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Politik
Samstag, 14.07.2018   07:54 Uhr

Die Lage am Samstag

Liebe Leserin, lieber Leser,

Feind ist ein Wort aus einer alten Welt. In den Kriegen gab es Feinde, auch im Kalten Krieg verhielten sich Ost und West oft feindschaftlich. Innerhalb des Westens war ein solches Gefühl undenkbar. Man war befreundet, bei allem Streit, den es unter Freunden nun einmal gibt.

REUTERS

Donald Trump

Titelbild

Mehr dazu im SPIEGEL

Heft 29/2018
Zerrüttung
Was es für Deutschland heißt, Donald Trumps Feind zu sein

Trump ist ein Mann einer alten Welt, und leider ist er oft von archaischen Gefühlen beherrscht, Zorn, Hass, Ressentiment, alles wird bei ihm zu einer Frage der Ehre. Trump trägt das in die neue Welt, aber in inverser Form. Er feindet den Freund an, Deutschland vor allem. Rüstung, Handel, Iran-Abkommen, Gasimporte aus Russland, Trump nimmt übel und nimmt Deutschland ins Fadenkreuz, meist mit dem Handy.

Im neuen SPIEGEL beschreiben wir diese Zustände, die noch vor ein paar Jahren undenkbar schienen. Der Titelkomplex umfasst eine große Analyse des deutsch-amerikanischen Verhältnisses, ein Gespräch mit dem britischen Historiker Timothy Garton Ashe sowie einen Ausblick auf das Treffen von Trump und Putin in der kommenden Woche. Gut möglich, dass Trump mit dem Präsidenten des ehemaligen Feindes besser klarkommt als mit der Kanzlerin des ehemaligen Freundes.

Mensch statt Zahl

Die 69 ist zu einer politischen Zahl geworden. An Seehofers 69. Geburtstag wurden 69 Migranten abgeschoben, was den Bundesinnenminister zu einer launigen Bemerkung motiviert hat. Selten hat ein Politiker zynischer gesprochen. Dann hat sich einer der Abgeschobenen in einem Hotel in Kabul erhängt.

Wir wollten ihm ein Gesicht geben, ein Leben, ihn aus der Zahl 69 herausholen und zu einem Menschen machen. In kurzer Zeit haben viele Kollegen vor allem in Afghanistan und Hamburg recherchiert, wie Jamal Naser Mahmodi gelebt hat, und warum er dieses Leben in seinen letzten Tagen nicht mehr lebenswert fand. Dieser Geschichte wünsche ich viele Leser, aber vor allem einen: Horst Seehofer.

Die Wirklichkeit des Märchens

Pongmanat Tasiri / Shutterstock

Presskonferenz nach der Rettung der Kinder

Was war wirklich? Das ist eine der großen Leitfragen des Journalismus, und mein Kollege Juan Moreno ist ihr in Thailand nachgegangen. Über Wochen haben wir mit den Jungen in der Höhle gebangt, haben die Meldungen verschlungen, haben auf die Rettung gehofft und gejubelt, als sie gelang. Die Welt war mit Thailand vereint.

Ein Märchen. Aber eben nicht die ganze Wirklichkeit. Moreno war über zwei Wochen an Ort und Stelle und hat erlebt, wie sich die thailändische Militärdiktatur dort aufgeführt hat. Tausend Journalisten, aber keine Pressefreiheit, kujonierte Rettungstaucher, Bauern, die die Kosten der Rettung tragen müssen. Sorry, dass wir das Hochgefühl ein bisschen verderben, aber wir nehmen unsere Leitfragen nun einmal sehr ernst.

Haustürken, Deutsche

Zerrissenheit, das ist ein Gefühl, das viele Migranten, deren Kinder und Enkel nicht loswerden können. Sie bleiben den Herkunftsländern verbunden, aber man lässt sie auch nicht richtig ankommen. Wir haben dazu in diesem Heft zwei Beispiele.

Die Diskussion um Mesut Özil reißt nicht ab. Nun soll er schuld sein, dass die Nationalmannschaft in Russland versagte. Meine Kollegin Özlem Gezer hat das so wütend gemacht, dass sie sich ihre Wut von der Seele schreiben musste. So entstand ein kluger, erhellender Text, und wir dachten: Das muss in dieser Woche der Leitartikel des SPIEGEL sein. Gezer arbeitet mit einem Wort, das wehtut: Haustürke.

Metodi Popow / 360-Berlin

Sawsan Chebli

Sawsan Chebli, eine Frau mit palästinensischen Wurzeln, ist Staatssekretärin in Berlin. Sie ist intelligent, eloquent, geht aber einer Menge Leute auf die Nerven. Meine Kollegin Nicola Abé wollte wissen, warum das so ist. Hat es mit ihrer Herkunft zu tun, mit ihrem Glauben? Abé hat Chebli über Wochen begleitet, was nicht immer einfach war. Ihr Porträt ist eine meiner Lieblingsgeschichten im Heft. Einer der vielen Tweets von Chebli lautet so: "Papa, wir sind Deutsche."

