Schrift:
Ansicht Home:
Politik
Samstag, 13.01.2018   08:34 Uhr

Die Lage am Samstag

Liebe Leserin, lieber Leser,

"Fire and Fury", Feuer und Zorn, heißt das Enthüllungsbuch über Donald Trump im Weißen Haus - in den ersten Tagen des neuen Jahres erschienen und sicher schon ein Buch dieses Jahres. Selbst wir Journalisten bezeichnen das, was darin zu lesen ist, als "unbeschreiblich", als "unfassbar". Der mächtigste Mann der Welt: dumm, senil, fernsehsüchtig? Verbringt selbst frühe Abende vor drei Fernsehern im Schlafzimmer? Verschlingt dabei Cheeseburger und twittert? Das gesamte Weiße Haus zwischen Hysterie und Chaos? Journalisten aber müssen beschreiben, was unbeschreiblich ist, müssen fassen, was unfassbar ist.

Animation: Trump vs. Reality

Titelbild

Mehr dazu im SPIEGEL

Heft 3/2018
Im Zeitalter von Feuer und Zorn
 

Unsere neue Titelgeschichte erzählt, ob und inwiefern "Fire and Fury" der Wahrheit nahekommt, setzt sich mit den Folgen für Amerika und für die Welt auseinander, die sich aus der Tatsache ergeben, dass ein Kindkönig die Macht über das Atomwaffenarsenal besitzt und aller Voraussicht nach noch lange in einem Amt bleiben wird, dem er offenbar mental nicht gewachsen ist - physisch wohl auch nicht, wenn es ihm denn nötig erscheint, den Arbeitstag spät zu beginnen und früh zu beenden. Darum geht es ja leider: dass die Menschheit wegen eines einzigen Mannes insgesamt zurückgeworfen ist. Die Errungenschaften von Jahrzehnten, der Kampf gegen die Klimakatastrophe, gegen die atomare Bedrohung, der Kampf um die Gleichberechtigung von Mann und Frau, Schwarzen und Weißen und so weiter und so weiter - wo bitte muss denn die Welt wieder anfangen, wenn sie Donald Trump überlebt hat?

DER SPIEGEL

Unser Titelbild bringt das in aller Bitterkeit zum Ausdruck. Gestaltet hat es der New Yorker Künstler Edel Rodriguez, der die meisten unserer Trump-Titelbilder entworfen hat: Es zeigt die drohende Rückentwicklung der Menschheit durch das Verhalten eines Einzigen. Titelzeile: "Im Zeitalter von Feuer und Zorn".

Der Versuch, mit Woody Allen über Missbrauch zu sprechen

Donald Trump bezeichnet Journalisten als "einige der unehrlichsten menschlichen Wesen auf der Welt". Sind wir das? Haben wir wegen unseres schlechten Charakters diesen Beruf gewählt? Weil es uns immer und zu jeder Zeit Spaß macht, dahin zu gehen, wo es unangenehm ist, wo wir uns zum Beispiel mit dem politischen Desaster auseinandersetzen müssen, das ein Herr Trump anrichtet?

Wir haben einen wunderbaren Beruf, der uns nah ans Zentrum der Ereignisse bringt. Und ja, wir machen dabei auch Fehler. Dass vielleicht nicht alle, aber eben doch sehr viele von uns davon angetrieben sind, Fehler zu vermeiden, dass viele angemessen berichten möchten, und dass es eben nicht immer angenehm ist, das Unangenehme ansprechen zu müssen, das zeigt eindrucksvoll ein Artikel unseres New-York-Korrespondenten Philipp Oehmke.

Photoreporters / picture alliance / dpa

Woody Allen mit seiner Lebensgefährtin Mia Farrow, der Adoptivtochter Dylan und dem gemeinsamen Sohn Satchel (1988)

Er durfte Woody Allen besuchen, einen Regisseur, den er verehrt und der soeben einen neuen Film herausgebracht hat. Oehmke hatte sich vorgenommen, Allen auf die Vorwürfe der sexuellen Belästigung anzusprechen, die eine Adoptivtochter gegen ihn erhebt und die in den vergangenen #MeToo-Wochen immer hitziger diskutiert wurden. Die PR-Leute haben den Journalisten, die sie zu Allen vorließen, untersagt, "diese Nebenthemen", so nannten sie das, anzusprechen. Oehmke hielt sich nicht daran. Wie er sich dabei fühlte? "Beschissen", sagt er. Er war von der Sorge umtrieben, einen Fehler zu machen, wenn er es anspricht, einem Unschuldigen also unrecht zu tun. Wenn Allen aber nicht unschuldig wäre? Dann wäre es ein Fehler, es nicht anzusprechen. Wie Allen reagiert hat, lesen Sie im neuen SPIEGEL.

100 Millionen Euro im Jahr

Meine Investigativkollegen, die im neuen Heft über den Fußballer Lionel Messi geschrieben haben, verehren ihn. So wie Allen einer der besten Regisseure ist, ist Messi einer der besten Fußballer in der Geschichte dieses Sports. Muss es Journalisten dann egal sein, wenn sie Dokumente einsehen können, aus denen hervorgeht, dass Messi über 100 Millionen Euro im Jahr verdient, also 40 Prozent der Lohnsumme aller Spieler des FC Barcelona?

