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Politik
Donnerstag, 18.10.2018   05:23 Uhr

Die Lage am Donnerstag

Liebe Leserin, lieber Leser,

gestern Abend, es war schon spät, habe ich einen albernen Horrorfilm gesehen. Also da geht ein Mann in das Konsulat seines Heimatlands, weil er Unterlagen für seine Hochzeit braucht, und da warten Männer auf ihn, die eigens eingeflogen wurden aus jenem Heimatland, und diese Männer stürzen sich auf den Mann, der heiraten will, schneiden ihm sofort mit einer Knochensäge, die sie mitgebracht haben, die Finger ab, da ist er noch bei Bewusstsein.

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Heft 42/2018
Revolution
Warum die Deutschen so oft scheitern

Der Forensiker in diesem Team rät den anderen, sich Kopfhörer mit Musik aufzusetzen, dann falle die Arbeit des Zerteilens leichter. Sie enthaupten den Mann, sägen die Arme und Beine ab und verstauen die Teile in irgendeinem Behälter. Weil so viel Blut an die Wände gespritzt ist, übermalen sie die Wände mit dem Quast und der Farbe, die sie ebenfalls mitgebracht haben. Nach getaner Arbeit packen sie alles zusammen und fliegen zufrieden zurück in ihr Heimatland.

Seltsam war nur, dass ich diese Geschichte heute in den Zeitungen lesen konnte, als wäre sie wirklich passiert. Die Türkei beschuldigt Saudi-Arabien, genau das getan zu haben. Kennt denn der Regisseur der Realität überhaupt keine Grenzen?

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Ruhe und Geduld

STEPHANIE LECOCQ/EPA-EFE/REX/Shutterstock

Ohne Fortschritt endete kurz vor Mitternacht der Gipfel der EU zum Thema Brexit. Die Verhandlungen würden "ruhig und geduldig" fortgesetzt, sagte Chefunterhändler Barnier nach dem Abendessen der Staats- und Regierungschefs. Umstritten ist vor allem, wie offen die Grenze zwischen Irland und Nordirland sein soll.

Merkel bleibt heute in Brüssel, wo sich der Asem-Gipfel anschließt, das Treffen von europäischen und asiatischen Staaten, einschließlich Russlands, Australiens und Neuseelands.

Bhutan und ich

DPA

Käme ich in die Verlegenheit, entscheiden zu müssen, mit welchem Land ich mich vergleichen kann, würde ich Bhutan wählen. Bhutan liegt im Vorhimalaya und grenzt an die östliche Spitze von Indien. 720.000 Einwohner, die Hauptstadt heißt Thimphu, es gibt dort keine Ampeln. Der König trägt den schönen Namen Jigme Khesar Namgyel Wangchuck; er verliebte sich in die spätere Königin Jetsun, als die sieben Jahre alt war und er 17 (lese ich auf Adelswelt.de). Es gibt auch ein Parlament, aber eine lupenreine Demokratie ist Bhutan nicht. Jährlich wird ein Bruttosozialglück (Gross National Happiness) per Umfrage ermittelt, als Ergänzung zum Bruttosozialprodukt (Gross National Product).

Das alles hat nichts mit mir zu tun. Eines aber schon: Ich bin ohne Fernseher aufgewachsen und teile diese Erfahrung mit den Bhutanern. Dort wurde das Fernsehen erst 1999 eingeführt. Wir wissen, wie das ist, wenn man sich nicht berieseln lassen kann (nicht so schlimm).

Heute wählt Bhutan ein neues Parlament.

Gewinner des Tages

AFP

Der Fabelrekord trägt seine Ambivalenz schon im Namen. Eine schöne Sache, aber auch zweifelhaft. Als fabelhaftester Fabelrekord aller Zeiten galt lange der sogenannte Jahrhundertsprung von Bob Beamon. Heute vor 50 Jahren sprang er bei den Olympischen Spielen in Mexiko-Stadt 8,90 Meter weit und verbesserte den Weltrekord damit um sagenhafte 55 Zentimeter. Das war noch vor der Zeit, als man sofort innerlich "Doping!" aufschrie, wenn jemand etwas Außergewöhnliches leistete. Es soll die Höhenluft gewesen sein, die damals neue Tartanbahn und der gerade noch zulässige Rückenwind. Und natürlich Bob Beamons große Kunst des Springens.

Lange dachte man, kein Mensch würde jemals weiter kommen, aber bei der Weltmeisterschaft 1991 landete Mike Powell bei 8,95 Meter. Das war zur Hochzeit des Dopings, wobei man ihm niemals etwas nachgewiesen hat. Beamon auch nicht. Heute, bei strengeren Kontrollen, sind die besten Weitspringer froh, wenn sie 8,40 Meter übertreffen. Merkwürdig ist das schon.

Aber vielleicht hat sich der Regisseur der Realität in einer seiner besseren Stunden einen Schabernack gegönnt und den Menschen ein bisschen Hoffnung machen wollen, sie könnten das Fliegen doch noch lernen.

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Ich wünsche Ihnen einen schönen Start in den Tag.

