Zusammenhang zwischen Aufklärertum und Holocaust schon 1944. Nächstenliebe kommt da nicht vor. Die historischen Fakten, die jedes Kind in der Schule lernt, entlarven Dobrindts Äußerungen mindestens als geschichtsvergessen.

Das Gefühl der westlichen Überlegenheit über islamische Gesellschaften gehört zu den unrühmlichen Relikten der Aufklärung, die ganz offensichtlich noch nachwirken. Andere als minderwertig, unzivilisiert und nicht vernunftbegabt (heute: nicht demokratiefähig) anzusehen, ermöglichte vor 200 Jahren, außereuropäische Bevölkerungen mit Ideen wie der Rassenlehre zu entmündigen, zu kolonisieren und zu unterwerfen. Begründet wurde dies wissenschaftlich mit ihrer Rückständigkeit und normativ mit der Pflicht, sie daraus zu befreien. Eine ziemlich paternalistische Idee also. Wie unsere Debatte heute.

Dabei war es über viele Jahrhunderte in der Geschichte andersherum. Der Islam galt als die Religion der Toleranz, unter der die Wissenschaft florierte - während das Christentum eher mit Wissenschaftsfeindlichkeit verbunden wurde. Weshalb es ja dann auch eine Aufklärung brauchte.

Fischen am rechten Rand ist gefährlich

Sicher gibt es unter den fast fünf Millionen Musliminnen in Deutschland auch radikale Islamisten - auf 0,2 Prozent wird ihr Anteil geschätzt. Wenn die Politik wirklich etwas gegen die "Islamisierung" tun will, dann könnte sie Programme zur Deradikalisierung besser fördern. Die sind nämlich chronisch unterfinanziert, machen aber die eigentlich wichtige Arbeit in dem Bereich. Wahrscheinlich geht es Politikern jedoch gar nicht darum, etwas zu verändern. Vielleicht brauchen sie genau diese feindliche Stimmung gegen eine Minderheit, um Wählerstimmen einzufangen. Das aber ist gefährlich, das sollte uns die Geschichte eigentlich gelehrt haben.

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Dafür bräuchten wir gar nicht allzu weit zurückzublicken. Auch aus der jüngeren Zeit gibt es Beispiele für die Wirkung von demagogischer Hetze, die Gesellschaften spaltet - eigentlich ein Markenzeichen autokratischer Herrscher, die so ihre Macht sichern: in Russland, in der Türkei, in Ungarn.

Aber selbst im demokratischen Herzen Europas sind die Gesellschaften keinesfalls gefeit gegen solche gefährlichen Stimmungen, nur weil sie sich die Demokratie auf die Fahnen schreiben. In Frankreich ist das Fischen am rechten Rand grandios nach hinten losgegangen, als der ehemalige konservative Präsident Nicolas Sarkozy auf diese Weise um Wählerstimmen warb. Es bescherte dem rechtsextremistischen Front National von Marine Le Pen einen nie gekannten Aufschwung - und den Konservativen den Abschwung. Sie haben sich bis heute nicht erholt.

Wenn schon nicht die Geschichte, dann könnte doch wenigstens dieses Beispiel Politikern eine Lehre sein.

