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Politik

Aussagen zu Kindergeld

Sinti und Roma kritisieren Duisburger Oberbürgermeister scharf

Duisburgs Oberbürgermeister Link spricht von einer Migration in die Sozialsysteme: Schlepper würden Sinti und Roma nach Deutschland bringen. Die Äußerungen sorgen für Empörung.

DPA

Romani Rose

Donnerstag, 09.08.2018   14:25 Uhr

Der Vorsitzende des Zentralrats Deutscher Sinti und Roma, Romani Rose, hat die Äußerungen des Duisburger Oberbürgermeisters Sören Link (SPD) über vermeintlichen Missbrauch der Sozialsysteme scharf kritisiert. Selbstverständlich müsste ein Missbrauch von Leistungen unterbunden werden. Angehörige einer Minderheit zur alleinigen Ursache dieses Problems zu machen, stehe aber "in der Tradition der Herstellung von Sündenböcken und birgt, gerade jetzt, die Gefahr von Gewalt gegen Sinti und Roma in Deutschland", sagte Rose.

Links Aussagen waren eine Reaktion auf aktuelle Zahlen zum Kindergeld. Das Bundesfinanzministerium hatte mitgeteilt, dass die Regierung immer häufiger Kindergeld für Menschen zahle, die im Ausland lebten. "Im Juni 2018 wurde für 268.336 Kinder, die außerhalb von Deutschland in der Europäischen Union oder im Europäischen Wirtschaftsraum leben, Kindergeld gezahlt", sagte ein Sprecher des Bundesfinanzministeriums auf Anfrage der Nachrichtenagentur dpa. Ende 2017 lag die Zahl demnach bei 243.234 Empfängern, 2016 bei 232.189. Vor allem die Zahl der Empfänger aus Osteuropa habe zugenommen.

Link hatte anschließend vor einer gezielten Migration in das Sozialsystem gewarnt. "Die Bundesregierung verschläft dieses Problem, sie muss endlich etwas dagegen tun, dass es Armutsflüchtlinge in Europa gibt." Er sprach von kriminellen Schleppern, die Sinti und Roma nach Duisburg bringen würden und ihnen eine häufig heruntergekommene Wohnung verschafften, damit sie einen Wohnsitz zum Bezug des Kindergeldes hätten.

Der Oberbürgermeister bezog sich damit offenbar weniger auf Angehörige der besagten Minderheit, sondern eher pauschal auf Zuwanderer aus Osteuropa. Denn in Deutschland leben Zehntausende gut integrierte Sinti und Roma, deren Familien schon seit mindestens 150 Jahren hier heimisch sind. Viele verleugnen in der Öffentlichkeit, dass sie der Minderheit angehören, weil sie Diskriminierungen fürchten.

Sinti und Roma

Definition
In Europa leben geschätzt bis zu zwölf Millionen Roma. In Frankreich tragen sie die Bezeichnung "Manouches", in Spanien heißen sie "Kalé". Die Untergruppe der deutschen Sinti und Roma ist in Deutschland eine von vier anerkannten Minderheiten.

In der öffentlichen Wahrnehmung werden sie jedoch oft mit Roma oder anderen Zuwanderern gleichgesetzt, die seit den Neunzigerjahren aus Osteuropa herkamen und häufig von Armut und Abschiebung bedroht sind.
Sprache
Die Roma haben sich eine gemeinsame Sprache bewahrt: Romanes stammt vom altindischen Sanskrit ab. Allerdings unterscheidet sich das von den Sinti gesprochene Romanes deutlich von dem, welches Roma zum Beispiel in Osteuropa sprechen. Viele Wörter sind auch aus den Sprachen der Heimatländer übernommen.

Romanes hat keine standardisierte Schreibweise oder Grammatik und wird bis heute meist mündlich in den Familien überliefert. Schriftliche Quellen gibt es kaum. Schätzungsweise sprechen noch etwa drei Viertel der Sinti Romanes als Muttersprache.
Lebensstil
Die jahrhundertelange Verfolgung hat die Kultur der Sinti geprägt. Weil ihnen andere Berufe verwehrt blieben, zogen sie früher häufig als Metall- oder Pferdehändler, Scherenschleifer oder Schausteller durchs Land. Auch als Musiker waren sie teils sehr erfolgreich.

Zwischen 1498 und 1774 wurden im Deutschen Reich rund 150 Edikte erlassen, die Sinti zum Beispiel untersagten, innerhalb der Stadtmauern zu siedeln oder einer Zunft beizutreten - oder die sie als vogelfrei erklärten. Beruflich sind heute nur noch wenige Sinti dauerhaft unterwegs.
NS-Verfolgung
Die Nazis verfolgten Roma und Sinti systematisch, betrieben Rassenforschung und Zwangssterilisationen an ihnen und zerstörten viel von ihrem kulturellen Erbe. Von damals amtlich erfassten 40.000 deutschen und österreichischen Sinti und Roma ermordeten sie weit mehr als die Hälfte.
Förderung
Inzwischen gibt es zahlreiche Verbände und Programme, die Sinti und Roma unterstützen. So fördert die Bundesregierung unter anderem die Arbeit des Zentralrats Deutscher Sinti und Roma und das Dokumentations- und Kulturzentrum Deutscher Sinti und Roma in Heidelberg.

Die Hildegard-Lagrenne-Stiftung bietet Beratung und Stipendien für Roma und Sinti an und betreibt bundesweit Aufklärungsarbeit, ebenso wie der Landesverband Deutscher Sinti und Roma Baden-Württemberg.

Dass 2012 - nach jahrzehntelangem Konflikt – in Berlin ein Denkmal für die im Dritten Reich ermordeten Sinti und Roma eingeweiht wurde, verlieh der Bürgerrechtsbewegung neuen Auftrieb.

Derzeit lebten rund 19.000 Menschen aus Rumänien und Bulgarien in Duisburg, sagte der Duisburger OB. Im Jahr 2012 waren es laut Link noch 6000 gewesen. Die Nachbarn fühlten sich "nachhaltig gestört durch Müllberge, Lärm und Rattenbefall".

Genau diese Verbindung von "Rattenproblem" und Vorwürfen gegen die gesamte Minderheit mache Sinti und Roma zur Zielscheibe potentieller Gewalt, sagte Rose. "Dies ist eine Einladung an rechtsextremistische Gewalt." Der Zentralrat Deutscher Sinti und Roma werde im Gespräch mit Parlament und Bundesregierung über die Einrichtung einer "Unabhängigen Expertenkommission Antiziganismus" die Äußerungen des Duisburger SPD-Bürgermeisters zum Anlass nehmen, "konkrete Aufklärung zu leisten und entsprechende Handlungsempfehlungen zu geben".

Video: Duisburg und die Einwanderer

Foto: SPIEGEL TV

asa

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