Was nicht wirklich ist

Boris Schmalenberger / DER SPIEGEL

Marcus Fränkle

Bei meinem letzten Skiurlaub in Corvara erzählte mir der Hotelbesitzer von einem kleinen Erpressungsversuch. Gäste forderten einen Rabatt, sonst würden sie eine vernichtende Bewertung auf einem der einschlägigen Internetportale schreiben. Er hat nachgegeben, weil er großen Schaden für sein Geschäft fürchtete.

Dass mit Bewertungen eine Menge Schindluder getrieben wird, haben Martin U. Müller vom SPIEGEL und David Walden von SPIEGEL.TV nachgewiesen. Es gibt Firmen, bei denen man gute Urteile kaufen kann. Die beiden Kollegen schildern diese Praxis, die nicht einmal so richtig illegal ist, uns aber einen schrecklichen Urlaub, ein untaugliches Gerät oder ein langweiliges Buch bescheren könnte. Was wirklich ist, ich verlasse mich da eher nicht auf Bewertungsportale.

Die jüngsten Meldungen aus der Nacht

Ich wünsche Ihnen ein sonniges Wochenende.

Ihr Dirk Kurbjuweit

insgesamt 4 Beiträge
Fröhlich Wok 14.07.2018
1. Quark
"Sorry, dass wir das Hochgefühl ein bisschen verderben, aber wir nehmen unsere Leitfragen nun einmal sehr ernst." Sie beteiligen sich bewusstlos an diesem Spektakel. Jetzt kommt Ihr Bewusstsein wieder und der Skrupel [...]
"Sorry, dass wir das Hochgefühl ein bisschen verderben, aber wir nehmen unsere Leitfragen nun einmal sehr ernst." Sie beteiligen sich bewusstlos an diesem Spektakel. Jetzt kommt Ihr Bewusstsein wieder und der Skrupel setzt ein. Obwohl man das bei Ihrer Art des Nachtrichtenverfälschens und -aufblasens nicht mehr für möglich hält. Was sind denn Ihre "Leitfragen"? Excuse me, that I don´t ask in Denglish - your language.
uhahn 14.07.2018
2. Es mag kurze Phasen gegeben haben,
während der die USA tatsächlich ein Freund für Deutschland oder andere Verbündete gewesen sind. Sicher immer mit einer gehörigen Portion Eigennutz im Hinterkopf, aber eben auch vorbildhaft in vielen Bereichen. Von der Kultur [...]
während der die USA tatsächlich ein Freund für Deutschland oder andere Verbündete gewesen sind. Sicher immer mit einer gehörigen Portion Eigennutz im Hinterkopf, aber eben auch vorbildhaft in vielen Bereichen. Von der Kultur bis zur Wirtschaft. Das ist jetzt aber definitiv vorbei und Geschichte. Trump ist eben nicht Putin, Erdogan oder Kim. Fast die Hälfte der US Amerikaner haben Donald in einer freien zu ihrem Präsidenten gewählt. Und so etwas haben sie schon öfter gemacht. Man denke an Reagan oder die Mini-Dynastie der Bush. Wir sollten keinen Cent zusätzlich in die Aufrüstung stecken, denn er fehlt bei dem was unbedingt nötig ist: Bau und Betrieb von Schulen in den USA.
pv51 14.07.2018
3. tja Herr kurbjuweit,
das ist ein Problem der deutschen. die Ukraine sollte sich für Russland oder die EU entscheiden, sonnst gibt es kein geld. hat sie nicht getan, also gab es eine Revolution ( an der wir nicht ganz unbeteiligt waren). Herr Özil [...]
das ist ein Problem der deutschen. die Ukraine sollte sich für Russland oder die EU entscheiden, sonnst gibt es kein geld. hat sie nicht getan, also gab es eine Revolution ( an der wir nicht ganz unbeteiligt waren). Herr Özil soll sich für einen Präsidenten entscheiden. warum? ich würde mich mit jedem Präsidenten der EU/Nato fotografieren lassen.warum auch nicht? ich oder du, typisch deutsch. ich eben nicht: wir!!!
zippo2012 15.07.2018
4. effektives Kaspertheater
Trump mag zwar der gewählte amerikanische Präsident sein, trotzdem kann man ihm keinen Respekt zollen, weil er einfach nur ein Politclown ist. Er hat zwar in eineinhalb Jahren Präsidentschaft die Welt noch nicht in Schutt und [...]
Trump mag zwar der gewählte amerikanische Präsident sein, trotzdem kann man ihm keinen Respekt zollen, weil er einfach nur ein Politclown ist. Er hat zwar in eineinhalb Jahren Präsidentschaft die Welt noch nicht in Schutt und Asche gelegt, das kann aber noch werden. Er hat aber in eineinhalb Jahren mehr geschafft als Putin in den letzten 20 Jahren. Er hat den Westen entzweit, ohne Not Handelskonflikte angezettelt und Abkommen gekündigt. Schon aus diesen Gründen ist zu prüfen ob er nicht doch von Russland gesteuert wird.
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