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insgesamt 144 Beiträge
rat_i 02.05.2018
1. Ich lese ja gern Spiegel...
... aber so langsam hab ich die Artikel satt, die reale Probleme des Islam ignorieren und stattdessen nach dem Motto "aber wir hatten die Nazis" funktionieren.
... aber so langsam hab ich die Artikel satt, die reale Probleme des Islam ignorieren und stattdessen nach dem Motto "aber wir hatten die Nazis" funktionieren.
amon.tuul 02.05.2018
2. Laizismus
ich mag die gelebte kulturelle Folklore Version des Christentums in West und Osteuropa. Aber lehne Machtansprüche der Kirche völlig ab. Da Pfaffen neuerdings überall in der Politik ihre pseudowissenschaftlichen Nase [...]
ich mag die gelebte kulturelle Folklore Version des Christentums in West und Osteuropa. Aber lehne Machtansprüche der Kirche völlig ab. Da Pfaffen neuerdings überall in der Politik ihre pseudowissenschaftlichen Nase reinstecken bestehe ich auf einer Renaissance der Abschaffung der Frömmlerei. Lieber mit Aufklärung scheitern als mit Kirche im Aberglauben ersticken.
syracusa 02.05.2018
3. islamische Aufklärung
Die islamische Welt hatte im 11. Jahrhundert durchaus ihre eigene Art der Aufklärung, die auch sehr stark auf den Westen ausstrahlte und dort maßgeblich mit zur Entwicklung der Gotik und der Renaissance beigetragen hat. Im [...]
Die islamische Welt hatte im 11. Jahrhundert durchaus ihre eigene Art der Aufklärung, die auch sehr stark auf den Westen ausstrahlte und dort maßgeblich mit zur Entwicklung der Gotik und der Renaissance beigetragen hat. Im Rahmen dieser liberalen, "aufgeklärten" Epoche des Islam sind islamische Zweige wie das Alevitentum entstanden, die es bis heute in Sachen Kompatibilität zu den Werten der westlichen Aufklärung locker mit jeder christlichen Kirche aufnehmen können. Die Aleviten hatten es nie nötig, sich wie die Katholiken zu verbiegen und ihrer vormaligen Feindschaft zu den Werten der Aufkläruung abschwören zu müssen.
Bondurant 02.05.2018
4. Para-Logik
ist etwas, was folgerichtig aussieht, aber nicht ist: Weil es in einem Land, in welchem Religions- und Gewissensfreiheit herrscht, nur wenige Argumente gegen eine ganze Glaubensgemeinschaft gibt,... O nein. Gerade eine [...]
ist etwas, was folgerichtig aussieht, aber nicht ist: Weil es in einem Land, in welchem Religions- und Gewissensfreiheit herrscht, nur wenige Argumente gegen eine ganze Glaubensgemeinschaft gibt,... O nein. Gerade eine solche Gesellschaft hat den stärksten Anlass, Glaubensgemeinschaften, die ihren Glauben ernst nehmen, mit gespannter Aufmerksamkeit zu beobachten und ihnen, wo möglich, den Weg an die Schalthebel der Macht zu verlegen. Jedenfalls, wenn die Gesellschaft ihre Religions- und Gewissensfreiheit behalten will. Die Autorin sagt ja selbst, diese Freiheiten seien gegen die Religion durchgesetzt woden. Das war übrigens durchaus blutig. Ein Remake ist nicht nötig.
im_ernst_56 02.05.2018
5. Liebe Frau Kaiser,
es ist ja alles richtig, was sie schreiben. Nur habe ich bis heute keine vernünftige Antwort auf die Frage erhalten, warum es in den muslimisch geprägten Ländern mit Demokratie, Menschenrechten, Meinungs- und Pressefreiheit, [...]
es ist ja alles richtig, was sie schreiben. Nur habe ich bis heute keine vernünftige Antwort auf die Frage erhalten, warum es in den muslimisch geprägten Ländern mit Demokratie, Menschenrechten, Meinungs- und Pressefreiheit, der Gleichberechtigung von Mann und Frau eher schlecht bestellt ist, so dass die Neigung, in diese Länder auszuwandern, eher gering ausgeprägt (umgekehrt schon). Ja, die poitische Entwicklung in Ungarn und Polen ist schlimm, gemessen an der Entwicklung in der Türkei und Ägypten aber fast noch harmlos. Natürlich hat der Umstand, dass es sich im christlich geprägten Europa besser lebt, nichts mit der Aufklärung zu tun. Die Frage bleibt, ob die Situation in den muslimisch geprägten Ländern nicht doch etwas mit der Religion zu tun, die keine Aufklärung zulässt.
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