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Politik

Die kurze Ära Martin Schulz

Wacker gerackert

In der Wahlniederlage bewies Martin Schulz Größe: Keine Ausreden, die SPD geht in die Opposition. Er schwenkte um und verhandelte doch mit der Union. Mit dem Griff nach dem Amt des Außenministers besiegelte er sein Scheitern.

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Ein Kommentar von
Samstag, 10.02.2018   15:51 Uhr

Der tödliche Unfall auf der Landstraße, die gescheiterte Ehe, der misslungene Braten - gerne wird hochtrabend "tragisch" genannt, was tatsächlich nur traurig ist. Nach klassischer Lehre liegt wahre Tragik im unausweichlichen Untergang eines aufrechten Menschen, der im Widerstreit mit erhabenen Werten oder mächtigen Kräften scheitern muss, sich am Ende selbst opfert - und mit seinem Opfer ein Fortbestehen der von ihm ursprünglich vertretenen Werte ermöglicht. Das Publikum greift zum Taschentuch, gerührt und geläutert. Die Nachwelt gedenkt dankend.

Martin Schulz war eine solche tragische Gestalt im klassischen Sinne.

Er war es ab dem Moment, als er im März 2017 in Nachfolge von Sigmar Gabriel zum Parteivorsitzenden der SPD gewählt worden war. Im ersten Überschwang wird er seinen Triumph genossen und ihn als politischen Auftrag aufgefasst haben. Dabei lag darin schon der Keim des Scheiterns. Der Sieger Schulz sagte nicht "Bätschi" und nicht "Fresse". Er sagte: "Mit mir wird es keine Herabwürdigung des politischen Wettbewerbs geben".

Dabei war die Zustimmung von sagenhaften 100 Prozent weniger Ausdruck von Euphorie. Was sich hier zu einer absoluten Mehrheit addierte, war eher die Erleichterung über den Abgang von Sigmar Gabriel und die vage Hoffnung auf eine Erneuerung der Partei - durch den Mann aus Europa.

"Das war ein schöner Moment", sagte Schulz wenige Monate darauf. Da war ihm der verfrühte Lorbeer bereits auf dem Haupt verwelkt. Da war er im politischen Wettbewerb bereits zurechtgestutzt. Der Bürokrat aus Brüssel. Der Buchhändler aus Würselen. Der verhinderte Fußballer. Der trockene Alkoholiker.

Humor und Hybris

So vergiftet wie die 100 Prozent waren auch die Zuschreibungen der Medien, die ihn "Heilsbringer" und "Sankt Martin" nannten, als ihm die ferne "New York Times" bereits einen "extremely tough job" bescheinigte. Schulz spielte mit, auch wenn er nicht zum SPD-Wahlkampf nach US-Vorbild taugte. Nicht physiognomisch, nicht rhetorisch. Es war, zitiert Markus Feldenkirchen nach der verlorenen Wahl in seiner SPIEGEL-Titelgeschichte Schulz' Ehefrau Inge, ein "Apparat, in dem nichts für dich vorbereitet war".

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Gabriel gegen Schulz: Vom Freund zum Feind

Knuddelig und zukunftsfroh lächelte er in die Kameras, wenn rotwangige Jungsozialisten sich um ihn drängten. Machte onkelige Scherze, wenn er die Poster mit seinem Konterfei im Stil der "Yes, we can"-Kampagne signierte. Er wird längst gespürt haben, dass der ganze alberne "Schulzzug" auf ironischen Gleisen ins Abseits rollte. Und tat doch, was seine Berater ihm einflüsterten. Als Anne Will auf seine fehlende Regierungserfahrung ("Können Sie Kanzler?") anspielte, antworte er mit einer sphinxhaften Mischung aus Humor und Hybris: "Das Schicksal teile ich mit Barack Obama, bevor er amerikanischer Präsident wurde".

Da hatte er die Lacher auf seiner Seite. Ein sympathischer Typ, ein netter Kerl. Kein Parteisoldat, kein Bonze. Und sonst so? Was kommt da noch? Es kam nichts. Kein Angriff, keine Attacke, keine Offensive. Nicht einmal ein Argument. Kein einziger "politischer Akzent, wie ihn schon 1981 der Genosse Erhard Eppler in einem verzweifelten Essay über die "gelähmte Partei" eingeklagt hatte: "Wo es nur um den Vollzug von Sachzwängen geht, ist ein leistungsfähiger Computer hilfreicher als eine traditionsbewusste Partei". Angesichts der Sachzwänge, die sie selbst herbeigeführt hatte, erwies sich die Rechnerin im Kanzleramt als alternativlos.