Animation: Das System Messi

Foto: Roman Höfner / DER SPIEGEL

Nein, das kann nicht egal sein, weil solche Summen den gesamten Fußballsport verderben. In Großbritannien kann sich kaum ein Arbeiter 80-Euro-Eintrittskarten leisten. Die untere Mittelschicht ist aus den Stadien verschwunden. Das Publikum zahlt immer mehr für den Reichtum einzelner Mannschaftsspieler. Was meine Kollegen außerdem enthüllen: Aus internen Dokumenten des FC Barcelona, die die Plattform Football Leaks dem SPIEGEL zur Verfügung gestellt hat und die der SPIEGEL gemeinsam mit dem Recherchenetzwerk EIC ausgewertet hat, geht hervor, dass Messi erneut Probleme mit der Steuer hatte und rund zwölf Millionen Euro nachzahlen musste. Das müsste für den Armen hinzukriegen sein.

Gewinner des Tages...

Paul Langrock/ Agentur Zenit

Bankenviertel in Frankfurt am Main

...ist die Stadt Frankfurt. Sie floriert. Wegen des Brexits kommen Tausende Investmentbanker dorthin. Ob die Stadt mit diesem erfreulichen Ansturm allerdings umzugehen weiß, das können Sie im Wirtschaftsaufmacher im neuen SPIEGEL lesen.

Die jüngsten Meldungen aus der Nacht

Ihnen eine anregende Lektüre und ein schönes Wochenende,

Ihre

Susanne Beyer

insgesamt 8 Beiträge
ollis.post 13.01.2018
1.
Wie kann man jemanden verehren der seine Kinder missbraucht, oder jemanden der Millionen an Steuern hinterzieht? Dazu muss man wohl Journalist sein. Die Nähe zu den Mächtigen sorgt wohl dafür das sich im Kopf etwas [...]
Wie kann man jemanden verehren der seine Kinder missbraucht, oder jemanden der Millionen an Steuern hinterzieht? Dazu muss man wohl Journalist sein. Die Nähe zu den Mächtigen sorgt wohl dafür das sich im Kopf etwas verschiebt.
thomas.kistler 13.01.2018
2. Woody Allen
Woody Allen hat auf diesen Vorwurf mal sehr ausführlich geantwortet: https://www.nytimes.com/2014/02/09/opinion/sunday/woody-allen-speaks-out.html und man sollte ihm zugestehen, sich seine Sicht der Dinge anzuhören. Lesen [...]
Zitat von ollis.postWie kann man jemanden verehren der seine Kinder missbraucht, oder jemanden der Millionen an Steuern hinterzieht? Dazu muss man wohl Journalist sein. Die Nähe zu den Mächtigen sorgt wohl dafür das sich im Kopf etwas verschiebt.
Woody Allen hat auf diesen Vorwurf mal sehr ausführlich geantwortet: https://www.nytimes.com/2014/02/09/opinion/sunday/woody-allen-speaks-out.html und man sollte ihm zugestehen, sich seine Sicht der Dinge anzuhören. Lesen und eigene Schlüsse ziehen, wer in der Geschichte der oder die Böse ist.
spon-facebook-10000220808 13.01.2018
3. Fun-Fact
...die Steuerschulden hat der FC Barca beglichen ;) So einen Chef hätte ich auch gern ;)
...die Steuerschulden hat der FC Barca beglichen ;) So einen Chef hätte ich auch gern ;)
TheFunk 13.01.2018
4. Nicht alleine die USA sind
immer an allem Schuld. Russland, Tschetschenien mit ihren Anti-Homo-Progromen, Nordkorea mit seinen unmenschlichen Straflagern, China (Bangladesch, usw) mit ihren Zwangsarbeitern in den Fabriken (gerade Frauen und Kinder!), [...]
immer an allem Schuld. Russland, Tschetschenien mit ihren Anti-Homo-Progromen, Nordkorea mit seinen unmenschlichen Straflagern, China (Bangladesch, usw) mit ihren Zwangsarbeitern in den Fabriken (gerade Frauen und Kinder!), Saudi-Arabien mit seinem rückständigen Frauen- und Menschenbild... Trump ist gekommen und geht wieder, der Rest bleibt.
futtermeister 13.01.2018
5. Es geht nicht um das Vermeiden unangenehmer Fragen.
Guten Morgen, Frau Beyer. Meiner Ansicht nach ist das schlechte Image des Journalismus, welches sich in den Begriffen "Lücken-" oder "Lügenpresse" ausdrückt, nicht unbedingt dem Vermeiden von unangenehmen [...]
Guten Morgen, Frau Beyer. Meiner Ansicht nach ist das schlechte Image des Journalismus, welches sich in den Begriffen "Lücken-" oder "Lügenpresse" ausdrückt, nicht unbedingt dem Vermeiden von unangenehmen Fragen bei Interviews mit Film- oder Fußballstars geschuldet. Vielmehr war es doch das übertriebene Gutmenschentum, das viele Journalisten dazu bewogen hat, bei Themen über Umweltschutz, Flüchtlinge, Kriminalität usw. einfach auch mal Fakten wegzulassen, die der eigenen Ideologie nicht entsprochen hätten. Und das hat dann eben zu der Gegenreaktion geführt, dass wir heute leider wieder eine rechte Hetzerszene im Land haben. Die Journalisten haben in solchen Fällen natürlich nicht gelogen, aber die Leute doch für dumm verkauft. Und das rächt sich heute. Guter Journalismus beschreibt ALLES, was ist. Wenn Sie also ihre Branche als heroisch verkaufen wollen, weil sie einem Filmstar gegen seinen Wunsch mal ein paar nicht angemeldete Fragen stellt, geht das für mich in die völlig falsche Richtung.
Newsletter
DIE LAGE: Der kompakte Nachrichtenüberblick am Morgen

Artikel

© SPIEGEL ONLINE 2018
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH
TOP