Ihr Dirk Kurbjuweit

insgesamt 10 Beiträge
StefanZ.. 18.10.2018
1. Regisseur der Realität
Die Realität kennt nur einen Regisseur, das ist Derjenige der einem morgens im Spiegel entgegenschaut. Nicht umsonst haben wir die schöne Redewendung, des Glückes eigener Schmied zu sein. Bei genauer Betrachtung mangelt es vor [...]
Die Realität kennt nur einen Regisseur, das ist Derjenige der einem morgens im Spiegel entgegenschaut. Nicht umsonst haben wir die schöne Redewendung, des Glückes eigener Schmied zu sein. Bei genauer Betrachtung mangelt es vor allem daran, daß zu viele von uns sich feige oder im Wahn Andere oder abstrakte Konstrukte als zuständig und schuldig am Lebens- und Gesellschaftsschicksal ausgucken wollen. Das derartige Leugnen von Ursache und Wirkung die überall in der Natur zu besichtigen sind als Grundprinzip der Realität kann nur zu Auswüchsen und Ausartungen führen. Eine Gutschätzung von Rache bis hin zur Todesstrafe gehört z.B. dazu. Daß dann die Hemmschwelle bei Folter und Kriegsführung im Laufe der Zeit ganz weit nach unten sinkt sollte niemanden mehr verwundern. Siehe Saudi-Arabien und anderswo.
sossossos 18.10.2018
2. Gerechtigkeit oder Mobilität?
Die Heuchelei der Medien ist unerträglich. Seit Jahrzehnten sind die Verbrechen der Ölproduzenten mehr oder weniger detailiert bekannt. Hat irgendeiner dieser von Berufs wegen empört-sein-Schreiberlingen seinen Ölkonsum [...]
Die Heuchelei der Medien ist unerträglich. Seit Jahrzehnten sind die Verbrechen der Ölproduzenten mehr oder weniger detailiert bekannt. Hat irgendeiner dieser von Berufs wegen empört-sein-Schreiberlingen seinen Ölkonsum eingeschränkt oder zumindest seine Bereitschaft dazu erklärt?
TheFunk 18.10.2018
3. Dieses Saudi-Arabien ist wirklich unheimlich
Wie kann es sein, das sich Außenminister Maas entschuldigt hat für die "Missverständnisse" durch den vorherigen Außenminister Gabriel, als der Klartext gesprochen hat bezüglich der Entführung des [...]
Wie kann es sein, das sich Außenminister Maas entschuldigt hat für die "Missverständnisse" durch den vorherigen Außenminister Gabriel, als der Klartext gesprochen hat bezüglich der Entführung des Ministerpräsidenten des Libanon durch Saudi-Arabien? Saudi-Arabien führt Krieg im Jemen und die BRD verkauft weiter Waffen dorthin - wie kann es sein? Saudi-Arabien sorgt für Unruhe in der Region, macht was es will und ist eine lupenreine Diktatur... gibt's wirtschaftliche Konsequenzen? Nein, aber für den Nachbarn Iran, der alle dies nicht macht und sichban Auflagen und Absprache ln hält. Und die BRD/ Europa unterwirft sich weiterhin den USA. Es wird Zeit für Selbständigigkeit. USA haben Verträge gebrochen, Iran nicht. Es wird Zeit Iran wirtschaftlich zu stärken bevor dieser implodiert. Profitieren würde nur Saudi-Arabien. Wer will sowas?
susuki 18.10.2018
4.
Kennt jemand das Schicksal des "dreckigen Duzend" als des Teams des saudischen Kronprinzen dass den Mord an Khashoggi ausgeführt hat? Ich denke deren Knochen bleichen bereits in der Wüste? Der saudische Konsul [...]
Kennt jemand das Schicksal des "dreckigen Duzend" als des Teams des saudischen Kronprinzen dass den Mord an Khashoggi ausgeführt hat? Ich denke deren Knochen bleichen bereits in der Wüste? Der saudische Konsul ist, ungeschickterweise, nach Saudi Arabien zurückgeflogen und dürfte ebenfalls in der Wüste bleichen, weis jemand etwas genaueres?
KingTut 18.10.2018
5. Suspekt
Wenn sich das Schicksal von Kashoggi so zugetragen hätte, dann wäre das ganz furchtbar und man müsste sich fragen, wie viele solcher Fälle es womöglich noch gegeben hat. Was mir allerdings suspekt vorkommt ist folgendes: die [...]
Wenn sich das Schicksal von Kashoggi so zugetragen hätte, dann wäre das ganz furchtbar und man müsste sich fragen, wie viele solcher Fälle es womöglich noch gegeben hat. Was mir allerdings suspekt vorkommt ist folgendes: die Saudis haben ja sicherlich gewusst, dass in der Türkei Botschaften und Konsulate abgehört werden. Als Erzfeind hätten sie davon ausgehen müssen. Dann wäre es aber unsinnig, mit diesem Wissen in einem Konsulat in der Türkei ein solches Verbrechen zu begehen, das mit hundert Prozentiger Sicherheit aufgedeckt wird. Gerade Forensiker sollten wissen, dass man die Spuren eines solchen Verbrechens nicht einfach wegwischen oder übertünchen kann. Ferner frage ich mich, wenn die Türkei das Verbrechen mitgehört haben will, warum sind sie dann nicht eingeschritten? Die 15-köpfige Delegation waren ja keine Diplomaten. Man hätte sie jederzeit aufhalten und damit vor aller Welt bloßstellen können. Warum ist das nicht geschehen? Oder haben die Leute aus vorauseilendem Gehorsam gehandelt um dem Prinzen zu gefallen? Vielleicht weiß ja jemand eine plausible Antwort. Zum Thema Brexit kann ich nur sagen: der EU-Asien-Gipfel sollte auch jenen Briten, die für den Brexit gestimmt haben, vor Augen führen, dass die EU ein Global Player ist und wir nur gemeinsam stark sind. Das sage ich auch in Richtung aller Euroskeptiker, die in den letzten Tagen hier bei Spiegel Online ihre Abneigung für die EU zum Ausdruck brachten. Es gibt viel an der EU zu kritisieren, aber nicht die Tatsache, dass es sie gibt.
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