Bereits vor der Wahl erledigt

Und doch tat der Aufrechte, wofür er mit 100 Prozent auf den Schild gehoben worden war. Er kämpfte. Er sagte noch "Ich will Kanzler werden!", als darüber bereits in der SPD der Kopf geschüttelt wurde. Hinter seinem Rücken, versteht sich. Zu diesem Zeitpunkt, bereits vor der Wahl, war Schulz erledigt. Seine Gegner wussten es, seine Parteigänger wussten es. Er wusste es selbst. Und genau zu diesem Zeitpunkt mischte sich in die öffentliche Wahrnehmung dieses Kandidaten ein Gefühl, das für jeden Politiker tödlich ist, einer wahrhaft tragischen Figur aber gebührt: Mitleid.

Man hoffte, dass der Mann bald erlöst sein würde.

Als er es dann war, in der Niederlage, bewies er erneut Rückgrat und Größe. Der Platz der SPD, verkündete er da, sei angesichts des desaströsen Ergebnisses "in der Opposition". Als bald darauf auch die Verhandlungen zu Jamaika scheiterten, erneuerte Schulz den Schwur, "für den Eintritt in eine große Koalition nicht zur Verfügung" zu stehen. Notfalls nehme er auch Neuwahlen in Kauf. Schulz tat, was der tragische Held tut - er folgte seinen Werten und wies damit seiner Partei den Weg zum Neubeginn. Minister, nein, würde er auf gar keinen Fall werden. Ein abwegiger Gedanke.

Videoanalyse: "In der Partei herrscht ein Zustand der Verwirrung"

Foto: SPIEGEL ONLINE;dpa

Wer ihn in den vergangenen Monaten erlebte, beim Werben um Verständnis für - nun doch! - die Aufnahme von Sondierungs- und dann von Koalitionsgesprächen, der erlebte bereits einen gebrochenen Politiker. Eine vollendet tragische Figur. Zerrieben zwischen erhabenen, aber konkurrierenden Werten. Geht es um die SPD? Geht es um Deutschland? Man sah ihn da stehen auf den Podien und reden in den Talkshows, und noch immer nahm man ihm seine Ehrlichkeit ab.

Welcher Teufel hat ihn geritten?

Müde wirkte er bisweilen, angesichts erlittener und absehbarer Niederlagen und Demütigungen. Aber allen Wortbrüchen zum Trotz doch wacker im Sinne von anständig, ehrlich, aufrecht, redlich. Wenn man ihm sonst nichts mehr abkaufte, das schon. Ein wackerer Mann.

Und als wackerer Mann, als Figur von tragischer Größe, hätte er in die Geschichte eingehen können. Was die SPD bei den Koalitionsverhandlungen herausgeholt hat, das verdient ehrfürchtige Bewunderung. Da hat ein Sozialdemokrat um das Kanzleramt gekämpft und noch in der Niederlage für eine der sozialdemokratischsten Regierungen seit Helmut Schmidt gesorgt. Er hätte ins Glied zurücktreten können und wäre in die Geschichte nicht nur der SPD eingegangen. Als Aufrechter.

Es hat nicht sollen sein. Wir werden wohl nie erfahren, welcher Teufel ihn auf den letzten Metern einer zwölfstündigen Sitzungsnacht geritten hat, seinen "persönlichen Ambitionen" auf den Posten des Außenministers nachzugeben - und nun doch noch Minister im Kabinett Merkel IV werden zu wollen. Gewiss ist es ein menschlicher Zug, der Versuchung nachzugeben. Wacker ist es nicht.

Martin Schulz ist, nach erhabenen Werten und mächtigen Kräften, am Ende vor allem sich selbst erlegen. Eine traurige Figur, kein tragischer Held.

Im Video: Martin Schulz muss verzichten

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insgesamt 233 Beiträge
prince62 10.02.2018
1. Nicht nur Herr Schulz, der komplette Vorstand muß abtreten.
Ist ja alles völlig richtig, allerdings ist das Scheitern nicht alleine auf Herrn Schulze beschränkt, die komplette SPD_Führung stand zu 100% hinter ihm, die grinsenden und feixenden Gesichter nach der Koalitionsabsage der [...]
Ist ja alles völlig richtig, allerdings ist das Scheitern nicht alleine auf Herrn Schulze beschränkt, die komplette SPD_Führung stand zu 100% hinter ihm, die grinsenden und feixenden Gesichter nach der Koalitionsabsage der Damen und Herren hinter Herrn Schulz sind ja nachweisbar, außer dem Siggi, also muß jetzt auch der komplette SPD-Vorstand zurücktreten, aber pronto und ohne Ausnahme, gescheitert ist also die SPD-Parteiführung, weil sie es nicht fertig gebracht hat, den vergifteten Geschenken der Frau Merkel zu widerstehen, Ämter, Posten und Pensionen sind halt immer nocham schönsten und für diese Clique das einzig wirkliche, was im Leben zählt. Alles andere ist nur dummes Geschwätz, um uns Bürger, also den Urnenpöbel einzulullen.
claus7447 10.02.2018
2. Zu flach gesprungen
Man muss ja nicht mehr viel dazu sagen. M. S. fehlte von Beginn an an professioneller PR Berater, warum er dies entweder nicht hatte oder beratungsresistent war/ist - keine Ahnung. Deutschland ohne SPD? es wäre ein Trauerspiel, [...]
Man muss ja nicht mehr viel dazu sagen. M. S. fehlte von Beginn an an professioneller PR Berater, warum er dies entweder nicht hatte oder beratungsresistent war/ist - keine Ahnung. Deutschland ohne SPD? es wäre ein Trauerspiel, denn die Alternativen: AfD: Rechtsausleger, mit Neuenazies gefüllt, ein Parteiprogramm dass fremdenfeindlich und asozial ist - und das nicht nur für Ausländer (ich denke die wenigstens LESEN!) . Die Linke: wollen wir uns endgültig innerhalb der EU und Welt isolieren (NATO) und "wer soll das bezahlen?" . FDP: die freien Kräfte des Kapitalismus - keine Regeln sonder mit Volldampf in die nächste Bankenkrise! und dann noch ... wie heißt der Vorsitzende ach ja LINDNER! . Die Grünen: knappe Alternative, aber wofür steht heute GRÜN. in BW für Konservativ (schon fast CDU) und sonst verkannt - Warum eigentlich nicht Steuererhöhung für Leute über 250.000 Euro/Jahr? und weniger Lobbyismus? . den Rest: geschenkt CDU: Rückständig, erzkonservativ, Lobbyisten-durchdrungen - eigentlich muss man sich fragen: gibt es so viele Gutverdiener?
tinosaurus 10.02.2018
3. Trauerspiel
Eigentlich hätte er schon nach den letzten verlorenen Wahlen zurück treten müssen. Da habe ich auch mehr Unmut in der SPD erwartet, aber nun ist das Maß wirklich voll. Haltung bewahren und gehen, aber das können scheinbar nur [...]
Eigentlich hätte er schon nach den letzten verlorenen Wahlen zurück treten müssen. Da habe ich auch mehr Unmut in der SPD erwartet, aber nun ist das Maß wirklich voll. Haltung bewahren und gehen, aber das können scheinbar nur wenige Volksvertreter. Kein Wunder, dass viele Bürger da nicht mehr mitkommen und Verständnis aufbringen können.
logisch_konsequent 10.02.2018
4. Wieso ist Schulz so "ehrlich"?
Schulz ist doch schon in Brüssel/Strassbourg vor laufender Kamera vor Journalisten weggrannt, als sie ihn fragten, ob er sich Sitzungsgelder erschlichen hat, und gar nicht an den Sitzungen teilgenommen hat. Das er in Deutschland [...]
Schulz ist doch schon in Brüssel/Strassbourg vor laufender Kamera vor Journalisten weggrannt, als sie ihn fragten, ob er sich Sitzungsgelder erschlichen hat, und gar nicht an den Sitzungen teilgenommen hat. Das er in Deutschland auch keine Versprechen einlöst, wundert doch gar nicht mehr.
ark95630 10.02.2018
5. Tja
Tragisch ist höchstens die eigene Selbstüberschätzung des M.S., der getrieben von seiner Geltungssucht die Realität aus den Augen verloren hat. Und wer dann dann Vorstandskollegen wie die Ober-Loser Stegner und [...]
Tragisch ist höchstens die eigene Selbstüberschätzung des M.S., der getrieben von seiner Geltungssucht die Realität aus den Augen verloren hat. Und wer dann dann Vorstandskollegen wie die Ober-Loser Stegner und Schäfer-Gümbel und auch noch die Selbstdarstellerin A. Nahles neben sich hat, muß sich nicht über einen entsprechenden Absturz wundern.

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